Einfach nur kompliziert?

Manche Stadtpläne sind gefaltet (lat. complictus). Und kompliziertes Liniengestrüpp verwirrt, wenn man es zum ersten Mal in Händen hält. Allerdings verändert sich die einfache Grundstruktur nicht, und der Umgang mit ihr ist leicht erlernbar.

Experten können Kompliziertes ohne Mühe beherrschen, nutzen und kontrollieren. Dabei ist ein handelnder Mensch, z.B. ein Pilot, klar von einem Objekt getrennt. Der hochkomplizierte Apparat führt nur Befehle aus, er fliegt nicht selbst. Selbst eine Flugdrohe, wird von einem weit entfernten Experten programmiert und gesteuert. Solche Maschinen benötigen Designer und Ingenieure, die sie warten, reparieren, ölen und lenken. Werden sie nicht in Schwung gehalten, beginnen sie zu rosten. Die Anpassung an neue Umweltfaktoren erfolgt bei Maschinen durch neues Design oder durch Reparatur. Das Funktionieren komplizierter, mechanischer oder hierarchischer Strukturen beruht auf Kontroll-Zyklen: Analysieren, Planen, Handeln und Handlungsergebnis überprüfen. Die Experten lernen von ihren Maschinen, diese jedoch nichts von ihnen.

Komplizierte Maschinen erfordern zielgerichtete Richtlinien, an die sich Laien zu halten haben, und die sie möglichst genau befolgen sollten. Andernfalls entwickelte sich der Aufbau eines Kleiderschrankes aus dem Selbstbaumarkt zum Alptraum. Das kreative Nicht-befolgen der Aufbauanleitung führte zwangsläufig zu ungünstigen Ergebnissen.

Bei Krankheit wird oft der Einfachheit halber angenommen, das Problem sei kompliziert. Dann kann die ursprüngliche Situation durch eine Reparatur mit einem richtigen, d.h. punktgenau zum Problem passenden, Medikament oder mit einem rettenden Eingriff wieder mehr oder weniger hergestellt werden. Wenn das Problem erst verschwunden ist, kann alles wieder gut werden. Und damit das geschieht, muss der Patient tun, was der Arzt sagt (engl. compliance).

Das kann in Notsituationen sehr sinnvoll sein. Bei einem gebrochenen Bein steht das akute Problem so stark im Vordergrund, dass alles andere vorübergehend vernachlässigt werden kann. Solange bis die Knochen wieder zusammengeschraubt wurden und die Wunde verheilt ist. Patient/innen hätten selbst keine Chance das Problem zu lösen. Sie können in einem solchen Fall nur vertrauen, den richtigen Experten gefunden zu haben, oder wenn sie daran zweifelen, einen anderen suchen.

Manchen Experten, die einen Hammer besitzen, erscheinen alle Probleme als „Nägel“. Sie möchten dann auch gerne bald mit dem „Hämmern“ beginnen. Häufig stehen Patienten dann vor der kritischen Frage, o.B. das Problem, dass sich z.B. wie eine Bandscheibenvorfall sehr schmerzhaft bemerkbar macht, tatsächlich nur kompliziert ist? Vielleicht ist die Situation aber gar nicht einfach durch Experten lösbar, sondern komplex. Dann stünden viele Ursachen miteinander in Beziehung und beeinflussten sich gegenseitig. Zum Beispiel könnten Fehlhaltungen, ungünstige Bewegungsmuster, berufliche Belastungen, Stress in der Familie, Veränderungen des Bindegewebes, Fehl- und Überernährung, Genussmittelmissbrauch und vieles mehr gemeinsam mit den Rückenstörungen in Zusammenhang stehen und sich in ungünstiger Verstärkung verstärken. Dann würde eine Operation das Problem nicht lösen. Möglicherweise könnte sie es sogar „verschlimmbessern“, z.B. wenn die Rückenstrukturen durch Versteifungen weiter an Flexibilität verlören.

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Autor: Helmut Jäger