Hat Not auch gute Seiten?

Als Rudolf Virchow 1852 „Die Noth im Spessart“ untersuchte, kam er zur bleibend aktuellen Einsicht:
„Bildung, Wohlstand und Freiheit sind die einzigen Garantien für die dauerhafte Gesundheit eines Volkes.“

Zu viel des Guten ist aber offenbar schlecht für die Gesundheit: Nahrungsüberangebote und arbeitserleichternde Maschinen, bringen Übergewicht und Bewegungsmangel mit sich, und damit Adipositas, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Was geschieht, wenn ein Überfluss plötzlich in Not umschlägt?

Darauf haben kubanische Wissenschaftler eine Antwort gefunden, die die Auswirkungen der wirtschaftlichen Krise der frühen 1990er Jahren untersuchten (Franco 2013).

Nahrungsmitteln, insbesondere Fleisch, Zucker und Genussmittel, waren von 1991 bis 1995 Mangelwaren. Tabak war nur eingeschränkt verfügbar, und es bestand wegen Benzinmangels ein Zwang zu verstärkter körperlicher Aktivität. Man musste lange Strecken zu Fuß gehen oder  Fahrradfahren. In dieser Notsituation ging das durchschnittliche Gewicht der Kubaner um 5,5 kg zurück. Nahezu zeitgleich sank die Zahl der Neuerkrankungen an Diabetes und auch die Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Der dramatischen Wirtschaftskrise folgte dann eine langsame Erholung mit erhöhter Nahrungsaufnahme und einer Verringerung der körperlichen Aktivität. Die Zahl der Übergewichtigen war schließlich dreimal so hoch wie vor der Krise. Mit der raschen Zunahme von Fettleibigkeit stieg die Diabetesrate rasch an, und der Rückgang der Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Erkrankungen verlangsamte sich deutlich.

Mittlerweile soll Fahrradfahren in Kuba unpopulär sein. Es erinnere zu sehr an die glücklicherweise überstandene Notlage.

Für die kubanischen Wissenschaftler stellt sich damit die Frage, wie gesundheitsförderndes Verhalten ohne Not so angeregt werden kann, als wäre man in Not und müsse Fahrradfahren, ob man wolle oder nicht.

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 Literatur

  • Franco M. et. al.: Population-wide weight loss and regain in relation to diabetes burden and cardiovascular mortality in Cuba 1980-2010: repeated cross sectional surveys and ecological comparison of secular trends, BMJ 2013; 346 doi: http://dx.doi.org/10.1136/bmj.f1515 (9. April 2013)
  • Willet WC: Weight changes and health in Cuba. Learning from hardship. BMJ 2013; 346 doi: http://dx.doi.org/10.1136/bmj.f1777 (9. April 2013)