Psychosen: Früher ganz normal?

Ich träume: also bin ich!

Wenn ich arbeite, werfe ich mich ins Leere. In etwas das stärker ist als ich.
Joan Miró

Joan Miró 2
Archaische oder moderne Psyche? Joan Miró, Palma de Mallorca. Bild: Jäger 2018

„What gives this art its power, is that it makes us dream.“ Clottes 2016

Die Guajiro in Venezuela nutzen den Begriff Alapühaa, der mit dem Wort „träumen“ übersetzt wird, um einen Weg zu beschreiben, der in die Welt der Doppelgänger, Geister und Götter führt. Dort könne man sehen, was geschehen wird. Für die Guajiros sind solche „Träume“ Gebote. Sie verlangen z.B. weit entfernten Menschen zu Hilfe zu eilen. Folgte man diesem Befehlen nicht, geschehe ein Unheil (Perrin 2001).

Zustände von Besessenheit und Trance auslösende Rituale wurde bei allen steinzeitlich lebenden Völkern beschrieben. Möglicherweise haben daher unterschiedliche Variationen psychotischer Zustände den Übergang der affenartigen zur modernen menschlichen Psyche begleitet (McGilchrist Jaynes).

Leseprobe: Mutiges Träumen. Wie Schamanen die Realität erträumen. Villodo 20o8

Traumzeichen
Traumzeichen. Kuba-Stickerei. Foto: Jäger, Kinshasa 1990. Buch: Meurant G: Raphiagewebe des Königreiches Bakuba. Haus der Kulturen der Welt, Jahn Verlag 1989

Noch vor 3.000 Jahren scheinen psychotische Zustände völlig normal gewesen zu sein

In der „Ilias“ wird von Homer ein Held geschildert, der unter Wahnvorstellungen litt. Dieser Achilles hörte Stimmen, halluzinierte, neigte zu impulsiv-irrationalem Verhalten, verfiel im Stress widerstreitender innerer Befehle in einen „katatone“ Lähmungszustand, aus der ihn nur die Auslösung einer unkontrollierbaren Aggressions- und Hassattacken befreien konnte. Ähnliche  Zeichen einer klassischen Schizophrenie waren bereits bei seinem König Agamemnon aufgetreten, der vor dem Kriegszug seine geliebte Tochter Iphigenie geopfert hatte, weil ein von ihm fantasiertes Trugbild der Göttin Artemis es von ihm verlangt hatte. Alle in dieser Sage geschilderten Persönlichkeiten waren von „göttliche“ Bildwesen beherrscht , die in Träumen „heilige“ (allerdings manchmal ziemlich unverständliche) Wort von sich gaben, und die sich der Menschen, in denen sie agierten, wie Marionetten bedienten, um sich untereinander zu bekämpfen. So redete die Fürstin Helena nicht mit einer alten Sklavin, die vor ihr stand, sondern mit einer Göttin, von der die Sklavin gerade besessen sei, und ihr Ehemann Hektor erkannte in dem Rat seines vermeintlichen Bruders sofort die Bösartigkeit einer anderen, feindlich gesinnten Göttin, die sich sicher gerade des Bruders bemächtigt habe.

Frühe Menschen

Clottes 2016
Clottes: Paleolithic art. 2016

Die moderne Menschheit entstand vor vielleicht 300.000 Jahren. Vor 200.000 Jahren wanderten dann die robusten Neandertaler nach Europa.

Die ersten Homo-sapiens Menschen folgten vor etwa 150.000 Jahren (Callaway 2018, Hublin 2017). Aber erst vor 60.000 Jahren ein wanderte eine größere Zahl ein. Vor 40.000 Jahren entstanden die ersten Siedlungen von Homo sapiens in Europa, vor 30.000 Jahren emigrierten die Vorläufer der Aborigines nach Australien, und vor 15.000 Jahren wanderten die ersten Einwanderer nach Amerika.

Erinnerungen an solche sehr unterschiedlichen Migrationswellen, die zu starken Vermischungen untereinander und mit anderen Frühmenschen führten, tragen alle Menschen in Ihren Erbstrukturen (Gibbons 2017a, Gibbons 2017b , Vortrag: Pääbo)

So beeinflussen die 2-3% der Erbmasse, die von Neandertaler stammen, bei Europäern und Asiaten u.a. den Stoffwechsel und die Regulation des Körperfettes, und bringen u.a. ein Risiko für bestimmte psychische Erkrankungen mit sich. Afrikaner tragen keine Neandertaler Gene, möglicherweise aber Gene anderer Früh-Menschen, die bisher noch nicht bekannt sind.

Der Gehirnschädel von Homo sapiens hat sich seit mehr als 50.000 Jahren nicht mehr anatomisch verändert, aber die Art wie sein Inhalt genutzt wird muss rasante Wandlungen durch laufen, und zu merkwürdigen Geisteszuständen geführt haben.

Die Psyche früher Künstler

Symbolisch darstellende Kunst kam nicht erst mit Homo sapiens nach Europa. Schon die Neandertaler beschäftigen sich „mit dem Jenseits ihrer Vorstellungen“.  Sie sollen auch in der Lage gewesen sein, Höhenkunst zu erschaffen. Möglicherweise hinterließen sie vor 64.000 Jahren Linien in spanischen und französischen Höhlen Handabdrücke, rote gefärbte Muster und symbolische Zeichen. Wenn bereits Neandertaler in der Lage waren, sich symbolisch auszudrücken, müssen die Ursprünge von Sprache, menschlicher Wahrnehmung und Denkvermögen einhunderttausende von Jahren zurückliegen. (Hoffmann 2018)

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Venus-Figur aus Catal-Höyük, Hürriyet 15.09.2016

Die Bedeutung des Totenrituals nahm bei Homo Sapiens (gegenüber den Neandertalern) deutlich zu: Verstorbene wurden sorgfältiger gebettet und erhielten erstmals Grabbeigaben. Gleichzeitig mit dem Auftreten der frühen bildenden Kunst wurden auch Musikinstrumente erfunden: einfache Flöten und Harfen aus Knochen und Sehnen. Und begleitend zu Musik, Rhythmus und Tanz  entwickelten sich Modifizierungen der wahrgenommenen Realität, die in der Malerei und der plastischen Darstellung auch visuell vermittelt werden konnten.

Im Gegensatz zu Neandertalern, die nur in sehr kleinen Gruppen umher zogen (Bergström 2017, Prüfer 2017), lebten Homo sapiens Menschen in relativ großen Stammes-Netzwerken.

Der Kit, der die Homo sapiens-Verbände zusammen hielt, spiegelt sich in den ersten Menschen-Darstellungen, wie der elf Zentimeter kleinen Venus von Willendorf, deren Mütze oder Frisur dem Typenkopf der ebenfalls ausgestorbenen Kugelkopf-Schreibmaschine ähnelt. Wie auch bei der wesentlich älteren, kopflosen Venus von Hohefels und anderen frühen Frauen-Figuren wird die Betonung großer Brüste, eines ausladenden Beckens und eines gewölbten Bauch rituell bedeutsam gewesen sein. Vielleicht als Auslösung rauschhafter Erinnerungen bei Helden, die sich angesichts ferner Belohnungen, in eine nahe Todesgefahr begeben mussten?

Kunst: Magisches Mittel zur Macht

Der Psychologe Nicholas Humphrey verglich die Kunst von Höhlenmalereien mit den Zeichnungen eines autistischen Mädchens, und er fand erstaunliche Parallelen: einen starken Naturalismus, das Erfassen von Bewegung bei gleichzeitiger Tendenz, einzelne Teile zu betonen.

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Vergleich: Höhlenkunst & Autismus. Humphrey 1998

Die Existenz von Höhenzeichnungen darf seiner Meinung nach nicht als ein Beweis für die Existenz moderner Gehirne gedeutet werden. Sie können auch von Menschen erschaffen worden sein, deren Geisteszustände sich von heute normal-gesunden Geisteszuständen stark unterscheiden. Die von Humphrey beobachtete Nadja z.B. war nicht sprachfähig: Sie konnte die Zeichnungen, die sie  erstellte, nicht benennen. (Humphrey 1998)

Der Hirnforscher Ramachandran beschrieb acht Prinzipien, die den Reiz eines zweidimensionalen Bildes ausmachen.

Das Wichtigste:
Unwesentliches weggelassen und Wichtiges überhöhen.
Ramachandran 1999

Das für eine bestimmte Situation Entscheidende erstrahlt damit stärker, als es in der Realität möglich sein könnte. Mehrdimensionale Realitäten werden in zweidimensionale verwandelt und in den ZuschauerInnen entsteht wieder die Illusionen vieler Dimensionen, die aus sicherer Distanz betrachtet werden. Die Macht der Schamanen bestand u,a. darin, in anderen Menschen (sonst nicht sichtbare) Wirklichkeiten zu erzeugen, zu beeinflussen und zu bannen, und so deren Spüren, Fühlen und Denken zu beherrschen.

Zu ähnlichen Schlussfolgerungen wie Humphrey und Ramachandran kamen auch die Archäologen Jean Clottes (s.u.) und David Lewis-Willams, die archaische europäische und jüngere Höhlenzeichnungen der San in Süd-Afrika zueinander in Bezug stezten. Beide interessierten weniger die Fragen, „Was“ (Beschreibung), „Wann“ (Chronologie), und „Wie“ (Techniken) Kunst entstand, sondern vielmehr „Warum“ (in welchem Sinn-Zusammenhang).

Möglicherweise drücken sich Menschen in vergleichbaren Geisteszuständen sehr ähnlich aus. In ihren Vergleichen fand Williams und Clottes in zeitlich und räumlich auseinander liegenden Kunstwerken, Indizien für das Gleiche: Für visionäre Verzerrungen und stilisierte Formen und Muster, die für psychotische Zustände sprechen. Schamanen suchten solche Zustände veränderter Realitätswahrnehmung bewusst auf, um dann in eine Welt einzutauchen, in der sich das Alltags-Bewusstsein verlor. Sie versetzten sich durch Rituale, Tänze oder Halluzinogene in Trancezustände und irrten dann durch das unsichtbare Paralleluniversum. Anschließend versuchten sie das, was sie dort erlebten, durch künstlerisches Schaffen oder prophetische Erzählungen wiederzugeben. Diese Kunstformen seien also Zeugnisse schamanistischer Ausdrucksweisen oder psychotischer Zustände. Und bei modernen Menschen läge die Schwelle zur Psychose-Auslösung nur etwas höher.

“The diversity of subjects represented demonstrated indeed a general stage of mind, and not a search of a particular  animal or theme.“  Clottes 2016

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Vergleich: Höhlenkunst & Autismus. Humphrey 1998

Das Risiko für Psychosen wird durch das Erleben psychologischer Traumata erhöht. Die Wahrscheinlichkeit des Auftretens psychotischer Störung lag bei Flüchtlingen in Schweden 66% höher als bei Migranten aus ähnlichen Regionen, die aber nicht geflüchtet waren. Und sie waren bei Frauen wie bei Männern etwa 3,6x so hoch wie bei Personen, die in Schweden geboren wurden. Ausgelöst wurden diese Störungen möglicherweise durch psychologische Traumata, Missbrauch, Gewalt, sozioökonomische Probleme, Stress, Unsicherheit, Diskriminierung und soziale Isolation. (Hollander 2016)

Jimmy
Bild: Windsor 2008, BMJ 337, a2667

Aber auch ohne ein singuläres Trauma können Belastungen, Sauerstoffmangel oder Schlafentzug psychisch stabile Menschen in den Wahnsinn treiben. So beschrieb der Bergsteiger Jeremy Wenzel wie beim Anstieg an der Südflanke des Mount Everest bei einer Höhe über 7.000 m „Jeannie“ auftauchte (Windsor 2008). Über seine rechte Schulter sah er aus dem Augenwinkel seinen neuen Begleiter den Rest des Tages immer ein paar Meter hinter sich. Später beim Abstieg verschwand Jeannie so plötzlich er gekommen war.

Österreichische Forscher analysierten inzwischen über achtzig psychotische Episoden aus der deutschen Bergliteratur, und fanden heraus:

„dass es eine Gruppe von Symptomen gibt, die rein psychotisch sind, d.h., dass sie zwar mit der Höhe zusammenhängen, jedoch weder auf ein Höhenhirnödem noch auf andere organische Faktoren wie Flüssigkeitsverlust, Infektionen oder organische Erkrankungen zurückzuführen sind … Soweit bekannt, verschwinden die Symptome vollständig, sobald die Alpinisten die Gefahrenzone verlassen und vom Berg absteigen. Sie erleiden keine Folgeschäden. … Diese Erkenntnis erlaubt es uns, vorübergehende Psychosen an ansonsten völlig gesunden Menschen genauer zu untersuchen, das kann uns wichtige Hinweise zum Verständnis psychiatrischer Krankheiten wie zum Beispiel der Schizophrenie geben“, (Hüfner 2017)

Miro
Faszination der Trance. Joan Miró’s Atelier in Palma. Bild: Jäger 2018

Mehr

Literatur

  • Bergström, Anders; Tyler-Smith, Chris (2017): Paleolithic networking. In: Science (New York, N.Y.) 358 (6363), S. 586–587. DOI: 10.1126/science.aaq0771.
  • Callaway, Ewen (2018): Israeli fossils are the oldest modern humans ever found outside of Africa. In: Nature 554 (7690), S. 15–16. DOI: 10.1038/d41586-018-01261-5.
  • Clottes, Jean (2016): What Is Paleolithic Art? Cave Paintings and the Dawn of Human Creativity. Chicago: University of Chicago Press. Online verfügbar unter http://gbv.eblib.com/patron/FullRecord.aspx?p=4437849.
  • Gibbons, Ann (2017a): Busting myths of origin. In: Science (New York, N.Y.) 356 (6339), S. 678–681. DOI: 10.1126/science.356.6339.678.
  • Gibbons, Ann (2017b): Neandertal genome reveals greater legacy in the living. In: Science (New York, N.Y.) 358 (6359), S. 21. DOI: 10.1126/science.358.6359.21.
  • Hoffmann, D. L.; Standish, C. D.; García-Diez, M.; Pettitt, P. B.; Milton, J. A.; Zilhão, J. et al. (2018): U-Th dating of carbonate crusts reveals Neandertal origin of Iberian cave art. In: Science (New York, N.Y.) 359 (6378), S. 912–915. DOI: 10.1126/science.aap7778.
  • Hollander, Anna-Clara; Dal, Henrik; Lewis, Glyn; Magnusson, Cecilia; Kirkbride, James B.; Dalman, Christina (2016b): Refugee migration and risk of schizophrenia and other non-affective psychoses: cohort study of 1.3 million people in Sweden. In: BMJ (Clinical research ed.) 352, i1030.
  • Hublin, Jean-Jacques; Ben-Ncer, Abdelouahed; Bailey, Shara E.; Freidline, Sarah E.; Neubauer, Simon; Skinner, Matthew M. et al. (2017): New fossils from Jebel Irhoud, Morocco and the pan-African origin of Homo sapiens. In: Nature 546 (7657), S. 289–292. DOI: 10.1038/nature22336.
  • Hüfner, Katharina; Brugger, Hermann; Kuster, Eva; Dünsser, Franziska; Stawinoga, Agnieszka E.; Turner, Rachel et al. (2017): Isolated psychosis during exposure to very high and extreme altitude – characterisation of a new medical entity. In: Psychological medicine, S. 1–8. DOI: 10.1017/S0033291717003397.
  • Humphrey, Nicholas (1998): Cave Art, Autism, and the Evolution of the Human Mind. In: Cam. Arch. Jnl 8 (02), S. 165. DOI: 10.1017/S0959774300001827.
  • Jaynes J: Der Ursprung des Bewusstsein, rororo 1993, pdf-downloadVideo-Vortrag, – Williams G: What is it like to be nonconscious? A defense of Julien Jaynes. Phenom Cogn Sci 2011, 10:217-239 – Bräuer K: Julian Jaynes und Bewusstsein, Philosophische Aspekte der modernen Physik, Uni Tübingen 2014, pdf-download 
  • McGilchirst: The Master and his Emissary (2010), The Divided Brain and the Search for Meaning: Why We Are So Unhappy (2012)
  • Perrin, Michel (2001): Les praticiens du rêve. Un exemple de chamanisme. 1. éd. Quadrige. Paris: Presses Univ. de France (Quadrige, 328).
  • Prüfer, Kay; Filippo, Cesare de; Grote, Steffi; Mafessoni, Fabrizio; Korlević, Petra; Hajdinjak, Mateja et al. (2017): A high-coverage Neandertal genome from Vindija Cave in Croatia. In: Science (New York, N.Y.) 358 (6363), S. 655–658. DOI: 10.1126/science.aao1887.
  • Ramachandran VS, Hirstein W: The Science of Art. A Neurological Theory o Aesthetic Expierience. Journ. of Cociousness Studies, 1999, 6(&-7):15-51.
  • Principles of artistic experience („Was macht Kunst aus?“):
    1. Peak shift principle: Überspitzen mit unbewusstem Super-Stimulus: Venus-Figuren.
    2. Allocation attention – isolating a singel cue: Etwas heraus-isolieren, etwas betonen
    3. „Aha!“ sensation, perceptional grouping: Eine Gestalt in Betrachter entstehen lassen.
    4. Extraction of contrast: Kontraste (Linien, Flächen, Farben) verstärken
    5. Puzzle-Problem solving: Im Betrachter etwas entstehen lassen, was im Bild nicht ist.
    6. Abhorrence of suspicious coincidences: Abscheu unnatürlich-regelmäßiger „Zufalle“
    7. Metaphors of Art: Bild steht für einen Sinnzusammenhang
    8. Symmetry: Ausgewogenheit – alles gesund-lebende erscheint symmetrisch. 
  • Windsor, Jeremy S. (2008): Voices in the air. In: BMJ (Clinical research ed.) 337, a2667. DOI: 10.1136/bmj.a266: “After leaving .. a strange feeling possessed me that I was accompanied by another … The “presence” was strong and friendly. In its company I could not feel lonely, neither could I come to any harm, it was always there to sustain me on my solitary climb up the snow covered slabs. Now as I halted and extracted some mint cake from my pocket, it was so near and so strong that instinctively I divided the mint into two halves and turned round with one half in my hand to offer it to my “companion.”