Bewusstseins-Revolution

Alles ist ein Kreis. Er setzt sich fort. Er bewegt sich.
JS Hallet, Schamanin der Seneca

Tiere werden von Natur-Rhythmen bestimmt. Mehr als 200.000 Jahre lang galt das auch für Menschen.

Früher schien alles miteinander verbunden zu sein. Das Dasein schien sich kreisförmig zu wandeln: Es entstand und verschwand, in einer ewigen Wiederkehr.

Das beherrschende Symbol der Jäger, Sammler und Räuber, die „out of Afrika“ die Welt eroberten, war deshalb Uroboros, die Schlange, die sich selber frisst.

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Der Drache der sich selbst verschlingt. Umschlagbild: Neumann E., Ursprungs-geschichte des Bewusstseins, 1949 (neu 2004)

Einen Einblick in den Geist umher-streifender Menschen bieten die Zeugnisse nordamerikanischer Prärie-Indianer:

Der Große Geist hört und spricht. Er schreibt nicht. Häuptling Colonel Cobb, 1830

Unsere Mutter ist die Erde. Häuptling Sitting Bull, 1866

A very great vision is needed, And the man who has it must follow it as the eagle seeks the deepest blue of the sky. Hokahey! Today is a good day to die. Crazy Horse

Kreis-Philosophie und logarithmische Weltsicht

In der Natur ist die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten immer eine Kurve. Und das was uns nahe ist, erscheint uns groß, oder winzig, wenn es weit entfernt ist. Völker, die heute noch in der Steinzeit leben, sehen den Raum immer noch so, wie er in Wirklichkeit auch ist: krumm, logarithmisch verformt und subjektiv vom Beobachter gestaltet.

„Wenn der Leopard vor mir steht, ist es ein großer Leopard, während ‚der da hinten am Waldrand‘ ein kleiner Leopard ist.“ Dan Everett, Die Sprache der Pirahá

Heute lernen Kinder schon im Krabbelalter, dass ihre Augen lügen müssen, weil ein Bauklötzchen immer gleich groß zu sein hat, egal ob es gerade in den Händen gehalten wird, oder „da drüben“ in der Schublade verborgen liegt. Ihre Weltsicht wird durch kulturelle Erziehung linear verformt, so als habe alles einen Anfang (Ursache oder Geburt) und ein Ende (Wirkung oder Tod), und als existierten die Dinge objektiv und unabhängig von dem, was persönlich wahrgenommen wird.

Vor zehntausend Jahren war die Welt vorwiegend Gegenwart.

Die Erinnerung an das letzte Stammeslager verblasste im Weiterziehen. Die Zukunft war langfristig unbedeutend: Sie verlief, sich stetig rhythmisch wandelnd, immer gleich und kehrte so scheinbar stets wieder in die Vergangenheit zurück. So als werde das Sterbende (im Winter) immer wieder (im Frühling) wiedergeboren.

Der Tod galt in der Vorstellung des ewigen Kreislaufes nur als eine vorübergehende, wenn auch mit Schmerzen verbundene, Erscheinung, die für Krieger bedeutungslos zu sein hatte.

Visionäre oder Psychotiker?

Die Analyse der Höhlenzeichnungen in Europa und auch in Südafrika lassen Psychologen (wie u.a. Nicolas Humphrey) vermuten, dass sich die Künstler in einem psychischen Ausnahmezustand befanden. Vielleicht war das, was wir heute Psychose nennen, damals der Normalzustand.

Das Gehirn von Homo sapiens hat sich zwar seit mehr als 50.000 Jahren nicht mehr anatomisch verändert, aber die Art, wie es genutzt wird, muss rasante Wandlungen durchlaufen haben, die zu psychischen Zuständen führten, die uns heute merkwürdig erscheinen.

Hirnforscher, wie Vilayanur Ramachandran (pdf), betonen den starke symbolischen Charakter früher Kunst.

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Magisches Amulett eines Kriegers vor 40.000 Jahren. Schwäbische Alb. Bild: Wiki „Venus vom Hohefels“

Die „Venus von Hohefels“  war nach Ramachandran nicht etwa ein ungeschickt-stümperhafter Versuch, eine Frau realistisch abzubilden. Sondern umgekehrt eine genial-groteske Übertreibung von Signalen, die bei Betrachtung oder der Berührung in einem Jäger ein bestimmtes (heldenhaftes) Verhalten anregten: Sie verhalfen zur Ausschüttung von Überträgerstoffen im Gehirn (Dopamin u.a.) Ähnlich wie der Zaubertrank des Druiden, der den Kriegern die Illusion übernatürlicher Kräfte vermittelte.

Die Kunst spiegele so bestimmte Geisteszustände, was auch die Untersuchungen des Archäologen  David Lewis-Williams zu bestätigen scheint. Er fand dort deutliche Ähnlichkeiten zwischen den 30.000 Jahre älteren Steinzeit-Picassos in Südfrankreich und erst zweihundert Jahre alten Höhlenmalereien der San In Südafrika (Video): In den in Raum und Zeit weit auseinander liegenden Kunstzeugnissen schienen visionäre Verzerrungen und stilisierte Muster für psychotische Zustände sprechen.

Bis heute suchen Schamanen Zustände veränderter Realitätswahrnehmung auf, um in Welten einzutauchen, in denen sich das Alltags-Bewusstsein verliert. Sie versetzten sich durch Rituale, Tänze oder Halluzinogene in Trancezustände und irrten dann durch das unsichtbare Paralleluniversum. Anschließend versuchen sie das, was sie dort erlebten, durch künstlerisches Schaffen, Tänze, Gesänge oder prophetische Erzählungen wiederzugeben.

Die Menschen im Nomaden-Paradies kannten keine Arbeit

Meine jungen Männer werden niemals arbeiten! Menschen die arbeiten, können nicht träumen, und Weisheit kommt aus den Träumen. Ich soll die Erde pflügen? Soll ich ein Messer nehmen und die Brust meiner Mutter zerfleischen? Ich soll graben? Soll ich unter der Haut meiner Mutter nach Knochen graben? Ich soll Gras mähen und Heu machen? Soll ich meiner Mutter das Haar abschneiden? Wir verletzten die Erde nicht mehr als die Finger eines Säuglings die Brust der Mutter verletzen. Schamane Smohalla um 1890

Menschen mussten, um Felder zu bearbeiten, Korn zu ernten, Gräben auszuheben und Städte aufzubauen, aus dem Paradies des Kreises vertrieben werden. Arbeit war ihnen ursprünglich fremd, wie allen Tieren. Sie musste erzwungen werden.

Das geschah vielleicht erstmals vor vielleicht 13.000 Jahren in Europa, und in anderen Weltregionen erst viele tausend Jahre später. Zunächst begannen Menschen in den Landstrichen der südlichen Türkei, Armeniens, des Libanons, Syriens und des heutigen Irak damit,  Wildgetreide zu hüten und sich Haustiere zu halten. Dafür blieben sie länger an einem Ort und bauten schließlich auch einfache Grundnahrungsmittel an.

Die Wanderschaft der Jäger, Räuber und Sammler kam nach und nach zur Ruhe. Nomaden konnten nur noch überleben (oder manchmal auch herrschen), wenn sie sich, u.a. wie Indo-Europäer oder Mongolen, militärisch organisierten, um Bauern zu überfallen und auszurauben. Gelang ihnen das, mussten aber auch sie sesshaft werden, und wohl oder übel auch Kultur-Anteile der von ihnen gering geschätzten, unterjochten Bauern-Zivilisationen annehmen.

In Papua Neuguinea endeten Wanderschaften abrupt aus ganz anderen Gründen: Die natürlichen Grenzen der dortigen Insel- und Bergwelt, schlossen weiteres Umherstreifen aus. Deshalb blieben dort die Denkweisen der Besessenheits-Kulte, z.B. bei den Asmat,  nach der neolithischen Revolution) bis heute wie einem Museum erhalten.

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Ahnenkult. Bild aus Konrad G: Asmat: Leben mit den Ahnen, Brückner 1981

Als die Menschen damit begannen, an einem Ort zu verharren, wurden Mütter und Väter nach der Beerdigung nicht mehr zurückgelassen. Ihre Erinnerung blieb lebendig. Man begann mit ihnen zu leben. Man begrub sie unter sich, schlief auf ihnen, und hatte sie ständig um sich herum: als Geist, als innere Stimme oder als Totenschädel.

Körperteile des geliebter Ahnen oder gefürchteter Feinde, wurden einverleibt, oder zerstückelt und (wie uva. in der Osiris-Sage) über die Felder verteilt.

In Europa sind die letzten Belege für rituellen Kannibalismus etwa 2000 Jahren alt. In Papua Neu Guinea wurde er noch bis Anfang 1960 praktiziert. Dier Aufnahme roher Hirnsubstanz geliebter Verstorbener führte dort zu einer degenerativen Erkrankung (Kuru), die noch bis 2006 sporadisch nachgewiesen wurde. (Lancet 2006)

In fruchtbaren Flusstälern und Ebenen baute man den toten Fürsten heilige Hügel, und deponierte sie darauf, damit sie von dort aus  die Feldbestellung beschauen und überwachen konnten. Da ihre Leichname verwesten, ersetzt man sie wohl bald durch haltbarere Statuen aus Holz oder Stein.

„Oma und Opa“ blieben so der Gemeinschaft mit ihren guten Gedanken erhalten und mischten sich als Ahnen, Geister und Götter mit Tabus und Traum-Befehlen ständig in das Alltagsleben ein.

Aus den besonders wichtigen Verstorbenen entwickelten sich schließlich Stammes-Götter und später überregionale Gottheiten, die den Lebenden befahlen, was zu tun sei. Um mit diesen Vorstellungen zu kommunizieren, musste von der Gemeinschaft ein spezialisierter Menschtyp ernährt werden, der weder arbeiten, noch jagen, noch kochen musste: die Schamanen und später die Priester höherer Religionen. Sie zeichneten sich dadurch aus, dass sie besonders leicht, unter dem Einfluss von Trommeln, Tänzen und Drogen, in Trance fielen, um mit den Unsichtbaren im Sinne des Stammes über das Wetter, das Wildvorkommen, die Krankheiten, die Nachbarschaftskriege und vieles andere zu verhandeln.

Der Archäologe Cauvin vertrat die Ansicht, dass es nicht die ökonomischen Zwänge waren, die die Menschen in den Ackerbau trieben. Vielmehr habe sich zuerst das Bewusstsein verändert. Erst die neue Kultur des Lebens mit den Ahnen und den Göttern habe langsam auch zur Entwicklung der Landwirtschaft geführt.

Die bisher (relativ) blutigste Revolution  der Menschheit.

Der psychologische Umbruch von

verlief brutal und gewaltsam.

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Reiterstein von Hornhausen (Sachsen) um 700 n.u.Z. Die Schlange ist besiegt, und wurde in den Untergrund (das Unbewusste) verdrängt.

Im Kampf zwischen „freien“ Nomaden und versklavten Bauern wurde das kreisförmige Weltbild zerschlagen. Je mehr die neue linear-göttliche Ordnung das sich zyklisch-drehende Chaos verdrängte, desto deutlich erschien die Ausweglosigkeit des Endes.  Und angesichts des unausweichlichen Todes (ohne Wiederkehr) erwuchs die Sehnsucht nach einem „ewigen Leben“ im Jenseits. (siehe: Gilgamesh-Epos)

Die totale Vernichtung der zyklischen Chaos-Kultur wird erstmals im Schöpfungsmythos Enumah Elish beschrieben. Die gleichen Kriegsgeschichten blühen dann in immer neuen Varianten in allen Kulturen der Menschheit auf: uva. in Thor & Midgardschlange, St. Georg, Nibelungen, Hesiot, Veden, Quetzalcoatl.

Die neolithische Revolution wirkt bis heute 

Seit vielen zehntausend Jahren wurden Gefangene, Schwächlinge oder Verräter getötet oder kastriert, damit sie sich nicht mehr vermehren konnten. Dann wurden intelligentere, symbolische Kastrationen erfunden: Als Zeichen der Unterwerfung unter eine neue Ordnung wurden in einigen Kulturen Teile des männlichen und in anderen später auch des weiblichen Genitale herausgeschnitten. So konnte Eros dann äußerlich sichtbar abgetötet werden, während die Fortpflanzungsfähigkeit erhalten blieb.

„Sexualität ohne erotische Spannung“ wurde akzeptiert, damit sich die Arbeiter, Leibeigenen und Sklaven vermehren konnten. Auch gewaltsame Sexualität konnte legitim sein, als ein Mittel der Machtausübung im Rahmen von Zwangsheiraten, der Ausübung des „Rechtes der ersten Nacht“ oder bei Vergewaltigungen als Teil der Kriegsführung.

Dagegen wurde das Eingehen starker Liebesbeziehungen (unabhängig von sexueller Orientierung) als schwerwiegende Sünde angesehen. Denn Liebende widersprachen  der neuen Ordnung und konnten gemein-gefährlich sein, z.B. wenn ein Paar sein gemeinsames Glück für wichtiger hielt als die übergeordneten „großen Ziele“ des Staat und der Religion, für die sie sich aufopfern sollten. 

Und so verschwanden mit den starken Frauen auch die zärtlich-liebevollen Männer-Bilder: Die sanften Helden wie Dumuzi und Adonis waren endgültig in die Unterwelt eingegangen, und kehrten nicht mehr wie früher im Frühling wieder zurück.

Sexualität als effektives Mittel, um Eros weiter zu verdrängen

Der moderne Herrscher nach Gilgamesch sollte nur noch einer Frau wirkliche Bedeutung beimessen: seiner Mutter. Seine vielen Sex-Sklavinnen dienten der Triebbefriedigung. Die ständigen Wechsel der Haremsdamen verminderte die Chance, dass sich eine intensive Liebesbeziehung entwickelte. Denn die hätten das Reich gefährdet, wie Nagib Machfus (Radubis), oder Lion Feuchtwanger (Jüdin von Toledo“) erzählen.

Auch die Prostitution, das nach den Hebammen und Schaman*innen drittälteste Gewerbe der Welt, diente (und dient, wie die Pornographie) der Systemerhaltung durch Befriedigung des Sexualtriebes ohne erotische Bindung.

Bini Altar
Bini-Altar aus Bronze, Nigeria um 1900: Oben der mächtige Herrscher mit seinen (beschnittenen?) Frauen. Unten die zertrümmerte Nomaden-Unter-Ordnung mit dem Stier. In der Mitte die Macht der Soldaten, auf die sich der König verlassen kann. Im Zentrum: die alte Frau (die Königs-Mutter) mit dem Zeichen ihrer Macht: dem Mais-Stampfer. Bild: Burland 1965

Erstaunlicherweise ließen sich bis heute trotz intensivster Bemühungen weder die Dynamik der Geschlechterpolarität noch der Homoerotik verdrängen: Die verfluchten erotischen Teufel trieben und treiben in jeder Generation aufs Neue ihr Unwesen.

Vermutlich weil die Anlagen für die starken, für Menschen typischen Paar-Beziehungen vererbt werden.

„Menschen sind zur Liebe fähige Tiere“. Humberto Maturana.

Alle späteren, eros-unterjochenden Kultur-Formen, konnten die ur-menschlich Liebesfähigkeit deshalb nur eindämmen und kanalisieren, aber nie völlig beseitigen.

Immerhin gelang es, die alte Kreis-Philosophie zu kippen. Im Rahmen des linear-zielorientierten Denkens ist sie heute fast gänzlich vergessen. Deshalb erscheint vielen der Tod als das Schlimmste, das ihnen geschehen könnte.

Dabei löst sich die Vorstellung des Todes bei ruhigen Gemüt und klarem Denken ganz von selber auf:

Das schauerlichste Übel also, der Tod, geht uns nichts an; denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr. … Deshalb kann uns der Tod nicht berühren.“ Epikur, Brief an Menoikeus

Wäre es für die, die Epikurs Rat nicht folgen können, nicht wenigstens tröstlich, sich vorzustellen, es gäbe,

statt (wie heute) Anfang und Ende,

(wie damals) nur stetiges Werden und Vergehen?

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Autor: Helmut Jäger