Real people: Wa(h)re Menschen?

Wa(h)re Geschichten von wirklichen Menschen

versprach die bunte Tüte, in der Socken, Jeans und Hemden landeten.
Sind sie nicht faszinierend:

Arbeiterklasse
REAL people. REAL products. TRUE stories. Fisherman (Antonio Santopolo). Destillatore di oli essenziale (Franz Niederkofler). Web: CMP.campaniolo.it

Nach Che Guevara scheinen jetzt auch „wahre“ Vertreter der Arbeiterklasse (wie im sozialistischen Realismus) sexy zu sein. Vielleicht, weil sie aussterben. Oder weil übergewichtige und unbewegliche Konsumentinn/en sich nach „echten Wirklichkeiten“ sehnen?

Arbeiter
Ilya Repin (1870-1873): Burlaken an der Wolga. („Yo, heave ho!“)

Früher war harte Arbeit unromantisch.

Die Proletarier der Wolga trugen, im Gegensatz zu den Dressmen auf der Papiertüte, Lumpen, Dreckschuhe und abgeschabte Mützen. Aber sie zogen noch gemeinsam in eine Richtung. Auch wenn sie mit ihren Kräften am Ende waren.

Der Mode-Bauer

scheint glücklich allein zu sein. Seine alberne Verrenkung würde beim wirklichen Hantieren mit einer Stechgabel in kurzer Zeit zu einem Bandscheibenvorfall führen. Denn für horizontal-verbiegende Kraftübertragungen ist die Lendenwirbelsäule ungeeignet. Nur die nahegelegenen Hüftgelenke können unter Belastung drehen. Der hier demonstrierte, katastrophale Mangel an Körpergefühl bleibt höchstens bei einem Foto-Shooting folgenlos.

Der Studio-Fischer

ist von dem, was er da offenbar tun soll, gänzlich getrennt. Die Last des gespannten Netzes zieht nach vorn, dorthin wo vermutlich ein Assistent die Strippe halten muss. Dieser fröhliche Arbeiter, in seinen fabrikneuen Klamotten, verdreht den Kopf nach hinten. Das ist nur bei einer Entspannung von Halswirbelsäule und Rücken (also ohne Zug) möglich. Dazu passt, dass er, offenbar abgelenkt, professionell lacht, denn der Job soll ja Spaß machen. Warum aber spannt er dann den rechten Arm an, so als zöge er gerade? Wäre die Kaffeepause eingeläutet, könnt er den Arm ja sinken lassen. Da er ihn aber festhält, soll vermutlich das Netz, noch nicht ganz eingeholt, mit den Fischen darin, ihn ein wenig in Richtung Meer ziehen. Dann aber wäre es sehr ungünstig, die Aufmerksamkeit abgleiten zu lassen. Amateure, die so etwas an Bord tun, fallen schnell über die Reling. Aber die hier demonstrierte Zerrissenheit von Körper und Geist wird den wenigsten auffallen, weil sie im modernen Leben so vertraut ist, als sei sie normal: Immer „sollen“ wir, „wollen“ aber eigentlich nicht, und hoffen auf die Pause.

Auch Rumpf und Beine des Dressman-Fischers vollziehen Merkwürdiges: Wohin z.B. zieht sein rechter Arm? Wirksam wäre eine Verbindung in eine gesunkene linke Hüfte, um so den Zug des Netzes spiralig mit dem Gewicht des ganzen Körpers zu verbinden und auszubalancieren. Dazu müsste aber die gegenüberliegende rechte Hüfte frei und gelöst sein. Diese aber steht bei ihm gestreckt hoch, während zugleich das linke Knie eingeknickt ist. Unter Belastung wäre eine solche Verkrümmung, die kraftvoll aussehen soll, gefährlich unwirksam. Sie könnte nur durch starke Kontraktionen der Beinmuskulatur gehalten werden. Das aber würde das Knie weiter vor den Fuß schieben, und so dafür sorgen würde, dass der Meniskus maulte.

Die Redbullisierung des Lebens.

Der Erfolg dieser „wa(h)ren“ Reklame wurde sicher anhand von Verkaufszahlen evaluiert. Sie spricht die Ur-Instinkte richtiger Kerle an, und natürlich auch die der Frauen und Männer, die von gut-gelaunten und lebenserfahrenen Pseudo-Naturburschen träumen.

Für dieses Image müssen Männer leiden, ihr Geld in Fitnessstudios tragen und dort bis zur Erschöpfung schwitzen. Sie sollten sich auch bei in einem „geilen“, naturbezwingenden Hobby oder bei technikverliebtem Sport verausgaben, und so die Illusion „echter Körperkompetenz“ glaubhaft zur Schau zu tragen. Schön, fit, hyperaktiv, klug und erfolgreich werden sie dann sicher „echt angesagte“ Partnerinnen oder Partner finden, mit denen sie von einer Party, einem Event, einem Spiel zum nächsten eilen können.

Mehr

Sind wir …

Noch mehr

Artikel: H. Jäger

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Spamschutz! Bitte tragen Sie die fehlende Zahl ein: *** Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.