Medizinischer Unsinn?

Medizin oder Mumpitz? SZ 17.08.2018

Journalisten der Süddeutschen Zeitung und des Spiegel beschreiben alternativen Hokuspokus. Dieser Unsinn sei deshalb so gefährlich, weil er von der Anwendung wirklich wirksamer, moderner Medizin abhalte.

Spiegel Nr. 34, 18.08.2018

Alternativer oder verschulter Medizinkommerz?

Aber gibt es in den großen Marktsegmenten des rasant wachsenden Medizin-Business nur alternative Abzocke? Werden die Patientinn/en (u.a. im Medizintourismus) nicht auch hochmodern zur Kasse gebeten?

Die Epidemiologin Mühlhauser warnt jedenfalls vor den „Unsinn Vorsorgemedizin (rororo 2017)“ und der Radiologe Reuther schreibt in „Der betrogene Patient“ (riva 2017): „Warum Ihr Leben in Gefahr ist, wenn sie sich medizinisch behandeln lassen.“ In beiden Texten geht es im Wesentlichen um etablierte „schulmedizinische“ Verfahren.


Werbung für eine Impfung, die von vielen Krankenkassen in Deutschland erstattet wird.

Das Risiko der Infektion beträgt bei Reisenden 1:10 Millionen. Die Überträgermücke des Virus kann nur 200 Meter nachts von einem Schwein oder einer Gans zu einem Opfer fliegen, das ohne Moskitonetz oder Klimaanlage schläft. Das Risiko der Impfung wurde bei Reisenden nicht untersucht. Es könnte mehr als 10fach höher liegen, als das einer Erkrankung. Jedenfalls sind Infektionsfälle bei deutschen Reisenden sind Raritäten.

Die (kommerziell motivierte) Expertenempfehlung lautet: „Für Reisende, die maximalen Schutz wünschen“.  Mehr

Verteilungskämpfe?

Geht es bei der Medien-Aufregung um „Alternativmedizin“ vielleicht im Grunde nur um Verteilungskämpfe im Medizinmarkt? Ärztekammern, Unternehmen und Institute der Main-Stream-Medizin haben jedenfalls kein Problem mit der Anwendung von „Unwirksamen“, solange es dem Umsatz nutzt.

In den „alternativen Topf“ wird vieles zusammengerührt, was nicht zusammengehört (auch wenn es vermischt werden kann):

Die Medizin-Modelle des 19. Jahrhunderts bauten auf diesen Frühformen des Heilens auf, schufen aber etwas Neues. Trotzdem landet die verschulte Homöopathie (2/2) in der alternativen Ecke. Ihr Gründer reduzierte Nebenwirkungen der damaligen gefährlichen Standardtherapien z.B. bei Cholerainfektionen („Aderlass, Schröpfen, Kneifen, Darmreinigen“) auf Null. Indem er den spezifischen Effekt solange verdünnte, bis er verschwand, und nur der reine systemische Effekt der Arzt-Patient-Kommunikation übrig blieb. Die Gegenspieler der kriegerischen Keimtheorie, nahmen dagegen als kolonial inspirierte Medizinmilitärs Kollateralschäden in ihren Feldzügen in Kauf, und sorgten so für einige medizinische Katastrophen. Trotzdem beherrscht der Geist der Keimtheorie den Medizinmarkt bis heute, und wird im Gegensatz zur Homöopathie auch nicht angezweifelt. Und die anderen guten Medizin-Ideen des 18. und 19. Jahrhunderts sind längst vergessen, obwohl sie in ihren Ansätzen immer wieder bestätigt wurden.

Die Illusion von Etwas, das tatsächlich Nichts enthält (Placebo) wird von der Ärzteschaft auch bei nebenwirkungsreichen „Pseudo-Placebos“ für ethisch vertretbar gehalten, wenn „der Glaube“ sich als nützlich erweise: Für die PatientInnen? Oder für die, die daran verdienen?

Download der Stellungnahme des wissenschaftlichen Beirates der BÄK 2011

Spezifische und systemische Effekte

Ähnlich wie in der Physik wäre es eigentlich auch in der Medizin längst überfällig, die mechanistischen Denkweisen des 19. Jahrhunderts durch neue Modelle zu ersetzen, die dem heutigen Wissensstand entsprechen. Denn die „Medizin-Wissenschaft“ steckt in einer Krise, das Wissen um Systemzusammenhänge (Mikrobiom, Beziehung, Epigenetik) nimmt zu, und die klassischen Waffen der „Kriegs_Medizin“ stumpfen ab.

In der Medizin müsste (ähnlich wie vor 100 Jahren in der Physik) die Erkenntnis reifen, dass lebende Systeme miteinander verwoben sind und in Beziehungen wechselwirken.

Um lebende Systeme günstig zu beeinflussen, kann man Schäden fernhalten und Lernen fördern (Beispiele: Frühe Immunsystementwicklung und frühe Hirnentwicklung). Oder statt solcher Lern- oder Systemeffekte kann man an bestimmten Stellen punktgenau intervenieren (spezifisch, gezielte Intervention).

Jede therapeutische Maßnahme löst spezifische und systemische Effekt (in unterschiedlicher Stärke) aus. Beides (spezifisches und systemisches) kann in bestimmten Situationen nötig und hilfreich sein. Notsituationen erfordern akute Interventionen, während bei langsam sich verändernden Problemsituationen Systemlernen hochwirksam sein kann. Beide Zugangswege zur Förderung von gesunden Entwicklungen müssen mit den  verbundenen Vor- und Nachteilen den Patientinn/en sehr transparent und offen zur Entscheidung vorgeschlagen werden.

Ein täuschende „Placebo“-Anwendung ist in der „Schul-“ und „Alternativ“-Medizin, gefährlich, unnötig und unethisch.

Systemeffekte, die im wesentlichen auf Kommunikation, Sicherheitsvermittlung und Beziehung beruhen, können jedoch sehr gut hinsichtlich ihrer Qualität untersucht werden (Beispiel).

Und spezifische Interventionen sollten möglichst kontrolliert und kurzzeitig erfolgen, damit das Risiko von Nebenwirkungen und Langzeitfolgen begrenzt ist.

Mix aus Schamanismus, Placebologie, Heilkräuterkunde, Geisterbeschwörung, Psychotherapie, „moderner“ Chirurgie, Osteopathie und „moderner“ Pharma-Anwendung. (Bild: Jäger, Benin 1996)

Das Ende der Behandlung ist häufig auch das Ende des Problems. Paul Watzlawik

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Autor: H. Jäger