Ver-Ameisung: Risiko und Chance?

Die erfolgreichsten sozialen Eroberer.

Ameisen und Menschen bilden Gemeinschaften. Das Überleben der Gruppe ist ihnen wichtiger als einzelne Individuen. Und so betreiben sie arbeitsteilig und informations-austauschend Landwirtschaft, hüten Nutztiere, bauen Städte, bilden Staaten und gründen Kolonien. (Wilson 2012)

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Soziales Netzwerk (Bild: Jäger 2015)

Die Ähnlichkeiten des menschlichen Sozialgefüges mit dem der Ameisen nehmen im Zeitalter elektronischer Kommunikation deutlich zu. Auch die Ameisen „chatten“ und „twittern“ in ihren sozialen Netzwerken: Sie übermitteln ständig winzige, scheinbar belanglose Informationspakete. Und die Bewertung großer Zusammenhänge ist ihnen völlig gleichgültig. (Wilson 2012)

Das ameisenhaft inhaltsarme Geschwätz auf engstem Raum, informiert die kleinen Wimmel-Tiere über die neusten Futter-Trends, Düfte und die Neuigkeiten der unmittelbaren Umgebung. Sie erfahren so, genau wie die Menschen durch Smartphones, was sie tun müssen, um sich den Moden der Masse anzupassen.

Der selbstsüchtige Aktenordner (The Selfish Ledger)

Google, und möglicherweise auch andere, arbeiten innovativ mit Deep Mind (u.a.) an der Übernahme des Gesundheitswesens. Darüber hinaus entwickeln sie Visionen zur Lenkung der Evolution. So wie früher einzelne (eng denkende) Biologen wie Richard Dawkins ein egoistischen Gen als wesentliche Triebkraft der Evolution ansahen, glaubt jetzt Google eine übergeordnete virtuellen Datensammlung (engl. ledger) als das Wesentliche zu erkennen, was Menschen mit sich herumtragen. Etwas was als Informationspaket sogar wichtiger ist, weil es gleichsam unsterblich an die Nachkommen weitergeben werden kann.

Jeder Mensch könne ein digitales Journal zugewiesen bekommen, eine Art Verzeichnis seines Lebens. Vielleicht könnte man es auch die moderne menschliche Seele nennen.

Diese beständige und dynamisch wachsende Repräsentation enthielte eine verschlüsselte Version sämtlichen Handlungen, Entscheidung, Neigungen, Vorlieben, Aufenthaltsorten, Sehnsüchten, Gewohnheiten und Beziehungen. Und Google helfe dann bei jeder anstehenden Entscheidung, welches Produkt als nächstes konsumiert werden solle: Der Algorithmus helfe sich gesünder zu ernähren, besser zu bewegen, die Umwelt zu schützen, die lokale Wirtschaft zu stärken, die Kinder besser zu erziehen und glücklicher zu werden. Für alles wird es eine maßgeschneiderte Antwort geben, und Einsamkeit wird der Vergangenheit angehören. Je mehr Informationen in den Datenordner eingefüllt werden (durch soziale Netze, Fitness-Uhren oder Gesundheits-Apps), desto besser und treffsicher werden die Empfehlungen für die künftigen menschlichen Ameisen ausfallen.

Kommentar-Video: 18.05.2018

In der schönen neuen Welt der selbstsüchtigen Aktenordner werden menschliche Körper zu Trägern von Datensätzen, die auf die Einflüsterungen der Künstliche Intelligenz warten und wie fern-steuerbaren Drohnen handeln.

Google bemüht sich natürlich zu erklären, es handele sich nur um ein experimentelles Gedankenspiel. Aber sicher wird sich mit zunehmender Digitalisierung irgendwann die reale Frage stellen,  wer hier eigentlich wen steuert: Menschen Maschinen oder Maschinen Menschen?

Im reinen Kapitalismus des Silicon Valley sind für die Ameisenkolonien keine dem Konsum übergeordneten Werte erkennbar. In China dagegen wurde der Konfuzianismus wiederbelebt, als ideologischer Überbau eines Überwachungsstaates, in dem die BürgerInnen  nach je nach Wohlverhalten gefördert oder sanktioniert werden.

Wo würden wir lieber leben, in einem Gewimmel, in dem uns die Illusion bleibt, wir seien es weiterhin, die entscheiden, was sie kaufen, denken und tun? Oder besser in einem quasi-religiösen Mega-Algorithmus, der uns streng „zum Guten“ leitet und lenkt. Für das am unbegrenzten kapitalistischen Wachstum erkrankte Ökosystem der Erde könnte ev. die zweite (Europäern unsympathische) Variante langfristig sogar gesünder sein.

Mit zunehmendem Wachstum eines kollektiven Welt-Nervensystems, egal welcher Art, droht einzelnen Menschen der langsam Verlust an Fähigkeiten Selber-zu-denken und Selbst-zu-Handeln zu. Ähnlich wie Immunzellen, die „zufrieden“ und aufmerksam für das Ganze herum schwimmen, und nur darauf warten, sich bei nächster Gelegenheit für das Gemeinwohl aufzuopfern.

Menschen könnten ergänzend zunehmend als Cyborgs für Spezialaufgaben optimiert werden (Harari 2017), und sich so besser in eine scheinbar planlos wuchernde Markt- und Massendynamik einfügen: hirn- und körperarm. Und überflutet mit Flimmer-Botschaften, die durch sanften Zwang zu angepasstem Verhalten lenken und leiten.

Während einige dieser neuen Menschen dann arbeits-süchtig schuften müssten, würden viele nichts tun: weil sie nicht mehr dazu in der Lage wären, oder weil ihre Tätigkeit durch Roboter ersetzt, oder weil sie nicht gebraucht würden.

Auch das gleicht Ameisenstaaten: Viele dieser Tierchen tun absolut nichts. Solche Ameisen sind weder faul, noch egoistisch-parasitär und noch nutzen sie ihr „Nicht-Tun“ (im daoistischen Sinn) zur Persönlichkeitsentwicklung. Ameisen zu bewusst-berechnendem oder kritisch-kreativem Verhalten nicht fähig. Vielmehr sind bewegungslose Ameisen entweder zu jung oder zu alt, um zu arbeiten, oder sie stellen eine Art ungenutztes Potential dar, dass bei Leistungsspitzen mobilisiert werden kann. Solche nicht ausgelasteten, scheinbar überflüssigen Kapazitäten sind typisch für alle lebend-komplexe Systemen. (Charbonneau 2015) Damit aber die vorübergehend Überflüssigen den Ablauf im Haufen nicht stören, müssen sie in menschlichen Gesellschaften durch immer mehr virtuelle Ablenkungen (Spiele, Parties, Events, Sport) ruhig gestellt werden. Und das führt zwangläufig zum Verlust von Fähigkeiten.

Wird also vieles von dem, was Menschen (bisher) ausmachte, verkümmern? 

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Perfektes Staatswesen ohne Hierarchie (Bild: Jäger 2015)

Evolutionäre Aussichten

Die Menschheit steht (nach der neolithischen Revolution) vor einer zweiten qualitativen Veränderung. Die biologischen Ausstattungen des Homo sapiens, seine körperlichen und geistigen Fähigkeiten, passen definitiv nicht mehr zu den heutigen Lebensformen.

Der wesentlich biologische Zweck des menschlichen Quantencomputers Gehirn, ist es  Beziehungen zu gestalten. Das aber gelingt nur in un-getrennter, gemeinsamer Funktion mit den Bewegungs-Organen.

Wenn aber ein körperlicher Zerfall droht, der bei weiterer Ver-Ameisung auftreten würde, folgte zwangsläufig auch einen geistigen Abbau

Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz vermutete deshalb schon vor Jahrzehnten pessimistisch, nunmehr sei das Zeitalter der „Ver-Hausschweinung“ angebrochen. D.h. das Ende des Evolutionserfolges des Menschen sei absehbar.

Andere aber hoffen, die schier unendliche Fähigkeit des Gehirns, Zusammenhänge zu verstehen, werde zu einem qualitativen Bewusstseins-Sprung verhelfen, der dazu befähigte, sich anders, z.B. ökologisch vernünftig, zu verhalten (Wilson 2012). Die Naturwissenschaften würden uns Mittel liefern, das bedrohte Lebenssystem unseres Planeten zu retten, und zugleich unsere körperlichen und geistigen Möglichkeiten in ungeahnter Weise zu erweitern. Das erforderte allerdings massive technische Interventionen in komplexe ökologische Zusammenhänge, die wiederum mehr Gefahren als Nutzen mit sich bringen könnten. (Taleb 2018)

Wieder andere glauben, dass mit technischer Unterstützung aus Laboren und Hirnforschungszentren optimierte Super- oder Über-Menschen entstehen werden, die bestens an eine bewegungsarm-informationsverarbeitende Zivilisation angepasst seien (Sapolsky 2012). Diese „gott-gleichen“ Cyborgs verhielten sich dann zu den „naturbelassenen“ Homo sapiens Menschen so, wie überhebliche Kolonialherren gegenüber verachteten „Eingeborenen“. (Harari 2017)

Die Evolution gleicht einem Sieb, das nur weniges passieren lässt, was anschließend wieder möglichst viele Kopien seiner selbst produziert. In der Regel sind es dabei nicht die rücksichtslos Starken, die sich durchsetzen, sondern die Kooperativen, die sich für andere als nützlich erweisen und dadurch indirekte Vorteile erhalten. Das gilt ebenso für die Selektion von Gruppen, die sich entweder harmonisch in einen Gesamtzusammenhang integrieren, oder, nachdem sie als Krankheitserreger ihren Wirtsorganismus vergiftet haben, plötzlich aussterben.

Menschen werden sich in jedem Fall verändern müssen. Oder sie werden verändert werden. Der verstorbene Physiker Hawking gab der Menschheit nur noch wenige hundert Jahre, bis sie ihren dann komplett verwüsteten Planeten verlassen müsse (Hawking, 2017).

Noch sind Menschen keine Ameisen.

Sie könnten also handeln. Zum Beispiel in dem sie ihre Chat-Accounts löschen:

Menschen besitzen (im Gegensatz zu den räuberischen schwarzen Wimmel-Winzlingen) die Fähigkeit innige Beziehungen zu anderen einzugehen, mitzufühlen und eine Gemeinschaft mit Sinn zu erfüllen. (Rifkin 2010, Maturana 1996, 2015)

Also sind sie theoretisch auch zu qualitativem Wachstum fähig. Ameisen dagegen können nur „mehr desgleichen“ tun. Also auf Kosten dessen leben, was gerade um sie herum liegt.

Ameisen sind aber optimal angepasst an ein Leben in hoch-komplexen Systemen. Und von der Art, wie das geschieht, könnten wir lernen.

Von Ameisen lernen

Ameisen verwenden z.B. seit 130 Millionen Jahren mathematische Programme, die wir erst vor kurzem für das Internet erfinden mussten (Transmission Control Protocol). Damit bei Ameisen keine Fehlentscheidungen des Managements getroffen werden können, verzichten sie auf Führungsstrukturen. Sie kennen keine Ober-Ameisen: Ihre Königin hat genauso viel zu sagen (oder ebenso wenig) wie eine Arbeiterin.

Menschen dagegen handeln immer noch (linear) in Befehlsstrukturen. Irgendjemand weist sie an, „Problembären“ zu erschlagen, und das tun sie dann auch, ungeachtet der Schäden, die sie dabei häufig anrichten. Der Aufstieg in einer hierarchischen Pyramide, die Illusionen von Macht, Geld, Einfluss sind bis heute die wesentlichen Triebfedern menschlichen Handelns. Man könnte aber, wie es die Ameisen vormachen, in komplexen Systemen vollständig auf sie verzichten.

Tatsächlich weist der Umschwung von traditionell-militärischen Kommando-Strukturen zu komplexen sozialen Netzen in diese Richtung. In der Entstehungsphase der sozialen Netze führte das allerdings zu grotesken Verzerrungen: extrem wenige Personen profitierten von der Dynamik des komplexen Wachstums, häufen gigantische Reichtümer an und besitzen heute Machtstrukturen, die kreatives System-Wachstum behindern. Die Funktionsweise von Ameisen-Netzen zeigt aber, dass Systeme dann besonders störungsfrei funktionieren, wenn Hierarchien komplett wegfallen, ähnlich wie bei Open Source Projekten.

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Ameisen bei Small Talk, Twittern und Chatten (Bild: Jäger 2015)

Ameisen sind keinesfalls ständig mit geregelter Arbeit beschäftigt, sondern sie halten sich mal hier und mal dort auf. Überall da, wo etwas geschehen könnte. Bleibt es in ihrer Umgebung ereignislos ruhig, verharren sie, oder bewegen sich schließlich wieder fort. Geschieht etwas, werden sie in kleinem Umfang lokal handeln. Hat das negative Folgen, bleibt der Verlust klein. Entsteht etwas Positives, wird dafür gesorgt, dass andere informiert werden, die dann ebenfalls handeln, und zwar so lange, bis wieder etwas Negatives geschieht. Dabei bilden Ameisen Ring-Netzwerke und Parallelverbindungen, damit sie Störungen, die immer zufällig eintreten, rasch erkennen und umgehen können.

Mit ihrer optimal an die Umweltgegebenheiten angepassten Verhaltensweisen und ihre Such-Handlungs-Versuch-Irrtum-Programmen sorgen sie für niedrige, ökonomische Operationskosten. Und sie vermeiden größere Schäden durch die Handlungen selbst. Sie handeln lokal, und sind doch (unbewusst) in ein funktionierendes Gesamt-Kommunikationssystem eingebunden. (Gordon 2014)

Ver-Bienung des Menschen?

Menschen könnten aber auch von anderen Insekten lernen, die sich ökologisch nützlich machen, von den Bienen z.B.

Denn Bienen bringen die komplexe Systeme, in denen sie leben, zum Blühen.

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Bienen: Soziale Netzwerkerinnen, die der Umwelt nutzen. Bild: ronin@posteo.de

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Autor: Helmut Jäger