Sind wir verkörpert? (2/4)

Ich handele, also bin ich. (Agito ergo sum)
Daisetz Suzuki, Zen-Mönch

Das Gehirn ist eine gallert-artige, plastisch-verformbare, flimmernde Masse. Es analysiert, durch eine harte Schale geschützt, vergangene Erfahrungen, um die Zukunft vorzusagen. Es nimmt Signale auf, die über innere und äußere Zustande und deren Veränderungen berichten, reduziert das komplexe Informationsrauschen auf das Wesentliche und bildet daraus sinnvolle Muster, Bilder und Gestalten, um so schlagartig zu erkennen, was geschehen wird. Und dazu passend bahnt es den Ablauf ererbter und erlernter Programme, die zu Bewegungen führen, und die das, was gerade geschieht, günstig beeinflussen. (Treter 2010)

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Geist über Körper

Descartes hat also den Satz „Ich denke also bin ich!“ (Cognito ergo sum) nicht nur „gedacht“: Er hat ihn auch aufgeschrieben. Sonst hätte niemand davon erfahren. Er aktivierte seine Hand, die eine Schreibfeder hielt. Und während sein Magen ein Hühnchen verdaute, sehnten sich seine Muskeln danach „ihn“ (den Geist) aus dem Philosophenstuhl hinaus in den Garten tragen zu dürfen.

Seine Intelligenz war, wie unsere, eingebettet in einen Körper, aus dessen unbewusster Selbstorganisation „Geist“ entstand. (Selbsterfahrung)

Natur-, Geistes- und SozialwissenschaftlerInnen müssen sich, zumindest aus professionellen Gründen, kaum bewegen. Deshalb erschien ihnen mit Anbruch des Maschinenzeitalters der Körper nur als ein prinzipiell austauschbares Fahrzeug, in dem sich ein Geist befindet, der in ihnen spricht. Etwa so wie ein Nerd gedankenversunken seine Algorithmen programmiert, und die scheinbar rein virtuelle Welt durch seine Bildschirme betrachtet.

Spätestens seit Anfang des 20. Jahrhunderts konnten mit dieser Sicht neue wissenschaftliche Beobachtungen nicht mehr erklärt werden. Denn durch die Quantenphysik verlor u.a. die Trennung von Subjekt und Objekt an Bedeutung. Offensichtlich wurden alle psychologischen Erscheinungen von körperlichen Prozesse begleitet und umgekehrt. Die Auftrennung von Psychologie und Physiologie, von Natur- und Geistes-Wissenschaft gestaltete sich immer schwieriger. (Glenberg 2010).

Also blieb den intellektuellen Sessel-Denkern keine andere Wahl als sich erneut dem Körper zuwenden:

Body Turn

Kultur-, Geistes- und Geschichts-WissenschaftlerInnen erkannten allmählich, dass ihr „Ich“ nicht nur einen „Körper hat“ (wie einen Gegenstand), sondern darüber hinaus auch „ein Leib sei“: neudeutsch „body turn“ oder „somatic turn“ (Gugunzer 2006, Tiedemann 2009)

Dass sich nun der wissenschaftlich-vergeistigte Geist zunehmend mit dem Körper beschäftigte, musste diesem nicht unbedingt gut tun. Ein Katze z.B. verfügt über einen sehr schlichten Geist, der vermutlich herzlich wenig über seinen Körper nachdenkt. Der aber bewegt sich sehr elegant. Würde die Katze mehr über ihre Bewegungen nachsinnen, geriete sie sicher häufiger ins Stolpern. Ähnlich ist es mit gesundheits-bewussten Großhirn-Geistern, die die Bedeutung von regelmäßiger Atmung und gesunder Ernährung erkannt haben und nun versuchen, sich in Abläufe einzumischen, von denen ihre unbewusst-sprachlosen Stammhirnprogramme und ihre Darmschlingen deutlich mehr verstehen.

Parallel zur Rückbesinnung der Geisteswissenschaften auf den Körper (den Body Turn) entwickelte sich dynamisch ein neuer Markt. Zuvor hatte die Überbetonung optimal-gesunder Muskel- und Volkskörper durch den National-Sozialismus noch dafür gesorgt, dass die Ideale der Turnbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts vergessen wurden. Nun dämmerte die Zeit der Fitness- und Wellness-Bewegung. Gesundheit wurde nun das Wichtigste im Leben, den der Körper wurde als größtes Kapital der „Ich-AG’s“ erkannt. Ab jetzt war es nötig, sich intensiv und narzisstisch mit seiner Erhaltung und Optimierung zu beschäftigen. Man musste /und muss) sich mit Fitness-programmen und Diäten abquälen und den Körper durch Tattoos, Botox, Medikamente, Drogen, Piercing und kosmetische Chirurgie optimieren. Der Körper war zu einem Markenprodukt einer Konsumkultur geworden. U.a. Foucault beschrieb, wie der Körper normativ erfasst und durch den Gesundheitsbegriff definiert, gemessen, kategorisiert und beherrscht wird.

Die Gesellschaft zwingt nun zu Verantwortung für „seinen Körper“ und drängt dazu „ihn“ gesund zu erhalten (Cooter 2010). Früher schwitzten die Menschen noch beim Akkord in den Fabriken, und durften sich dann abends körperlich ausruhen. Heute sitzen sie dagegen den ganzen Tag regungslos vor ihren Bildschirmen und lesen E-Mails. Deshalb sind sie abends froh, wenn sie schwitzen dürfen. Und wenn sie sich dabei einen Personal Trainer leisten können, degenerieren sie zum Hund, dem statt „Fass!“ und „Platz!“, „Weiter so!“ und „Los – mach schon!“ zugerufen wird. Ganz so wie beim Militär, nur lustiger.

So ist jeder seines Glückes Schmied, aber natürlich hat es nicht jeder selbst in der Hand körperlich gesund zu sein. Gesundheitsansprüche und Wirklichkeit klaffen zwangsläufig auseinander, und daher boomt der medizinische Reparaturmarkt der Medikalisierung aller Lebensbereiche.

Der „Body turn“ ist die philosophische Begleitmusik dieser ökonomischen Branche. Er gleicht der Sicht von Diktatoren, die erkennen, wie wichtig es sei, sich um einen gesunden Volkskörper zu sorgen, da sonst ihre eigene Existenz gefährdet sein könnte.

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Verkörperter Geist. Bild: Jäger, La Strada 2016

Embodiment

Wer den „Body turn“ etwas weiterdenkt (oder weiterdreht), erkennt aus naturwissenschaftlichen Beobachtungen, dass alle scheinbar „rein geistigen“ Zustände, wie u.a. Gefühle, „verkörpert“ sind (neudeutsch: embodiment).

Und Stimmungen haben nicht nur einen körperlichen Ausdruck, sondern sie werden sogar nachweislich durch körperliche Haltungen erzeugt (Storch 2010, Glenberg 2010).

Selbst abstrakte Vorstellungen, wie die einer „Heilung„, scheinen mit einer unwillkürlichen Mini-Bewegung verbunden zu sein (mit einem Hinaufsehen) (Leitan 2016).

Und umgekehrt:  Lähmt man essentielle Muskeln der Mimik, z.B. durch Botox, können Formen emotionaler Blindheit, Kommunikationsstörungen und ggf. auch Depressionen entstehen (Berkowitz 2017, Finci 2013, Günther 2011).

Körper, Gehirn, Umwelt sind offenbar in unlösbaren Beziehungen miteinander verbunden (Tretter  2010). Die Gestaltung des Körpers verfolgt dabei allein dem Zweck, in Beziehung zu sein. Jeder Aspekt innerer und äußerer Bewegung dient dabei einem funktionalen Zweck im Rahmen von Wechselwirkungen. Lebende Körper werden so durch die Interaktion mit ihrer Umwelt verändert und geformt. Sie können sich an das, was geschieht, anpassen, und es damit selbst beeinflussen. Roboter dagegen handeln nur aufgrund in der Vergangenheit einprogrammierter Algorithmen.

Ohne Interaktion würden daher weder Körper noch Geist existieren.

Embodiment und Coaching

Aus der Theorie des Embodiment folgen bruchlos Coaching-Strategien, die immer häufiger angewendet werden. Sie sollen die Entwicklung von Fähigkeiten zu körperlichen, sozialen und geistigen Beziehungen fördern. Eine dieser Methoden, das Zürcher Ressourcenmodell (Storch 2010), nutzt die Erfahrung, dass Worte Symbole darstellen und non-verbalen Bildern entsprechen. Und diese sind mit einem körperlichen Ausdruck verbunden.

Befiehlt der „Großhirn-Geist“ seinem Körper etwas, z.B. „Entspann dich!“, hat dieser meist keine Ahnung, was er nun tun soll und verspannt sich folglich noch mehr. Entsteht dagegen vor dem inneren Auge ein Bild von einer paradiesischen Insel mit dem Geschnatter und Gezwitscher tropischer Vögel und einer leichten, flirrenden Brise warmer Seeluft, scheinen dies die Zellen zu verstehen, und sie lassen in ihrer Verkrampfung nach.

Wenn Sie es ausprobieren wollen, stellen Sie sich vielleicht eine Situation vor, in der sie sich sehr aggressiv gefühlt haben.

Merken Sie wie ihr Körper sich jetzt wieder auf Angriff einstellt?
Stellen Sie sich jetzt ein Deichschaf vor, das mit offenem Maul versonnen den Mond anschaut und blökt? Wo ist ihre Aggression geblieben?

Oder eine Situation, in der Sie zögerten und zurückwichen.

Merken Sie, wie sich der Körper wieder auf eine Flucht vorbereitet?
Dann stellen Sie sich jetzt einen Kranichvogel vor, der blitzschnell und zielgenau mit seinem spitzem Schnabel eine Schlange packt, die ihn anzischt. Wo sind Ihre Fluchtgefühle?

Es scheint also zu deutlichen muskulären  Veränderungen zu führen, wenn Menschen in ihrem Alltag eindrückliche Bilder aufrufen, und diese mit ihrem Selbst in Bezug setzen:

„Mein Vulkan sprüht rote Funken!“, „Ich atme im Fluss des Lebens!“, „Ich starte durch und packe es an!“, „Ich wende mich der Sonne zu!“, „Ich steuere das Schiff meines Lebens!“, “ Ich bin der Kapitän auf diesem Schiff!“, „Ich öffne mich der Männerwelt!“, „Ich sende Lichtstrahlen durch den Raum!“ …

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Mindfulness. Bild: Jäger, La Strada 2016

Embodiment und Mind-fulness

Immer weniger Menschen bewegen sich regelmäßig und entspannt. Obwohl etwa zwei bis vier Stunden moderater Bewegung das Leben um vier Jahre verlängern könnten (Moore 2012). Und viele überlasten sich durch zielorientierten Sport, was ebenso gesundheitsschädlich ist. In der Rehabilitation von Menschen, die ihren Körper durch Erschlaffung oder Überforderung schädigten, wurde jetzt die die Bedeutung der Achtsamkeit wiederentdeckt. Sie steht seit 4.000 Jahren im Zentrum östlicher Philosophien. Nun ist sie in der westlichen Wissenschaftlichkeit mit dem neudeutschen Begriff „Mindfulness“ angekommen. Dabei geht es um

  • Verspannungen und Blockaden zunächst nur wahrzunehmen, ohne sie sofort zu bewerten.
  • sich selbst wohlwollend zu beobachten, ohne sofort etwa verändern zu wollen.
  • nachzulassen bei dem Suchen nach immer neuen Zielen oder Problemlösungen.
  • sich vorzustellen, wie es sich anfühlen würde, wenn man nicht verspannt wäre.
  • kurz: um loszulassen und zu sein.

Achtsamkeit für sich selbst könne sich, so wird dabei behauptet, auf die Gesundheit von Körper und Geist auswirken. Das klingt so banal, wie die Vermutung, dass Mutterliebe günstig sei für die kindliche Entwicklung. Jetzt aber habe man den Nutzen von Mind-Fulness „signifikant belegt“ (Cramer 2015, Shonin 2015).

Das ist ein wichtiges Argument für eine neue Mind-Body-Medicine, die mit modisch-zeitgemäßen Produkten die verstaubte Psychosomatik abzulösen soll.

Unbehagen mit Embodiment und Mindfullness

Gegenüber der Diktatur des Geistes über den Körper, sind die Vorstellungen von „Verkörperung“ und „Achtsamkeit“ deutliche Anzeichen einer demokratischeren Kommunikation zwischen Nervenzellen und dem Rest der Mini-Wesen, die am „Selbst“ beteiligt sind.

Aber auch bei diesen Perspektiven schaut ein sich selbst bewusster Geist auf einen Körper, der nun allerdings untrennbar mit ihm verwobenen zu sein scheint. Aber es ist weiterhin ein Geist, der sich als verkörpert empfindet, und der wohlwollend auf die weit vom Gehirn entfernten Zellen achtet.

Wenn aber der Geist nichts weiter wäre als eine Erscheinungsform des Körpers?

Was dann?

Selbsterfahrung

Bewegung

Gehirn

Literatur 

Vortrags Videos:

Autor: Helmut Jäger