Sich bewusst bewegen?

Fast is fine – but accuracy is final.
You must learn to be slow in a hurry.
Wyatt Earp (1848-1929)

„Es“ geht. Und das ist gut so.

löwen 1985
Löwen können sehr schnell sein (Tansania 1985)

Wenn ich durch die Fußgängerzone schlendere, muss ich mich um meine Beine nicht kümmern. Ich kann im Vorübergehen Auslagen anschauen, stehenbleiben und plaudern, weitergehen und rennen, weil die Fußgängerampel gerade noch grün anzeigt und gleich auf Rot umspringen wird. Für diese Bewegungen brauche ich kein Bewusstsein und habe den Kopf frei, um an vieles zu denken. Nur bei Glatteis ist es nötig, die Füße bei jedem Schritt bewusst aufzusetzen – eine sehr anstrengende, zeitraubende und unangenehme Art des Gehens, die an die Parkinsonerkrankung erinnert.

Fast alle Bewegungen, wie gehen, stehen, sitzen, ergreifen, tippen geschehen vollautomatisch und „bewusstlos“. Das bewusste Initiieren von Bewegung wäre viel zu mühsam und käme zu spät: Bewusste Entscheidungen kommen Sekundenbruchteile langsamer an den Zielorganen an, als ein unbewusst ablaufendes, erlerntes Großhirnprogramm (z.B. „Salsa Tanzen“). Und natürlich ist es noch langsamer als Reflexe („Finger von der heißen Herdplatte wegziehen“). Und schließlich mehr als hundertfach verzögerter als eine Sehnenfaser-geleitete Information, die u.a. einer Überdehnung entgegenwirkt.

Deshalb erfolgen fast alle Formen von Bewegung ohne wesentliche Beteiligung der Anteile des Mittelhirns, die uns Bewusstheit vermitteln. Abläufe wie, in der Werbepause zum Kühlschrank gehen, ein Bier herausholen und zum Fernseher zurückschlendern, wurden tausendfach trainiert und laufen immer wieder ähnlich ab, so das die Gedanken beim TV-Fußballspiel bleiben können. Innere Bewegungen wie Atmung, Herzaktion und Darmtätigkeit sind noch weiter von den Hirnregionen entfernt, die nötig sind um Bewusstheit zu erzeugen. Sie werden erst bewusst, wenn genügend Zeit und Raum entsteht, um sie betrachtend wahrzunehmen. Sobald sich Bewusstsein dann in diese automatischen Bewegungsabläufe einmischt, wird der Rhythmus unterbrochen. Wir können z.B. den Atem anhalten, um zu tauchen. Allerdings nicht besonders lange. Dann stellt sich nach schnellem Japsen bald wieder ein neuer Rhythmus ein. Selbstmord durch Atemanhalten ist noch keinem gelungen.

Bewusstsein scheint also eine eher kurzfristig wirkende Hirnfunktion zu sein, die deutlich langsamer Handlungen auslösen kann als automatische Wahrnehmung und reflexhafte Handlung. Also eine Art Taschenlampenstrahl, der die zahllosen Meldungen der inneren und äußeren Sinneseindrücke hinweggleitet und immer wieder etwas anderes mit einem „Ich“ verbindet. Das „Ich“ entsteht wiederum u.a. aus vielen Erfahrungen und Geschichten, die wir uns selbst erzählen, und aus Fantasien wie die Zukunft mit den Bedürfnissen unseres Zellenstaates umgehen wird. Das was die Sinne melden, wird mit dieser „Ich-Konstruktion“ verbunden und bewertet, als gut oder schlecht – „für mich“. Wenn wir so spüren, was uns bestimmte Körperzellen mitteilen, entsteht eine Art Klangfarbe, die Emotion, die alles was gedacht oder getan wird in einer für sie typischen Weise beeinflusst. „Emotion“ oder Grundgestimmtheit kann von den Aktivitäten später entstandener Hirnregionen übertönt werden, solange nicht etwas Dramatisches die Aufmerksamkeit erzwingt, wie ein stechender Schmerz z.B. Das „emotional“ Gespürte wird unter Einbeziehung anderer Hirnregionen interpretiert und mit Erinnerungsbildern und Zukunftsvorstellungen verknüpft. Damit entsteht „Fühlen“, eine wesentlich komplexere Hirnleistung als „Spüren“. Die meisten Menschen fühlen etwas, haben aber Schwierigkeiten zu sagen, was sie dabei eigentlich spüren. Es fällt z.B. relativ leicht, mitzuteilen, dass man sich „gestresst fühle“: ein unklares, diffuses Unwohlsein, mit Erinnerungen an ähnliche frühere Situationen, die unangenehm waren, und die man gerne vermeiden möchte. Aber viele der Personen, die so fühlen, können dann die Frage, was sie sie spüren, nicht beantworten. Dafür wäre es erforderlich etwas in sich zu lauschen: Ist da ein Kribbeln? Oder Schweiß, schnelle Atmung, ein stolperndes Herz? Oder Schmerz oder Druck? Oder ein flaues Gefühl im Magen oder verspannt ächzende Muskulatur?“

Wozu taugt bewusste Bewegung?

Bei einem Zumba-Workout bleibt Bewusstsein besser in der Umkleidekabine zurück. Typisch für Bewegungen in Flow oder Trance ist eher eine Abschwächung ich-bezogenen Bewusstheit, zugunsten des Gefühls, mit einem Handlungsfluss verbunden zu sein.

Bewusstsein ist aber nötig, um einen Bewegungs- oder Handlungsfluss zu unterbrechen, z.B. weil „man das nicht tut, weil es peinlich wäre“, in der Fußgängerzone Zumba zu tanzen. Kritische Beobachtung lassen Tanzbewegungen entweder eckiger werden oder unterbrechen sie völlig. Das mag schlecht sein, wenn man lernen will zu tanzen, oder zu musizieren oder großformatige Leinwände zu bemalen. Dafür ist es sehr hilfreich, wenn ein bisher eingespieltes, aber nicht sehr effizientes Bewegungsmuster, durch ein neues, besseres überlagert werden soll:

Das Erlernen neuer Bewegung beginnt mit unbekümmerter, fröhlich-unbewusster Unfähigkeit:

  • Ein Baby krabbelt und findet die Welt aus der Krabbelperspektive bestens geregelt.

Dann kommt der Schock bewusster Unfähigkeit:

  • „Mama steht auf den Füßen. Sie kommt an die Keksdose ran. Ich nicht: Mist!“.

Die nächste Lernphase, die einen erheblichem Konzentrationsaufwand erfordert ist bewusste, unsicher Fähigkeit:

  • „Wenn ich mich anstrenge, komme ich fast dran. Bald kann ich stehen!“

Schließlich wird das Kind belohnt mit der unbewussten Fähigkeit.

  • „Ich kann brauch mich gar nicht anstrengen und kann dabei auch noch Kekse essen.“

Bewegung-Neu-Lernen erfordert die Sogwirkung einer Sehnsucht: „Das möchte ich auch können!“ – Und da ist es das „Ich“ mit seiner Emotion und den Gefühlen, die daraus entstehen. Kinder bleiben, wenn die Frustration nicht zu groß ist an einem Problem, wie „Nicht-Einrad-fahren-können“ dran und beginn es zu untersuchen, weil sie Wunsch treibt, zukünftig etwas anders zu tun. Dafür lohnt es langsam und zäh zu üben. Wenn andere Menschen einen geschützten Rahmen bieten und die zaghaften Versuche immer wieder bestätigen und loben, wachsen das Selbstvertrauen und damit die Kraftanstrengungen. Konzentriert und zunächst wackelig gelingen erste Stehversuche, die unweigerlich im Zurückplumpsen enden. Aber nach kurzem Heulen rappelt sich das Baby wieder auf und versucht es erneut. So entsteht Kompetenz und Erfahrung.

Aber es gibt noch so etwas wie „bewusste Bewegung für Fortgeschrittene“: die Kombination von Flow mit hellwacher Aufmerksamkeit, die sich nicht einmischt. Ein Dirigent z.B. ist hellwach und fließt mit der Musik seines Orchesters mit. Zusätzlich bildet er in sich sehr klar ab, wie die Situation und der Klang im Raum in der nächsten Zukunft ausgestaltet sein wird. Durch seine Bewegungen zieht er das Orchester in ein Schwingungsmuster, das er sehr klar und deutlich hört, bevor es erklungen ist. Das zu Können erfordert sehr viel Erfahrung und Training, um Bewegungsprogramme zu verinnerlichen und darüber hinaus einen klaren Verstand, der trotz Trance Notenlesen kann und genau wahrnimmt, was die Situation jetzt erfordert. Es reicht für einen Dirigenten nicht aus Experte zu sein. Er muss darüber hinaus den Gesamtzusammenhang erfassen, das Notwendige im Voraus erkennen und den Akzent auf das Wesentliche setzen: z.B. eine zu langsame Instrumentengruppe durch ein Zeichen anzusprechen und stärker einzubeziehen. Er muss mit großer Leichtigkeit den Rhythmus bestimmen und dem Ganzen einen unverwechselbaren Charakter verleihen. Sein der Situation vorauslaufendes Erkennen, die „Intention“ oder der „vorhersagender Wille“, saugt ihn förmlich in den sich entwickelnden Gesamtzusammenhang, der ihm voll bewusst ist. Diese Art von Bewusstheit harmoniert mit seiner Trance. Dafür hat er allerdings viele Jahre und viele Zehntausend Male geübt.

Die lange Zeit und die Anstrengungen, die nötig sind, um solche Fähigkeiten zu erwerben, schreckt viele ab. Wir bewundern zwar die Musiker, Tänzer, Bewegungskünstler, die uns auf dem Bildschirm so elegant und mühelos erscheinen. Wir beneiden die spielerische Elastizität, die robuste Belastungsfähigkeit und die heitere Gelassenheit, mit der diese Bildschirmakrobaten größte Herausforderungen meistern. Aber all diese Fähigkeiten scheinen für uns unerreichbar zu sein. „Wir“ würden das niemals können!

Damit verbauen wir uns nachhaltig den Weg des Lernens.

Stattdessen könnte unser bewusstes Lernen damit beginnen, unsere jeweils ganz besonderen Fähigkeiten zu erkennen. Das was wir, trotz all unserer Handikaps besser können als jeder andere Mensch, weil nur wir ganz bestimmte Erfahrungen machen konnten. Und dann könnten wir, bewusst, ganz langsam das entwickeln, was in uns steckt. Das was gerade in uns ganz besonders ausgeprägt wachsen kann. Und da wir alle einzigartiges in uns tragen, können wir dann damit beginnen, das zu verlernen was unsinnig ist, und wohlwollend und mit Spaß und ohne zu viel Ehrgeiz das üben, was uns weiterbringt. Dann entstünde eine ganz andere Art von Bewusstheit, die nicht eingreifen und steuern will. Sondern stattdessen ruhig und gelassen das betrachtet, was geschieht und dabei für Betonungen und Akzente sorgt.

Als Vogelscheuche für die Bergfelder fertigt man etwas von  menschlicher Gestalt an. Vögel und andere Tiere sehen die Gestalt und fliehen. Geist besitzt sie nicht im Mindesten, aber wenn die Hirsche erschrecken und fortlaufen, tut sie ihren Dienst und wurde nicht umsonst gemacht. … Während Hände, Füße und Körper sich regen, macht der Geist nirgends halt, und man weiß nicht, wo er ist. Im Zustand der von Nicht-Geist-Nicht-Denken hat man dann in der Bewegung die Ebene der Vogelscheuche auf den Bergfeldern erreicht. Takuan Sōhō (1573-1645)

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Autor: Helmut Jäger