Warum bewegen sich so viele nicht? Oder falsch?

„Ein Drittel der Auszubildenden berichtet über häufig auftretende körperliche und psychische Beschwerden.“ Bei jedem Fünften: „gesundheits-gefährdendes Verhalten wie wenig Bewegung, schlechte Ernährung, wenig Schlaf, Suchtmittelkonsum oder übermäßige Nutzung der digitalen Medien.“ AOK-Fehlzeitenreport, 07.09.2015

Nerven und Bewegungsapparat sind Teil eines Systems.

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Für Gesundheit muss man oft nicht viel tun. Es wäre manchmal schon gut, etwas bleibenzulassen.

Bewegungmangel schadet nicht nur Knochen, Muskeln und Bindegewebe, sondern auch dem Gehirn.

Umgekehrt wirkt die Anregung von leichter Bewegung häufig besser als gezielte Therapien, besonders bei Herz-Kreislaufschäden, Ess-Störungen, neurologischen Krankheiten, Verhaltensproblemen und Autoimmunerkrankungen (1). Deshalb liegt das Sterblichkeitsrisiko bei Menschen, die sich aktiv bewegen, niedriger als bei bewegungsarmen Personen. (2)

Verkümmern wir?

Alle Zellen, die weder trainiert noch genutzt werden, baut der Körper radikal ab.

Fast ein Drittel aller Bürger der USA ab dem sechsten Lebensjahr, sollen keiner erwähnenswerten Bewegungsart nachgehen, wie z.B. „Rasen mähen“ oder „Laub zusammenrechen“ (3).  Und nur die Hälfte aller Amerikaner sollen sich 150 Minuten pro Woche aktiv bewegen (4).

In Frankreich, wo sich über 40% der Bevölkerung körperlich inaktiv verhalten sollen, dürfen  Ärzte deshalb seit dem 10.04.2015 körperliche Aktivität auf Rezept verordnen (5).

Allen guten Erkenntnissen und ärztlichen Ermahnungen zum Trotz: Moderne Menschen bewegen sich immer weniger und konsumieren immer mehr virtuell-flimmernde Bewegungs-Illusion vor ihren Bildschirmen.

Das Athleten-Paradox

Das Athleten-Paradox besagt, dass, obwohl Bewegung die Gesundheit fördert, Extremsport u.v.a. dem Immunsystem schadet. The elite athlete paradox states that, although exercise is good for health, extreme exercise can suppress the immune system. Cox 2015 (6)

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Höher, schneller, weiter – mit dem richtigen Stoff. Bild: Charlie Hebdo 2015

Viele, die sich bewegen, gehen dabei zu hohe Risiken ein. Üblicherweise beträgt eine intensive Dauerleistung eines Menschen nur Zwei-Drittel dessen, was maximal möglich ist. Für sehr kurze Zeiträume kann „Alles“ gegeben werden: in Lebensgefahr oder im ziel-fixierten Wahn. Werden aber die letzten Kraftreserven aufgebraucht, ohne dass sie in Erholungspausen erneuert werden können, folgen Zusammenbrüche und bleibende Störungen.

Leistungssport in Kombination mit Zwang und Doping schadet: u.a. den Gelenken. Besonders riskant ist zu großer Ehrgeiz für Heranwachsende, weil bei ihnen einer kometenhaften Karriere, ggf. lebenslang anhaltende Bewegungs-Einschränkungen folgen können.

Leistungs- und zielorientiert zu trainieren ist deshalb riskant für die Gesundheit.

Bewegung mit Genuss

Für eine günstige Entwicklung der Körperzellen wäre es optimal, wenn die Bewegung, die gerade stattfindet, auch Spaß macht. Deshalb empfahlen schon vor 2.500 Jahren die ersten Ärzte, man solle sich leicht belastet, regelmäßig und mit Genuss bewegen (7).

Mit den meisten Quäl-Maschinen der Fitnessstudios soll aber ein fernes Ziel erreicht werden, dem sich ein „innerer Schweinehund“ unterordnen soll. Das gelingt meist nur vorübergehend, bis schließlich dieser Faulpelz, der es oft gut meint mit den Sklaven der Leistungsgesellschaft, doch gewinnt.

Leben ist bewegt – Tod ist bewegungslos

Körperlichkeit kann als Wert entdeckt werden, als ein wichtiger Aspekt von Selbstgefühl, Persönlichkeit und lebendiger Intelligenz.

In Schulen und Kindergärten könnte daher Bewegungsfreude wieder einen wichtigen Stellenwert erhalten, ohne Leistungsziele, einfach nur um alle Zellen des Körpers gleichermaßen auszulasten. Das Erleben von Bewegung könnte wieder stärker in den Vordergrund rücken, und abstrakte Leistungs-Ergebnisse an Bedeutung verlieren.

Dann müssten natürlich könnten auch die Eltern häufiger ihr Sportschau-Geflimmer abschalten, und mit ihren Kindern im Garten kicken oder Tischtennis zu spielen.

Mehr

Literatur

  1. Kamerow D: Why don’t people excercise, even a little? BMJ 2015, 350:h3024
  2. Barreto P: Has WHO set a smart goal for physical activity? BMJ 24.01.2015, 15-17
  3. Germano S: American inactivity level is highest since 2077. Wall Street Journal 23.04.2015
  4. CDC: Facts about physical activity, 2014
  5. Guardian Weekly; 15.05.2015: How fitness is part of the medical cure
  6. Cox D: The elite athlete paradox: how running a marathon can make you ill. Guardian 27.08.2015
  7. Sparling P: Recommandations for physical activity in older adults, BMJ 31.01.2015, 19-20

Autor: Helmut Jäger