Schulmedizin, Alternativmedizin oder gute Medizin?

artemesinin
Artemesinin (chinesischer Beifuß). Chinesisch-schul-medizinisch: seit 2.000 Jahren. Alternativ-medizinisch in Europa im Rahmen der TCM. Europäisch-schul-medizinisch: in Malaria-Medikamenten seit 15 Jahren.

Im Deutschen Ärzteblatt wird dafür geworben, „Komplementäres und Alternatives“ „ohne Vorurteile“ zu prüfen (Hübner 2015). Und auch die Wirkung von „Placebos“ solle die wissenschaftlich orientierte Medizin ernster nehmen (Jütte 2014). Das geschieht allerdings auch ohne solche Aufrufe, weil immer mehr „Individuelle Gesundheitsleistungen“ verkauft werden, und sich der Markt der Gesundheitsprodukte, ob wissenschaftlich begründet oder nicht, in alle Lebensbereiche ausdehnt.

Bei dieser Dynamik werden die Begriffe Schul- und Alternativmedizin gebraucht, um in unfruchtbaren Debatten „Gegner“ und „Befürworter“ irgendeiner Methode in eine Ecke stellen zu können. Damit kann dann ein Glaubensstreit ideologisch ausgetragen werden, und man muss nicht rational miteinander reden.

Schaut man etwas genauer hin, verlieren die schwammigen Begriff „Schul-„ oder „Alternativmedizin“ an Bedeutung, oder erweisen sich als Nebelkerzen.

Schulmedizin?

Das älteste an einer Akademie unterrichtete Lehrgebäude ist das chinesische (Maoshing 1995). „Verschult“ ist auch die klassische Homöopathie. Und die konventionell-europäische Medizin wurde natürlich auch an Universitäten unterrichtet: zur Ader lassen, schröpfen, kneifen und den Darm reinigen. Die Erinnerung an vieles, was einmal zum modernen, anerkannt „schul-medizinischen Standard“ gehörte, ist heute eher peinlich: z.B. die „radikale Brustentfernung“ des amerikanischen Chirurgen William Halsted. Um den Krebs zu heilen, entfernte er bei den betroffenen Frauen auch den großen Brustmuskel. Diese Art der Verstümmelung galt etwa hundert Jahre als Gold-Standard der Brustkarzinom-Behandlung (Durst 1977).

Heute operiert (hoffentlich) niemand mehr nach der Halstedt-Doktrin. Anders bei der Psychochirurgie: Darunter versteht man die chirurgisch-messerscharfe Behandlung psychischer Leiden und Verhaltensstörungen (Freeman 1936). Der nicht chirurgisch-ausgebildete Psychiater Walter Freeman praktizierte sie durch einen einfachen Zugang zum Gehirn, und durchstieß die Augenhöhlen mit einem Eispickel-artigen Instrument. Damit zerstörte er bei (ihm) psychisch auffällig erscheinenden Menschen oder bei stationär-psychiatrisch behandelten Kranken essentiell wichtiges Hirngewebe („frontale Lobotomy“). Die Krankheit, an der die Menschen litten, war dann tatsächlich verschwunden, allerdings ebenso die Persönlichkeit dieser Menschen, die anschließend in Asylen vegetierten. Bis 1967 wurden nach dieser „schul-medizinisch anerkannten“ Methode mindestens 40.000 Menschen operiert, allein von Freeman 3.500. Schließlich wurde seine gehirn-zerstörende Methode, die manchmal auch tödlich endete, nicht mehr praktiziert, weil der Nutzen gegenüber den angerichteten Schäden nicht erkennbar war. Eigentlich hätte diese Katastrophe die „schulmedizinische“ Geschichte der Psychochirurgie beenden müssen, stattdessen ebnete Freeman aber den Weg für immer feinere Weiterentwicklungen neurochirurgischer Eingriffe in die Psyche, die bis heute weiterbetrieben werden (Rowland 2005, Mashour 2005, Jeha 2007, Lapidus 2013).

Ist Psychochirurgie, weil sie weiterhin auf höchsten technischen Standards neurochirurgischen Hochleistungs-Abteilungen praktiziert wird ein schul-medizinisches Verfahren? Oder gefährlich-alternativer Blödsinn?

Ähnlich schwierig ist die Einordnung „tiefen-psychologisch“ fundierter Psychotherapie und analytischer Psychotherapie. Sie müssten eigentlich als schul-medizinisch gelten, weil sie es vor einem halben Jahrhundert noch waren und ihre Kosten bis heute von den Krankenkassen erstattet werden. Allerdings lässt sich ihre Wirksamkeit gegenüber anderen Methoden wissenschaftlich nicht bestätigen, sie haben vor dem Hintergrund moderner Hirnforschung ihre Plausibilität verloren und oft ist das Ende dieser Therapien, auch das Ende des Problems (Watzlawik 2012).

Ist die Anwendung von Antibiotika ohne eindeutige Diagnose, um Grippe-Patienten zu beruhigen schul-medizinisch? Oder allgemein die Behandlung mit hochwirksamen Medikamenten, die (im konkreten Zusammenhang) „spezifisch schaden“, aber ggf. „nur diffus nutzen“? Und wie ist es mit der Behandlung von Lebensproblemen mit Psychopharmaka? Oder mit den Vernichtungs-Strategien gegen so genannte „chronische Infektionskrankheiten“ (u.v.a. Borrelien), deren Existenz behauptet wird, die aber kein seriöses Labor nachweisen kann.

Was spricht also dagegen, hier Klarheit zu schaffen und den Begriff „Schulmedizin“ ganz wegzulassen. Und ihn dafür, je nachdem was gemeint ist, zu ersetzen durch „spezifisch auf ein Problem einwirkende Medizin“, die

  • wissenschaftlich überprüft wird (Evidenz basierte Medizin), oder
  • in einer Leitlinie beschrieben ist, oder
  • durch Standards einer Qualitätssicherung zugänglich ist.

Was ist demgegenüber alternativ?

Alternativ wäre ein Verhalten, dass sich aus guten Gründen nicht an die Weisheit der Mehrheitsmeinung hält. Zum Beispiel gehörte es 30 Jahre zum geburtshilflichen Standard, Schwangere vor der Geburt mit einer Fruchtwasserspiegelung zu quälen, die sich 1962 Werner Saling (der Erfinder der programmierten Geburt) ausgedacht hatte. Ein Minderheit von Geburtshelfern/innen wollten den Frauen aber natürliche Geburten ermöglichen und lehnten auch die Amnioskopie ab. Solange bis sie mangels Nutzen endlich abgeschafft wurde.

Das, was früher einmal alternativ war, kann sich manchmal tatsächlich zu einer universitär empfohlenen Standardmethode mausern. Zum Beispiel die Art der Cholera-Behandlung, die Florence Nightingale Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelt hatte. Sie pflegte ihre Cholera-Infizierten in hygienisch sauberen Räumen mit frischer Bettwäsche, sie kümmerte sich liebevoll um sie, sorgte für reichlich Flüssigkeitszufuhr und hielt von ihnen Menschen fern, die die Cholera-Infektion „bekämpfen“ wollten (damals mit Aderlass – heute wäre es, genauso sinnlos, „mit Antibiotika“). Weiteres Beispiel: Homöopathie 1/2. und  2/2.

Ein anderes Beispiel für eine gelungene Methode außerhalb des Expertenkonsens ist die so genannte „Känguru-Methode“ zur Aufzucht untergewichtiger Frühgeborener. Diese werden auf die nackte Haut der Mutter gelegt, warm eingepackt und herum-getragen, wobei sie Mamas Herzschlag beruhigt. Bevor man das tat, lagen sie hygienisch korrekt und isoliert von Mama in ihrem Brutkasten. Die „alternative“ Methode wurde in Lateinamerika entwickelt, kam von dort u.a. nach Österreich und setzt sich seither als wirksames Konzept langsam aber sicher durch (siehe auch Bonding: 1/2 und 2/2.

Die große Masse der „Alternativen- oder Komplementär-Medizin“ oder der „unkonventionelle Therapien“ gründen sich dagegen auf etwas anderes: Sie bieten gegenüber dem gängigen Medizinverständnis ein anderes Krankheits- oder Gesundheitsmodell, dass nicht, oder mit konventionellen Methoden nur sehr schwierig, überprüfbar ist. D.h. man muss daran glauben, oder zumindest akzeptieren, dass die Welt auch so sein könnte, wie es das Erklärungsmodell beschreibt, um dann auszuprobieren was geschieht, wenn die Methode angewandt wird.

Viele Menschen, die ein Scheitern der Beseitigung ihrer Krankheits-Probleme erlebt haben, suchen andere Erklärungsmodelle, die ihrem Leid einen neuen Namen geben und alternative Wege der Bekämpfung eröffnen. Entsteht dann eine Besserung, lag es für sie oft daran, dass die alternative Methode wirkte, veränderte sich aber nichts, dann lag es sicher an der falschen Art der Anwendung, die daher modifiziert werden müsse.

Wenn das so ist, entwickelt sich Abhängigkeit. Dann werden in einem „esoterischen“, „übersinnlichen“, nicht-definiert-ganzheitlichen Nebel eines Glaubenssystems Schein-Krankheiten bekämpft, und die Betroffenen lernen nur wenig, wie sie ihre Lebensprobleme selbst angehen können. Stattdessen droht ihnen eine Verschlimmbesserung ihres Leidens durch Scharlatanerie, Plazebologie oder den Kommerz der individuellen Gesundheitsleistungen oder der Drogeriemedizin.

Es ist aber ebenso möglich, das alternative Modelle der Gesundung in einer empathischen Beziehung starke „nicht-spezifische“ Wirkungen entstehen, die eine Gesamtpersönlichkeit anregen. Sie können zu einem ruhigeren, energie-volleren Zustand führen und eine Veränderung des Verhaltens nahelegen. Solche System-Wirkungen unterscheiden sich von spezifischen Effekten, die an einem Teil oder einem Faktor ansetzen, die also punktgenau, wie ein modernes Arzneimittel, einen ganz bestimmten, einzelnen Rezeptor treffen.

Akupunktur ist z.B. eine Methode, deren spezifische Einzelfaktorwirkungen relativ klein sind (gegenüber Spritzen mit einem Medikament). Akupunktur löst aber erhebliche „nicht-spezifische“ Wirkungen aus (GERAC 2007), die lindernd oder selbstheilungs-förderlich sein können. Gründe dafür sind die Erfahrung einer schmerzhaften Hautverletzung, von der die Erwartung ausgeht, dass sie nutze (wie beim Impfen) , und die vorausgegangene Kommunikation durch die körperliche Untersuchung und das therapeutische Gespräch. Ein anderes Beispiel für eine fast ausschließlich „nicht-spezifische“ Wirkung wäre der Beruhigungs-Effekt durch eine Klangmassage, der sich von der spezifischen Wirkung eines Beruhigungsmittels, das an einem Zellrezeptor ansetzt, deutlich unterscheidet.

Ein Denkfehler bei vielen „alternativen Methoden“, die in erster Linie über psychologische Prozesse wirken, ist es zu behaupten, dass sie gar nicht „systemisch“, sondern tatsächlich „spezifisch“ wirksam seien. Denn nur dann könne man glauben, dass ihre Methode wirke. Das Vorgaukeln einer vermeintlichen Tatsache ist aber für „nicht-spezifische“ Effekte unnötig, wie das „Känguru-en“ zeigt: Neugeborene, die Mamas Herz hören, sie fühlen und riechen, haben deutlich bessere Überlebenschancen, als die die im Inkubator nur korrekt spezifisch behandelt werden. Obwohl sie weder an den Effekt glauben, noch wissen warum er eintritt.

Was spricht also dagegen, auch den Begriff „Alternativmedizin“ abzuschaffen und, je nachdem was gemeint ist, zu ersetzen durch „Maßnahmen, die über Kommunikations-Effekte nicht-spezifische System-Wirkungen anregen“, und

  • die wissenschaftlich überprüft werden, z.B. hinsichtlich von Verhaltensänderungen oder der Einsparung von weiteren Gesundheitskosten oder spezifischen Therapien, oder
  • die dazu verhelfen, das Verständnis für Zusammenhänge zu erweitern und damit das Selbstmanagement zu stärken, oder
  • für die Ausbildungsstandards vorliegen, und die einer Qualitätssicherung zugänglich sind.

Entweder ist Medizin gut oder schlecht

Alle Methoden, die im Gesundheitsmarkt angeboten werden, sollten einer wissenschaftlicher Überprüfung zugänglich sein, nachweislich mehr nutzen als schaden und weder zu Abhängigkeit noch zu hohen Folgekosten führen.

Statt der unnötig und verwirrend-beliebig auslegbaren Begriffe „schul- und alternativ-medizinisch“, sollte beschrieben werden, ob bestimmte Methoden überwiegend „spezifisch“ oder „nicht-spezifisch“ wirken. Jedes medizinische Heilverfahren enthält im Prinzip beides in unterschiedlicher Abmischung und Schwerpunkt-Setzung:

  • Ein spezifischer Effekt wirkt punktgenau und ist an einem Teilsystem sehr exakt messbar. Medikamente und Interventionen, die so wirken, haben (möglichst) geringe System-Auswirkungen und (hoffentlich) wenig Nebenwirkungen.
  • Methoden dagegen, die „nicht-spezifische“ Wirkungen auslösen, beziehen sich auf einen Zusammenhang, auf ein Netz von Beziehungen oder auf ein einzelnes oder mehrere Lebewesen. System-Effekte beruhen im Wesentlichen auf Kommunikationswirkungen. Sie sind nicht so leicht messbar, weil die Wissenschaft gerade erst damit beginnt, sie ernst zu nehmen.

Unabhängig davon, ob eine Methode „spezifisch“ oder „nicht-spezifisch“ wirkt, kann ihr Nutzen daran gemessen werden, ob Geld für weitere Behandlungen eingespart werden kann. Denn wer weniger Bedarf verspürt Gesundheitsprodukte zu kaufen, gesundet vermutlich.

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Literatur

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Autor: Helmut Jäger