Schamanistische Heilung

Bei Schlangenbissen hilft ein „Schwarzer Stein“.

Hergestellt wird er aus Holzkohle und Asche. Damit er seine Zauberkräfte nach dem Zuschnappen einer Giftschlange entfalten kann, muss ein, durch den Biss einer Giftschlange  vom Tode Bedrohter, dem sorgsamen Herstellungsverfahren des Steines und dem anwendenden Schamanen vertrauen. Gelingt ihm das, sinken seine Herz- und Atemfrequenz ab, und so steigen seine Überlebenschancen. Beruhigung ist also heilsam, während Panik tödlich enden kann.

Warum aber brauchen Menschen, angesichts der Gefahr, Schamanen, um sich zu entspannen?

Schamanen

Kongolesische Schutzfiguren, die Geister und Teufel zu Tode erschrecken, vorausgesetzt, sie wurden zuvor mit den richtigen Beschwörungsformulen aufgeladen. Der (nach eigener Aussage schamanistisch hochkompetente) Besitzer dieser Figuren riet mir nach meinem Kauf, die Figuren lieber (gegen einen kleinen Aufpreis) noch zu ent-hexen, denn sonst könnten sie mir schaden. Das tat er dann auch. Offenbar erfolgreich, denn noch bin ich gesund. (Bild: Jäger)

 

Bei heilbaren Leiden wird ein Arzt aufgesucht. Ist das Leben bedroht und das Ende nahe, muss ein Schamane oder ein Priester gerufen werden.

In vielen traditionellen Gesellschaften in Papua, Afrika oder Brasilien fragt man bei lästigen Kopfschmerzen nach einer Kräuterfrau, die Heilpflanzenextrakte zubereitet, oder man sucht den  Tabakladenbesitzer auf, der auf zerknickten Packungen Antibiotika-Dragees abzählt, oder notfalls reiht man sich auch in die Warteschlange im nächsten Distriktkrankenhaus ein, und hofft dort auf Pillen, die das Problem nicht noch weiter verschlimmbessern.

Steht es aber richtig schlecht um einen Patienten, und droht sie oder er zu sterben, muss die Krankheit wirklich ernst genommen werden. Dann braucht man dringend einen Experten für das Übersinnliche, also für die Welten, die normalen Menschen und Medizin-Experten verschlossen bleiben.

Schwarzer Stein
Mein schwarzer Stein. Der Giftschlangenexperte, der ihn nur für mich in Süd-Tansania hergestellt hatte, erklärte mir gleich, warum ich mit diesem wertvollen Gegenstand sicher kein Opfer eines Schlangenbisses retten könne: Denn ich sei mit der komplexen Herstellungsmethode (und damit mit dem Geist des Steines) nicht vertraut, und außerdem glaube ich nicht an seine Wirksamkeit. Beides nehme ein Patient unbewusst wahr, und deshalb sei das, in seinen Händen stark beruhigend wirkende Medikament, bei mir nichts anderes als ein Stück gehärteter Kohle. (Bild: Jäger)

Kommunikations- und Beziehungs-Effekt

Inhaltsfreie Pillen können sich nachweislich als heilsam erweisen. Oder sie können auch schaden. Je nach der Art des Rituals ihrer Anwendung.

Gespräche, symbolische Handlungen oder Berührungen anlässlich einer Behandlung vermitteln Beziehung und Vertrauen. Damit werden Schaltkreise im Gehirn der Erkrankten aktiviert, die die Illusion einer positiven Zukunft vermitteln. Wenn dann Gefühle aufkeimen, dass „es sicher gut werde“, beruhigt sich u.a. das Immunsystem. Und damit wird kontrollierter und sorgsamer mit Belastungen umgegangen.

Die Beobachtung, dass allein Glauben und Hoffen zu Gesundheit führen können, wird (immer noch) irreführend als „Placebo-Effekt“ bezeichnet. Oder „Nocebo-Effekt“, wenn durch ein Anwendungsritual Anspannung, Stress, Schmerz, Sorgen oder Ängste ausgelöst werden. (Benedetti 2016, Flick 2017)

Mit allen medizinischen Handlungen sind aber immer (mindestens) drei Arten von Wirkungen verbunden, die jeweils sehr unterschiedlich abgemischt sein können:

Spezifischer Effekt

  • Ziel- oder rezeptorgenaue Wirkung.
  • Beispiel: Treffer eines Curare-Pfeils im brasilianischen Urwald
  • Medizin: sehr genaue Immunreaktion durch das Antigen eines Impfstoffes.

Nebenwirkung

  • Streu-Effekt, der außerhalb des beabsichtigten Ziels wirkt.
  • Beispiel: ein Kind, das den Affen aufsammelt, verletzt sich an der vergifteten Pfeilspitze.
  • Medizin: Fehlfunktion eines Eiweißes durch unbeabsichtigte Bindung des Antigens.

System-Wirkung

  • Auswirkung auf einen ganzen Organismus oder ein Beziehungssystem.
  • Beispiel: Affen-Panik, Vogelgekreische und Vertreibung anderer Tiere.
  • Medizin: kurzzeitige starke Immunsystemaktivierung durch Zusatzmittel.

Für die Auslösung von „System-Effekten“, ist es oft nicht nötig, dass etwas zuvor spezifisch wirkte:

Beim Menschen zum Beispiel können die Belohnungszentren des Gehirns, die das Hormon Dopamin ausschütten, auch aktiviert werden, wenn etwas Wichtiges in möglicherweise erreichbare Nähe rückt. Es muss also nichts Konkretes geschehen sein, sondern es reicht, dass es möglicherweise geschehen könnte.

Um bei Heilritualen systemische Effekte auszulösen, kann es aber wichtig sein, dass Empfänger und Anwender einer Methode gleichermaßen unerschütterlich davon überzeugt sind, dass das, was von einem „Placebologen“ getan wird, sehr wohl punktgenau-spezifisch wirke.

Entscheidend ist nur, dass Patient*innen „bedingungslos“  vertrauen dürfen, wie das Kind seiner Mutter. Es ist dann genauso wirksam, wenn offen und transparent vermittelt wird, dass ein Ritual vielleicht wirken könne, und man es deshalb gemeinsam ausprobieren solle. Für die Auslösung eines typischen „Placebo-Effektes“ („Auf das aufgeschlagene Knie des Kindes pusten und „Heile, heile Gänschen“ singen“) ist es also nicht nötig, die Patient*in zu betrügen („Diese Zauber-Pille bewirkt Wunder“).

Erstaunlicherweise muss für die Wirksamkeit der Auslösung eines Kommunikations-Effektes bei Kranken auch das Hirn-Belohnungssystem der Anwender aktiviert werden, die dann Sicherheit und Vorfreude ausstrahlen, und dies unbewusst durch Körperhaltung und Mimik ausstrahlen. Ihre Patient*innen nehmen scheinbar unmerkliche Signale unbewusst wahr und spiegeln sie in ihren Hirnarealen. Körperhaltung, Mimik und Sprachmelodie der Heiler/innen sind also von großer Bedeutung: Sie vermitteln Wahrhaftigkeit, oder weisen, wenn sie widersprüchlich erscheinen, auf einen Betrug oder eine drohende Abzocke hin.

Bestimmte Rituale wirken dann besonders intensiv, wenn sie von Personen angewandt werden, die durch jahrzehntelanges Training in ihrem Glaubens-Modell „absolut sicher“ zu wissen glauben, dass ihre Handlungen punktgenau und spezifisch wirken. Das Training im jeweiligen schamanistischen Glaubenssystem muss daher möglichst komplex, „verschult“ und schwierig sein, damit die gläubigen Anwender/innen die Grundannahme des Denkmodells nicht mehr in Frage stellen (Beispiel: Homöopathie 1/2 ; 2/2).  Wenn im Rahmen eines solchen Erklärungsmodells Heileffekte beobachtet werden, dann deshalb, weil „die Heilslehre eben wahr“ sei, wenn nicht, dann liegt es eben daran, dass bei der Anwendung ein Fehler aufgetreten sei, der bei den folgenden Therapiewiederholungen ausgebügelt werden soll.

Schamanistische Glaubensprinzipen werden prinzipiell durch jedes Ergebnis bestätigt

Die wohl stärksten systemischen Wirkungen erfährt ein Mensch unmittelbar nach der Geburt durch die enge Bindung zu seiner Mutter. Das Wachstum und Gedeihen des ganzen Kindes wird von ihr geprägt. Ganz anders als ein kinderärztlich verordnetes Medikament, das nur auf eine bestimmte Rezeptorgruppe zielt. (Bonding: 1/2 ; 2/2)

Später bei Erwachsenen gehen systemische Wirkungen im Wesentlichen von der Pflege aus, vom Umsorgt-werden, und von dem Gefühl, dass sich andere um einen kümmern.

Warum ist ein Ritual erforderlich, um optimistisch zu glauben, dass es gut werde?

Menschen beurteilen angesichts großer Herausforderungen die Welt fälschlicherweise viel zu rosig. Sonst wäre es unseren affenartigen  Vorfahren auch nie gelungen, riesige Mammuts zu erschlagen. Aber warum sind wir dann angesichts von Krankheit Pessimisten und verlangen nach Schutzpersonen, die uns Zuversicht vermitteln? Es muss einen evolutionären Sinn haben, denn sonst hätte sich dieses paradoxe Verhalten nicht bis heute erhalten (Humphrey 2012).

Es muss für das Überleben der Gruppe nützlich gewesen sein, dass der Kranke durch Rituale solange abgelenkt wird, bis sich die Natur selber hilft. Und für diesen Effekt muss es sich auch gelohnt haben, Quälereien auf sich zu nehmen: ritzen, durchbohren, kneifen, brennen, stechen uva. Denn Schmerzen vermitteln besonders einprägsam, dass die Erlaubnis erteilt wurde, aus sich selbst heraus gesunden zu dürfen:

In der Evolution geschieht nichts, was ohne einen Zweck mit einem hohem Energieaufwand verbunden ist.

Heilrituale sind zeit- und arbeitsaufwendig. Sie verschlingen enorme Mittel, z.B. wenn Naturvölker den ihren Ahnen und Geistern Tiere opfern, deren Fleisch sie auch gut selber konsumieren könnten.

Um dieses Phänomen besser verstehen zu können, konstruierte Nicolas Humphrey einen „Health Manager“

Bei Heilungsprozessen seien immer viele zunächst wenig koordinierte Prozesse und Programme beteiligt, die direkt und lokal dafür sorgen, dass eine Krankheit überwunden werden kann oder eine Verletzung ausheilt. Eine übergeordnete Instanz, der so genannte „Health Manager“ würde dann zusätzlich beurteilen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit wäre, dass eine bestehende Störung des Gesundheitszustandes bewältigt werden kann.

Der „Health Manager“ würde nicht nur die inneren Körpersignale, die über den Krankheitszustand berichten (die so genannte Zytokine) oder Schmerz oder andere Körpersensationen wahrnehmen, sondern auf der Basis vergangener Erfahrungen einschätzen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit sei, dass dem Kranken kompetente soziale Unterstützung zuteilwerde.

Wären die Chancen dafür gering, verhielte sich der „Health Manager“ pessimistisch, und verschlechterte damit die Krankheitssituation. Erführe das System aber eine qualitative Unterstützung, die den Glauben vermitteln könnte, dass alles gut werde, dann schaltete der „Health-Manager“ auf Optimismus um, und ermöglichte so, dass alle an der Gesundheit beteiligten Funktionen optimal arbeiten könnten.

Eine anatomisch-physiologische Grundlage für Humphreys „Health Manager“ könnte im Mittelhirn liegen, wo die entscheidenden Botenstoffe des so genannten „Placebo-Effektes“ (Dopamin, Serotonin, Endorphin, Oxytozin) und des „Nocebo-Effektes“ (Cholecystokinin) ausgeschüttet werden, und wo Verbindungen auf periphere Nerven (u.a. den Vagus) austrahlen, dessen Funktionskreis u.a. das Herz-Kreislaufsystem und das Immunsystem beruhigt.

Verhalten sich deshalb Alltags-Optimisten im Krankheitsfall pessimistisch?

Schamnistische Welt
Die erkennbare Alltags-Welt (grün) ist umgeben von der unsichtbaren Realität, die von Ahnen, Geistern und Dämonen bevölkert wird, und in die Menschen im Tod eingehen und durch eine Geburt wieder zurückkommen. Hinter dieser nahen, dass Einzelschicksal beeinflussenden Sphäre, mag es einen größeren Zusammenhang geben (einen Großen Geist oder ewigen Zusammenhang), der aber nicht beeinflusst werden kann. Schamanen wandern in die Nahwelt der Gespenster, und können dort krankheitsverursachte Aggressionen dämpfen, die durch Tabu-Verletzungen, Mißverständnisse oder die Interventionen anderer (bösartiger) Schamanen entstanden sind.

Die wesentliche schamanistische Tätigkeit besteht darin, zu versöhnen.

Krankheit entstand in steinzeitlichen Glaubenssystemen aus Tabuverletzungen: aus der Verärgerung von Geistern, Ahnen oder anderen dunklen Mächten. Die Kompetenz des Schamanen bestand (und besteht auch heute) in der Fähigkeit, mit diesen zu kommunizieren, und sie um Erlaubnis zu bitten, dass der Fluch vom Erkrankten genommen werde, damit er oder sie nun heilen darf.

Schamanen werden von der Gruppe reichlich entlohnt, wenn es wichtig zu sein scheint, dass ein Kranker überlebt. Wird dagegen ein Mensch zur Last und muss als Schwacher, Alter oder Kranker zurückgelassen werden, während die Gruppe weiterzieht, dann ist es günstig, dass der Betroffene lieber schneller als langsam stirbt. Das galt auch für ein Neugeborenes, dessen Mutter bei der Geburt starb, oder für einen Zwilling, der sterben musste, damit sein Geschwister an der Brust genügend Milch finden konnte.

Krankheitspessimismus könnte also eine Bedeutung im Rahmen der evolutionären Gruppenselektion gespielt haben:

  • Wenn das Leben für jemanden anderen wichtig zu scheint: darf man gesund werden.
  • Wäre dagegen der Tod für die anderen günstiger, sollte man schnell sterben.

Für mich scheint diese Theorie plausibel zu sein. Ob es tatsächlich so war, weiss ich nicht.

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Literatur:

Autor: Helmut Jäger