Bleibende Pestizide: Martinique & Guadeloupe

Chordécone: Vorgeschichte bis 2013

Das Trinkwasser der französischen Antillen-Inseln Guadeloupe und Martinique ist nachhaltig pestizidbelastet. 2007 hatte ein Gutachten des französischen Krebsforschers Belpomme ausführlich über gravierende und bleibende Umweltschäden auf den französischen Karibik-Inseln berichtet. Nach einer Anhörung vor dem französischem Senat im Oktober 2007 setzte die französische Regierung Mitte 2008 eine Untersuchungskommission ein, die Umweltrisiken im Zusammenhang mit den Pestiziden Chlordecone und Paraquat und die Auswirkungen auf die betroffenen Menschen analysieren sollte.

Die Ergebnisse der bisherigen Untersuchungen wurden im Februar 2011 in einer Sonderausgabe des Informationsbulletins der Gesundheitsbehörde INVS beschreiben den Umfang des unumkehrbaren ökologischen Schadens und dessen Folgen, mit denen die Bevölkerung der Inseln leben muss. (BEH 2011)

Chlordecone (franz. Chlordécone) ist eine organische Chlorverbindung, die östrogenartige Eigenschaften aufweist und biologisch nicht oder kaum abgebaut wird.

Zwischen 1981 bis 1993 wurde Chlordecone in großen Mengen auf den französischen Antillen eingesetzt um einen Bananenschädling zu bekämpfen. Seit 1979 war bekannt das Chlordecone Karzinome auslösen kann. Sein Gebrauch wurde 1990 auf dem Festland Frankreichs verboten, zwei Jahre später auch auf den Inseln, wo es aber vermutlich weiterhin lange Zeit illegal weiter genutzt wurde. 1999 wurde erstmals über eine hundertfach über dem oberen Grenzwert liegende Konzentrationen von Chlordecone im Grundwasser berichtet. Bei Untersuchungen im Jahr 2005 wies 99% des Trinkwassers hohe Schadstoffkonzentrationen auf. Chlordécone gelangte in die Nahrungskette, wird dort nicht organisch abgebaut und heute finden sich hohe Konzentrationen in Gemüse und auch in Nutztieren. Die Halbwertzeit von Chlordécone beträgt 60-100 Jahre.

Chlordecone wirkt schädlich auf Leber- und Nierenzellen, es hemmt die Spermaproduktion und führt zu Schwangerschaftskomplikationen. Die Substanz bindet u.a. in der Prostata an einem Rezeptor für Östrogene, über den verstärktes Zellwachstum und eventuell auch Malignität vermittelt wird. Ein Zusammenhang zwischen Schadstoffbelastungen und den im Vergleich zu anderen Ländern hohen Raten an Prostatakarzinomen auf den Antilleninseln wurde spätestens seit 2007 vermutet und in einer Studie untersucht (s.u.)

Ein weiteres in Guadeloupe und Martinique angewandtes Pestizid ist die Ammoniumverbindung Paraquat. Die Herstellerfirma beschreibt es als harmlos und nicht umweltschädlich, während Wissenschaftler sein weltweites Verbot fordern.
Empfehlungen

Der Untersuchungsbericht des französischen Gesundheitsministeriums vom April 2010 empfiehlt

  • Gründlichere Kontrolle möglicher Auswirkungen im Rahmen von Langzeitstudien vor Ort.
  • Schaffung von Rechtssicherheit hinsichtlich der Ansprüche von Betroffenen.
  • Suche nach geeigneten biologischen Indikatoren, die eine Beurteilung von Langzeiteffekten erlauben.
  • Schulung der Beamten in professionellerem Umgang mit den bestehenden Umwelt- und Gesundheitsbelastungen.
  • Finanzielle und personelle Verbesserungen im Bereich der Landwirtschaft.

Irreversibel – unumkehrbar

  • Betroffene:
    • Es leben etwa 80.000 Personen in den kontaminierten Regionen. 13.000 von Ihnen führen sich über Nahrung und Wasser über 0,5µg/kg/Tag zu. (Le Monde, Juni 2010)
  • Chlordeconebelastung und Karzinome
    • In einer Studie wurden 623 Männer mit nachgewiesenen Prostatakarzinomen (Altersdurchschnitt 66 Jahre) mit 671 Kontrollpersonen ohne Karzinomdiagnose verglichen und auf Ihre Chlordeconebelastung hin untersucht. (Multigner, Juni 2010). Das Ergebnis bestätigte mit großer Wahrscheinlichkeit einen ursächlichen, dosisabhängigen Wirkzusammenhang zwischen Prostatakarzinomen und Chlordeconebelastung.
    • Da in dieser Studie keine Kinder oder junge Erwachsene untersucht wurden, kann keine Aussage getroffen werden, wie hoch Risken (u.a. auch für Mißbildungen und andere Krankheiten) bei Personen ausfallen würden, die im Mutterleib oder seit ihrer Geburt hohen Schadstoffkonzentrationen im Trinkwasser und in Nahrungsmitteln ausgesetzt sind.
  • Chlordecone in der Nahrungskette
    • Untersuchungen der lebenden Organismen des Flusswassers zeigte eine generelle und schwere Belastung der gesamten Nahrungskette (Coat 2011)
    • Chlordecone wird durch Nutzpflanzen (z.B. in Hausgärten) aufgenommen, die mit kontaminiertem Wasser gegossen werden (BEH 2011).
  • Chlordecone bei Schwangeren und in der Muttermilch
    • 40% der Proben von Milch stillender Mütter in den betroffenen Regionen sind mit Chlordécone belastet. (BEH 2011)
    • Chlordéconebelastungen bei Schwangeren wurden bestätigt. (Guldner 2010)

Der Einsatz von Chlordecone und die noch nicht absehbaren Folgen bergen vielleicht auch Chancen: Ministerien, Institutionen, Wirtschaft und auch die gesamte Bevölkerung könnten daraus lernen.

Erfahrungsgemäß gestalten sich solche Lernprozesse schwierig. Bis 2016 war davon noch wenig zu spüren. Denn noch ist der Leidensdruck relativ gering und scheinbar auf entfernte Weltregionen begrenzt.

Mehr 

Literatur

erste Berichte:

  • BEH (Bulletin épidémiologique hebdomadaire), 08.02.2011: Chlordécone aux Antilles : bilan actualisé des risques sanitaires – Chlordecone in the French West Indies: updated assessment of health risks (Französisch, Zusammenfassungen in Englisch)
  • Coat S et.al:  Organochlorine pollution in tropical rivers (Guadeloupe): Role of ecological factors in food web bioaccumulation Environmental Pollution 2011, 159(6):1692-1701
  • Guldner L et. al: Pesticide exposure of pregnant women in Guadeloupe: ability of a food frequency questionnaire to estimate blood concentration of chlordecone. Environ Res. 2010 110(2):146-51
  • Multigner L et.al.: Chlordecone exposure and risk of prostate cancer. J Clin Oncology 2010, 28 (21): 3457-62
  • Reiner E et al: Advances in the Analysis of Persistent Halogenated Organic Compounds, LC·GC Europe 23 (2010) 60−70

Literatur ab 2016

  • Cordier S et al: Perinatal exposure to chlordecone, thyroid hormone status and neurodevelopment in infants: the Timoun cohort study in Guadeloupe (French West Indies). Environ Res. 2015; 138:271-8.
  • Costet N etal: Perinatal exposure to chlordecone and infant growth. Environ Res. 2015 Oct;142:123-34. Epub 2015 Jun 30.
  • Multigner L et al: Chlordecone exposure and adverse effects in French West Indies populations Environ Sci Pollut Res Int. 2016; 23: 3–8. Published online 2015 May 5
  • Nedellec V: Public health and chronic low chlordecone exposures in Guadeloupe; Part 2: Health impacts, and benefits of prevention. Environ Health. 2016 Jul 19;15(1):78.
  • Deloumeaux J et al: Prostate cancer clinical presentation, incidence, mortality and survival in Guadeloupe over the period 2008-2013 from a population-based cancer registry. Cancer Causes Control. 2017 Nov;28(11):1265-1273.

Zusammenfassung (PowerPoint)

Autor: Helmut Jäger