Muskeln aufbauen oder sich intelligent bewegen?

katze
Katze und Wiese

Tiere bewegen sich.

Sie können Orte verlassen, sich an andere begeben und diese verändern.

Menschliche Bewegungsmuster sind besonders komplex, weil wir über enorme Hirnleistungen verfügen (könnten).  Bewegung muss allerdings trainiert werden oder es muss Ungünstiges wieder verlernt werden, um zu katzenhafter Spontanität zurückzukehren.

Wie entstand Bewegung?

Vermutlich begann es mit Veränderungen der Membranen primitiver Urzellen. Dann entwickelten sich im Zellinneren strukturbildende Fäden und Eiweißstrukturen, die sich zusammenziehen konnten.

Schließlich entstanden Kollagenfasern, die zwischen vielen Zellen Informationen wie Zug und Druck leiten können. Extrem schnell, ähnlich wie etwa ein Gummiband. Und damit diese netzartigen Gewebe von Fasern und Fibrillen durch Reibung gebremst oder vorgedehnt werden konnten, waren schließlich Muskeln nötig.

Muskelzellen können sich unter erheblichem Energieverbrauch zusammenziehen. Oder sie können passiv gedehnt werden. Die Kraft, die bei einem Zusammenziehen (Kontraktion) wirkt, ist gering im Vergleich zu der, die bei der Entladung gespeicherter Energie in passiv vorgedehnten Faszien- oder Muskelzellen freigesetzt wird. Aktiv tätige Muskeln erhöhen ein Energieniveau. Etwa wie eine Pumpe, die einen Wasserturm auffüllt, oder wie ein Motor, der einen Achterbahnwägelchen zum Start hochzieht. Wirklich starke Kräfte entstehen aber nicht durch Kontraktion, sondern durch die Freisetzung gespeicherter Energie von Zellen und Strukturen, die zuvor von einer Muskelgruppe gedehnt wurden.  So als würde sich das Ventil des Wasserturms öffnen, oder sich die Bremse der Achterbahngondel lösen.

Idealerweise bewirkt eine Vorspannung eine energiespeichernde Dehnung der Faszien. Muskelkontraktionen ziehen an den Fasern. Oder sie bremsen über sie hinweggleitende Fasern durch Erhöhung des Reibewiderstandes: Wenn sie ein Muskel verdickt übt er Druck aus. Auch diese  Funktion speichert Energie, die z.B. bei einem Boxschlag blitzartig abgegeben werden kann.

Faszien funktionieren nur dann „reibungslos“ und wirksam, solange sie nicht verklebt sind. Es ist günstig sie immer wieder zu lockern, sie sanft zu dehnen, zu verdrehen oder zu ziehen. Werden dagegen nur Muskeln aufgebaut und gleichzeitig das Faszien-Training vernachlässig, reißen Muskel und Faszien manchmal ein oder, wenn man Pech hat, auch ab.

Die verschiedenen Zellen des Bewegungsapparates (zu denen auch die knöchern-lebenden Strukturen zählen) müssen, um funktionieren zu können, mit einem Informationsverarbeitungssystem verschaltet sein. Die Meldungen äußerer und innerer Sinne werden analysiert und lassen Bilder entstehen, die verdeutlichen, was (mit oder ohne Bewegung) geschehen würde. Das Gehirn schaut in die Zukunft und wertet Erfahrung auszuwerten, um im Rahmen der sich bietenden Möglichkeiten ein geeignetes, früher einmal erlerntes, Programme abzuspulen. „Es“ bewegt sich, und erst nachdem es sich bewegt hat, erklärt mir das Bewusstsein, das „ich“ mich bewegt habe.

Um diesen Zusammenhang zu trainieren müssen Nerven, Muskeln, Knochen und Faszien gleichermaßen angesprochen werden. Im Prinzip wie bei beim Segeln:

  1. Mast und Boot
    Funktion von Knochen, Gelenken und den Faszien, die beides umschließen
  2. Tauwerk zwischen Mast und Boot
    Äußere Muskeln, die die elastische Vorspannung des Systems verändern und Knochen und Gelenke verbiegen können.
  3. Segel und Verbindungen
    Faszien und Bindegewebe
  4. Steuerpinne
    Nervenfunktion, die die Richtung vorgibt
  5. Wind, Meer und das Boot
    Stabilität, Aufrichtung und elastische Verbindung mit der Schwerkraft (vertikal) und den Fliehkräften (horizontal)

Erst wenn das Boot, in Verbindung zu allen Wirkkräften, Fahrt aufnimmt, kann es gelenkt werden. Liegt es vertäut im Hafen, wird nichts gesteuert. Bewegt sich das Boot nicht, rostet es. Sind die Segel bereits gesetzt, aber die Taue am Laufsteg noch nicht gelöst, kann eine Windböe den Mast zerbrechen. Ist das Tauwerk auf der Fahrt zu straff, zu schwer oder zu spröde, kann es reißen. Sind die Segel nicht elastisch aufgehängt, oder verhaken sie sich beim Entfalten, kippt das Boot.

Erst wenn Ruder, Zielvision, Segel, Tauwerk und Mast ideal aufeinander abgestimmt sind, segelt das Bötchen wie von selbst, ohne großes Zutun.

In der Realität sind menschliche Bewegungsmuster wesentlich komplexer. Und gerade deshalb,  wäre es günstig, alle unterschiedlichen Aspekte gleichermaßen zu trainieren. Wird nur ein Teil entwickelt und der Rest vernachlässigt, entstehen, mit der Zeit, zwangsläufig Probleme.

Kein Roboter wird in absehbarer Zeit menschliche Bewegung ersetzen können. Einer der Gründe dafür ist, dass sich lebende Bewegungssysteme

  • unter geeigneter Beanspruchung entwickeln, und
  • bei fehlendem Gebrauch verkümmern.

Bei Maschinen ist es umgekehrt.

Faszien

  1. Dr. Guimberteau JC: Fascien-Mikroskopie 2010
  2. Dr. Guimberteau JC: Tensegrity, 2010
  3. Das Erste (14.10.2012)
  4. WDR (17.11.2013)

Autor: Helmut Jäger