Lebendig und komplex?

Der Begriff komplex leitet sich ab von „complexus, complecti“ (lat.): umfassen, verknüpfen. Er beschreibt Systeme, bei denen mehrere Faktoren mit einander wechselwirken. Solche Systeme entwickeln Eigendynamik. Die einfachsten komplexen Systeme bestehen aus drei Kugeln, die über Fäden miteinander verbunden frei schwingen und sich gegenseitig beeinflussen können. Selbst diese einfachen Bewegungen sind im Detail mathematisch nur sehr schwierig beschreibbar.

Wenn erst viele wirbelnde Teilchen eng miteinander verbunden sind, kann der stetig sich verändernde Charakter der Gesamtsituation schließlich nicht mehr berechnet werden. Wie beim Meer kann das Ganze nur betrachtet, beobachtet und als schön empfunden werden, aber die vielfältigen Einflüsse von Windenergie, Schwerkraft und Wärme uva. erlauben keine sichere Vorhersage dessen, was als nächstes geschieht, sondern nur ein Abschätzung von Wahrscheinlichkeiten. Kapitäne unterscheiden deshalb sehr klar zwischen der Mechanik ihres Bootes und Dynamik der Systeme, mit und in denen sie sich bewegen.

Alles was lebt und wächst ist komplex. Alles Komplizierte ist tot.

Tiere, Pflanzen oder Ökosysteme verhalten sich chaotisch, eigendynamisch und nur begrenzt berechenbar. Als Ganzes sind sie relativ gut vorhersagbar: Aus einem bestimmten Samen wird ein bestimmter Baum. Das Blättergewirr wird aber vom Zufall gestaltet, läßt sich aber nicht berechnen.

Lebende Systeme passen sich flexibel an ihre Umwelt an. All ihre Teile sind oft gemeinsam auf die gleiche Problemlösungsaufgabe fixiert oder entspannen sich gemeinsam in Ruhephasen. Anders in mechanischen Systemen, in denen jeder Teil gleichmäßig ausgelastet seine Funktion im Rahmen einer engen Zuständigkeit erfüllt.

Schwierigkeiten in komplexen Systemen beruhen meist auf Problemkonglomeraten, die den normalen Fluss des Geschehens blockieren. Einzel-Probleme verhalten dann sich zu diesen Problemkonglomeraten wie Atome zu Teilen sichtbarer Materie. Oft beeinflusst der Versuch, isolierte Einzelprobleme zu lösen, die Vielfalt der Probleme ungünstig, oder kann die Gesamtsituation eventuell sogar noch verschlechtern. Und ganze Problemkomplexe lassen sich nicht wie Einzelprobleme durch technische Interventionen lösen oder beseitigen. Sie erfordern stattdessen ein effektives Management des Systems. Ausheilung ist dann nicht Rückkehr zum Ursprungszustand des Systems vor dem Problem, sondern Veränderung, Entwicklung, Wachstum und neue Anpassung.

Um Probleme komplexer, lebender Systeme günstig zu beeinflussen, sind möglichst viele unterschiedliche Sichtweisen erforderlich, die zu einem Mosaik zusammengefügt werden können. Das erinnert an das Sufi-Gleichnis von Blinden, die ein fremdes Tier ertasteten. Jeder von ihnen fühlte andere Körperteile und kam daher zu ganz unterschiedlichen Theorien, um was für ein Tier es sich wohl handeln könne. Erst das Zusammenfügen von engbegrenztem Einzelwissens, und die sinnvolle Verknüpfung der Einzelerfahrungen zu einem Gesamtbild, ließ sie die naheliegende Lösung finden: im Gleichnis war es ein Elefant.

Die Einwirkung auf komplexe Systeme erfordert, neben der Betrachtung von Einzelfaktoren, Aufmerksamkeit für Verknüpfungen, Beziehungen, Blockaden, Hemmungen und Verständnis für interne und externe Dynamik. Alle komplexen Systeme besitzen zudem kritische Druckpunkte oder Knoten. Kleine Ereignisse („minor events“) oder punktuelle Interventionen können sich stark auswirken. Dagegen bewirkt manchmal ein sehr großer Interventionsaufwand absolut nichts.

Komplizierte Interventionen erfordern Expertenkompetenz.

Komplexe Situationen verlangen nach Menschen, die aufmerksam und mitfühlend da sind, verstehen, wach abwarten können, beobachten, die Situationsdynamik erkennen und kenntnisreich und erfahren Veränderungen eines Systems anregen und begleiten können.

Mehr

Autor: Helmut Jäger