Geht der Westen unter?

Wer rettet den Westen?“ Der Spiegel Nr. 17 / 2018

Gibt es überhaupt ein „Abendland“?

Spengler

„… Titanisch ist der Ansturm des Geldes auf die geistige Macht. Die Industrie war noch erdverbunden wie das Bauerntum. Die Hochfinanz ist dagegen ganz frei, ganz unangreifbar. … Es ist der Verzweiflungskampf des technischen Denkens um seine Freiheit gegenüber dem Denken in Geld. … Wir haben nicht die Freiheit, dies oder jenes zu erreichen, aber die das Notwendige zu tun oder nichts. …“ Spenglers „Untergang des Abendlandes“ 1918, ISBN 9783730604533, Neuauflage 2017

Spenglers Ideen scheinen heute wieder aktuell zu sein. Damals wurden sie allerdings von der Geschichtswissenschaft verrissen, u.a. von Karl Popper, der darauf hinwies (in Das Elend des Historizismus“), dass es in der Geschichte „geschlossene Gesellschaften“ nicht geben kann.

Zudem schwang sich ja auch die „Leitkultur des Abendlandes“ (freier Fluss von Produkten, Finanzmitteln, Kapital und Arbeitskräften) im 20. Jahrhundert erfolgreich in schwindelnde Höhen auf. Und alle realen oder denkbaren Alternativen zur westlichen Marktwirtschaft brachen im 20. Jahrhundert in sich zusammen.

Jetzt aber, auf dem Höhepunkt ihrer Macht, scheint die auf Wachstum gegründete euro-nordamerikanische „Wertegemeinschaft“ zu schwächeln. Zwar ist die Wirtschaftsmacht „des Westens“ immer noch tonangebend, aber

  • die großen Sieben sind heillos zerstritten (G7 in La Malbaie 2018),
  • die Bürger*innen wählen zunehmend „populistische“ Parteien, die für reaktionäre Abschottung und wirre Außenpolitik stehen,
  • die letzten Kriege des „Westens“ um Hegemonie und Rohstoffe erwiesen sich als wenig erfolgreich, und
  • einige verstockte Länder, wie Russland, Iran und China, weigern sich unterzuordnen. (NTV 09.06.2018)

Zugleich zeigen sich die Folgen der Ideologie des unbegrenzten Wachstums deutlich ab: die Meere verdrecken, das Klima erwärmt sich , die Artenvielfalt nimmt ab und die Böden versauern.

Aber, solange es noch gut geht, besteht parteiübergreifend Einigkeit, so wie bisher weiter zu wirtschaften. Nur über die Art der Verteilung unserer Reichtümer, und über die Wirksamkeit der Abschottung besteht Dissens.

Im Westen nichts Neues?

Bei Spengler beginnt das Abendland um 900 n.u.Z in Europa. Das trifft nicht zu, u.a. weil die abendländische Leitkultur des Kreuzes wesentlich älter ist und u.a. in den östlichen Religions-Philosophien wurzelt. Das Christentum wurde zusammengerührt aus römischem Muttergotteskult, jüdischer Schriftlehre, indischen und griechischen Weltentsagungs-Religionen und den keltisch-indisch-germanischen Doppel-Hierarchien, bei denen dem Heerführer ein (für das Spirituelle zuständiger) Druide-Brahmane-Priester zur Seite stand. Damit bildeten West- und Oströmisches Christentum (Katholizismus und Orthodoxie) den idealen geistigen Überbau für den Feudalismus, und (später) auch für den Kolonialismus, der ebenso auf der Territorialmacht und der Ausbeutung von Ländereien aufbaute. Damit die feudal-unterjochten Massen wirksam im Glauben zusammengehalten wurden, wurde ihnen durch einprägsame Rituale das vermittelt und verkündet, was sie verstehen sollten und tun mussten. Nur wenigen Auserwählten wurden die Mysterien in inneren geschlossenen Zirkeln offenbart  (Assmann: Religio duplex). In der christlichen „Doppelreligion“ (Rituale fürs Volk und Geheimlehren für Insider) war es völlig unnötig, lateinische Bibel-Texte zu übersetzen, denn das Volk sollte nur glauben und folgen, aber nicht versuchen, etwas zu verstehen.

Mit der Entwicklung der Produktivkräfte taumelten die Feudalsysteme und ihre Kirchen in eine Sinn-Krise (s. Don Quichote), die schließlich in der Reformation mündete. Geld und Waren verlangten zunehmend nach freiem Austausch, und schließlich mussten auch die Leibeigenen und Sklaven befreit werden, damit sie als beliebig einsetzbare Lohnarbeiter dorthin verschoben werden konnten, wo das Kapital sie brauchte. Für diese veränderte gesellschaftliche Ordnung mussten neue Formen des ideologischen Überbaus entstehen, die sich, wie die protestantische und die jüdische Ethik, dem unbegrenzten Wachstum des materiellen und finanziellen Kapitals besser anpassen konnten. (Weber 1905)

Solange es dann Europa und Amerika, stetig wachsend, immer besser zu gehen schien, bildeten sich besonders nach dem 2. Weltkrieg auch Werte heraus, die das Leben im Westen heute so angenehm machten: Meinungsfreiheit, Liberalität, sozial abgefederte Marktwirtschaft, Menschenrechte, Gleichberechtigung, Rechtssicherheit, Umweltschutz, Bildung, …

All das war und ist teuer, aber es sorgte „im Westen“ für Ruhe, relativ stabile Lebensbedingungen, hohes Konsumverhalten und für die ergänzende Ablenkung durch Medien, Events, Spiele, Web-2 und Genuss- oder Suchtmittel. Zunehmend aber kam trotz dieses Wohlstandes unmerklich der Sinn abhanden:

„Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“ Helmut Schmidt 2009

Ohne ideologischen Überbau, der (wie ein Gott oder eine positive Zukunftsphantasie) über den Herrschenden steht, und einen Gemein-Sinn vermittelt, verhalten sich erfahrungsgemäß die Massen bei ernsthafteren Erschütterungen unangenehm. Denn sie suchen sich dann irrationale Führer, die sie verstehen können und denen sie glauben, und fegen möglicherweise das weg, was ihnen im Weg steht.

Der „Westen“ ist also bedroht: Die Ideologie der alten Kirchen verliert immer mehr an Glaubwürdigkeit. Und die Ersatzreligionen (wie uva. der Fußballgott), lenken zwar erfolgreich ab, weisen aber nicht in eine erstrebenswerte Zukunft. Dafür verfügen andere Ideologen (die sich nicht um Demokratie scheren) sehr wohl über Visionen und nutzen die modernen Formen ameisenhaft gesteuerter Lenkung zunehmend für ihre Zwecke (Jaron Lanier: TED Vortrag)

In Russland und Polen wird versucht, die alten christlichen Kirchen für moderne Formen der Machtausübung und Kontrolle wiederzubeleben. Dort segnen Popen mit mittelalterlichem Ritual-Gehabe Raketen, oder Minister des 21. Jahrhunderts knien, wie im Wahn, ergriffen vor Maria. Beides wirkt aufgepfropft, und hat mit der gottlosen Kapitaldynamik, die auch in diesem Ländern die Märkte beherrscht, nichts zu tun, sondern sorgt nur für etwas Stabilität in unsicheren Zeiten.

Die Mullahs und Scheichs versuchen sich an einen mittelalterlichen Islam zu klammern, und ihn der Dynamik der Kapital-Märkte über zu stülpen. Aber solange der Islam noch auf eine modernisierende Reformation wartet, steht er prinzipiell im ideologischen Widerspruch zur Unterordnung aller Werte unter das Gewinnstreben, das aber genau diese islamo-kapitalistischen Gesellschaften beherrscht. Die Stabilität der islamischen Theokratien beruht nur auf dem Verkauf fossiler Brennstoffe, die zufällig unter ihrem Territorium herumliegen, und da sie trotz konservativer Religiosität zunehmend ethisch verarmen, werden sie irgendwann implodieren oder von Revolutionen durchgeschüttelt werden, aus denen dann zwangsläufig neue (aus dem Islam erwachsene) Ideologieformen entstehen müssten.

Steigt „der Osten“ auf, wenn „der Westen“ untergeht?

In China wächst klammheimlich und weitgehend unbemerkt eine neue (und zugleich alte) Ideologie, die den Kapitalismus zu integrieren versucht, um in so zu dominieren. Man könnte sie mit dem alten chinesischen Bild „Auf dem Tiger reiten“ beschreiben.

tiger angst
Der Tiger macht aus Angst Angst. Yüan Shih-chen, 1938

Nach den Schrecken und Hungerjahren der Kulturrevolution, wurde in China ein raubtierartiger, brutaler Frühkapitalismus entfesselt, der zu entsetzlichen Umweltzerstörungen führte. Der Wahnsinn der Bilderstürmerei schuf die ideale Basis für ungehindert freies Wachstum des Kapitals. Alles was sich im „Westen“ als nützlich und produktiv erwiesen hatte, wurde erfolgreich kopiert, und scheinbar kritiklos übernommen. Mit Erfolg: Deng Xiao Pings Katze fing tatsächlich Mäuse. Peking erstickt zwar im Smog, aber die Wirtschaftsmacht Chinas wächst immer stärker.

Warum gelang es dem „Westen“ nach der Kulturrevolution nicht, so wie in den Opiumkriegen im 19. Jahrhundert, China wieder zu unterjochen?

Statt das am Boden zerstörte Großreich an den „Westen“ auszuliefern oder, wie in Russland an Oligarchen zu verhökern,  besannen sich die chinesischen „Kommunisten“ um Deng Xiao Ping auf die zweitälteste Staatsreligion der Erde: den Konfuzianismus. Er entstand etwa 300 Jahre nach der Gründung des ersten Gottesstaates im persisch-medischen Großreich, das von dem Monotheismus des Zarathustra zusammengehalten wurde.

Konfuzius, ein ritual-verliebter Opferpriester, benötigte für seine formal-strenge, ritualisiert-regulierte Religion keinen Gott. Vielmehr sollten die heiligen und symbolischen Handlungen so ausgeführt werden, als ob es Götter, Geister oder Ahnen gäbe. Damit Menschen, harmonisch und „human“ handelten, brauchten sie strikte Regel, Kontrollen und eine ernste, straff-organisierte hierarchische Führung.

Mit diesem Mix aus Raubtierkapitalismus und konfuzianischen Ritual entwickelte sich tatsächlich ein chinesisches Wirtschaftswunder, ohne Ausbruch sozialer Widersprüche und Aufstände. Maximale Ausbeutung, Umweltverseuchung und schlimmes Unrecht  lösten keine Klassenkämpfe aus und führten noch nicht einmal zur Gründung von Gewerkschaften. Die das Land führende Organisation nannte sich weiterhin kommunistisch, und dass sie es nicht ist, wird behandelt wie ein Staatsgeheimnis. Gäbe es „Kommunisten“, die von ihrer Partei die Durchsetzung ihrer Ideale (z.B. Arbeiterrechte) einforderten, würden sie vermutlich als gefährlich-subversive Elemente bekämpft werden.

Gemeinsam sind dem modernen und dem klassischen Konfuzianismus die höchste Autorität (des Kaisers oder des Parteivorsitzenden). Allerdings bildete der konfuzianische Beamtenapparat vor 2.000 Jahren den Staat, während heute die Macht ausübende KPCh parallel zu Staat, Militär und Wirtschaft organisiert ist. Sie kann so von keiner anderen übergeordneten Autorität kontrolliert werden. Nicht von den Parlamenten, von keinem Gericht und von keiner Regierung. Idealerweise kann sie so das Volk effektiv lenken, den inneren „Frieden“ bewahren, die zerstörerischen Effekte des explosiven kapitalistischen Wachstums im Zaum halten und die Auslieferung an das westlich-bestimmte Kapital verhindern. Das Modell Hongkong, in dem der „ideologisch sinnentleerte Westen“ seine Finger im Spiel hat, ist deshalb für Peking langfristig perspektivlos.

Der Konfuzianismus war und ist eine starke und eifersüchtige Religion, die vielfach bewiesen hat, dass sie effektiv für Ordnung, Harmonie und Stabilität sorgen, die Massen zusammenhalten und schon im Ansatz Rebellionen, Unruhen, Streiks und Aufstände verhindern kann. Individuelle Freiheiten (oder gar Demokratie) sind ihm ebenso fremd, wie mystisch, spirituelle oder jenseits-bezogene Glaubenssysteme (Daoismus, Islam, Christentum, Buddhismus). Und wie vor 2.500 der alte Opferpriester machen sich jetzt moderne Konfuzianer daran, durch ein lückenloser Sozialkontrollsystem einen neuen Menschen zu erziehen (Stern 17.05.2018)

Westlern mag dabei ein Schauer des Entsetzens über den Rücken laufen, aber immerhin scheinen in dieser neu-konfuzianischen Theokratie keine Psychopathen oder Narzissten zu regieren, so dass (in der aktuellen  Weltlage) China wie einen Hort der Stabilität und Ruhe erscheint.

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Spam-Werbe-Sendung von „China Investoren“ am 05.06.2018 (Vollständiger Text)

Kim Jong Un’s schwierige Wahl

Korea’s Kim wurde vom höchsten Vertreter des Westens vorgeschlagen, das „Libysche Modell“ annehmen (Spiegel 18.05.2018): Atomwaffen verschrotten, auf den Volksaufstand und die Invasion warten, und schließlich wie Ghaddafi aus einer Abwasserröhre gezogen werden.

Alternativ scheinen er und sein Generäle gezwungen sein, die chinesische Theokratie zu kooperieren. Daraufhin wird die Nutzung des Waffenstillstandes mit Trump hinauslaufen.

Die naheliegende Lösung des Neo-Konfuzianismus ist allerdings auch nicht besonders attraktiv für einen jungen Diktator. Denn in dieser Religion wird der „Sohn des Himmels“ nur so frei sein wie eine Bienenkönigen, die lebendig begraben (intensiv versorgt) ohne Unterlass nur das tut, was sie muss. Andernfalls würde sie tot gebissen. Wenn also in China tatsächlich die alte Staats-Religionslehre wieder reaktiviert wurde, und nicht stattdessen eine Bande von Dieben und Gangstern den Staat bereits unter sich aufgeteilt hat, entwickelt sich dort die ideale Grundlage für einen Insektenstaat, in der auch der Höchste, und sei es demnächst die koreanische Oberameise Kim Jong Un, persönlich völlig unfrei funktionieren müsste.

Solche Aussichten staatlichen Harmoniezwangs „ohne westliche Freiheiten“ könnten für das Ökosystem der Erde möglicherweise besser sein, als das unbegrenzte Wachstum des Westens. Denn es gäbe einen übergeordneten Sinn, der zu Vernunft zwänge.

Außerdem bringt der Konfuzianismus noch einen großen Vorteil mit sich:

Ihm ist der Zusammenhalt lebender Systeme wichtiger, als die Konzentration auf tote Einzelfaktoren.

Welche Chancen hat der Westen noch?

Um das Wertvolle europäischer Kulturen zu bewahren, müssten hier neue Visionen entstehen, für die es lohnte, sich zu engagieren, oder sich vielleicht sogar mitreißen zu lassen.

Die Regierenden könnten z.B. die typisch westliche Sicht des unbegrenzten Wachstums, um tote Geldmengen anzuhäufen, revidieren, und für nachhaltig sinnvolle Zusammenhänge tätig werden (McGilchrist 2012). Man könnte z.B. ernsthaft mit einer Transformation der Gesellschaft beginnen, und damit anfangen die Erde aufzuräumen, damit spätere Generationen noch auf ihr überleben können.

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Literatur

Autor: Helmut Jäger