Was tun gegen „Verhausschweinung“?

Hausschweine
Niedliche Hausschweine (ronin@posteo.de)

Die „Verhausschweinung des Menschen“ ist eine Horrorvision des Verhaltensforschers Konrad Lorenz (s.u.). Er sah vor einigen Jahrzehnten einen Trend zur stumpfen Triebbefriedigung, der für Haustiere typisch sei, die in enger Gefangenschaft gehalten werden.

Hausschweine stehen bewegungsarm in stinkenden, aber wetterfesten Unterständen, fressen, haben gelegentlich ein wenig Sex und sind nützlich,  für andere, die Wurst lieben. Sie lassen sich lenken und denken nicht weiter als bis zur Stallgrenze.

Deichschafe schauen nicht nur blöd, sondern sie besitzen auch deutlich weniger Hirnmasse und Nervenzellverknüpfungen (Synapsen) als wildlebend-kletternde Bergschafe. Das gilt für alle domestizierten Tiere im Vergleich zum Wildtyp. Dieser Effekt ist deutlicher ausgeprägt bei Tieren mit höher entwickelten Gehirnen. Wurden diese Tiere wieder ausgewildert, blieb es bei der geringeren Hirnausdifferenzierung (Kruska 2005).

Einem Mastschwein würde Intelligenz auch nichts nutzen, im Gegenteil, es würde sich unnötig Sorgen machen über die Schlachtung, die es ohnehin nicht verhindern kann. Eine Wildsau muss dagegen auf dem Weg zum Maisfeld schlau und geschickt den Jagdpächter austricksen. Dafür braucht es ein kluges Gehirn und flinke Beweglichkeit.

Alles, was lebende Organismen nicht mehr benötigten, wird radikal abgebaut. Die Manteltiere sind da besonders konsequent: Sobald sie ein festes ruhiges Plätzchen gefunden haben, an dem sie für den Rest ihres weiteren Lebens bleiben werden, verdauen sie all ihre Nervenzellen.

Hätte Konrad Lorenz den Grad der Vernetzung und Überflutung aller Lebensbereiche durch www, web-2, Medien und Werbung vorausahnen können, hätte er aber vielleicht von „Ver-ameisung“ gesprochen. Jedenfalls stehen wir den anderen sozialen Eroberern der Erde deutlich näher als vielen anderen Tieren. Zumindest, wenn man es aus der Perspektive der Organisation von Termitenhügeln betrachtet (Wilson 2013). Niemand kann ausschließen, dass auch einige Ameisen intelligent sind, aber vermutlich nur so weit, wie es für das Gesamtgewusel ihres Haufens nützlich ist.

Die Vorstellung einer kritischen Ameise oder eines skeptisches Deichschafes fällt mir schwer.

Aber es gibt auch Hoffnung, zumindest aus der Laborforschung mit Meerschweinchen: die domestizierten Kollegen war wilden Meerschweinchen nicht unterlegen, wenn es darum ging, Laborwissenschaftler zu überlisten. Sich kannten sich im Labor offenbar gut aus (Lewejohann 2010).

Mein Optimismus gründet aber weniger auf der Möglichkeit, domestizierte Hamster in Laufrädern zu trainieren, damit ihr Hirn fit bleibt. Mich überzeugt eher die Argumentation des Hirnforsches Llinás (2007), dass die Entwicklungsmöglichkeit des menschlichen Gehirns grenzenlos sei, und daher gute Chancen bestünden, dass sich Homo sapiens in der Evolution weiterentwickle.

Die Aufgabe des Gehirns scheint es zu sein, die Zukunft auf intelligente Weise durch Bewegung zu beeinflussen (Wolpert 2011). Deshalb müsste das Erlernen und Trainieren komplexer, intelligent-herausfordernder Bewegungen im Flow eine besonders effektive Art sein, das Gehirn zu trainieren.

Für diese Hypothese spricht nicht nur die Bedeutung der Handfertigkeiten für die Sprachentwicklung der Menschähnlichen oder des Homo sapiens: Vermutlich war am Anfang nicht das Wort, sondern die Geste (Flusser, 1993).

Schon unser Vorfahre Homo erectus war offenbar bewegungsintelligent. Er konnte nicht nur besser als Schimpansen vor Raubkatzen weglaufen, Beutetiere erwürgen und markhaltige Knochen mit Steinen aufschlagen. Homo erectus konnte offenbar auch sehr genau und gezielt werfen, denn er besaß bereits die Anatomie unserer heutigen Schulter (Roach 2013). Mit einem Stein ein bewegliches Objekt zu treffen, ist eine Hochintelligenzleistung. Denn die Befehle des Hirns an den Bewegungsapparat sind aufgrund der trügerischen Meldungen der Sinnesorgane dafür viel zu langsam. Stattdessen muss das Gehirn Meldungen der inneren und äußeren Sinne, Vergangenheitserfahrungen (Training) und Zukunftsvisionen zeitgleich parallel mit einander abgleichen. Damit entsteht eine „Fühl-Körper-Bewusstheit“, die nicht nur Nervenimpulse, sondern auch die viel schneller geleiteten Spannungszustände der Sehnenfasern einbezieht. In diesen Gesamtschwingungsmodus rutschen dann die automatisch ablaufenden antrainierten Bewegungsmuster wie von selbst und genau passend hinein. Wer auf Bewegung reagiert und schnell wirft, kommt immer zu spät. Das Werfen muss im Bewegungsfluss des Ziels und des Werfenden geschehen: nicht schnell, sondern sofort. Die Voraussetzung dafür ist zukunftsorientierter Wille, den Llinás „predictive imperative“ nannte. Das chinesische Zeichen für das Gleiche (die Intension) ist ein über einem Herzen stehender Mensch. Nicht das Denken des Hirns führe, sondern ein reiner, „tiefergelegener“, unbewusster Wille, der scheinbar wie von selbst aus dem Einklang mit der Situation entstehe.

Wie auch immer, das Geniale am Werfen ist, dass Muskelkraft nur benötigt wird, um Gelenke und Fasern maximal in die dem Wurf entgegengesetzte Richtung aufzuziehen. Die menschliche Schulter kann das besonders gut. Genau im richtigen Moment löst sich dann die aufgeladene Spannung, als „ob Schnee von einem Blatt abrutscht“ (Herrigel). Ein gewandter Wurf erfordert keinerlei Kontraktionskraft, sondern nur die Freisetzung gespeicherter Energie durch Entspannung oder „Ent-Dehnung“ aufgezogener Muskel-und Sehnenfasen (Roach 2013, Myer 2010). Das ist menschentypisch: Zoo-Affen können es nicht so gut.

Bewegung im Flow fördert die Intelligenzentwicklung aber vielleicht noch über einen anderen Zusammenhang. Bei lustvollem Spielen wird der Körper aktiviert und gleichzeitig beruhigt. Damit wird das Immunsystem tonisiert und Stress vermieden. Dieser pfiffige Stammhirn-Milz-Herz-Reflex könnte sich auch heilsam auf chronisch-entzündliche oder Autoimmun-Erkrankungen auswirken. (Lujan 2013)

Bewegung ist eine Form von Kommunikation. Einzelne Gehirne und Körper existieren nur in lebenden, bewegten Beziehungen zueinander. Diese Zusammenhänge sollten einen Sinn ergeben, der deutlich über die Stallgrenze hinaus Bedeutung hat (Victor Frankl, 1905-97).

Literatur

  • Kruska D: On the Evolutionary Significance of Encephalization in Some Eutherian Mammals: Effects of Adaptive Radiation, Domestication, and Feralization, Brain Behav Evol 2005;65:73–108
  • Flusser V: Gesten, Bollmann 1993, ISBN 3927901091
  • Lewejohann L et al.: Wild genius – domestic fool? Spatial learning abilities of wild and domestic guinea pigs. Front Zool. 2010; 7: 9.
  • Llinás R: Enter the „i“ of the vortex, (Interview, 17.04.2007). Artikel
  • Lorenz K . – Kritik in der Zeit 2014: „Ver-Hausschweinung
  • Lujan H.L.: Physical activity, by enhancing parasympathetic tone and activating the cholinergic anti-inflammatory pathway, is a therapeutic strategy to restrain chronic inflammation and prevent many chronic diseases, Medical Hypotheses 80 (2013) 548–552
  • Myers T: Anatomy trains. Myofasziale Leitbahnen, UrbanFischer, 2010
  • Roach NT et al.: Elastic energy storage in the shoulder and the evolution of high-speed throwing in Homo, Nature 2013, 498: 483–486, doi:10.1038/nature12267
  • Wilson E.O.: Die soziale Eroberung der Erde. Eine biologische Geschichte des Menschen, CH Beck, München 2013
  • Wolpert D et al.: Principles of sensorimotor learning, Nature Reviews neuroscience 2011, 740-751

Autor: Helmut Jäger