Unbekanntes Nicht-Wissen

„[T]here are known knowns; there are things we know we know. We also know there are known unknowns; that is to say we know there are some things we do not know. But there are also unknown unknowns – there are things we do not know we don’t know.“ D. Rumsfeld 2008

Unbekanntes Nicht-Wissen

In der Medizin hält man sich gerne an Diagnosen, die auf Messungen beruhen. Die so gewonnenen Daten werden dann in ein allgemein akzeptiertes Erklärungsmodell eingegeben. Daraus werden Handlungen abgeleitet, die die Ursachen beeinflussen, die zur Krankheit führen könnten oder bereits geführt haben. Entscheidungen gründen sich also in der Regel auf bekanntes Wissen. Die Black-Box des Nicht-Wissens wird meist ignoriert, was zu Problem führen kann, die es ohne Behandlung nicht gegeben hätte.

einfache mechanik
Einfache Mechanik.

Der Glaube „etwas sicher zu wissen“ ruht auf sehr unterschiedlichen Fundamenten

Spanier kennen zwei Worte für „wissen“:

  • Darauf vertrauen, dass andere (Experten, Lehrer, Priester, …) uns „die Wahrheit“ sagen, oder sie für uns aufgeschrieben haben: Auswendig gelerntes Wissen = span. „saber“.
  • Etwas ausprobieren, etwas erleben, etwas erfahren und aus den Misserfolgen lernen: Erlebtes Wissen = span. „conocer“.

Je nach Art dieses „Wissens“ kann man vier Arten des Handelns unterscheiden:

Bekanntes Wissen (Sicherheits-Vermutung)

  • Hier löst ein zielgenauer (einfacher) Eingriff ein Problem: „Höhlenbär erschlagen“.
  • Eine Sicherheits-Vermutung traf zu. Ein Eingriff wurde korrekt durchgeführt.
  • Die Handlung folgt der Strategie, das zu tun, was schon immer getan wurde, und was sich in der Vergangenheit als erfolgreich erwies.

Un-bekanntes Wissen (uns noch verborgenes Wissen)

  • Hier wirkt ein zielgenauer, einfacher Eingriff in ein System: „Dynamit ins Wasser werfen, um viele Fische zu fangen“. 
  • Neben der gewünschten müssen auch unerwünschte Nebenwirkungen entstehen, die beobachtet und gemessen werden können, und so kalkulierbar sind.
  • Eine günstige Strategie wäre es, auf Probe handeln. Mit begrenzten und kontrollierten Modell-Interventionen. Ungünstig: ungezieltes „Viel-hilft-viel“: z.B. „Antibiotika bei Grippe“.

Bekanntes Nicht-Wissen (durch Erforschung oder Lernen ggf. zugänglich)

  • Hierbei handelt es sich um eine komplexe (z.B. schleichend beginnende und stets ansteigende) Intervention in ein scheinbar einfaches System.
  • Günstig ist hier das Vorgehen eines Gärtners: schützen, hegen, pflegen, und es wachsen lassen. Oder etwas ausprobieren, das Ergebnis bewerten, aus Fehlern lernen und sich an verändernde Situationen anpassen. Riskant und nachhaltig folgenreich sind schleichende Einflüsse, die zu Systemveränderungen führen: „z.B. die Kolonial-Strategien des 19. Jhh zur Umerziehung der Beherrschten.“ 

Un-bekanntes Nichtwissen (Unvorhersehbares)

  • Die Handlung besteht in diesem Fall aus einer komplexen (z.B. schleichend beginnenden und stets ansteigenden) Intervention in ein lebend-veränderliches System, das sich eigen-dynamisch entwickelt: So als ruderte man (mit Blick nach hinten und blind nach vorn) ins Ungewisse.
  • Günstig wäre es in unvorhersehbar-veränderlichen Zusammenhängen vorsichtig, bescheiden, umsichtig und langsam vorzugehen: Und sich vor allem sicher zu sein, dass das was schiefgehen kann, manchmal auch tatsächlich schiefgehen wird.
  • Die größte Gefahr besteht darin zu glauben, dass das, was schon immer gut gegangen ist, auch weiterhin gut gehen werde, weil es gar kein „unbekanntes Nicht-Wissen“ gäbe. Werden komplexe Zusammenhänge so fälschlicherweise für einfach gehalten, enden Interventionen früher oder später in schlagartigen Veränderungen oder in Katastrophen.

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Autor: Helmut Jäger