Randale: Irrsinn oder sinnlos?

Irrsinn macht Politiker (immer wieder) fassungslos (Spiegel 09.07.2017)

„Wo Jugendliche nicht selbst gehört werden, wo sie keine Stimme haben, nichts bewirken können, da wächst die Neigung zur Idealisierung von Gewalt als politischer Aktion. Eine Tatsache, die im Hinblick auf Jugendunruhen und -bewegungen der letzten Jahrzehnte längst Konsequenzen hätte haben müssen. Wenn jetzt in den Metropolen des Landes von „Banden“ die Rede ist, von Gewalt und von einer „Zeit-bombe“, die in der Jugendszene tickt, dann soll damit wohl auch von den jugendpolitischen Versäumnissen der Vergangenheit abgelenkt werden“. (Berentzen 1992)

Wieder einmal rufen Politiker nach mehr Polizei, mehr Überwachung, mehr Bekämpfung von … ja, von wem eigentlich noch? Und kaum jemand findet Worte zu den Ursachen der „Zeitbombe“, die schon vor Jahrzehnten beschrieben wurden. (Pilz 2003)

Mittlerweile kommt gewalttätiger Irrsinn von allen Seiten: von rechts, von links, von Hooligans, von Fans, von Partybesuchern unter Drogeneinfluss und von Religions-Fanatikern.

Sollte man da nicht einen Moment innhalten und Fragen stellen?

  • Sind solche Massenphänomene vielleicht gesellschaftliche Krankheitserscheinungen?
  • Haben Sie auch etwas Sucht zu tun (insbesondere auch mit Speed und anderen Amphetaminen)?
  • Schafft es die virtuelle Ablenkungs- und Suchtindustrie zunehmend nicht mehr all die Frustrierten, Abgehängten, Labilen und Geängstigten sozial verträglich ruhig zu stellen?
  • Gibt es außer „Weiter so!“ noch einen erkennbaren Sinn, oder gar eine soziale oder ökologische Vision?
  • Schwindet der gesellschaftliche Konsens?
Massen Trance
Massen Trance (Tansania 1983). Positiv: Karneval, Sport-Event, Love-Parade und Negativ: Randale, Krawall, Ausrasten

 

 Für Krisenlösungen bieten sich meist zwei Wege an:

  • Man kann die Krankheitserscheinungen „mit aller Härte“ bekämpfen: So weiterwachsen wie bisher und entschlossen gegen immer neue innere und äußere Terroristen, Chaoten und Irre vorgehen.
  • Oder man könnte aus Krisen lernen. Dazu müsste man Krankheitszeichen als Signale annehmen. Und Ursachen und Zusammenhänge von Massen-Wahnsinn untersuchen. Und schnelle Reflexhandlungen durch langfristige Strategien und Visionen ersetzen. Durch etwas, für das es lohnen würde, sich zu engagieren. Für eine nachhaltig lebenswerte Zukunft auf diesem Planeten z.B.

Fragen statt vorschnell antworten

Man könnt z.B. an den Gedanken des Psychiaters Victor Frankl anknüpfen, dem es gelungen war den KZ-Wahnsinn zu überleben. Er glaubte, „der Mensch sei ein Wesen auf der Suche nach Sinn!“. Verlören Menschen den Sinn, so würden sie gewalttätig. Gäbe man ihnen den Sinn wieder, würden sie (aus sich heraus) nützlich tätig sein.

Krawall
Fußball-Krawall in Leipzig 2007

Wäre Sinn nicht ein fruchtbares Thema für die Politik?

Stattdessen wird es, so fürchte ich, im Wahlkampf weiter um „nachhaltiges Wachstum“, dessen „gerechte Verteilung“ und die „sichere Abschottung unseres Besitzes gehen“.

Damit wäre dann die nächste Randale absehbar, und müsste deshalb eigentlich in ihrem künftigen Ausmaß niemanden erschrecken.

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Autor: H. Jäger