Kopf-Transplantation?

Neuer Körper für alten Kopf?

Der italienische Neurochirurg Sergio Canavero und „sein chinesischer Freund“ und Kollege Xiaoping Ren verkünden, dass wir bald die erste Kopftransplantation erleben werden. (Focus 25.11.2017).

Mensch
Ganzer Mensch? Oder Kopf mit Anhang? Bild: portraits-aus-hamburg.de

Prahlerei oder real drohender Irrsinn? (Independent, 17.11.2017)

In der Medizin wurde immer schon scheinbar „Unmögliches“ umgesetzt, wenn es technisch (irgendwie) doch machbar erschien, und hohe Anerkennungen und Profite versprach. Vor fünfzig Jahren wagte sich z.B. Christiaan Barnard im Groote Schuur Hospital in Kapstadt nach vielen Tierversuchen an die erste menschliche Herztransplantation. Weil ihm die technische Umsetzung schon schwierig genug vorkam, ersparte er sich die zermürbenden moralischen Diskussionen. Die ethische Debatte begann daher erst nach dem Eingriff und hinkte in der Folge der Dynamik der technischen Machbarkeit hinterher.

Er schuf Fakten. Und die erzwangen im Sinne der Erfordernisse der Organtransplantationen zu klären, was ein Mensch sei: Im Wesentlichen ein Gehirn. Und ab wann ein Mensch als verstorben gelten kann: Wenn das Gehirn kein Bewusstsein mehr erschafft. In anderen Ländern, wie in Spanien, reicht für eine Organspende (ohne vorherige Zustimmung) das Kriterium des Herztodes aus.

Einig sind sich weltweit die Medizin-Ethiker, dass ein „sich-selbst-bewusstes“ Gehirn verschiedene Organe „besitzt“. Ein Mensch besteht also nicht u.v.a. auch aus einer Leber, sondern er „hat“ eine.

Deshalb kann man diese, wenn nötig, wie das Ersatzteil einer verschlissenen Maschine austauschen. Oder wenn das Gehirn gestorben zu sein scheint, auch verschenken. Der gleichen Logik folgend, kann es  also auch nicht un-ethisch sein, dem denkenden Wabbel-Pudding innerhalb des Schädels eine komplette Körperausstattung zu verpassen.

Küsschen! Küsschen!

Küßchen
Roald Dahl: Küsschen, Küsschen! rororo 2011

Die Absurdität dieser Zukunftsvision grinst uns aus der bösen Kurzgeschichte des britischen Schriftstellers Roald Dahl an: Ein „verkopfter“ Wissenschaftler lässt sich da sein Gehirn entnehmen, weil ihm der Körper zu versagen droht. Und das verbliebene Auge des in Nährlösung schwimmenden Neuronenhaufens sieht dann einer Horror-Vision des Weiterlebens entgegen.

Wir müssen sicher davon ausgehen, dass in irgendeinem Winkel der Erde, wo mit High-Tech un-ethisch experimentiert werden darf, irgendjemand irgendwann diese neue Frankenstein-Variante ausprobieren wird. Möglicherweise wird der dabei entstehende Doppelmensch auch noch eine Zeitlang (mehr oder weniger) leben.

Trotzdem macht die Grundannahme der Trennbarkeit von Gehirn und Körper wenig Sinn, weil

  • Im Menschen ein zweites vom Schädel-Gehirn unabhängiges, etwa katzenhirngroßes Nervengeflecht mit unserem Mikrobiom kommuniziert, und einen Teil der Persönlichkeit ausmacht (Watzke: The brain in your gut, TED 2010)
  • Nerven- und Bewegungszellen Teil eines in Rückkopplung schwingenden Systems sind (Wolpert, Cambridge: Der wahre Grund für Gehirne, TED 2011)
  • Das Wesentliche der neuronalen Aktivität nicht Signale sind, die wie in Rechnern über Kabelstränge von Sendern zu Empfängern verlaufen, sondern oszillierende Klang- und Schwingungsmuster, die sich aus der Resonanz aller Zellen und deren Umgebung ergeben (Brain Rhythm, Buzsaki lectures:  2012, 2016). D.h. der Quantenrechner „Gehirn“ existiert nicht für sich genommen, sondern ist Teil übergeordneter Schwingungsmuster, in die sich Einzelaktionen einfügen.
  • Körper (inkl. Darm und Mikrobiom) und Geist über sehr feine Impulse und Rückkopplungssystem im autonomen Nervensystem verschaltet sind (Porges: Polyvagal Theory), und dieses Feintuning nicht durch mechanisches Aneinandernähen von Nervenenden erhalten werden kann.
  • Körper und Gehirn in Wechselwirkungen existieren (Boulé: The Power of brain body connection 2016) und Nervenzellen ohne Training von Bewegungszellen verkümmern (Ratey: The Brain Body Connection 2016)

Die Zusammenhänge und Beziehungen zwischen Nerven- und Körperzellen sind unendlich komplex.  Sie verändern sich eigendynamisch unter dem Einfluss übergeordneter Systeme, und auch durch Zufälle. Es macht daher viel Sinn, Nerven und Bewegungszellen zu trainieren und sich so qualitativ verändern zu lassen. – Gerade nach Verletzungen oder nach Krankheit.

In lebenden Systemen mechanisch herumzuschrauben wie in klapprigen Maschinen, zerstört dagegen die Essenz des Lebens: Die elastische, veränderlich-wachsende und flexible Anpassungsfähigkeit an neue Gegebenheiten und Beziehungen.

Mehr

Sind wir …

Ich

Kunstfehler

Weitere Artikel

Literatur

Autor: Helmut Jäger

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Spamschutz! Bitte tragen Sie die fehlende Zahl ein: *** Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.