Sind HPV-Impfstoffe sicher?

Wie sicher ist die HPV-Impfung?

Sørensen T: Dan Med J 2016;63(12):A5314

Wir wissen es nicht.

In Japan wurden von 2009 bis 2013 im Rahmen einer landesweiten HPV-Impfkampagne etwa 70% der Mädchen geimpft. Als dann über mehrere Fälle von Nebenwirkungen berichtet wurde, zog die Regierung nach Anhörungen ihre „aktive Impf-Empfehlung“ wieder zurück. Daraufhin fielen den Impf-Raten auf 0,6% (Normille 2017).

Die anschließende, emotional und ideologisch geführte Diskussion wurde 2016 durch eine neue Studie angeheizt: Bei Labormäusen, die hohe Dosen von HPV-Impfstoff erhielten, wurden Einschränkungen der Beweglichkeit und Hirnschäden nachgewiesen. Aus dem sehr speziellen Labormodell ist keine direkte Übertragung auf die Impfstoffanwendung beim Menschen möglich. Die Autoren schließen jedoch, dass sich die Impfung im Zusammenwirken mit anderen Faktoren, bei empfänglichen Personen schädlich auswirken, und auch schwere neuro-immunologischer Krankheitsbilder auslösen könnte (Aratani 2016). Andere Wissenschaftler widersprachen dieser Aussage sehr heftig, und forderten Nature auf, den Artikel zurückzuziehen (Medscape 11.01.2017). Der Artikel ist aber weiterhin im Volltext frei zugänglich (s.u.).

Die Autoren einer Studie in sechs asiatischen Ländern halten die Nebenwirkungs-Risiken „für akzeptabel“. Sie beziehen sich auf Meldungen von Beobachtungen, die direkt nach den Impfungen aufgetreten sind, und die diesen unzweifelhaft zugeordnet werden können (Setiawan 2017). Solche Untersuchungen sind abhängig von der Melde-Qualität, und können Langzeiteffekte, milde Symptome oder komplexe Wirkungen im Zusammenhang mit anderen Faktoren nicht einbeziehen.

In Dänemark wurde ein anderer, qualitativer Ansatz wissenschaftlicher Beobachtungen gewählt. Dort wurden Mädchen und Frauen befragt, die Impf-Nebenwirkungen beklagt hatten (Sørensen 2016). Ziel dieser Untersuchung war es, über abstrakte Daten hinaus, das komplexe Erleben betroffener Frauen besser verstehen zu können:

The side effects make the women feel more physically and mentally confined in their everyday life, which led them to live a more restricted and lonely life. Other people tend not to acknowledge their symptoms, and the women’s illness behaviour is therefore poorly accepted. In general, the women distrust Danish healthcare system and current evidence on the safety of the vaccine. This distrust is further fuelled by their ex­periences of being stigmatised during their encounters with physicians. Sørensen (Volltext s.u.)

Die Beschwerde des Cochrane-Centers in Dänemark

archie cochrane
Archie Cochrane der Vater von Evidence based medicine

Im Sommer 2016 beklagten sich Wissenschafltler/innen des Cochrane Zentrums in Dänemark (Cochrane Nordic) in einem offenen Brief, die Europäische Arzneimittelbehörde EMA habe die Sicherheit der HPV-Impfstoffe falsch beurteilt.

Wissenschaftliche Standards seien nicht gewahrt worden, und es hätten Interessenkonflikte bestanden. 80 Prozent der Finanzmittel der EMA stammten von Pharmaunternehmen, und bestimmte Expertinnen hätten ihre umfangreichen Interessenkonflikte nicht deklariert. Die EMA berufe sich in erster Linie auf Daten der Herstellerfirmen und zweifle gut dokumentierte Beobachtungen.

Die spezifische Auslösung nicht-spezifischer Wirkungen 

Einige der Erkrankungen, die im Rahmen der Impfung häufiger beobachtet worden sein sollen, sind schwierig eingrenzbar:

  • Chronisches Erschöpfungssyndrom (CFS),
  • Fehlsteuerungen der Kreislauf-Funktion  (postural orthostatic tachycardia syndrome, POTS),
  • Versagen der Ovar-Funktion
  • chronische regionale Schmerzen (CRPS).

Die EMA vernachlässigte solche Befunde, weil sie „nicht-spezifisch“ seien, also viele Ursachen haben könnten, und der Zusammenhang mit der Gabe eines „hoch-spezifischen“ Impfstoffes unwahrscheinlich sei.

Die Wissenschaftler/innen von Cochrane weisen aber darauf hin, dass die Wirk-Komponente des Impfstoffes durch einen neurotoxischen Zusatzstoff (ein Aluminiumsalz) ergänzt wurde (und wird). Dessen Aufgabe ist es, eine wichtige, nicht-spezifische Wirkung auszulösen: den vorübergehenden Alarmzustand des Immunsystems.

Placebo-kontrollierte Studien?

Bei den Studien, auf die sich die Zulassung der EMA gründet, wurden nur geringe Unterschiede kurzzeitiger Nebenwirkungen zwischen echtem Impfstoff und den Kontrollen dokumentiert. Das war nicht verwunderlich, da beide Gruppen den Zusatzstoff in gleicher Dosierung erhielten. Solche Studien als „placebo-kontrolliert“ zu bezeichnen, war (und ist) irreführend.

Bei der Entwicklung der nächsten Generationen von Impfstoffen werden zunehmend Moleküle zum Einsatz kommen, die (im Gegensatz zu Aluminium) rezeptor-genau (spezifisch) wirken, um eine (nicht-spezifische) System-Reaktionen auszulösen. Sie könnten sich z.B. punktgenau an den „Alarmknopf“ des Immunsystems binden (den Toll-like-Receptor). Für solche Substanzen gibt es bisher keine Zulassungsstudien, da ihre Wirkungen mit klassischen zufalls-kontrollierten und zukunftsorientierten Studien (RCT) nicht erfasst werden können, u.a. weil sich den Testpersonen keine Vorteile bieten würden, aber mit Risiken gerechnet werden muss.

Die modernen „Placebo-kontrollierten-Studien“ der Pharmaindustrie enthalten also in ihren Null-Kontrollen häufig nicht etwa „Nichts“, sondern „Etwas“. Und das kann, wie alles was wirkt, auch Nebenwirkungen auslösen. Bei dem Impfstoff Pandemrix®-2009 z.B. betrug das Risiko für das Auftreten einer Hirnfunktionsstörung (Narkolepsie) etwa 1:10.000 (s.u.).

Die EMA müsste folglich „placebo-kontollierte“ Studien anders benennen. Oder ganz auf den irreführenden „Placebo“-Begriff verzichten, und transparent A („etwas“) mit B vergleichen: „etwas anderem“. Sie müsste weiterhin der Frage nachgehen, wie spezifisch-ansetzende Moleküle oder punktgenaue Interventionen, die systemisch wirken sollen, künftig überprüft und dann kontrolliert zugelassen werden sollen.

Die Klärung dieser Frage wäre nicht nur wichtig für die Entwicklung neuer Impfstoffe, sondern auch für Therapien, wie u.a. bei Krebs oder genetischen Störungen. Dafür müssten innovative Studien-Designs entwickelt werden, die es zur Zeit noch nicht gibt.

Und natürlich wären langfristige Anwendungsbeobachtungen nötig, wenn nicht-spezifisch-wirkende Stoffe eingesetzt würden. Denn schwache System-Wirkungen machen sich nur im zufälligen Zusammenwirken mit vielen anderen Faktoren und Beziehungen bemerkbar: oft erst nach langen Zeiträumen und dann auch häufig eher diffus. Die Diskussionen um die möglichen Nebenwirkungen der HPV-Impfung berühren daher grundsätzliche Fragen.

So fordert „Cochrane Nordic“ u.a., die EMA müsse die Zulassungsverfahren für Medizinprodukte grundlegend ändern. Pharma-Unternehmen dürften nicht länger ihre eigenen Kontrolleure sein.

Should the concerns over possible serious harms of the HPV vaccine be confirmed, the trust in the EMA and in vaccines in general may be damaged beyond repair.” Cochrane Nordic. 10.11.2016

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Autor: Helmut Jäger