Bee happy! Sei glücklich!

Optimismus! (Tansania 1983)

Sicherheit ist wichtig!
Aber sicher ist nichts.

Manchmal glauben wir unbekümmert, es könne uns nichts Böses geschehen. … Und schon begegnet uns jemand, der es besser weiß. Und der uns bisher ungeahnte Gefahren zeigt.

Eigentlich müssten wir in ständiger Unsicherheit und Angst leben.

Aber das verbrauchte zu viel und völlig nutzlos Energie. Und es schadete unserer Fitness. Und es hielte uns davon ab, große Taten zu vollbringen.

Eine realistische Weltsicht ist in der biologischen Evolution sinnlos

Die Urmenschen, die die Kraft der Mammuts und das Klima am Rand der Gletscher realistisch beurteilten, hatten es vermutlich schwer, ihre Gene weiterzugeben. Wir stammen deshalb eher von den Jägern ab, die riesige Zotteltiere in wahnhafter Selbstüberschätzung mit primitiven Speeren angriffen, und die halbverhungert durch Eiswüsten stapften.

Um sich diesen Irrsinn anzutun, mussten unsere Vorfahren verrückt (optimistisch) gewesen sein:

Don’t worry be happy! (Bobby McFerrin)

Sind alle Tiere optimistisch?

Tiere nehmen das Staatengefüge ihrer Zellgemeinschaft ‚wahr‘ (zumindest in sehr einfacher Form). Sie unterscheiden ’sich‘ von anderem. Anders könnten sie weder für ’sich‘ sorgen, noch die Bedürfnisse ihres Zellgefüges befriedigen.

Selbst ‚aufgeregte Hühner‘ und ‚dumme Gänse‘ sind dazu fähig:

Vögel sind in der Lage, komplexe negative und positive Emotionen zu erfahren, inklusive Furcht, Zukunfts-Vorstellungen und Angst. Sie treffen Entscheidungen, die nützlich für sie sind. Sie besitzen sogar eine einfache Form der Empathie (emotional contagion). Vögel verfügen über unterschiedliche Persönlichkeiten und prägen erziehend ihren Nachwuchs.  Und sie beobachten sich, lernen voneinander und betrügen sich auch. (Marino 2016, frei übersetzt)

Nicht nur Gorillas, Pferde und Hunde, sondern sogar Ratten empfinden ‚etwas‘. Und sie bewerten den Nutzen einer Wahrnehmung für sich und ihre Gruppe als ‚gut oder schlecht‘. Sie entwickeln Bilder einer Zukunft, die sie durch zielgerichtetes Handeln beeinflussen können. Und bei dieser aktiven Konstruktion ihrer Wirklichkeit erscheint ihnen die Realität als viel zu rosig (Rygula 2012).

Bee happy! Hummeln bei Sex (Bildquelle: Wiki)

Selbst in Hummeln können emotions-ähnliche Zustände ausgelöst werden, in denen sie dann risikofreudiger als zuvor Ziele anfliegen, die sich in der Hälfte der Fälle später als ‚Nieten‘ erweisen können. „Glückliche Hummeln“ (happy bees) scheinen also auch schon optimistische Zukunfts-Strategien zu verfolgen. (Mendl 2016)

Der offenbar ‚tierisch-normale‘ Optimismus scheint beim Menschen noch etwas deutlicher ausgeprägt zu sein. Denn wir

  • verdrängen Risiken, die uns verunsichern, und nutzen z.B. den Straßenverkehr. (Risiko für Verletzung: 0,5% pro Einwohner und Jahr, Quelle: DVR)
  • glauben an Gewinne, selbst wenn die Wahrscheinlichkeit dafür verschwindend klein ist. (Lotto-Chance für ‚Sechs Richtige‘: 1:15 Millionen)

Menschen sind überzeugt, dass es gut werden wird.

Wir glauben an uns, und hoffen auf die Hilfe anderer (oder höherer Mächte). Und dabei überschätzen wir regelhaft unsere Möglichkeiten (Sahrot 2012).

Das ist auch sinnvoll, weil wir so in mehrdeutig-unklaren Situationen, eindeutig-klare Entscheidungen treffen können.

Das ist u.a. der Schlüssel zum Erfolg von Persönlichkeiten wie Donald Trump, dem nachgesagt wird, dass er sich nicht länger als maximal eine halbe Stunde auf eine Sache konzentrieren könne.

Die Befriedigung greifbar nahe zu sehen, macht glücklich.

Verantwortlich für die tierischen Glücksgefühle ist u.a. Dopamin. Ein Hormon, dass „unternehmerisches“ Handeln begünstigt. Wenn Hummeln ein Dopamin-Gegenmittel gegeben wird (Fluphenazine), zeigen sie kein ‚emotions-ähnlich-optimistisches‘ Verhalten mehr (Mendl 2016).

Dopamin belohnt Anstrengungen, die zu einer Bedarfsbefriedigung führen sollen. Werden die Bedürfnisse dann nach dem Energieaufwand tatsächlich befriedigt (durch Fressen, Saufen oder Sex) fällt der Dopamin-Spiegel schlagartig wieder ab. Der Erfüllung eines Bedarfes folgt dann der Verdauungsschlaf.

Viele Menschen z.B. lieben z.B. Einkaufstouren in Konsum-Galerien, um ihrem alten  Jagdtrieb einen Ersatz zu bieten. Schon vor Betreten der Fußgängerzone steigt dabei der Dopamin-Spiegel an. Anschließend auf der Heimfahrt sackt die Dopamin-Wirkung wieder ab, und der Realismus schleicht sich zurück ins Bewusstsein. Von einem schlechten Gewissen geplagt, werden dann die vollen Einkaufstaschen angestarrt. Dopamin-verfälscht war die finanzielle Situation möglicherweise viel zu optimistisch eingeschätzt worden. Und jetzt? War es wirklich nötig, den ganzen Mode-Plunders zu kaufen? Wird er überhaupt gebraucht?

Dopamin kann unsere Hirnaktivität auch langfristig prägen: Unter seinem Einfluss erinnern wir uns gerne an gute Erfahrungen, und vergessen unsere Misserfolge (Roy 2014). Selbst dann erscheint uns die Zukunft relativ chancenreich zu sein, wenn sie (z.B. bei zunehmendem Alter) immer weniger zu bieten hat (Chowdhury 2014).

So hoffen wir also, dass die Roulette-Kugel auf die Farbe rollen wird, auf die wir gesetzt haben. Und tun uns schwer damit aus unseren Fehlern zu lernen (s.u.), und mit dem Glücksspiel aufzuhören.

Dopamin, oder die Kunst, die Möhre im richtigen Abstand baumeln zu lassen

Dopamin wird beim Esel ausgeschüttet beim Anblick von Möhren, die vor seiner Nase baumeln. Getrieben von einer Dopamin-Illusion ist er dann sogar bereit, die Lasten seines Bauern zu ziehen. Allerdings müssen die Möhren genau den richtigen Abstand zu seinen Nüstern aufweisen. Er muss sie riechen können. Und glauben, sie fast schon zerbeißen zu können:

  • Wäre der Abstand zu den Möhren zu groß, bliebe der Esel stehen.
    Weil er erkennen würde, dass dieses Ziel unerreichbar wäre.
  • Hingen sie aber zu nahe, stoppte der Esel.
    Weil er die Möhre fressen würde.

Was für Esel die Möhre sein mag, ist für Bonobos der Sex. Auf ihren Regenwaldlichtungen wird Sex ständig angeboten, und für wenige Nettigkeiten bekommt man ihn auch. Deshalb arbeiten Bonobos nicht. Menschen aber wurden aus diesem Paradies vertrieben und erleben, dass ihre erotischen Traum-Männer und Traum-Frauen hohe Ansprüche haben. Sie wollen durch Leistungen überzeugt werden, und fordern Arbeit und Mühen.

Um Lastesel oder Menschen zu bewegen, müssen die Chancen so aussehen, als könnten sie real genutzt werden. Am besten steht der Gewinn schon vor Augen, und wurde bisher nur „ganz knapp“ verfehlt. Weil es dann trotzdem nicht klappt, ihn zu erhaschen, entstehen Frustrationen. Die dürfen nicht zu groß werden, denn sonst droht das Aufgeben. Deshalb verteilen professionelle Esel-Ausnutzer (wie Lotto) öfter kleine Gewinne. Etwa „5€ für zwei Richtige“, damit dann umso freudiger „10€ für den Super-Jackpot“ gesetzt werden.

So laufen auch die Handlungen der Mehrzahl der Filme und Computer-Spiele ab: Die Helden oder Heldinnen werden mit übermenschlichen Aufgaben konfrontiert, die sie eigentlich nicht bewältigen können. Dann schaffen sie es aber (noch endlosen Mühen und Gefahren) doch, und nun winkt ihnen das Glück in Form von Sex, Geld, Macht. Und damit sind die Geschichten zuende. Denn nach dem Happy-End kann es nur noch langweilig weitergehen oder gar in einer Depression enden.

Es ist gut, die Realität optimistisch-falsch zu sehen. (Manchmal!)

Glück
Glück (Tansania 1984)

Angesichts evolutionärer Überlebenschancen und auch menschlicher Verhaltensstrategien ist Optimismus sehr nützlich (Armor 2008).

Patienten, die an irgendeine Zuversicht glauben, fühlen sich sicherer, eine schwere Krankheit zu überstehen. Und tatsächlich haben sie dann deutlich bessere Heilungschancen. Ihr Immunsystem arbeitet „beruhigter“ und damit effizienter. Deshalb wirkt in der Medizin (scheinbar) „Nichts“. Zumindest dann, wenn es in einer vertrauensvollen Beziehung angewendet wird, die Hoffnungsgefühle vermittelt (s.u. Systemwirkungen).

Die meisten Menschen wagen es erst, die Wirklichkeit so zu betrachten, wie sie tatsächlich ist, wenn sie ’sich selbst‘ sicher sind. Das kann angesichts schwerer Krankheit oder eines unübersehbar herannahenden Sterbeprozesses sehr schwierig sein.

Dann müssen sie darauf zu vertrauen, dass andere ihnen wohlgesonnen sind, und mit ihren Hilfsangeboten keine eigennützigen Absichten verfolgen.

Und schon wieder ist Optimismus gefordert.

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Literatur

Autor: Helmut Jäger