Taiji Quan: Struktur & Entspannung statt Schnelligkeit & Kraft?

Taiji Quan ist ein umfassendes System natürlicher Bewegung.

Es stammt aus dem chinesischen Kulturraum, wird heute weltweit in vielen Variationen und Ausgestaltungen unterrichtet. Die verschiedenen Ausrichtungen des Taiji bilden Interaktions-Formen des Alltags ab. Die Übenden experimentieren mit Bewegungsprinzipien, Konzentration, Kommunikation und Begegnungsabläufen.

Herkunft

Der Ursprung der vielgestaltigen Bewegungs-Folgen und Partnerübungen stammt aus sehr realen Kampfsituationen, die früher häufig tödlich endeten.

Die Körperdynamik, die bei realen Kampfsituationen geschah, kann heute in einer geschützten friedlichen Atmosphäre  sinnlich erfahren und verstanden werden. Daraus eröffnen sich Alternativen körperlichen und psychologischen Handelns.

Bei Taiji wird ein scheinbar paradoxes Verhalten geübt.

Auf „Kraft und Schnelligkeit“ antworten Taiji-Formen gerade unter äußerer Belastung mit Nachgeben, Entspannung und Aufladung einer Struktur mit Bewegungsenergie. Durch intelligente Anpassung an die Bewegungsdynamik können dabei mit sehr wenige Energie große Massen bewegt werden.

Je nach Ausrichtung werden im Taiji mehr kämpferische Aspekte (Wu) geübt, oder die Auswirkungen auf das Verhalten und die innere Einstellung (Wen). Beides ist miteinander verbunden, zumal es die beste Selbstverteidigung (Wu) ist, Kämpfe zu vermeiden. Zusätzlich bringt ein wirksames Persönlichkeits- und Gesundheitstraining (Wen) Faszien, Muskel und Nerven in entspannte und zugleich wirksame Bewegung.

Das Ziel eines Taiji-Trainierten in einer realen Kampfbegegnung wäre sich und andere zu schützen, d.h. „wirksam aus dem Weg gehen“. Und vielleicht auch einen aggressiven Gegner zu verwundern, d.h. ihn in einen anderen Bewusstseinszustand zu versetzen, so dass er anschließend ohne reptilien-hafte Stressmuster kommuniziert.

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Die Essigkoster: Konfuzius, Buddha, LaoTse kosten das Leben: sauer, bitter, verschmitzt (en.wikipedia.org)

„Harte“ Kämpfer lernen, etwas zu zerschlagen. „Intelligentere“ weichen rechtzeitig aus, bleiben dran, verbinden sich und lenken.

Zwischen „harten“ (Widerstand brechenden) und „weichen“ (Widerstand umfließenden) Formen gibt es je nach Ziel und Visonen zahlreiche Übergänge, u.v a.

  • Im Krieg gewinnen? (als „Spezial Force der Guten?“: Spetsnaz, Mistaravim, USAFSC, GSG9)
  • Sich effektiv „gegen die Bösen“ verteidigen?  (Beispiele: KernspechtRyabko, Skogorev)
  • Sich durch eine Kampfkunst „spirituell“ entwickeln? (Beispiel: Kelly), Trance-Intension erfahren (Beispiel: Magical pases) oder „leer“ werden (Beispiel: Kyudo/Kyūdō).
  • Gelöst eine energievolle Mitte finden? (Beispiel: Jin)
  • Körperlich und geistig gesunden und gesund bleiben? (Beispiel: Wayne)
  • Sich entspannt bewegen, Kämpfe bestehen, sich entwickeln (Beispiel: Ralston)

Wie funktioniert Taiji?

Durch struktur-bewahrendes Nachgeben (Yielding) wird die Nutzung der Bewegungsenergie des Partners und die Schwerkraft für die eigene Bewegungsdynamik genutzt. Der in Schnelligkeit, Körpermasse und Kraft überlegene, aggressive Gegner wird ins Leere gelenkt und mit den Auswirkungen seiner eigenen plötzlich ziellos wirkenden Kraft konfrontiert.

Taiji eröffnet einen spielerischen Erfahrungsraum des Erlebens effizienter, energievoller und dennoch entspannter Bewegung. In Partnerübungen und Bewegungsfolgen werden dabei Alternativen zu Stress- und Aggressionsverhalten geübt.

Auch bei dem Training äußerer Kampfkünste schelift sich erstaunlicherweise oft „das Harte“ mit zunehmender Erfahrung ab, und wird weicher, bewegungsökonomischer und freundlich-zugewandter, wie zum Beispiel bei dem Taekwon-Do-Lehrer Seo Yoon-Nam.

Taiji Quan: den “großen Gegensatz” erleben.

Taiji
Der große Gegensatz

Das Yin-Yang-Zeichen zeigt Gegensätze, die in harmonischer Bewegung kreisen ohne unnötige Reibungsenergie verbrauchen. Taiji entspricht dem Ideal störungsfreier dualistischer Dynamik. Quan (Chuan) bedeutet Faust und symbolisiert die Anwendung dieses Prinzips in der Kampfkunst. Es ist zugleich eingebettet in den Kreis „Wuji”, der dem indischen Ideal des „Alles oder Nichts“ entspricht. Der dritte philosophische Einfluss des Taiji stammt aus dem Daoismus, dem Nebel des Übergangs von Wuji und Taiji.

Die Taiji-Bewegungsformen können grob unterteilt werden in den „kleinen Kreis“ („Die Radnarbe, die Zentrierung“). Davon ist meist die Rede, wenn der Begriff Taiji genannt wird. Andere, verwandte Techniken werden im „großen Kreis“ (Ba Gua: „Das Rad“) mit zahlreichen weiten Drehbewegungen (um einen Gegner im Zentrum)  trainiert, oder im Xing Yi, einem eher eher kurvig-linearen Training der des direkten Angehens („Radspeichen“). Verschiedene des Taiji-Stilrichtungen, die sich im 19. Jahrhundert entwickelten  (Wu, Chen, Yang, Sun) setzen unterschiedliche Schwerpunkte, die aber jeweils auf die gleichen Prinzipien zurückgehen.

Die Übungsformen des Taiji entstanden, als bedrohte dörfliche Familien mit geringstem Kraftaufwand hochgerüstete, überlegene Gegner neutralisieren mussten. Der Erfahrungshintergrund des Taiji stammt also aus dem Realen und Deftigen. Es waren Pragmatiker, die hochtrainierten Kriegern gegenüberstanden, und keine Schöngeister, die eine ästhetische Kunst entwickelten wollten. Es ging vielmehr darum, wie ein schwacher  Bauer mit einem Kämpfer klar-kommen konnte, der in der Lage war, mit seiner Handkante Holzbalken zu zertrümmern, und der im Dorf plündern, morden und vergewaltigen wollte. Der Hintergrund taoistischer und konfuzianistischer Philosophische, der diese Form der Selbstverteidigung beeinflusste, war allerdings sehr hilfreich dabei, ökonomisch energiesparende, widerstands-freie Bewegungstechniken zu entdecken.

Weitere Wurzeln des Taiji sind chinesische Übungen zur Gesunderhaltung (QiGong) und Maßnahmen zur Beseitigung krankmachender Blockaden (Akupunktur). Qi Gong Übungen streben eine innere Harmonisierung an. Sie betonen im Gegensatz zu Yoga-Dehnung und  europäisch-dynamischer Gymnastik die Aufmerksamkeitslenkung, Spiraldrehungen und ein besondere Form energie-anregender Atmung.

Taiji Formen wenden Qi Gong Elemente auf einen geeigneten Umgang mit äußerer Energie an. D.h. zu äußeren Kräften soll eine möglichst optimale innere Einstellung des Körpers und der Psyche gefunden werden. Nicht die äußerlich erkennbare, sondern die harmonische durch den Geist kontrollierte innere Bewegung der Faszien und Muskelstränge, wird besonders trainiert. Die innnern Sinne (so genannte Propriozeption), das Spüren und Fühlen der Bewegung und ihrer Folgen stehen im Vordergrund der Aufmerksamkeit. Daher ist der Übungsablauf in der Regel sehr langsam.

Zustandsänderungen sollen nicht „nicht schnell“, sondern „sofort“ erfolgen

„Wenn der Partner sich bewegt, bewege ich mich zuerst“, d.h. „meine Einstellung zu dem was kommt, ist schneller als dem Akteur bewusst wird, was er will“. Das Erreichen eines meditativen Bewusstseinszustandes und Körpergefühls ist eine Voraussetzung für eine wirkungsvolle (d.h. für den Partner spürbare) Ausführung.

Intensivere Lernerfolge treten, wie bei allen komplexen körperlichen Techniken, wie z.B. dem Klavierspielen, langsam, oft erst nach vielen Jahren auf, da sich die Bewegungsprogramme im Groß-, Mittel- und Stammhirn nur in längeren Trainingsprozessen umgestalten:

Menschen interessieren sich meist erst für Taiji, nachdem die, durch das bisherige Leben eingehandelten, Störungen des Bewegungsapparates zu einem Leidensdruck geführt haben. Unbewusst-anstrengend-energie-aufwendige Fehlhaltungen, harte Bewegungen einzelner Gliedmaßen bei erstarrter Gesamtstruktur zogen Gesundheitsschäden nach sich. Gesunden Jugendlichen dagegen ist Taiji „zu verkopft und langweilig“, sie powern sich lieber aus und reißen und zerren an ihren Gelenken beim harten Kampf- oder Ballsport. Erst wenn einige Jahrzehnte später ihre Kniegelenke zu maulen beginnen, entwickelt sich vielleicht Neugier, ob man nicht auch anders mit den Gelenken hätte umgehen können. Ansätze, Taiji rechtzeitig, z.B. bei Skifahren, einfließen zu lassen, stecken noch in den Anfängen.

Am Beginn eines Taiji-Trainings wird die Inkompetenz der wenig ökonomischen Bewegungsart bewusst. Das kann frustrierend sein, weil es bisheriges Verhalten, dass sich ja bewährt hatte, in Frage stellt. Anstrengend-energie-aufwendige Haltungen und Folgen reptilien-artiger Stressmuster werden offensichtlich, ohne dass sich eine sofortige Lösung bieten würde. Es wird aber gespürt und verstanden, dass es Alternativen geben könnte, die wirksam sind und zugleich entspannend.

Manche begeben sich dann auf einen Weg beharrliches Training mit tausendfacher Wiederholung. Die innere Sinneswahrnehmung verändert sich sehr langsam, die körperliche Kompetenz ökonomischer Bewegung nimmt zu. Es entwickelt sich allmählich eine bewusste (d.h. kontrollierte) Kompetenz

Schließlich kann die Kompetenz unbewusst ablaufen und in den Verhalten und die Bewegungsmuster des Alltags integriert werden.

Die Grundprinzipien dieser Art von „Körper-Mechanik plus mentalem Training“ sind auch für Anfänger relativ leicht erlebbar und können in viele Sportarten oder geistigen Tätigkeiten einfließen. Damit könnte sich die Art verändern wie Holz gehackt, Fußball gespielt oder mit dem Chef diskutiert wird.

Wichtige Grundprinzipien des Taiji

  • Alles bewegt sich. Der ganze Körper und der Geist sind eine Einheit. Immer bewegt sich alles zusammen (statt einzelner Glieder).
  • Bewegung erfolgt leicht und wendig, mit so wenig Anstrengung wie möglich. Balance ist wichtig und Haltung unnötig.
  • Für Bewegung und Balance ist kein Krafteinsatz nötig. Muskelkontraktionen bereiten eine Bewegung vor (durch Aufdehnung von Faszien). Die Energieübertragung entsteht nur durch Loslassen (Entdehnung der Faszien)
  • Zentrierte Ausrichtung des Körpers und Organisation von unten nach oben durch die Schwerkraft: aufrechter sicherer, stabiler, elastisch, balanzierter, gelöster Stand.
  • Umwandlung von horizontaler Bewegungsenergie in vertikale Energie: Sinken und aufsteigen lassen.
  • Die Hände tasten und fühlen, die Energie kommt aus der Verankerung der Füße mit dem Boden.
  • Die Aufmerksamkeit ist hellwach und offen für innen und außen zugleich. Wohlwollend, freundlich zugewandt, ohne Anstrengung oder Gewalt. Ohne Aggression oder Flucht.

Fünf Basisprinzipien des Benjamin Lo

  • „Entspann dich“ (In eine elastische Struktur)
  • „Trenne Yin und Yang“ (Die Füße/Beine sind belastet oder nicht belastet, bewegt (leer) oder unbewegt (voll)
  • „Bewege dich aus der Mitte“ (Dort wo bei Vierbeinern das Zentrum der Bewegung ist)
  • „Richte dich auf“ (Kopf oben, Füße unten, gelassen, offen, natürlich und weit)
  • „Keep Ladys Hands“ (Die Hände sind so, als wollten sie ein Geschnek annehmen oder übergeben)

Beispiel eines typischen Bewegungsablaufes

  • Die Bewegung entsteht aus innerer Ruhe und entspannter Gelassenheit. (Bild: Torwart vor einem Elfmeter)
  • Zunächst erfolgt ein Kontakt, ein Herausreichen zu dem, was kommt. Die Dynamik wird angenommen und begleitet. (Bild: Torwart fliegt dem Ball entgegen)
  • Die einwirkende Energie wird mit dem eigenen Zentrum (und dem des Partners) verbunden (Yielding: nachgeben). (Bild: Torwart nimmt den Ball an – er schlägt nicht gegen ihn)
  • Die Bewegungsrichtung der äußeren Einwirkung wird aus einer horizontalen in eine vertikale umgelenkt, durch Sinken, Entspannen, und die Einwirkung von Schwerkraft. Die Sehnen dehnen sich auf. Die äußere (fremde) Energie des Kontaktes wird neutralisiert und in innere (eigene) Energie verwandelt und in den aufgedehnten Faszien gespeichert. (Bild: der Torwart steht – der Ball ist an seinem Bauch geborgen.)
  • Es entsteht ein gemeinsames  Bewegungszentrum, das sich wie ein Ball elastisch auflädt. Ein flummihaft energiereicher Zustand, der sich durch Loslassen entladen kann, als ob eine Schneelast, die von einem Blatt rutschen würde. (Bild: Der Torwart kickt den Ball zielgenau aufs Feld.)

Äußerlich sehen Taiji-Bewegungsfolgen, auch bei einem Großmeister wenig spektalulär aus: Lockerungsübungen, Pushing.

Tatsächlich sie hocheffektiv, sofern sie korrekt beherrscht werden. Das erfordert allerdings einige Jahre (oder Jahrzehnte) der Übung.

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Literatur und Links

Autor: Helmut Jäger