Risiko Gesundheits-App? (2/2)

Risiko Gesundheits-App? (1/2)

Ein sicheres Zeichen für Gesundheit: „Kein Bedarf für Gesundheitsprodukte!“

Leben ist offenbar dann gesund, wenn es wächst, sich entwickelt und gedeiht, und alle Möglichkeiten nutzen kann, die sich ihm bieten.

Das geschieht, wenn keine unnötige Energie für die Lebenserhaltung verbraucht werden muss. Dann, wenn sich

  • innere Prozesse und äußere Beziehungen reibungs-arm gestalten,
  • aktive und passive Phasen rhythmisch abwechseln, und
  • innere Kräfte gut an die äußeren Bedingungen anpassen können.

Genesung hat mehr mit Akzeptieren und Zulassen zu tun, als mit Problemlösungen

 … ruhig und langsam die Natur sich selber helfen lassen, und nur sehen, dass die umgebenden Verhältnisse die Arbeit der Natur unterstützen.“ Ellen Key

Sobald ein Ziel erreicht werden muss, entsteht ein Konflikt zwischen dem, was ist (dem Problem), und dem was sein sollte, und unter Anstrengungen erreicht werden muss.

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„Ich“: ein kluger Kopf – und ein mangelhafter Körper, der ihn trägt. (Jäger 2015)

Ein Algorithmus könnte z.B. Bewegungsarmut dokumentieren und dazu zwingen „Herz und Lunge“ besser zu trainieren. Das wird aber sicher den zähen Widerstand des „Inneren Schweinehundes“ wachrufen, den das Hirn dann bekämpfen soll.

Es sind oft solche Befehle eines zielorientiert-problemlösenden Gehirns, die den Körper krank machen, weil sie zu Fehlsteuerungen führen: zu nicht-abgestimmten Belastungen und zu Mangel an Schlaf, Ruhe, Erholung, entspannter Bewegung, ausgewogener Ernährung …

Dann zwingen erst ein Herzinfarkt, eine Darmerkrankung, eine Immunstörung, ein Burn out oder ein Bandscheibenvorfall schlagartig  dazu, das Diktat des stress-auslösenden Zielfixierung zu unterbrechen. Die Lösung der Verhaltensweisen, die den Körper erkranken leissen, kommt anschließend selten von dem Persönlichkeitsanteil, der sie verursacht hat. Auch dann nicht, wenn sich dieser durch Apps bestens informiert und hoch-kompetent wähnt.

Gesundheit ohne App?   

Kinder sollte man einfach mal in den Wald schicken und sie machen lassen: Blätter und Stöcke sammeln, querfeldein rennen, durch Blätterberge waten. Der klassische Waldspaziergang lüftet durch und ist zudem die günstigste Form der Entschleunigung. Kinderarzt Remo Largo, in FAZ 09.09.2016

Manchmal kann der innere Kontroll-Freak, der sich an Einzelinformationen, Begriffen, Daten und Zahlen orientiert, etwas beruhigt werden. Dann beginnen andere Großhirn-Funktionen zu dominieren, die alles wahrnehmen und gleichzeitig verarbeiten: Raum, Zeit, Bewegung, Geschehnisse, Beziehungen, Rhythmus und Zusammenhänge. Ein Tunnel, durch den auf ein Ziel gestarrt wird, kann sich weiten, und so werden dann Entwicklungen, Möglichkeiten und Veränderungen wahrnehmbar.

Aus diesem Zustand begriffsloser Klarheit kann auch ein Bewegungsfluss entstehen (Flow): bei einer ruhig-gleichmäßige Tätigkeit, beim Handwerk, kreativen Arbeiten, beim Tanzen oder Musizieren oder in der Kunst. Solche erlernten Handlungsmuster können rhythmisch, kreativ und künstlerisch ablaufen, scheinbar wie von selbst, ohne gesteuert werden zu müssen.

In einer anschließenden Ruhephase kann sich das ganze Großhirn beruhigen. Gefühle des Mittelhirn gewinnen dann an Gestaltungskraft. Und wenn denen genauer zugehört wird, werden auch die zahllosen Meldungen der vom Kopf weit entferneten Körperorgane bewusster.

Vieleicht entsteht auch eine unmittelbare (wortlose) Kommunikation mit anderen Menschen, Tieren, Pflanzen oder der Umwelt.

Sinkt dann die Aufmerksamkeit noch weiter in Richtung körperlicher Funktionen, bis zu den einfachen Strukturen des Gehirns, können elementare innere Bewegungen ins Bewusstsein rücken: Atmung, Herz, Darmbewegungen …

Oder es können äußere Bewegungen, die schon millionenfach wiederholt wurden, Kleinhirn-gesteuert automatisch ablaufen. In solchen Zuständen gehen bei einer völligen „Leere“ des Gehirns alle Nerven- und Körperfunktionen in der Situations-Dynamik auf.

Yoga geht noch einen kleinen Schritt weiter und überlässt die Dominanz dem Stammhirn, der Nahtstelle zwischen Körper und Gehirn: Im ruhigen Rhythmus der Atmung entspannen dann Muskeln, Herz und Geist gleichermaßen. Das Empfinden eines „Ich“, das zuvor im Gehirn zu sein schein, kann sich auf den ganzen Körper mit all seinen Zellen ausdehnen.

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„Die Tiefe des menschlichen Herzens lässt sich nicht ausloten.“ Gemalt in Mo Hsieh-shih von Chang Ta-ch’ien.

In China versuchte man die Aufmerksamkeit noch weiter sinken zu lassen, so dass scheinbar das Herz auf das Gehirn steuernd wirkt und nicht umgekehrt. So als sei das Körperzentrum der wesentliche stabil-ruhige Rhythmusgeber, dem sich Atmung und Gehirn anpassen. Das als Möglichkeit für sich wahrzunehmen, erfordert für Westler etwas Übung. Gelingt es aber, wirkt es sehr entspannend und eröffnet zudem die Möglichkeit zur Erzeugung besonders energie-voller Bewegungen.

Selbst das ist noch nicht das Ende der Möglichkeiten sich als einen Körper wahrzunehmen. Denn der Körper besteht nicht nur aus Nerven und Muskeln, sondern ganz wesentlich auch aus Bindegewebsfasern, die jede Zelle durchweben und den ganzen Organismus zusammenhalten. Diese Fäden können sich bündeln, wie in einem Trampolin dehnen, dabei Energie speichern, und sie ent-dehnend wieder frei setzen. Diesen Prozess klar wahrzunehmen ist vielen fremd, da die Informationsübertragung von Bindegewebssträngen mit Schallgeschwindigkeit abläuft, bei Informationsleitung über die Nervenzellen aber nur mit wenigen Metern pro Sekunde. Die Faszien-Dehnung und Ent-dehnung entscheidet aber im Alltag, wann genau (!) ein Fuß aufgesetzt und eine Hand angelegt wird. Das Gehirn schafft nur die Voraussetzungen für eine effektive Arbeit der Faszien und beobachtet stets erst im Nachhinein, was die Bindegewebe gerade geleistet haben.

All dem kann man (und frau) nachzuspüren: der Weitsicht, dem Flow, den Gefühlen, der Atmung, dem Herzen, den Bauchorganen und schließlich den Faszien.

Dafür wäre es allerdings nötig, das Smartphone aus der Hand zu legen und die App-Armbanduhr abzuschnallen.

„Fitness trackers fail.
These devices should not be relied upon as tools for weight management in place of effective behavioral counseling for physical activity and diet.“  Fazit einer Studie mit 470 Teiln. über 2 Jahre (Jakicic, Uni. Pittsburgh 20.09.2016) 

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Literatur

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