Placebologie

Placebo Domino in regione vivorum.”
Ich werde dem Herrn gefallen …“ (Bibel Psalm 116:9, Vulgate, Jerome)
überarbeitet: 24.12.2014

Ein Arbeitskreis der Bundesärztekammer hält „die bewusste Anwendung von reinem Placebo oder sogenanntem Pseudo-Placebo in der therapeutischen Praxis außerhalb klinischer Studien“ für ethisch vertretbar (Jütte 2010).

Ärztekammer und Placebo
Die Bundesärztekammer hält „Pseudo-Placebo-Gaben“ (nebenwirkungsreiche spezifische Wirkstoffe für die Auslösung nicht spezifischer Therapieziele) und „schein-chirurgische Eingriffe“ unter bestimmten Voraussetzungen für gerechtfertigt.

Placebo-Anwendungen seien erlaubt, wenn „keine geprüfte wirksame (Pharmako)-Therapie vorhanden“ sei, „es sich um relativ geringe Beschwerden“ handele, „ein ausdrückliche Wunsch des Patienten nach einer Behandlung“ vorliege, und „eine Aussicht auf Erfolg einer Placebo-Behandlung bei dieser Erkrankung“ bestehe. Davon könnten Patientinn/en messbar profitieren (Jütte 2014).

Ein Arzt darf „in manchen Fällen mit Hokuspokus zaubern …” (Gaßner 2014).

maske impress
Kongo-Maske. Bild: Jäger

Das geschieht tatsächlich in breitem Umfang (Linde 2011, 2014, Howick 2013, Meissner 2012). Und es wird mit dem ethischem Segen noch häufiger stattfinden (Spiegel 03/14, IGel Monitor).

Manche halten Hokuspokus (Duden: „Beschwörungsformel, Gaukelei, fauler Zauber, Magie, Täuschungsmanöver, Trug …”) in der Medizin für „unnötig, unprofessionell und unethisch“ (Hróbjartsson 2008).  Und zudem für gefährlich, wenn spezifisch wirksame Substanzen (z.B. Antibiotika) als „Pseudo-Placebo“ eingesetzt werden (Walch 2012, WHO 2012, 2014). „Magische Pillen„, „Medikalisierung“ (Illich 1975, Conrad 2007) und „Waren-Medizin“ (Unschuld 2011) bergen für Patientinn/en erhebliche Gefahren. Und auch die Konditionierung mit „reinen Placebos“ wie inhaltsleeren bunten Pillen oder einprägsamen Ritualen kann schaden. Es verhindert das Verstehen von Wirk-Zusammenhängen und führt in eine unmündige Abhängigkeit zu den Placeboanwenderinn/en.

Die Placebo-Täuschung von Patientinn/en ist juristisch natürlich etwas anderes als Betrug. Wer in betrügerischer Absicht giftige oder gefälschte Pharmaprodukte (Fake drugs) verkauft, verstößt gegen das Strafrecht. Das läge medizinischen Hokuspokus-Anwender/innen aber fern. Sie behaupten vielmehr, dass sie zum Wohl ihrer Patienten handelten. Sie seien zudem davon überzeugt, dass das was sie tun, gar kein Hokuspokus sei. Denn gerade aus der Illusion einer starken spezifischen Wirkung ergibt sich die nicht-spezifische Auslösung des Sicherheitsgefühls, dass alles gut werde. Bereits vor 2.500 Jahren hatte Konfuzius erkannt, wie wichtig sei so zu handeln, als ob etwas so wäre. Das genügt, und tatsächlich ist die Vortäuschung, von etwas was „tatsächlich so sei“, für den Placebo-Effekt unnötig (Kaptchuk 2010, Annoni 2013).

Alles was wirkt, kann in unterschiedlicher Dosierung und Abmischung sehr verschiedene Effekte auslösen, die als spezifisch, indirekt, nicht-beabsichtigt, nicht-spezifisch oder systemisch beschrieben werden können. Das Medikament ASS z.B. wirkt spezifisch, weil es die Bildung eines Eiweißes (Prostaglandin) und die Bindungsfähigkeit von Blutplättchen hemmt. Es kann deshalb entzündungs- oder gerinnungshemmend eingesetzt werden. Die spezifischen Wirkungen von ASS bergen das Risiko unerwünschter Nebenwirkungen, z.B. der Reizung der Magenschleimhaut oder einer Verstärkung einer Blutungsneigung. Und auch die Art der ASS-Anwendung, und die bisher mit ASS gemachten Erfahrungen können zu Wirkungen führen, ohne dass eine scheinbar wie ASS aussehende Pille auch ASS enthalten muss.

Solche „Placebo-Effekte“ sind die Folge von Kommunikationsprozessen. Sie führen zu Sicherheitsgefühlen und Erwartungshaltungen, die sich heilsam auswirken (Benedetti 2013, Enck 2013, Jensen 2014). Die psychologischen Grundeinstellung verändert sich: Panik, Stress und Angst nehmen ab, während Zuversicht, Vertrauen und Hoffnung wachsen an. Das hat eine Beruhigung der Immunfunktion zur Folge, die zu einem effektiveren Umgang mit den Krankheitserscheinungen und damit zu günstigen Entwicklungen führt.

  • Mehr: Reflexkontrolle der Immunfunktion (Anderson 2012 – Volltext, Pavlov 2012 u.a.)

System-Wirkungen entstehen aus den Veränderungen dynamischer Beziehungen zwischen Zellen, Regelkreisen, Stoffwechselrhythmen und Organfunktionen. Sie können sehr gezielt angeregt und in ihren Auswirkungen gemessen werden. In bestimmte Lebensphasen prägen sie das ganze später Leben: Die genetische Information (Epigenetik) kann z.B. durch anhaltenden Stress in der Schwangerschaft moduliert werden (D’Urso 2014), oder das Gehirn eines Säuglings entwickelt sich im Rahmen liebevoller Mutter-Kind-Bindung nachhaltig günstig (Penhume 2014).

Später, wenn das Kind Worten lauschen kann, gehört auch wohlmeinend-tröstendes Schwindeln zum Repertoire jeder erfahrenen Mutter. Sie erzählt dann von Feen, dem Christkind und Prinzessinnen, und wiegt das Kind abgelenkt und selig in den Schlaf. Sie vermittelt bei Krankheit die Illusion, es sei gar nicht so gefährlich, es werde schon gut, und ein von Oma empfohlenes Hausmittelchen helfe sicher. Das Erleben von Geborgenheit und das grenzenlose Vertrauen helfen dem Kind zu gesunden. Es will gar nicht so genau wissen, wie es tatsächlich ist. Das mütterliche Schwindeln unterscheidet sich aber wesentlich von einer Placebo-Anwendung, obwohl  auch die Patientinn/en in diesen abhängigen Zustand der Frühkindheit zurückversetzt werden. Die Mutter will, dass ihr Kind wächst, gedeiht und sich selbständig entwickelt, und sie will ihm nichts verkaufen.

Mehr:

we've got him covered
Wir haben ihn geschützt! Placebo-Geschäft in der Reisemedizin: Reisemedizin: Die Wahrscheinlichkeit, ohne Impfung an an dem speziellen Virus (JEB) zu erkranken beträgt ~1:10-100 Millionen. Übertragen wird das Virus von Schweinen auf Menschen, die neben diesen schlafen. Das Risiko dafür ist in dem abgebildeten Bungalow (oder in einer Stadt) null. Allerdings gibt es in der Nähe von Wasser Mücken, die Dengue-Viren übertragen. Die Placebo-Schutz-Illusion des Geimpften unter dem Netz ist daher falsch. Neben dem spezifischen Impfstoff, der den Schutz vermitteln soll, enthält die Spritze u.a. Aluminiumsalze, die das Immunsystem nicht-spezifisch in einen Alarmzustand versetzen, was zu unerwünschten Nebenwirkungen führen kann. Das Präparat enthält also zwei starke, systemisch-wirkende Effekte in einem. Warum übernimmt eine Krankenkasse dann die Kosten?

Mehr

Arzt-Patient-Kommunikation

Systemwirkungen

Literatur

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Anti-Inflammatorischer Reflex

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Messung nicht-spezifischer Wirkungen (cmRCT-Design)

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  • Vortrag Thombs 2014

Autor: Helmut Jäger