Wie viel Überlastung hält ein Mensch aus?

Reifen defekt
Platter Reifen in Tansania (H. Jäger)

Wer aushalten muss, hält nicht lange durch.

Der Bewegungsapparat, zu dem auch das Gehirn gehört, dient der Kommunikation mit Dingen, Pflanzen, Tieren oder Menschen.

Das tut er am elegantesten, wenn alle Teile gleichermaßen mitwirken: beim Kontakt herstellen, Aufnehmen, Zurückfedern, Gehen, Laufen, Werfen oder Spielen. Bei entspannt-eleganter Bewegung gleicht der Körper einem elastischen Ball, der auch in Ruhe energiegeladen, flexibel und strukturstabil bleibt (Tensegrity Prinzip)

Wenn ein Teil des Bewegungsapparates stehen bleibt und sich versteift, während sich ein anderer Teil noch weiterbewegt, entstehen Verspannungen, Zerrungen oder Verletzungen. Das geschieht zum Beispiel bei zielorientierten, reaktionsschnellen Bewegungen, in denen für das Erreichen des Ziels jedes Mittel recht ist.

Bei solchen, häufig wiederholten oder lang andauernden Fehlbelastungen entstehen Schäden an den Bändern, Scheiben und Knorpeln, aus denen die Gelenke bestehen. Dann wird bandagiert, punktiert, gespiegelt, gespritzt und, wenn alles nichts mehr hilft, ein Kunstgelenk eingebastelt.

Das Risiko für die verschiedenen Gelenk-Reparatureingriffe nimmt rasant zu, und es ist regional sehr unterschiedlich verteilt.

Häufig betroffen sind

  • Knie, die eigentlich die stark beweglichen Hüft- und Fußgelenke fein aufeinander abstimmen, und die völlig ungeeignet sind, unter Belastung zu drehen.
  • Lendenwirbel, die eigentlich den Oberkörper aufrecht tragen sollen, aber unfähig sind, die Aufgabe steifer Hüften zu übernehmen, und denen es nicht gut tut, sich unter Belastung zu verbiegen.
  • Halsgelenke, die eigentlich in Ruhe Feinabstimmungen des Gesichtsfeldes ermöglichen sollen, aber verschleißen, wenn sie durch Stress und Verspannungen verbogen werden.
  • der Kopf, dessen empfindliches Nervengewebe leidet, wenn es erschüttert wird.

Gelenke verschleißen, wenn die Meldungen der winzigen inneren Sinnesorgane überhört werden, die über Druck, Zug, Schmerz, Wärme und Gelenkstellung berichten. Und wenn eine schnelle Bewegung abrupt stehen bleibt, weil etwas plötzlich gehalten werden muss, und anschließend wieder aus einer Starre ein plötzlicher Kalt-start erfolgt.

Für sehr kurze Zeiträume kann „Alles“ gegeben werden: in Lebensgefahr oder im ziel-fixierten Wahn. Dann wird schlagartig abgebremst, beschleunigt, draufgeschlagen oder weggezuckt. Üblicherweise aber beträgt eine intensive Dauerleistung eines Menschen nur Zwei-Drittel dessen, was maximal möglich ist. Werden die letzten Kraftreserven in Not aufgebraucht, ohne dass sie in Erholungspausen erneuert werden können, folgen zwangsläufig Zusammenbrüche oder bleibende Störungen. Insbesondere bei Heranwachsenden, die viel zu früh in den Leistungssport gedrängt werden.

Herzschäden

Nicht nur im Fußball werden die Helden des Leistungssports immer jünger. Herzschäden werden dabei bewußt in Kauf genommen. Es ist kein Zufall, dass ein zwanzig-jähriger Profi (Abdelhak Nouri) nach einem Herzstillstand einen irreparablen Hirnschaden erlitt (Spiegel 26.06.2018). übertriebener Sport kann offenbar zur Verlagerung des Herzmuskelgewebes führen. Im linken Herzen konnten bei zehn von 85 untersuchten TriathletInnen  Vernarbungen (Fibrosen) nachgewiesen werden. (Der Kardiologe 04.01.2018). Als Ursache vermuteten die Forscher Stressreaktionen des Herzens, die zu höheren Blutdruck, Ansteigen der Muskelmasse und einer erhöhten Entzündungsneigung führen können.

Warum überlasten?

Die stressigen Bewegungs-Notfallprogramme waren für unsere Vorfahren lebensrettend, wenn ihnen Säbelzahntiger gegenüber standen. Da diese selten geworden sind, geht es heute um Illusionen, die mindestens ebenso wichtig sind: Geld und Ruhm.

Man könnte diese Art von Suchtverhalten auch Red-Bullisierung bezeichnen. Diese Marke taurinhaltiger Zuckerlösungen symbolisiert den trend-bewussten, post-politisch-post-kritischen Sinn-Markt, der uns bestimmt. Das Leben soll als endlose Amphetamin-geschwängerte Party mit hyperaktiven Superwettbewerben in einem unendlichen Freizeitleistungsangebot erscheinen. Nach dem Abstrampeln in den Job-Tretmühlen sollen einige „moderne Helden“ im Freizeit-Hamsterrad ihr Bestes geben. Und die anderen sollen das Event bewegungslos, gebannt und intensiv konsumierend mitverfolgen. Dass sich die Spitzensportler bei dieser Form modernen Irrsinns die Knochen schreddern (wie Richie Porte bei seinem Horrorsturz bei der Tour de France) , gehört zum kalkulierten Geschäftsrisiko.

Die Anreiz-, Sucht und Ablenkungssysteme unserer Gesellschaften verleiten viele dazu, sich nur noch virtuell zu bewegen. Dadurch droht Krankheit, vor der Gesundheits-Apps und viele andere Produkte des Medizinmarktes schützen sollen, und natürlich auch ein zwanghaftes Abstrampeln im Fitness-Studio. Manche rennen auch „durch die Mauer“, um sich einen Endorphin-Kick zu holen. Und die Atlethen der modernen hochdotierten Gladiatorenkämpfe überlasten und dopen sich solange, bis sie durch Störungen der Herz-Kreislauffunktionen, der Gelenke und des Immunsystems, körperliche Wracks sind (Athleten-Paradox).

Schmerz ist ein guter Lehrmeister.

Manchmal werden Sportler, die sich extrem überlasteten,  „weise“, nachdem die Kollateralschäden zu groß wurden. Z.B. mussten Profis wie

Erst nach solchen (wahnhaften) Überlastungserfahrungen begannen sie, sanfte und effektive Wege zu gesunder Bewegung zu unterrichteten.

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Höher, schneller, weiter – mit dem richtigen Stoff. Bild: Charlie Hebdo 2015

Weniger ist mehr

Gewandte Ganzkörperbewegungen sehen nicht nur elegant aus. Sie wirken entspannt und effizient zugleich, ohne zu Schäden oder Verschleiß zu führen. Kuhnert empfiehlt deshalb mit Spaß zu „Joggeln“, statt mit Anstrengung zu „Joggen“. Feldenkrais riet dazu, die Bewegungen bewusst zu erleben, und damit zunächst zu verlangsamen. Und Ralston trainiert u.a. Boxer, gerade unter Belastung komplett loszulassen, und zu erleben, wie sich aus „scheinbar Nichts“ Bewegungsenergie auflädt und übertragen wird.

Es brauchte tatsächlich nur wenig, und es fühlte sich zudem gut an, wenn

  • alle inneren Verbindungen durch Zug und Druck räkelnd aufgespannt werden und der Körper sich gelöst aufrichten kann (Tensegrity-Prinzip)
  • das Gehirn mitbekommt was geschieht (Alexander, Feldenkrais, QiGong, Yoga, Taiji u.a.)
  • die Körpermitte die Bewegung an führt (Pilates, Taiji u.a.)
  • die Atmung die Bewegung reguliert (Yoga, QiGong u.a.)
  • Bewegungsdynamik wirbelt (Gymnastik, Tanz u.a.)

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Wahnsinn: „Höher, steiler, schneller …“

Autor: Helmut Jäger