Umweltgifte im Ausland

All Ding‘ sind Gift und nichts ist ohn‘ Gift.
Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.
Paracelsus (1493-1541)

MigrantInnen haben sich möglicherweise viele Jahre lang in Regionen aufgehalten, die stark durch Schadstoffe belastet sind. Denn das Risiko für umweltbedingte Erkrankungen ist in vielen Ländern dieser Erde, insbesondere in Städten und Industriegebieten, erhöht.

Insbesondere bestehen starke Umweltbelastungen in Kriegszonen (s.u.).

Menschen, die durch Umweltgifte erkrankt sind, leiden unter sehr unterschiedlichen Erscheinungen, die oft diffus erscheinen und deshalb leicht als psychische und psychiatrische Probleme verkannt werden.

Die Diagnostik ist sehr schwierig, weil meist viele Faktoren an einem Krankheitsgeschehen beteiligt sind. Und Therapieversuche bleiben häufig unbefriedigend, weil (wie bei Arsen) die Krankheitsursache den Körper schon längst wieder verlassen hat oder (wie bei Pestiziden) nicht durch Medikamente ausgeschwemmt werden kann.

Müll in Afrika
Müll in Afrika (Bild: Irina Klein)

Globale Umweltprobleme

Die von Menschen verursachten Schäden nehmen in einigen Regionen katastrophale Ausmaße an (s.u.). Die WHO schätzt, dass etwa ein Viertel der Krankheits-Belastungen der Weltbevölkerung auf Umweltfaktoren zurückzuführen sind. Erkrankungen von Kindern werden laut WHO zu 34% von Umweltfaktoren verursacht (Prüss-Ustün 2007).

Besonders relevant sind anorganische Stoffe wie Blei, Quecksilber, Arsen, Cadmium, Stäube unterschiedlicher Zusammensetzung, Asbest und organische Substanzen wie polychlorierte Biphenyle (PCB), Vinylchlorid oder DDT u.v.a. Asbest wurde in vielen Entwicklungsländern als billige Hausbedeckung verwendet; hohe Belastungen finden sich weiterhin in der Umgebung von Entsorgungsanlagen.

Der Umfang der Gefahren, die von künstlichen Umweltgiften ausgehen, ist bisher nicht umfassend untersucht. Ausmaß und Häufigkeit einer Krankheit hängen von der Dosis eines einzelnen Schadstoffes und der Kombination verschiedener Gifte ab. Der Grad der Gefährdung, die von einer bestimmten Menge ausgeht, ist von Gift zu Gift sehr unterschiedlich und die komplexen Wechselwirkungen verschiedener Giftkombinationen meist völlig unbekannt.

Für Schadstoffe und ionisierende Strahlen, die chronische Folgen wie Krebs oder Erbschäden auslösen, lässt sich kein „sicherer” Grenzwert festlegen, unterhalb dessen keine Gesundheitsgefährdung besteht.

 Luftverschmutzung
 

In zahlreichen Studien wurde nachgewiesen, dass eingeatmete Schadstoffe und Schwebteilchen (Feinstaub) Herz-Lungenerkrankungen, Immunstörungen und Karzinome verursachen können. Besonders betroffen sind Personen mit vorbestehenden Lungenerkrankungen, RaucherIinnen, schwangere Frauen und deren ungeborene Kinder, die ggf. zu früh geboren werden. Auch Wachstum, Reifung des Immunsystems und Hirnentwicklung von Kleinkindern können stark beeinträchtigt werden.

Feinstaubbestandteile stammen aus Auto- und Industrieabgasen, häuslichem Heizmaterial niedriger Brennqualität und illegaler Müllverbrennung. Sie bestehen aus Metallen, Ionen (Nitrat, Sulfat),  Radikalen, Mineralen, reaktiven Gasen, gemischt mit Partikeln organischen Ursprungs. Diese Bestandteile gelangen in die Lungenbläschen und lösen dort zahlreiche zelluläre Effekte aus wie oxidativen Stress, DNA-Schädigungen, Entzündungserscheinungen uva. (Valavanidis 2008)

Aus Dhaka  wurden von der  Weltbank höchste Belastungen mit Feinstaub (460 Microgramm pro m3, mcm) gemeldet, dicht gefolgt von Mexiko-Stadt (380 mcm) und Mumbai (360 mcm) . In Dhaka seien 15.000 vorzeitige Sterbefälle pro Jahr auf die Luftverschmutzung zurückzuführen und Millionen von Patienten litten deshalb an pulmonalen oder neurologischen Erkrankungen. Die WHO setzt den Richtwert der Belastung mit Feinstaub bei Städten bei 20 mcm an und nennt Städte mit Partikelkonzentrationen über 70 mcm stark belastet.

Die Feinstaubkonzentrationen in der chinesischen Hauptstadt Peking betragen 500 µg/m³  und im Januar z.T. > 800 µg/m³. Eine Studie von Greenpeace und der Universität Peking ermittelten 2012 8.572 vorzeitige Todesfälle in vier Städten (Peking, Guangzhou, Shanghai, Xian) aufgrund starker Luftverschmutzung. Und die Zahl privater Autobesitzer steige weiterhin um 25% pro Jahr. Ein Großteil der neuen Fahrzeuge kommt von deutschen Herstellern: für BMW, Mercedes, VW, Audi und Porsche ist China sei 2013  „Absatzland Nr. 1“. (dpa 28.01.2013)

Katastrophale Smogereignisse in Süd-Ost-Asien stehen zusätzlich im Zusammenhang mit dem illegalen Abbrennen von Regenwäldern in Indonesien um Platz zu machen für Palmölplantagen. (Guardian 01.03.2014)

Krankheiten durch hohe Feinstaubbelastungen sind in Industrieländern relativ gut beschrieben (WHO 2005). Bei hohen Konzentrationen von Feinstäuben in der Luft steigen die allgemeine Krankheitsbelastung und auch die Sterblichkeit. Besonders belastet sind die Atemwege und das Herzkreislaufsystem. Schlaganfälle, Herzinfarkte, Störungen der kognitiven Wahrnehmung und auch die Entwicklung von Demenz nehmen bei Smog deutlich zu (Devi 2013). Der Grund: Partikel, die kleiner sind als 2,5 μm (ein Dreizehntel eines Haardurchmessers können durch die Nase über die Bluthirnschranke hinweg ins Gehirn gelangen. (Weuve 2012). Bei Schlaganfällen wurden Zunahmen bis zu 35% beobachtet. (Wellinius 2012)

Besonders schädlich wirkt sich Luftverschmutzung auf die Entwicklung der Schwangerschaft und der kindlichen Hirnentwicklung aus (CCCH). Kinder sind auch deshalb intensiv betroffen, weil Feinstaubstaubbelastung die Entwicklung von Autoimmun-, allergischen und rheumatischen Erkrankungen begünstigt (Ritz 2010, Farhat, 2011, Vidotto 2012). Auch Stressstörungen und stress-assoziierte Erkrankungen nehmen bei starker Luftverschmutzung zu (Shields 2013).

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Accra, Ghana (Bild: BNI)

Risiken in ländlichen Regionen

Auch Bewohner ländlicher und bewaldeter Regionen können in ihrer Gesundheit durch Umweltbelastungen erheblich beeinträchtigt sein. Bis heute werden in Vietnam Kinder missgebildet geboren, deren Mütter in Regionen leben, die mit Agent Orange (Dioxin haltig) besprüht wurden. In Kolumbien wurden im Kampf gegen Drogenanbau in Bürgerkriegsregionen mehr Entlaubungsmittel eingesetzt, als während des Vietnamkrieges.

Ein anderes Risiko geht von illegalen Gold- und Mineralien-Suchern aus, die große Mengen von Erde freispülen, Aufschwemmungen dann mit Quecksilber versetzen, in dem sich Gold löst, und die Abwässer dann in Flüsse leiten. Zahlreiche Flussläufe sind in der Folge mit Quecksilber belastet, das über die Nahrungskette wiederum die Bevölkerungsgruppen erreicht, die von Fisch leben. In sozial wenig entwickelten Regionen werden zudem unkontrolliert Pestizide eingesetzt, die besonders preiswert, aber ebenso toxisch sind.

Weitere Risiken ergeben sich bei Kriegs- und Bürgerkriegsereignissen (s.u.)

Belastete Arzneimittel

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass 25% bis örtlich sogar 50% der Arzneimittel in vielen Ländern Afrikas und Südostasiens gefälscht oder unbrauchbar sind. Zahlreiche Medikamente sind zudem bei mangelhafter Produktionskontrolle mit Schadstoffen verunreinigt und können bei Export weltweit zu Vergiftungserscheinungen führen (Beispiele aus 2008: Heparin oder Zahnpasta chinesischer Herkunft).

Pflanzenpräparate können Schwermetallverbindungen enthalten, wenn die Kräuterpräparate in Bleikesseln hergestellt wurden, oder Pestizide, die bei fehlender Kontrolle beim Anbau, dem Transport oder der Lagerung angewendet werden.

Die Umwelt Indiens und Chinas ist zudem in vielen Regionen stark mit Quecksilber, Blei oder Arsen belastet, so dass diese Giftstoffe auch von Heilkräutern aufgenommen werden.

Der Heilkräuteranbau findet zudem meist in ländlichen Gegenden auf kleinen Bauernhöfen statt, auf denen oft sehr billige und giftigste Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden, und bis die Heilkräuter vom Feld in den Handel gelangen, durchqueren sie zahlreiche Zwischenstationen, die eine einheitliche Qualitätskontrolle erschweren.

Bei Routineuntersuchungen in Europa überschreiten die Schwermetallbelastungen importierter Pflanzenpräparate für Ayurveda oder TCM aus Südostasien die zulässige Höchstgrenze oft um das Tausendfache.

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Hinweise

Externe Links

Literatur allgemein
  • Bishai DM, Baker T. Illness in Returned travelers. N Engl J Med 2006; 345(17): 1851 (Comment on: N Engl J Med. 2006; 354(2):119-30)
  • Christensen BC, Marsit CJ. Epigenomics in environmental health. Front Genet 2011; 2:84.
  • Loewenberg S. Scientists tackle water contamination in Bangladesh. Lancet 2007; 370:471-2
  • Prüss-Ustün A, Corvalán C. How much disease burden can be prevented by environmental interventions? Epidemiology 2007; 18:179-80

Literatur zu Luftqualität

Autor: Helmut Jäger