Leit-Linien oder Leid-Linien?

Hinweis
Hier gab es offenbar Probleme. Wie wirksam mag das Schild sein, um künftig Schäden zu vermeiden?

Leitlinien bieten Sicherheit.

Im Dschungel der Gesundheitsangebote ist das dringend nötig.

Zuviel bedrohliche Information: Zu wenig Sicherheit

Der Heuhaufen medizinischer Information wächst. Allein die Suchbegriffe „Gesundheit“ und „Health“ bringen mehr als 197 Mill. und 3,5 Mrd. Ergebnisse. Das meiste dieses Geflimmers besteht aus einer Mischung aus Unsinn, Fehlinformation, Marketing, Meinung, Empfehlung, Blödsinn, Behauptung und aus vorverdauten Nachrichten unterschiedlichster Qualität. Da ist es schwierig, die wenigen nützlichen Perlen zu finden, die helfen könnten, selbstbestimmter mit persönlichen Problemen klar zu kommen.

Wen es gerade gruselt, kann sich nicht entspannen, wenn er erfährt, dass noch viele weitere, unerkannte Schrecken auf ihn lauern. Betreiber von Geisterbahnen nutzen diesen Effekt, indem sie ständig für neue, beunruhigende Informationen sorgen. So bleibt keine Zeit, die Harmlosigkeit der Gespensterpuppen zu durchschauen.

Kranke wollen solche Geisterbahnen zu verlassen, und sehnen sich nach der Wohltat einer klugen Auswahl von Information: nach einem Ausmüllen des Chaos. Sie hoffen, dass sich aus den herumliegenden Informations-puzzle-teilchen ein Bild zusammenfügen läßt, das etwas mit ihnen persönlich zu tun hat und für sie verstehbar ist. Sie wollen sich Sicherheit glauben und hoffen, dass es wieder gut wird.

Dieses Gefühl kann entstehen, wenn sie darauf vertrauen, „leitliniengerecht“ behandelt zu werden. Was genau in diesen Leitlinien steht, ist dabei nicht so wichtig.

Wer fliegt, wünscht sich, dass der Pilot einer festgelegten Flugroute folgt. Wie diese im Detail ausschaut, ist belanglos. Taucht aber beim Blick aus dem Bullauge eine Küstenlinie auf, wo eigentlich keine sein sollte, keimen Zweifel, die sich zu Sorgen auswachsen können. Dann wäre es gut, wenn ein erfahrener Pilot erklären würde, warum er von seiner Leitlinie abgewichen sei: z.B. um eine Unwetterfront großräumig zu umfliegen. Damit sind seine Passagiere wieder zufrieden, weil sich nur die Ankunftszeit ein wenig verschieben wird.

Wie entstehen Leitlinien?

In der Medizin sind Leitlinien das Ergebnis von Diskussionen von besonderen ExpertInnen, die sich auf nachprüfbare Kriterien berufen sollten. MedizinerInnen, die es zu Rang, Namen und hoher Stellung gebracht haben, setzen sich zusammen und beschließen, was für die meisten PatientInnen gut sei. Sie betrachten rückblickend viele Studien und Erfahrungen, und bewerten das ihnen z.Z. bekannte Wissen. In ihre Urteile fließt dabei sehr vieles ein: wissenschaftlich-überprüfbare Daten und Analysen, Lehrmeinungen, Ansichten, Positionen, persönliche Erfahrungen, Interessen und auch die Wünsche einer Lobby, die etwas verkaufen will. Bei der schwächsten Form von Leitlinien, den sogenannten „Empfehlungen“, spielen Marktüberlegungen und „Bauchentscheidungen“ oft eine größere Rolle. Bei den Leitlinien, die öffentlich überprüft werden, sollten sie (eigentlich) weitgehend ausgeschlossen sein.

Obwohl Leitlinien „objektive Wahrheiten“ auszusprechen scheinen, sind sie tatsächlich „subjektiv“, denn

„Alles was gesagt wurde,
wurde von jemandem gesagt“ Maturana

Ihr großer Wert besteht also nicht in einem verkündeten Dogma, sondern darin, dass sie all den Blödsinn auszusondern, der früher (oder immer noch) unternommen wurde, und der rückblickend mehr Schaden angerichtet hatte, als zu nutzen.

Eine Leitlinie entsteht immer aus der Rückschau auf Vergangenes. Probleme und Schäden, die in der Zukunft entstehen werden, kommen nicht vor. Die sind bisher noch unbekannt, und können erst dann, wenn auch sie vergangen sein werden, Grundlage neuer Leitlinien werden. Leitlinien-gerechtes Handeln bedeutet deshalb, mit dem Blick nach hinten und nach vorne rudern. Dabei ist es oft schwierig zu beurteilen, ob das, was für viele in der Vergangenheit nützlich war, auch in einem konkret-persönlichen Einzelschicksal hilfreich sein wird.

Leitlinien können als Landkarten beschrieben werden, die dabei helfen, sich in einer verwirrenden und herausfordernden Gebirgswelt zurecht zu finden. Sie bezeichnen Wege, die zurzeit besonders gangbar zu sein scheinen, warnen vor Schluchten und Lawinen, entsprechen dem Weltbild bestimmter Bergführer und führen manchmal auch zufällig an bestimmten Berghütten vorbei, wo etwas angeboten wird. Wie alle gedruckten Pläne sind sie bereits am Tag ihres Erscheinens veraltet, weil sich die Realität rasant ändert.

Allein der Prozess der Entstehung einer Leitlinie kann schon nützlich sein, weil er hilft etwas zu klären, so dass ein sinnvoller Handlungsrahmen gefunden und Fehler vermieden werden können. Für das Verständnis komplexer Zusammenhänge sind Leitlinien dagegen von begrenztem Nutzen. In neue oder nicht-standardisierbare Situationen wird kreatives Denken und Handeln benötigt, das zwangsläufig über das in der Leitlinie festgeschriebene hinausgehen muss.

Werden Leitlinien nicht rechtzeitig überarbeitet und beruhen dann auf alten wissenschaftliche Erkenntnissen, die mittlerweise längst überholt sind. Solche „Leid-Linien“ erschweren kluges Handeln, und sollten eigentlich ersatzlos abgeschafft werden. Tatsächlich aber halten sie sich oft noch über Jahrzehnte, als Teil der gewohnten Medizin-Kultur, die viel Althergebrachtes und immer noch gut Verkäufliches mit sich herumschleppt.

Evidenz

Leitlinien

Bewertung der Qualität von Leitlinien

Leitlinien (deutsch)

Leitlinien (englisch, französisch, holländisch)

Beispiele für Leitlinen und Epfehlungen

Autor: Helmut Jäger