Warum sind manche krank und andere nicht?

Bildung, Wohlstand und Freiheit sind die einzigen Garantien für die dauerhafte Gesundheit eines Volkes. Virchow, 1852

Kein Land dieser Erde gibt pro Kopf für Gesundheit mehr aus als die USA. Trotzdem sind die Mensch dort weniger gesund, haben mehr chronische Erkrankungen und sterben früher als in anderen Industriestaaten (BMJ, 2013).

Gesundheit hängt eben überwiegend von sozialen, kulturellen, ökonomischen und ökologischen Umweltfaktoren ab, und nicht nur von genetischen Voraussetzungen. Das liegt daran, dass gesellschaftliche Einflüsse Stress und riskantes Verhalten bewirken. Ungleichheit, Unsicherheit, Bedrohung, Aggression, Erniedrigung, Sinnlosigkeit machen krank. Stressoren führen zu psychischen und körperlichen Störungen und erhöhten das Sterblichkeitsrisiko (Evans 1994, Wilkinson 2005-2011, Thomas 2010).

Der Konsum von immer mehr Gesundheitsprodukten führt auch nicht zwangsläufig zu mehr Gesundheit. Manchmal erhöhen sich dadurch die Krankheitsrisiken noch. (Illich 1976, McKeown 1982, Evans 1994, Rose 1985, Helman 2001, Elbe 2010).

Medizinische Interventionen bleiben deshalb gegenüber sozialen Veränderungen relativ wenig wirksam (Dolin 1997). Und Anstrengungen, Menschen von gesünderen Lebensstilen zu überzeugen, können die soziale Kluft zwischen Kranken und Gesunden sogar noch vergrößern: Ohnehin relativ gesund lebende Menschen fühlen sich von Aufklärung angesprochen und handeln ggf. noch gesundheitsbewusster. Diejenigen dagegen, die gesundheitsriskant leben, tun dies auch weiterhin, weil sie die Sprache der Prävention nicht erreicht. (O’Dowd 2012, The Kings Fund 2012).

Wenn in den USA über eine Reform des Gesundheitswesens nachdacht wird, ist das sinnvoll. Versicherungen und bessere Medizin verändern aber noch nichts an den sozialen und gesellschaftlichen Ursachen von Krankheit.

Dagegen haben günstige Veränderungen der sozialen Lebensumstände eine starke Auswirkung auf Gesundheit (Virchow 1852, Sapolsky 2005, Wilkinson 2005-2011, Johnson 2011):

  • Verminderung der Kluft zwischen Arm und Reich
  • Sicherung der Grundbedürfnisse
  • Zugang zu Bildung
  • Schutz der Schwangerschaft, der ersten Lebensmonate und der frühsten Kindheit.

Die Art, wie wir leben, ist nicht gesund. (Davies, 2013).

Sozial orientierte Strategien zur Gesundung einer Gesellschaft erforderten aber eine Veränderung des Wertegefüges.

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Literatur

  • BMJ 2013, US National Research Council and the Institute of Medicine, 346:f215
  • Davies E:  Health reform alone is pointless, BMJ 2013;346:f832
  • Dolin PJ: Reduction of trachoma in a sub-Saharan village in absence of a disease control programme, Lancet 1997; 349:1511-12
  • Elbe St.: Security and Health: Towards the Medicalisation of Insecurity, Polity Press 2010 (Google book)
  • Evans RG. et.al.: Why are some people healthy and others are not, Aldine de Gruyter, 1994 (Google book)
  • Helman C.G.: Culture, Health and Illness, Arnold, London 2001
  • Illich I.: The Limits of medicine, London, Marion Boyars, 1976, neu 1995
  • Johnson RC, Health disparities in mid-to-late life: The role of earlier life family and neighborhood socioeconomic conditions. Soc Sci Med. 2011 Dec 14. [Epub ahead of print]
  • McKeown T.: Die Bedeutung der Medizin, Traum, Trugbild oder Nemesis? Suhrkamp, Frankfurt 1982, Originaltitel: The Role of Medicine. Dream, Mirage or Nemesis?
  • O’Dowd A: Fight to tackle unhealthy lifestyles has widened gap in health inequalities, BMJ 2012;345:e5707
  • Rose G: Sick individuals and sick populations“, , Int J Epidem 1985; vol. 14, no. 1: pp. 32-38
  • Sapolsky R.: Sick of Poverty, Scientific American, December 2005, 74-79 (PDF)
  • The King’s Fund 2012. Clustering of unhealthy behaviours over time: implications for policy and practice.
  • Virchow R: Die Noth im Spessart, Physikalisch-Medicinische Gesellschaft, 1852
  • Wilkinson RG: „More equal societies almost always do better“.

Autor: Helmut Jäger