Taiji (Tai Chi) und Fibromyalgie

Entspannung unter Belastung

Die Prinzipien des Taiji entstanden aus den Kampfkünsten des ostasiatischen Kulturraums.

Taiji wird als System natürlicher Bewegung weltweit in sehr unterschiedlichen Formen praktiziert und weiterentwickelt. Dabei wird trainiert, mit äußeren, dynamischen Einwirkungen effektiv und zugleich gelöst umzugehen: Das wesentliche Ziel ist: gewinnen, ohne zu kämpfen.

Da beide Kontrahenten einen Vorteil aus einer überraschend friedvollen Interaktion ziehen (und so zu Partnern werden), ähnelt Taiji den Prinzipien der Methode der gewaltfreien Kommunikation (GFK).

Die Grundidee des Taiji (gerade bei Belastung entspannen) gleicht dem Segeln: dort werden Wind und Wellen genutzt, statt sie auszuhalten, gegen sie anzukämpfen oder vor ihnen zu fliehen. Ähnlich passen sich Taiji-Bewegungen widerstandslos und flexibel an das an, was gerade geschieht. Alle Anteile des Körpers und der Aufmerksamkeit wirken zusammen als eine elastische Einheit. Und so werden Achtsamkeit (Mindfulness) und körperliche Koordination gleichermaßen trainiert.

Gymnastik, Yoga, Pilates, QiGong und viele andere, den Körper und den Geist gleichermaßen  entspannenden Methoden, können sich günstig auf eine innere Harmonisierung der Lebensfunktionen auswirken. Taiji bezieht zusätzlich die Dynamik des unmittelbaren Umfeldes mit ein. Die Fähigkeit, starke Kräfte zu entwickeln, ohne sich abzumühen, beruht auf dem Grundprinzip aller lebenden Zellen:

Faszienorgan
Tensegrity: Die Funktionsweise des Faszienorgans (Bild: Jäger)

In Ruhe befinden sich die Körperzellen im Zustand elastischer Auf-Spannung in einer flexibel verformbaren Struktur. Wie ein Hüpfball muss der Körper eigentlich nur wenig tun, damit äußere Kräfte (wie die Gravitation) optimal genutzt werden.

Wie könnte sich Taiji günstig auf Gesundheit auswirken?

Stress, das Notfallprogramm für Kampf-Flucht-Ohnmacht, stört die normale Immunfunktion und kann zu Erkrankungen sehr unterschiedlicher Organsysteme führen. (siehe: Polyvagal Theorie und Antiinflammatorischer Reflex)

Die Auslösung von Stress (als ein inneres Reaktionsmuster) ist „hausgemacht“, und daher eigentlich völlig überflüssig. Gerade bei sehr großen Herausforderungen wäre es für das Überleben viel günstiger, psychisch und körperlich zu entspannen, gelassene Ruhe auszustrahlen und sich unverkrampft elegant und kraftvoll zu bewegen. Diese Möglichkeiten des Handelns werden bei Taiji geübt.

Von einem Taiji Training könnten also theoretisch starke Systemeffekte ausgehen, die die Prozesse der körperlichen und psychischen Weiterentwicklung gleichermaßen günstig beeinflussen könnten. Spezifische Effekte, die sich an Laborwerte messen lassen, wären natürlich ggf. auch überprüfbar, wie Blutdruck, Entzündungs-Marker oder Atemvolumen. Solche Hinweise wären aber für Taiji nicht typisch, da sie auch bei vielen anderen Methoden des achtsamen und sanft bewegten Umgangs mit sich selbst beobachtet werden können. Die Messung spezifischer Folgen günstiger System-Effekte wäre bei der Untersuchung von Taiji-Wirkungen nicht besonders aussagekräftig. Zumal tausende von Taiji-Varianten in sehr unterschiedlicher Qualität (und auch ganz anderen Zielrichtungen) angeboten werden, so dass auch Verschlimmbesserungen oder Verkrampfungen als Trainingsfolgen denkbar sein können.

Wenn sich allerdings Personen durch das Erleben und Erlernen der Prinzipien, die Taiji zugrunde liegen, sich künftig anderes verhielten, würde das für die Anwendung gerade dieser Methode sprechen. Dann könnte ein Verlernen ungünstiger Reaktionsmuster und Haltungen sich indirekt günstig auf gesunde Entwicklungen auswirken.

Es ist nicht einfach, Systemeffekte zu messen.

Effect of Tai Chi
Wang C: Effect of tai chi versus aerobic exercise for fibromyalgia. BMJ 2018, 360:k85, Volltext: www.bmj.com/content/360/bmj.k851 – Link: Visual Abstract

2008 wurde erstmals versucht, die Auswirkungen einer anderen Methode zu untersuchen, die ebenfalls nur wenig spezifisch wirkt, und stattdessen versucht, mental-körperliche, verhaltensändernde Lernprozesse nachhaltig anzuregen: Alexander Technik (AT). In zwei Studien  konnte belegt werden, dass RückenschmerzpatientInnen, die AT erlebten, sich anschließend subjektiv besser fühlten als die Personen der Vergleichsgruppe. Und dass sie lernend ihr Bewegungs-Verhalten änderten und anschließend weniger Produkte des Gesundheitsmarktes konsumierten. (Hollinghurst 2008, Little 2008)

Am 21.03.2018 wurde in der gleichen Zeitschrift (BMJ) eine ähnliche Untersuchung zu Taiji publiziert. (Wang 2018)

Die untersuchten Personen litten an einer komplexen Erkrankung, der eine Störung des Immun-Systems zugrunde liegt: Fibromyalgie. Spezifische, medikamentöse Behandlungen sind dabei in der Regel wenig wirksam. Fibromyalgie gilt als eine Vorstufe rheumatischer Erkrankungen, und könnte als Hyperaktivität des Immun-Systems aufgefasst werden.

Ursächlich kommen Störungen der neuronalen Steuerung der Immun-Funktion in Frage (insb. Stress), ein ungünstiges Zusammenspiel mit dem Mikrobiom des Darmes, Fehlfunktionen nach Infektionen oder Schadstoffeinwirkungen und Störungen des Bewegungsapparates und der Schmerzverarbeitung. Bei einer solchen Erkrankung, bei der viele Faktoren zusammenwirken, ist die Chance relativ groß, dass die unterschiedlich betroffenen körperlichen Systeme in ihrem Zusammenspiel gemeinsam beeinflusst werden könnten. Und sich so ungünstige Reaktionsmuster beruhigen können, und das Immun-System lernt, mit neuen Belastungen anderes (friedlicher) umzugehen.

Zur notwendigen Standardisierung wurden im Rahmen der Studie Bestandteile des weitverbreiteten Taiji-Yang-Stils gewählt. Die Variationsbreite des Yang-Stil-Taiji kann auch  außerhalb der Studie beobachtet werden. Damit wurde (wie in anderen Studien zur Wirkung von Taiji) vermieden, nur das als „Taiji“ zu definieren, was gerade in den Studien-Kursen stattfand. Außerdem schien den UntersucherInnen bewusst zu sein, dass die Kompetenz und die Persönlichkeit der LehrerInnen einen erheblichen Einfluss auf die Gestaltung der Lernprozesse haben können. Daher wurden in den Taiji-Gruppen drei TrainerInnen eingesetzt, um Lehrereffekte beobachten zu können. Als Vergleichsgruppe dienten Gruppen, in denen gymnastische Standard-Übungen angeboten wurden.

Ergebnis

„Taiji Geist-Körper-Training führt zu einer ähnlichen oder größeren Verbesserung der Symptome als aerobisches Training, füFuzhong 2012r eine Vielzahl von Ergebnissen bei Patienten mit Fibromyalgie. Längere Dauer des Taiji zeigte größere Verbesserungen. Dieser Geist-Körper-Ansatz kann als therapeutische Option in der multidisziplinären Behandlung von Fibromyalgie angesehen werden.“ (frei übersetztes Zitat aus Wang 2018)

Eine Studie bei PatientInn/en, die an Parkinson litten, war bereits zuvor zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. (Li 2012)

Konsequenzen

Die Studie belegt keine Überlegenheit von Taiji gegenüber anderen Methoden.

Sie zeigt aber, dass das Instrument „Taiji“ in den Händen geeigneter AusbilderInnen, sich gesundheitsfördernd auswirken kann. Möglicherweise, weil Achtsamkeit und entspannte, wirkungsvolle Bewegung gleichermaßen trainiert werden.

Damit sich sich dieser Effekt besonders günstig entfalten kann, sollte

  • sich die Ausbildung von Taiji-KursleiterInnen und LehrerInnen an klaren Vorgaben orientieren und durch Gütesiegel anerkannter Verbände zertifiziert werden (in Deutschland: DDQT).
  • die Zielsetzung der Kurse für unterschiedliche Zielgruppen differenziert werden: Gesunde KampfsportlerInnen benötigen andere Zugangsformen als Personen, die, von einer Krankheit gezeichnet, genesen wollen.
  • ein/e TraninerIn, die mit Personen arbeitet, die gesundheitlich beeinträchtigt sind, besonders kompetent und einfühlsam kommunizieren können.

Literatur

Seminare

  • Taiji-Prinzipien. VHS Rotenburg AS71045, 12.-14.10.2018:
  • Gesundwerden nach schwerer Krankheit. VHS Rotenburg AS71046, 19.-21.10.2018
  • Stimme & QiGong. KiR, Simbav, VHS Rotenburg AS71044. Flyer
  • Bewegtes Becken. Schweiz. Gesellschaft für Taiji und QiGong: Workshop. 02.03.2019
  • Taiji-Grundausbildung (3 Jahre) für Gesundheitsberufe ab 28.04.2019: Download

Kampfkunst

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Artikel: Jäger