Wie egal ist uns die Umwelt?

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E-Waste (Accra, Ghana, BNI 2012)

Die Krankheitsentwicklung des Großorganismus Erde tritt gerade in eine fiebrige Phase. Die Ökosysteme der Luft, des Wassers und der Böden werden gestört. Und örtlich auch zerstört (Weltbank 2014, Blacksmith 2014). Das Überleben vieler Lebewesen ist akut gefährdet.

Ebola-Viren springen, wenn sie gerade einen Wirt umgebracht haben auf den nächsten. Menschen wird das nicht gelingen.

Lebende Organismen gleichen komplexen Ökosystemen, in denen Milliarden von Mini-Organismen wimmeln. Beginnt einer von diesen sich zügellos zu vermehren, die anderen zu verdrängen und die Oberfläche des Gastes mit Giftstoffen zu verpesten, entsteht Krankheit. Schließlich kippt das System: Das große Lebewesen stirbt. Oder aber es gesundet: dann wird der krankheitsauslösende Minikeim beseitigt, oder er passt sich an und fügt sich, harmlos geworden, in das Ökosystem ein.

Dieser Prozess ist evolutions-typisch. Leidenschaftslos wurden und werden in der Evoution immer die ausgesondert, die nicht kooperieren wollen. Langfristig überlebt nicht etwa der Stärkere, sondern der, dem es gelingt, sich am besten in einen größeren Entwicklungszusammenhang einzupassen. Andernfalls fliegt er raus.

Jede Infektionskrankheit ist eine Wiederholung dieser unendlichen Geschichte. Seuchenerreger wie Ebola, Cholera, Pocken u.v.a., die ihren Wirtsorganismus umbringen, verfolgen keine langfristig erfolgreiche Strategie. Sie verbreiten sich nur, weil sie desolate Verhältnisse vorfinden, die es ihnen erlauben, immer neue, noch gesunde, Organismen anzufallen.

Dann wird laut nach Hilfe gerufen: Ebola wird der Krieg erklärt und immer mehr Truppen sollen das Problem jetzt vernichten (BMJ 2014). Seit vielen Jahren ist allerdings bekannt, dass Kriege gegen Krankheiten nicht besonders wirksam sind:

„Behandelt man eine bereits manifeste Krankheit, ist es, als wolle man eine schon ausgebrochene Revolte unterdrücken. Gräbt man einen Brunnen, wenn man durstig ist, oder schmiedet jemand Waffen, wenn er bereits in der Schlacht steht? … Kommen diese Aktionen nicht viel zu spät?“ (Neijjing, ~200 v.u.Z.). Wer sich dagegen gesund verhielte, bedürfe weder eines Arztes noch eines Salbenverkäufers, schrieb der römische Arzt Celsus Cornelius (~ 100 n.u.Z). Weil aber die Verhältnisse so sein müssen, dass sich ein Mensch vernünftig verhalten kann, hielt es Rudolf Virchow für eine politische (nicht medizinische) Aufgabe die gesundheitlichen Problem zu lösen. Und Antoine Béchamp, der Entdecker der Bakterien, wusste bereits, dass Infektionen oft Krankheitsfolgen sind, also Zeichen, die auf einen miserablen Gesundheitszustand hinweisen.

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E-Waste (Accra, Ghana, BNI 2012)

Dieses Wissen läßt sich leicht auf die Veränderung unserer Umweltbedingungen übertragen. Die Störung und Zerstörung ökologischer Lebensprozesse führen zu Krankheitszeichen wie Klimaerwärmung, Wasserverknappung, Meeresverseuchung und Bodendegradierung. Sollen diese, ungleich größeren Bedrohungen als Ebola, auch mit militärischen Mittel bekämpft werden?

Das wird nicht gelingen.

Ich denke, die einzige Chance besteht darin, dass Menschen ihre Einstellung, d.h. die Grundlage ihres Handels, verändern. Dass das möglich ist, zeigen viele Beispiele der Evolution. So etwas geschieht immer dann, wenn eine Entwicklung in eine Sackgasse läuft, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint. Zum Beispiel drohen bei Seuchen, die abklingen, alle bösartigen Erreger auszusterben. Einige von ihnen aber passen sich ihrem Wirt an. Damit erhalten sie die Chance auch noch nach der Epidemie und vielleicht sogar langfristig weitergetragen zu werden. Das menschliche Genom spiegelt viele solcher Prozesse: es besteht zum größten Teil aus Resten ehemals bedrohlicher Viren. In seltenen Fällen verwandeln sich ehemalige Schädling oder Parasiten in wichtige Nützlinge, ohne die der Wirt dann nicht mehr leben kann. Ein schönes Beispiel dafür sind die Sauerstofffabriken der menschlichen Zellen (Mitochondrien): Sie sind Nachkommen ehemaliger Minibakterien, die sich optimal integriert haben.

Menschen haben jedenfalls, wenn sie so weitermachen wie bisher, erdgeschichtlich-gesehen-kurzfristig wenige Chancen zu überleben. Wenn sie sich verändern, aber vielleicht schon. Sie müssten allerdings von quantitativem Wachstum („Mehr, mehr, mehr“) zu qualitativem Wachstum („anders“) übergehen.

Das Betrachten der Situation, wie sie ist (und sie ist hinsichtlich der weltweiten Umweltsituation wirklich schlecht), muss einen also nicht unbedingt in die Verzweiflung treiben. Wut und Trauer allein nutzen nicht will.

Wenn ein Problem groß ist, lohnt es dran zubleiben, obwohl es nicht veränderbar zu sein scheint. Möglicherweise eröffnen sich dann kleine Chancen. Lösungen werden sicher nicht aus den Denkweisen erwachsen, die zu den Problemen geführt haben. Eher aus kleinen, kreativen, lokalen Versuchen, in denen etwas Neues ausprobiert wird, vielleicht u.v.a. aus einer Initiative wie dieser hier: Solidarische Landwirtschaft.

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Literatur und Links

Autor: Helmut Jäger