System-Wirkungen?

Lebende Systeme sind komplex. Tiere, Pflanzen oder Öko-Gemeinschaften wachsen eigendynamisch. Sie gedeihen aus sich heraus.

Der Prozess ihrer Entwicklung kann aber günstig beeinflusst werden: in dem ein Schutzraum geschaffen wird, der Schaden fernhält und Entfaltung zulässt. Ein Gärtner kann das Aufblühen seines Gartens durch vieles unterstützt werden: ein wenig wässern, etwas düngen, Unkraut zupfen oder einen Bienenkorb aufstellen.

Systemische Wirkungen beziehen sich auf ganze Systeme. Die sind immer ein Teil vieler, größerer Systeme. Welches System gerade im Mittelpunkt des Interesses steht, ist das Ergebnis einer ganz persönlichen Auswahl eines Teilsystems. Die Untersuchung systemischer Wirkungen hat nichts mit unklarer  „Ganzheitlichkeit“ zu tun. Vielmehr wird bewusst ein Teilsystem gewählt (Mensch, Immunreaktion, Familie …), dann betrachtet und wieder in einen größeren Systemzusammenhang gestellt. Die Alternativen zu Systemwirkungen sind die spezifische Interventionen, die punktgenau einen Bestandteil oder Faktor eines Systems ansprechen, losgelöst von seinen Verbindungen, mit dem Ziel, das System als Ganzes möglichst wenig zu verändern. Spezifische Interventionen sind ideal geeignet für kurzfristige Aktionen und Notfälle: zum Beispiel um ein Ölfass, das in einen Teich gerollt ist, dort wieder herauszuziehen. Systemische Wirkungen, die dem Teich dann helfen würden, in sein inneres Gleichgewicht zurückzufinden, beeinflussten das Ökosystem langsamer, und wären erst nach großen Zeiträumen sichtbar. Dafür wirken sie nachhaltig. In anderen Fällen sind auch systemische Wirkungen möglich, die durch einen punktgenauen Trigger ausgelöst werden. Wie ein kleiner Anstoß an der richtigen Stelle, der einen Stein ins Rollen bringen kann, oder die Belegung eines Rezeptors, der eine Kettenreaktion von Systemreaktionen auslöst (Beispiel: Zusatzstoffe in Impfungen).

Die für die Gesundheit eines Menschen wohl stärkste Systemwirkung geht von der Mutter-Kind-Beziehung aus: vor, während und unmittelbar nach der Geburt. Die intensive Kommunikation mit der Mutter, ihren Bakterien, ihrem Körper, ihrem Ausdruck, ihren Gefühlen und ihrem ganzen Sein. Erst dieser Austausch ermöglicht es, dass das Kind sich als ein eigenes selbständiges System etablieren kann. Die Wirkungen, die insbesondere von der Mutter ausgehen, prägen die Verbindung und Koordination aller Körperzellen, die zu einem gesunden Rhythmus zusammenfinden müssen (Psychoneuroendokrinologie).

Leidet ein Kind an einem akuten Problem, z.B. weil ein Insekt es gestochen hat, kann allein die Wahrnehmung der Mutter es beruhigen. Dann entsteht in ihm die Sicherheit, dass alles wieder gut werden wird. Darüber hinaus kann sie sprechen (Großhirnwirkung), Mitfühlen (Mittelhirnwirkung), sich kümmern, sich sorgen, langsamer atmen und das Kind übers Gesicht streicheln (Stammhirn und Vagusreflexe, die Herz und Immunfunktion dämpfen). Das Kind erwartet eine sofortige „spezifische“ Problemlösung, und auch die kann die Mutter bieten, indem sie auf die Einstichstelle pustet, „Heile-heile-Gänschen“ singt und vielleicht noch eine Zwiebelscheibe auflegt. Einen Experten für spezifische Heilungen (den Kinderarzt) brauchte die Mutter nur, wenn all das nicht helfen sollte (z.B. im allergischen Schock).

Auch wenn später das Kind erwachsen und die Mutter fern ist, bleiben im Krankheitsfall Systemwirkungen wichtig. Sie sind die Grundlage der Heilungsprozesse.

Patientinn/en brauchen daher Sicherheit und Vertrauen, empathische Pflege und eine gelungene, warmherzige und aufmerksame Arzt-Patient-Beziehung.

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Literatur (markiert sind Übersichtsarbeiten)

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Autor: Helmut Jäger