Sind wir Körper? (3/4)

Richtige Theorien gründen auf praktisch-körperlicher Erfahrung.
Falsche Theorien werden durch die Praxis widerlegt.
True theory is borne out by practice.
False theory is shamed and disgraced by it.
Petrus Bonus: The New Pearl of Great Price, 14. Jhh.

Körper ohne Geist (Myanmar)

Der „gesunde, europäische Menschenverstand“ verortet den Geist „oberhalb“ des Körpers im Gehirn. Andere Kulturen und die moderne Biologie sehen es eher umgekehrt:

Der Geist sei im Wesentlichen dazu da, in Kommunikation mit der Umwelt für die Befriedigung von Grundbedürfnissen zu sorgen. Diese entstünden aus der Summe der Einzelbedarfe von 10.000.000.000.000 Körperzellen. Das „Ich“, das den modernen Menschen so wichtig ist, sei nichts weiter als eine praktisch-nützliche, Konstruktion (ein Symbol) für den „menschlichen Superorganismus“, der aus Zellen, Bakterien und Viren bestehe (Llinas, Dietert 2016. Mehr siehe Psycho-Neuro-Endokrinologie).

Die Art der Kommunikation innerhalb dieses körperlichen Gewusels bestimme die psychische Stimmungslage. Ganz ähnlich wie die arbeitenden und die arbeits-unfähigen Bevölkerungsschichten ihre Eliten und Politiker prägen.

Diktaturen (gegen das Volk oder gegen den Körper) seien natürlich möglich, endeten aber erfahrungsgemäß im Kollaps. Wie z.B. beim ‚Chronischen Erschöpfungssyndrom‘ (CFS), das mit einer Übererregbarkeit des Immunsystems einhergeht. In diesem Fall sei die Depression eine Folge von Kommunikationsstörungen zwischen Immunzellen und umgebenden Mikro-Lebewesen (Entzündungen), oder der Einwirkung von Schadstoffen oder Allergenen. Daher sei es möglich, CFS durch körperlich-beruhigende (physikalische) Maßnahmen und durch spezifisch immun-dämpfende Medikamente (monoklonale Antikörper)  günstig zu beeinflussen, nicht aber durch Gesprächstherapie. (Wadman 2016)

Wie entsteht aus Körper Geist?

Nach Ansicht eines Wissenschaftlers (Körner 2015) bestünden prinzipiell drei Möglichkeiten, wie der Körper den Geist erzeuge:

  1. Durch einen direkten Einfluss in die psychomotorische Funktionsprozesse über die Ausschüttung von Botenstoffen des Immunsystems. Beispiel: Jede Aktivierung des Immunsystems lässt den Geist erschlaffen: „Ich fühle mich fiebrig und krank.“
  2. Durch einen indirekten Einfluss auf die „Gangschaltung“ der Informationsverarbeitung (sogenanntes ‚modal priming“). So ändern sich die Konzentrationsfähigkeit und der emotionale Zustand bei einem Mangel eines zellulären Bedarfs. Z.B., wenn der Zuckerspiegel absinkt, zu wenig Wasser nachgefüllt wurde oder Schmerz eine Verletzung signalisiert. Die dann entstehenden Emotionen (und das nachfolgende Gefühle, das auf ihnen aufbaut) sind körperlich festgelegt, und werden durch Mimik und Körperhaltung anderen signalisiert. Umgekehrt löst die Aktivierung körperlich-muskulärer Muster emotionale Sensationen aus.
  3. Durch eine Beeinflussung des Rhythmus und der Art automatischer Abläufe. Mentale Prozesse („Etwas wollen“: wie greifen, gehen, trinken, lesen, sprechen  …) seien im Wesentlichen aktive Aufrufe zurückliegender Erfahrungen, die früher einmal direkt oder indirekt körperlich erlebt wurden.

Der Geist gründe sich also auf die Aktivierung gespeicherter körperlicher Repräsentationen, die zukunfts-bezogen angepasst werden müssen. Selbst so grundlegende geistige Erscheinungen wie Zeitempfinden oder Farbwahrnehmungen würden so stets aktiv erinnert und dann modifiziert (Ramachandran 2016).

Wahrnehmung und Bewegung (Sensorik & Motorik) bilden also offenbar eine Einheit

Stellt ein Kellner in einem Café eine dampfende Tasse Kaffee auf den Tisch, werden sofort alle körperlichen Zelltypen aktiviert, die (aufgrund vielfach gelebter Erfahrung) für das Trinken des Kaffees gebraucht werden: die Muskeln (in der Hand, im Arm, im Kiefer und im Rachen) und die Speichel- und Darmzellen. Umgekehrt würde die Aktivierung einiger dieser Körperfunktionen die Vorstellung einer Tasse Kaffee aufsteigen lassen (Meteyard 2012).

Mental representation might essentially
be the re-enactment of previous experiences.
Wheeler 2008

Fröhlicher Geist und starker Körper (China)

Der menschliche Geist entstand aus einem einzigartigen Körper

Die meisten unsere Bewegungen erfordern keine bewussten Befehle wie „Einatmen!“ oder „Ausatmen!“. Sondern sie ergeben sich aus dem Wegfall bremsender Wirkungen (dem Ende einer ‚Inhibition‘).

Die Erlaubnis, dass etwas geschehen darf (der Wegfall der Inhibition), gestattet es dann einfacheren, grundlegenden Programmen, das zu erledigen, wozu sie perfekt geeignet sind: z.B. atmen oder auch gehen, laufen oder werfen.

Bei den automatisch ablaufenden, alltäglichen Bewegungsrhythmen müssen stetig punktgenaue Entscheidungen zur Schubumkehr getroffen werden: Vom Sinken zum Steigen, vom Dehnen zum Vorschnellen-lassen. Dafür wären die Steuerimpulse des Gehirns viel zu langsam. Dagegen sind die Information, die über das Bindegewebe geleitet werden, wesentlich schneller: Sie breiten sich mit Schallgeschwindigkeit aus.

Deshalb verlassen sich Tiere nicht auf die langsamen Befehle von Zentraleinheiten, wenn sie eine Bewegung beschleunigen müssen. Das Gehirn eines Zebras muss seinem Herz nicht mitteilen, dass es schneller schlagen soll, weil ein Löwe gesichtet wurde. Denn alle Herzzellen sind ohnehin auf schnelle Aktivität eingestellt, und müssen daher bei einem friedlichen Grasen gedämpft und beruhigt werden. Das Zebra-Gehirn muss also nur die Bremsen lösen und zulassen, dass sich alle Zebra-Zellen auf eine Flucht einstellen: Herz, Rumpf und Beine tun dann ganz von alleine genau das, was getan werden muss.

Einen anderen Zusammenhang demonstrieren die Clown-Fangschrecken-Krebse: Sie können das Gehäuse von Schnecken zertrümmern, indem sie mit einem fast zehntausendfachen der Erdbeschleunigung zuschlagen. Ein solcher Hieb dauert nur wenige tausendstel Sekunden. Dafür wurden zuvor Teile des äußeren Skelettes, wie eine Feder gespannt und verhakt. Beim Lösen des Mechanismus entspannt sich diese Druck-Struktur schlagartig. Die vorher sehr langsam aufgebaute Energie wird dabei ur-plötzlich freigesetzt. Dieser Mechanismus hat allerdings einen Nachteil: Dem Triggern durch einen (möglicherweise irreführenden) Reiz muss unabänderlich die Auslösung folgen.

Menschen können sich aber, im Gegensatz zu anderen Tieren, dieses Prinzip der Energiespeicherung und Auslösung bewusst und flexibel zunutze machen.

Die freibeweglichen Arme und die einzigartige Konstruktion der Schulter erlauben es Menschen eine Hochintelligenz-Leistung: Mit Steinen werfen. Dabei muss der Gegenstand zunächst vom Ziel weg bewegt werden. So kann (ähnlich wie bei Clown-Krebsen) Energie in den aufgedehnten Muskeln und Sehnen gespeichert werden. Und deren Ent-Dehnung genau im richtigen Augenblick der Dynamik lässt den Stein nach vorne fliegen.

Aufgrund dieser körperlichen Voraussetzungen konnten Menschen zu Jägern werden, obwohl ihre Anatomie nicht zu der eines Raubtieres passt: Ihnen fehlen (im Gegensatz zu Löwen) scharfe Krallen, wehrhafte Zähne, grobe Kraft und die Fähigkeit zu einem kurzfristigen Sprint.

Trotzdem war das Raubtier Mensch bald auch den Löwen überlegen: Aufgrund der schmalen Taille, der langen Beine mit den kräftigen Gesäßmuskeln und den kurzen Zehen können Menschen ausdauernd lange laufen. Und ihre Hände können mit der Daumen-Funktion greifend den Körper mit Gegenständen verbinden. Durch die Verlängerung der Reichweite des Körpers war es möglich, und nötig, auch das Bewusstsein zu erweitern: Angler, Segler oder Blinde tasten nicht ihren Händen, die die Gegenstände halten, sondern mit deren Spitze, so als seien diese feste Bestandteile ihres Körpers.

Durch die Kombination von Bewusstseinserweiterung (vom reinen „Ich“ zum „Ich-verbunden-mit-Etwas“) und der Faszien-Aufdehnung konnten schließlich (nach den Präzisions-Würfen) auch Distanzwaffen, wie Speere, entwickelt werden. (Roach 2013)

Fröhlicher Körper und gesunder Geist (Hötger 1874-1949)

Ein weiterer elementarer Unterschied des Menschen zu allen anderen hochentwickelten Säugern besteht in der körperlichen Fähigkeit, mit einem Finger sehr klar und eindeutig auf etwas zu zeigen. Durch Gesten konnten unsere Vorfahren ihre Artgenossen auf ein Objekt verweisen, und dann deren Reaktion auf diesen Hinweis durch (verkörperte) Reaktionen wieder in sich spiegeln. Damit war es ihnen möglich geworden zu begreifen, dass es viele unterschiedliche Sichtweisen auf das Gleiche gibt.

Zum Gelingen von Unternehmungen waren daher Kooperationen sinnvoll, möglich und notwendig. Zu solchen Intelligenz-Leistungen sind Schimpansen nicht fähig.

Die Grundlagen der Kommunikation, des sozialen Verhaltens, der verbalen Sprache ergeben sich also aus der körperlichen Fähigkeit zu einem aufrechten Gang. Der Geist ist so gesehen Ausdruck verfeinernder, koordinierender und kommunizierender Funktionen, die eingepasst in viele andere körperliche Zusammenhänge das tun, was dem Gesamtzusammenhang dient.

Einzelne Funktionskreisläufe könnten also auch gut von „unten nach oben“ betrachtet werden. Zum Beispiel die Art, wie das Herz, der Vagus-Nerv und die Hormonausschüttungen des Mittelhirns zusammenwirken. Die antike chinesische Philosophie nahm an, das hirn-ferne Organ Herz „der mächtige Kaiser“ sei. Denn das Herz bestimme durch seinen Rhythmus die Emotionen, und davon sei der Geist geprägt. Deshalb sei es zunächst wichtig, das Herz zu besänftigen, wenn man den Geist beruhigen wolle.

Dort, wo noch viele Menschen solchen, körper-bezogenen Sichtweisen anhängen (u.a. in Japan), kann es folglich schwierig sein, Organtransplantationen durchzuführen. Weil ein Mensch erst dann als wirklich tot gilt, wenn auch die letzten Körperzellen gestorben sind. Beginnt aber die Leiche zu riechen, ist es für Organentnahmen definitiv zu spät.

„Den Körper“ gibt es ebenso wenig wie „den Geist“?

Körper, Gehirn, Wahrnehmung, Geist und sozialer Kontext formten sich evolutionär als eine gemeinsame Funktionseinheit aus. Es kann daher keine typisch menschliche Natur geben, die ausschließlich körperlich (genetisch oder epigenetisch) fixiert wäre. Vielmehr sind es Interaktion und Kooperationen (und auch der Widerstreit zwischen den verschiedenen lebenden Elementen) die bestimmen, was und wer wir sind (Kramer 2015).

Das ist noch deutlich mehr als Körper, Geist und Verkörperung.

 Understanding … the complex interplay between
genes, environments and embodied action,
will surely be a great intellectual adventure of the 21st century.
Wheeler 2008

Sind wir …

Mehr

Literatur oder Video

  • Dietert R: The Human Superorganism. How the Microbiome is Revolutionizing the Pursuit of a Healthy Life, Barnes&Noble 2016
  • Körner A et al:  Routes to embodiment, Frontiers in psychology 2015, 6: article940
  • Kramer P et al: Humans as Superorganisms: How Microbes, Viruses, Imprinted Genes, and Other Selfish Entities Shape Our Behavior. Perspect Psychol Sci. 2015 Jul;10(4):464-81
  • Llinas
  • Meteyard, L.,  et al: Coming of age: a review of embodiment and the neuroscience of semantics. Cortex 2012, 48 (7)788-804
  • Ramachandran V: Concerning Embodied Calendars: A Case Study of Number Form, Color Spreading, and Taste-Color Synaesthesia. Medical Hypotheses 22.06.2016, http://dx.doi.org/10.1016/j.mehy.2016.06.021
  • Roach NT et al: Elastic energy storage in the shoulder and the evolution of high-speed throwing in Homo. Nature 2013 498:483-487
  • Wadman M: For chronic fatique syndrome, a ‘shifting tide’ at NIH. Science 11.11.2016, 354(6313):691-692
  • Wheeler M et al: Culture, embodiment and genes: unravelling the triple helix Phil. Trans. R. Soc. B (2008) 363, 3563–3575

Autor: Helmut Jäger