Schweinegrippe: Ist Irren menschlich?

Fünf Jahre ist es her, seit die Welt von dem Killervirus  „Schweinegrippe“ bedroht wurde. Schnell waren 2.000  Deutsche infiziert, und in England sollten Massengräber ausgehoben werden. Professoren rechneten für England mit 65.000  und  für Deutschland mit 35.000 Toten. Und immer neue Expertenmeinungen sorgten dafür, dass die Panik nicht abflaute.

Die Weltgesundheitsorganisation und ihre nationalen Schwesterbehörden starteten für die bisher größte Massenanwendung von Pharmaprodukten im Rahmen einer Bekämpfungsmaßnahme. In Deutschland  wurden 2009 etwa fünf bis sechs Millionen Dosen verimpft, und weitere 29 Millionen unverbrauchte Dosen mussten anschließend entsorgt werden. Zusätzlich wurden die Grippe-Medikamente Tamiflu® und  Relenza® eingelagert, in den USA im Wert von 1,3 Mrd. $ und in England  von 424 Mill Pfund (Cochrane 2014).

Und dann stellte sich heraus, dass die Grippeepidemie mit dem Virus A(H1N1) 2009 weit harmloser verlaufen war, als die jährlich-üblichen Influenzawellen zuvor. Nur bei Immungeschwächten und schwangeren Frauen waren Komplikationen aufgetreten. Diese waren deshalb auch verstärkt geimpft worden. Es konnte aber nicht nachgewiesen werden, dass damit das Risiko für schwere Krankheitsverläufe bei den besonders Gefährdeten gesenkt werden konnte. Auch bei allen anderen Bevölkerungsgruppen fehlten die Belege für einen Nutzen, z.B. eine Senkung der Sterblichkeit. Polen führte als einziges Land 2009 keine A(H1N1)-Impfungen durch. Aber die Meldungen von Neuerkrankungen und Sterblichkeitsraten unterschieden sich dort 2009 und 2010 nicht von denen anderer europäischer Länder. Es scheint den Polen nicht geschadet zu haben, nicht geimpft worden zu sein.

Im Rahmen der Pandemie-Bekämpfungs-Kampagne wurden Impfstoffe eingesetzt, die pharmakologisch-aktive Substanzen (Adjuvantien) enthielten, die zuvor nicht im Rahmen von Kontrollstudien getestet wurden, wie sie bei anderen Wirkstoffen vorgeschrieben sind. U.a. wurden etwa 31 Millionen Dosen eines mit ASO3(Squalen)-adjuvantierten A(H1N1) Impfstoffes in mehr als 47 Ländern verimpft. In the EU wurden mehr als  30.5 Million Dosen des ASO3-Impfstoffes angewandt, 6.5 Millionen Doses des MF59-adjuvantierten Impfstoffes und mehr als 560,000 Dosen eines nicht-adjuvantierten Impfstoffes. Dieses Massenexperiment an Menschen wurde nicht durch systematische Post-Marketing-Studien begleitet.

Im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfkampagne wurden dann in Finnland und Schweden vermehrt Fälle einer sonst seltenen Hirnerkrankung (Narkolepsie) gemeldet. Narkolepsie ist eine Störung des Rhythmus der Hirnaktivität, die u.a. einhergeht mit unwiderstehlichem Schlafdrang am Tag und mit Muskelschwäche. Besonders waren überwiegend Kinder. Die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) schränkte aufgrund dieser Berichte die Indikation für den Pandemie-Impfstoff ein und empfahl 2011, den Impfstoff i.d. Regel nicht mehr für Personen unter 20 Jahren zu verwenden. Die wissenschaftliche Auswertung des abrupten Anstiegs der Narkoplesiefälle lies einen ursächlichen Zusammenhang mit der Pandemrix®-Impfung vermuten (Partinen 2012, Nohynek 2012, Narco-Flu-Vaesco-Fr 2012, Miller 2013, Waldenlind 2013). Narkolepsie wurde „bei weniger als 1:10.000 Geben von ASO3-adjuvantierten Impfstoff beobachtet, der ursächliche Zusammenhang ist unklar“ (Zitat: Ahmed 2014, Barker 2014).

Zusätzlich kam es pro einer Million Impfungen zu 3-6 Fällen schwerer Nervenerkrankungen (PEI 2012, Romio 2014). Guillain-Barré / Miller-Fisher-Syndrom (GBS/FS) ist eine akute Entzündung des peripheren Nervensystems und der Nervenwurzeln (Polyradikuloneuritis) mit der Folge einer aufsteigenden Lähmung. Todesfälle sind möglich. Die Ergebnisse der Studie in Deutschland wiesen auf ein erhöhtes Risiko eines GBS/FS innerhalb des Zeitraums von 5 bis 42 Tagen nach der Impfung gegen Influenza A/H1N1 2009 hin. Das PEI schätze im Zeitraum von 5 bis 42 Tagen nach A/H1N1 2009-Impfung etwa sechs zusätzliche Fälle eines GBS/FS auf 1 Million geimpfter Personen.

Medikamente

Das Horten anti-viraler Medikamenten erwies als extrem teuer – und nutzlos: „Die Behauptungen, Oseltamivir (Tamiflu®) sei fähig die virale Übertragung zu unterbrechen und die Komplikationen zu senken, wurden nicht bestätigt“. (Zitat: Jefferson 2014)

Organisation

Das „Pandemie-Management 2009“, das einige drastischer „Influenza-Marketing 2009“ nennen (Doshi, Mandelville 2013), wurde u.a. im Europäischen Parlament verhandelt. Dort forderte man die Entscheidungsträger auf, aus dem Fiasko zu lernen: Bei künftigen ähnlichen Szenarien sollten alle Informationen, Interessen und Beziehungen offengelegt werden. Der Umgang mit Risiken sollte strikt rational sein. Nutzen, Gefahren und Kosten sollten abgewogen werden. Vorschnelle Entscheidungen unter Stress oder Zeitdruck oder Einfluss von Lobbyinteressen dürfe es nicht wieder geben. Gerade in riskanten Situationen sollten Entscheidungsalternativen in Ruhe geprüft werden.

Die gleichen Empfehlungen gab es schon einmal: 1976. Damals  breitete sich in einer Militärregion (Fort Dix, USA) ein neues Influenzavirus aus. 230 von 19.000 Soldaten erkrankten. Bei 13 Patienten entwickelten u.a. Lungenentzündungen. Ein Soldat verstarb.

Im März 1976 begann eine nationale Kampagne mit der Produktion von 150 Mio Impfstoffdosen. „Jede Frau, jeder Mann und jedes Kind“ in den USA sollte geimpft werden. Dann stellte sich heraus, sich der neue Erreger außerhalb von Fort Dix nicht nennenswert verbreitet hatte. Von Oktober 1976 bis Januar 1977 waren 40-48 Millionen Personen geimpft worden. Bei den Geimpften wurden 532 Fälle von Guillan-Barré-Syndrom diagnostiziert. 25 dieser Personen verstarben (Langmuir, 1979, s.u.).

Die Regierung setzte eine Kommission ein, um zu prüfen, wie es zu der Katastrophe kommen konnte:

 We believe that in the absence of manifest danger, all-out action was a mistake. Beforehand … and … after the decision. … the thing that was needed was a day around the table brainstorming Murphy’s Law: ‚If anything can go wrong it will!‘ When decisions are based on very limited scientific data, the Ministry should establish key points at which the program should be re-evaluated. (Neustadt 1978)

2009 waren diese Empfehlungen von 1978 längst vergessen. Warum?

An expert is a person who avoids the small errors
while sweeping on to the grand fallacy.
Murphy’s Law

Mehr

Literatur

Narkolepsie

Guillan Barré-Syndrom

Pandemie-Management, 2010

Schweinegrippe

Antivirale Medikamente

Influenza Marketing

Autor: Helmut Jäger