Aufhören Pillen zu schlucken?

Don’t keep taking the tablets (BMJ, 12/2013)

Der Verbrauch an Antidepressiva hat sich in den Industrieländern in den letzten 10 Jahren verdoppelt. Die Dauer der Behandlungen habe ebenso zugenommen, wie die Therapien milderer Formen von Depression, Angst oder sozialen Störungen (OECD 2013).

2011 nahmen 11% der Amerikaner über 12 Jahre Antidepressiva ein. Während die Zahl der Verschreibungen stieg, blieb die Häufigkeit von Depressionen in bevölkerungsbezogenen Untersuchungen gleich oder sank sogar (Dowrick 2013). In einer Studie trafen eindeutige diagnostische Kriterien nur in 38% der Fälle zu, bei denen eine Depression klinisch festgestellt worden war. Als mögliche Ursachen für die Inflation von Depression (oder neu-deutsch „Burn out“) werden Marketingstrategien diskutiert. Auch die Überbetonung biologisch messbarer Folgen psychologischer, sozialer und kultureller Probleme spielt eine Rolle.

Neben den ökonomischen Vorteilen für Hersteller und Anbieter führt die Medikalisierung des Gefühls „Nicht glücklich zu sein“ (Dowrick 2013) zu deutlichen Nachteilen für Versicherer und Patient/innen: hohe Kosten, Nebenwirkungen und Abhängigkeiten.

Zu Recht wird aber auch daraufhin gewiesen, dass tatsächlich immer häufiger Menschen an Belastungsstörungen und Erschöpfung leiden. Gerade in Anfangsstadien müsste daher qualifizierte Unterstützung angeboten werden (Jessup 2013).

Die Gabe von Antidepressiva ist natürlich auch bei beginnenden Krankheitszeichen wirksam. Etwa ebenso stark wie die Verschreibung von „Plazebo-Pillen“ (Fournier 2010). Solche Bonbons lösen allerdings keine Nebenwirkungen aus. Hinter dem „Plazebo-effekt“ verbirgt sich im Wesentlichen die Erzeugung eines Sicherheitsgefühls durch Zuwendung, Sorge und Schutz.

Pillen sind für diese starke Wirksamkeit von scheinbar „Nichts“ unnötig. Professionelle, anteilnehmende, offene und vertrauensvolle Gespräche wären ausreichend.

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Literatur

  • Dowrick C: Too Much Medicine: Medicalising unhappiness: new classification of depression risks more patients being put on drug treatment from which they will not benefit. BMJ 2013;347:f7140
  • Fournier JC et al.: Antidepressant drug effects and depression severity: a patient-level meta-analysis. JAMA 2010;303:47-53.
  • Godlee F (Ed): Don’t keep taking the tablets, BMJ 11.12.2013;347:f7438
  • Jessup St: Patient perspective: mild depression must not be ignored, BMJ 2013;347:f7225
  • Organisation of Economic Co-operation and Development. Health at a glance 2013: OECD indicators. 21 Nov 2013.
    Kommentar: BMJ-Dez-2013

Autor: Helmut Jäger