Sind wir Geist? (1/4)

Die Innen- und die Außenwelt, die warn mal eine Einheit.
Das sah ein Philosoph, der drang erregt auf Klar- und Reinheit.

Die Innenwelt, dadurch erschreckt, versteckte sich in dem Subjekt.
Als dies die Außenwelt entdeckte, verkroch sie sich in dem Objekte.

Der Philosoph sah dies erfreut: indem er diesen Zwiespalt schuf,
erwarb er sich für alle Zeit den Daseinszweck und den Beruf.
Robert Gernhardt, Philosophie-Geschichte, Verlag Zweitausendeins, 1981

Beseelter Leib

Vor etwa dreitausend Jahren begannen einige damit, Leib und Seele in unabhängig voneinander existierende Erscheinungsformen aufzutrennen.

katzengeist
Katzen-Geist? Katzen-Körper?

Bis dahin war die Seele (gr. Psyche) Ausdruck des Atemhauchs der Götter. Des Odems, der alles durchströmte und lenkte. Damals war der Leib noch beseelt. Darauf deutet der Wortstamm: Leib stammt von dem germanischen „Hlaiba“, was etwa „ungeteilt-rundes Brot“ bedeutet (engl. leaf). Zur gleichen Wort-Herkunft gehören „live“ und „life„: Das leibhaftige Leben, das aus einem Laib erwächst.

Dann tauchten die Entsagungs-Mystiker auf. Diese Idealisten und Asketen sahen im Körper nur noch eine vorübergehende Trägersubstanz der Seele, die sich bald aus dem körperlichen Jammertal befreien, und die in irgendeiner Welt (außerhalb der realen) zu ihrer idealen Zustandsform finden würde.

Vom Leib zum Körper. Von der Seele zum Geist.

Viele tausend Jahre später erkannte dann Réné Descartes (1596- 1650), dass er „sei“, weil er „dachte“. Damit neigte sich das finstere Mittelalter seinem Ende zu: Die bisher schwachen „Ich’s“ wurden offenbar deutlich weniger von äußeren Mächten bestimmt, als bis dahin angenommen worden war. Mit der Geburt des „freien Willens“ denkender Geister verlor die Seele an Bedeutung. Sie hatte mit dem Körper nichts mehr zu tun. Und der war nichts als ein mangelhafter Träger des Geistes, eine (z.B. durch Medizin) reparierbare Maschine.

Folgt man Descartes, müsste das, was denkt, irgendwo sein (z.B. im Gehirn). Dort suchte man auch nach, fand es aber nicht. Oder aber, es müsste sich in einer Denkmaschine erzeugen lassen. Auch das ist bisher nicht gelungen.

„Ich lache Eures freien Willens und auch Eures unfreien:
Wahn ist mir das … , es gibt keinen Willen.“ Nietzsche

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Descartes (li.) dachte nur. Spinosa (re.) musste arbeiten (als Glasschleifer)

Materie und Energie

Der weniger bekannte Zeitgenosse Descartes Baruch de Spinoza (1632-1677) glaubte, alles sei untrennbar miteinander verwoben und durch das Gleiche durchdrungen. Er nannte diese tragende Substanz, die alles durchströme, Natur oder Gott.

Diese Ansicht passt besser zu den modernen Naturwissenschaften, die je nach Konzept einer Quintessenz, oder dunkler Materie, oder einer Matrix oder Energiefeldern nachspüren.

In den Gedankenmodellen moderner Physiker und Biologen hängen Unterscheidungen von den Beobachtern ab. Die Trennung von Leib und Seele, von Geist und Körper, oder von was auch immer, wären demzufolge nichts weiter als Hilfskonstruktionen menschlichen Denkens, also nur eine Ausdrucksform von Leben wie viele andere auch.

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Denker mit Körper. 17.000 Jahre alt, Vilafames, Spanien

Der Geist ist nirgends.

In vielen Experimenten wurde beobachtet, wie das „Ich-Gefühl“ als Folge aktiv-energieverbrauchender Prozesse entsteht. Und auch schlagartig wieder verschwindet, wenn keine Energie für seine Erzeugung mehr bereitgestellt wird (siehe Llinas).

Leben entsteht, wenn durch innere Prozesse etwas aus sich selbst heraus gegen ein Energiegefälle erwächst. Und es stirbt ab, wie eine Kerzenflamme, die zu flackern beginnt, sobald ihr Docht kein Wachs mehr ansaugt.

Im Gegensatz zu Robotern sind in lebenden Organismen immer alle Zellen mit ihren Zellorganen zugleich an der Informations-verarbeitung beteiligt. Keine Zelle steht still, solange sie lebt. Nur die Stärke ihrer Aktivität schwankt im Rhythmus des Zusammenklangs. In diesem Licht erscheint „Geist“ als ein Feuerwerk quanten-physikalischer Zustände, die sich aus den Wechselwirkungen zahlloser Einzelinformationen in und zwischen den Zellen und ihrer Umgebung ergeben.

Die Aufgabe des Gehirns innerhalb des körperlichen Orchesters ist es lediglich, aufgrund gelebter Erfahrungen in den bestehenden Beziehungen durch Bewegungen günstige Handlungsstrategien einzuleiten, die Zellprobleme lösen sollen. (siehe Wolpert).

Die Welt ist nicht im Kopf. Das Subjekt ist nicht im Gehirn. Im Gehirn gibt es keine Gedanken. Thomas Fuchs (s.u.)

So faszinierend also das Kommunikationsorgan Gehirn auch erscheint, es stellt nur einen Teil der verschiedenen körperlichen Signalsysteme dar: neben Hormonen, dem Darmnervensystem, Bindegewebsnetzwerken und den Wechselwirkungen zwischen Immunzellen und Bakterien.

Alle diese inneren Informations-Wolken werden im Gehirn mit den (durch Sinnesorgane vermittelten) Vorstellungen der äußeren Welt abgeglichen. So werden Beziehungen verstanden und günstige Wechselwirkungen gebahnt. Dabei gleichen Gehirne hochkomplexen dynamischen Musikinstrumenten. Sie erzeugen in Resonanz mit den sie tragenden Körperstrukturen Klänge und Rhythmen. Und die sind weit mehr als die Summe einzelner Schwingungen (siehe Buzsaki).

Statt ich denke sollte man sagen, es denkt. Wie es blitzet. Georg Christoph Lichtenberg

Künstliche Maschinen-Intelligenz?

Ich und mein Körper
Zeig es deinem Rücken!

Bisher ist es nicht gelungen, Robotern einfachste symbolisch-sprachliche Intelligenz einzuprogrammieren. Ihnen fehlt dafür die entscheidende Voraussetzung: ein sich (aus sich selbst heraus) erneuernder Körper. Kappt man ihre Verbindung zum Stromnetz, fallen sie zu Schrotthaufen zusammen. Und angeschlossen an eine externe Energieversorgung können sie nicht ohne ihre Algorithmen funktionieren, die irgend-jemand programmiert hat.

Nach bisheriger wissenschaftlicher Erfahrung kann ohne Körper und Umwelt „Denken“ nicht gestaltet werden. Denn die Grundlage der Intelligenz bilden nicht-sprachliche, unbewusste Prozesse der Selbstorganisation. (siehe Tschacher)

Allerdings sind Computer, die lediglich algorithmisch denken, Menschen beim Durchforsten großer Datenbanken deutlich überlegen. Und sie können daher auch bei Schach- oder Go-Spielen gewinnen.

Inzwischen wurden sogar Roboter entwickelt, die selbständig ein Körpermodell von sich entwickeln können, indem sie kleine zufällige Bewegungen ausführen und ihre Konsequenzen beobachten. Sie wurden sogar so programmiert, dass sie etwas nachahmen können und zu erkennen scheinen, dass es sie gibt. (siehe Prescott)

Aber auch diese neuen Roboter-Typen bestehen nur aus Prozessoren, Kabeln und Trägerstrukturen, also aus voneinander trennbaren, toten Dingen. Das Prinzip ihres Seins beruht auf Unterscheidungen. Auf der Basis voneinander getrennter Symbole rechnen sie die Möglichkeiten durch, die sich ihnen bieten, oder sie rufen Lösungsmuster aufgrund alter Erfahrungen auf. Sie können, seelenlos wie sie sind, nichts Neues wachsen lassen.

Dagegen können Lebewesen, und insbesondere Menschen, Verbindungen, Erfahrungen, Assoziationen herstellen, in Resonanz wechselwirken, spiegeln und beeinflussen, innovativ Neues verknüpfen, kreativ-schöpferisch denken und Altes hinterfragen. Sie können neue Situationen schlagartig erkennen, und einschätzen, ob eine Handlung „stimmig“ genau zu dem passt, was die Situation erfordert. Sie können zahllose Informationen, Wechselwirkungen, Erinnerungen und Programme gleichzeitig aktivieren und zu einer in sich harmonischen Lösung vereinigen.

Cutie, der Roboter QT1, der sich als „den Propheten des Herrn“ erkannte hatte,
zu Powell, dem Wissenschaftler und Astronauten:
„Es ist ein großes Privileg, dem Herrn zu dienen.
Sie dürfen es nicht zu schwer nehmen, dass ich nun an Ihre Stelle getreten bin!“
Isaac Asimov, Logik, Diogenes 1962

Sind wir …

Digitalisierung

Gehirn

Systeme

Literatur 

Video:

Autor: Helmut Jäger