Olympische Spiele: Ein Geschäft wie jedes andere?

Olympia-Nachlese: 22.08.2016

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Sport-Profi. Charlie Hebdo 2015

Die gute Nachricht nach Olympia 2016

Die Welt wurde trotz Doping und Skandalen durch das Hochleistungs-Show-Geschäft etwas abgelenkt. Man musste nach den Fußballevents nicht sofort wieder ständig auf das Elend des Raubtierkapitalismus, der Kriege, des Terrors und der Umweltkatastrophen sehen.

Jetzt drohen Medien-Entzugserscheinungen. Das nächste Mega-Event darf nicht zu lange auf sich warten lassen. Formel 1, Tennis und Bundesliga werden nicht reichen.

Und wie gehts weiter in Brasilien?

  • Wer konnte sich dort an den riesigen Betonburgen, und an den 500.000 Toruristen bereichern?
  • Was geschieht jetzt eigentlich mit den Großbauten? Für Parks werden sie nicht nutzbar sein, denn die Naturflächen sind bleibend versiegelt. Und für den Breitensport taugen sie schon gar nicht. Werden die Gemäuer und Anlagen jetzt ähnlich verrotten, wie die Stadien der Fußballweltmeisterschaft? Mit welchen Folgekosten muss man rechnen?
  • Wie sind die SportlerInnen versorgt, die durch extreme Überlastungen (und „intelligentes“ Doping) in Rio bleibende Gesundheitsschäden davongetragen haben, und aus dem Leistungshamsterrad herausgefallen sind?
  • Interessiert man sich wieder für die Umwelt am Rio Doce, im Amazonas und anderswo? Oder hofft man, dass dieses Elend erfolgreich verdrängt sei.
  • Wie entwickeln sich die inkompetent-korrupten Eliten weiter, die mit ihren Intrigen eine halbswegs integre Präsidentin abserviert haben?
  • Ist jetzt wieder Geld übrig für die Favelas, die Metro, die Stadtbahn, die Drogenprävention, die Mütterversorgung, Kinder …?
  • Und was geschieht mit den vielen Kurzarbeitern, die während der Spiele beschäftigt waren?
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„MIt dem neuen Sattel habe ich keine Schmerzen mehr im Hintern. „Charlie Hebdo 2015

Viele offene Fragen.

Hamburgs Antwort (die Spiele abzuwählen) war angesichts brasilianischer Erfahrung sicher klug.

Text vor Olympia 21.07.2016

Die wirklich gute Nachricht vor Olympia 2016

Die „Olympischen Sommer-Spiele 2016″ finden in den brasilianischen Wintermonaten statt. Die Risiken für Übertragungen von Viren, wie Zika und Dengue, sind dann relativ geringer als in anderen Monaten.

Ein Wermutstropfen:

Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit mit Insektiziden in Kontakt zu kommen, die im Rahmen von Bekämpfungsmaßnahmen eingesetzt werden.

Die Olympische Idee

Der Ursprung der Olympischen Spiele reicht  über 3.000 Jahre zurück. Von 800 bis 400 v.u.Z. wurden sie etwa alle vier Jahre abgehalten. Man verehrte ein gemeinsames ethisches Prinzip (symbolisiert durch den höchsten Gott Zeus) und schlug sich in dieser Zeit (ausnahmsweise) nicht gegenseitig die Köpfe ein. Vermutlich ging es bei dem Fest eher um eine Demonstration männlich-militärischer Fitness, die andere beeindrucken sollte. So durften bei der olympischen Kampfsport-Disziplin Pankration auch die Finger der Gegner gebrochen werden. Und falls der anschließend in einem Würgegriff starb, galt das als Sieg für den Überlebenden.

Ob die Spiele in der Antike fair waren, weiß niemand. Sicher aber begründen sie die westlichen Tugenden: „Höher! Schneller! Weiter! Stärker!“.

Bald durften nur noch die Günstlinge der Mächtigen gewinnen. Und schließlich wurde 356 v.u.Z Philipp von Mazedonien, der Vater von Alexander dem Großen Olympiasieger ohne dabei gewesen zu sein, weil er zuvor das schnellste Pferd gekauft hatte.

Unter römischer Herrschaft verkamen die olympischen Spiele endgültig zu einem dekadenten Show-Event: Nero, der römische Kaiser, lies sie zu seinen Ehren ausrichten, und nahm aktiv als Sänger und Athlet teil. Er bestieg einen Rennwagen mit zehn Pferden, während seine Konkurrenz (wie traditionell üblich) mit vier Pferden fuhr. Vermutlich war aber die Beschleunigung seines Gefährtes zu groß, denn er fiel heraus. Das hinderte ihn aber nicht daran, sich zum Sieger zu erklären.

1876 wurden die Spiele aus romantischen Idealen in Athen neugegründet, in der Hoffnung, sie seien friedens-stiftend und förderten das Interesse an gesunder Bewegung. Beides erwies sich als Illusion.

Sehr nützlich waren die Spiele-Massen-Veranstaltungen dagegen für kurzfristig-kommerzielle Interessen  oder für politische Propaganda (u.a. 1936, 2014).

„Siege im Sport schweißen die Nation mehr zusammen als hundert politische Lösungen.“ Wladimir Putin im ersten Jahr seiner Amtszeit (2000)

Ob sie langfristig für die Gastgeber-Länder ökonomisch sinnvoll sind, wird bezweifelt (NBER 2009). U.a. weil die hinterlassenen Beton-Monumental-Bauten häufig anschließend unproduktiv verrotten. Das „Nein!“ der Hamburger 2015  zu Olympia, zeugt also von langfristig vorausschauendem Denken.

Leistungssport ist ein Geschäft mit Milliarden-Umsätzen.

Körperliche Schäden für die Athletinn/en sind dabei unvermeidbar, weil die Leistungsanforderungen so hoch sind, dass nur bestimmte Einzel-Kompetenzen des Körpers mit übersteigertem Einsatz und „intelligentem“ Doping trainiert werden müssen. Die Ausgewogenheit und Balance körperlicher Funktion wird dabei erheblich gestört. Deshalb sind langfristig Störungen und Verletzungen bei Spitzensportlern und -Sportlerinnen „normal“ und begründen das Geschäftsmodell der Sportmedizin wie u.v.a. in Hellersen.

Leistungssport steigert u.a. das Risiko für Krebs, Leukämie, Hormonstörungen, Nervenerkrankungen (ALS u.a), Schlaganfall und psychische Langzeitfolgen. Doping, Druck, Depressionen: Spitzensportler packen aus. ARTE Dokumentation. Di. 26.07.16 und Mi. 03.08.16 09:25 Uhr (Video frei zugänglich)

„Joggeln“ dagegen wäre „wesentlich gesünder als Joggen!“ (Gerd von Kuhnert, WM-Silber und Bronze im Modernen Fünfkampf). Damit sich aber die Millionen nicht „joggelnd“ bewegen müssen, sondern mit dem Bier in der Hand in der Couch versinken können, und so ihre Bandscheibenvorfälle vorbereiten, erbringen die Gladiatoren des 21. Jahrhunderts Höchstleistungen.

„Die erschütternden Doping Nachrichten reißen nicht ab!“ Bild 22.07.2016

Das einzige, was an dieser Nachricht verwundern könnte, ist, wie lange sich die von „Bild“ u.a. Medien beschworene Illusion hält, die olympischen „Spieler“ seien Amateure, die ihren Sport (gemäß Wortsinn) aus Spaß und Liebhaberei betrieben.

Es sind deshalb die Medien, die sich „enttäuscht“ fühlen, weil sie daran verdienen, dass Leistungssport „sauber zu sein scheint„, aber nicht daran, dass ans Licht gezerrt wird, wie er wirklich ist.

So gilt auch beim Sport die Empfehlung eines sehr erfolgreich korrupten Diktators:

„Il faut voler avec intelligence!“ Man muss mit Intelligenz betrügen! Mobutu Sese Seko anlässlich eines Korruptionsfalles 1987, bei dem sich jemand dumm angestellt hatte.

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Olympische Disziplin Pankration (attische Ton-Schale, 500 v.uZ., Bild Wiki)

Wozu Olympia?

Es gäbe so viele Probleme auf dieser Welt zu lösen. U.v.a. warten in Brasilien immer noch die Bewohner in der Flussregion des Rio Doce vergeblich auf wirksame Hilfen, um ihre zerstörte Umwelt wieder aufzubauen.

Aber unsere Freiheit, die wir gegen Terroristen verteidigen, scheint darin zu bestehen, so weiter zumachen wie bisher:

  • Immer mehr Geld ausgegeben für Suchtmittel und einen Red-Bull-Sport, der aufputscht, ablenkt und betäubt.
  • Und nicht für das, was uns zufriedener und gesünder machen könnte.

Also kommt nach der Fußball-Europameisterschaft, der Tour de France, nach Wimbleton und Formel-1 jetzt Olympia 2016.

Damit die großen „Spiele“ reibungslos ablaufen können, werden in Rio die Favelas durch Polizei-Sondereinheiten „pazifiziert“ (NPR 2016). Interessanterweise, in man dort das Spielen einschränkt, und die spontanen Straßenpartys, die Bailes behindert (TAZ, 24.07.2016).

Stell Dir vor, du wachst auf, und Olympia wurde abgesagt.

Um wie viel ärmer wäre die Welt, wenn man auf globalisierte Medien-Sport-Shows und Welt-Turnier-Business-Events verzichten würde?

Und wenn es dafür mehr Mittel gäbe für die Förderung von Bewegung und Breitensport?

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Eintritt der Gifts-Schlamm-Welle des Rio Doce in den Atlantik (Quelle: Wiki Brasilien)

Info für Brasilien-Reisende

Mehr zur Rio Doce Katastrophe 2015

Wegen der Olympischen Spiele wurden die Finanzmittel Brasiliens zugunsten des Teilstates Rio de Janeiro umgeschichtet (Guardian 17.07.2016).

Für den Erfolg des Medien-Events werden das Rio Doce-Problem im Bundesstaat Minas Gerais und das Leid der dort lebenden Menschen verdrängt. (heute.de 04.05.2016, Wiki-Brasilien)

Mehr zu Bewegung

Mehr zu Zika

Autor: Helmut Jaeger