Wie prägt uns die vorgeburtliche Gehirnentwicklung?

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Gesunde schwangere Papaya.

Die genetischen Programme des menschlichen Erbgutes bestimmen den strukturellen Bauplan des Gehirns. Die funktionelle Ausgestaltung ergibt sich aber erst aus der Funktion, d.h. aus der Wechselwirkung der Zellen des Ungeborenen mit dem mütterlichen Organismus und dessen Stoffwechselprodukten. Die Reifung der kindlichen Organe ist eine Folge der Zwiegespräche fetaler und mütterlicher Zellen. Die Mutter wiederum kommmuniziert mit ihrer Umfeld, aus der sie unzählige Stoffe aufnimmt, die über ihr Blutsystem in das Ungeborene gelangen. Auch die Art, wie die Mutter mit Belastungen aus ihrem Lebensumfeld umgeht, prägt die Steuerfunktionen des kindlichen Gehirns und verändert zudem die Ausprägung der genetischen Information des Kindes (s.u. Epigenetik)

Auch bei der Geburt ist das Gehirn des Kindes noch unreif und sehr plastisch in seiner Ausgestaltung veränderbar. Ein Großteil der etwa hundert Milliarden Gehirnzellen, mit denen das Kind geboren wird, wird wieder abgebaut, während gleichzeitig die Verkabelung der wesentlichen Hirnzellen und die Zahl ihrer Verknüpfungen rasant zunimmt. Masse (Quantität) verändert sich rasch in Leistungsfähigkeit (Qualität).

Schädigungen in der  Frühschwangerschaft, z.B. durch eine Röteln-Infektion, greifen in die Struktur des Gehirns ein. Die Folgen sind entsprechend dramatisch und unübersehbar. Wird dagegen in späteren Entwicklungsphasen die Ausprägung funktioneller Verknüpfungen ungünstig beeinflusst, gestaltet es sich bei späteren Funktionsausfällen viel schwieriger die zugrunde liegenden Zusammenhänge zu beschreiben. Denn selbst schwere Hirnfunktionsstörungen, wie Autismus, beruhen nicht auf einer Ursache, sondern entstehen aus den Wechselwirkungen vieler unterschiedlicher Faktoren. Das gilt erst recht für schwächer ausgeprägte Funktionsstörungen (Asperger, Lernverzögerungen, ADHS, psychogene Erkrankungen uva.), sich aus vielen schädigenden Einflüssen ergeben können, die jeweils allein für sich genommen, „relativ“ harmlos gewesen wären.

Eine optimale Entwicklung nach der Geburt erfordert den Schutz vor Schadwirkungen schon während der Schwangerschaft und in der ersten Lebensperiode. Das gilt insbesondere für mütterlichen Stress, dessen Auswirkungen in der Schwangerschaft und im Wochenbett zunehmend gut untersucht sind (Baron-Cohen 2014, Hillerer 2011, 2012). Aber ebenso wichtig sind Anreize, die die Gehirnentwicklung fordern. Zum Beispiel sind Fasern des Vagusnerven, der bei Belastungen die Herzfunktion beruhigt, bei der Geburt des Kindes noch nicht mit einer Schutzschicht ummantelt. Nervenimpulse werden deshalb noch zu langsam übertragen. Die volle Funktionstüchtigkeit erlangt der Nerv, wenn er ständig benutzt wird. Und das geschieht in der sehr engen Beziehung zur Mutter, die das Kind stillt. (Jäger 2014)

In den letzten Jahren mehren sich die Hinweise, dass sich Störungen der frühkindlichen Entwicklung des Gehirns, des Stoffwechsels und der Immunfunktion erst Jahrzehnte später im Erwachsenenalter bemerkbar machen.  Zum Beispiel als Erkrankungen des Zuckerstoffwechsels, psychiatrische Erkrankungen oder schwere Störungen der Nervenfunktionen (2014: Banbenko, Birnbaum, Bolton, Faa s.u.).

Möglicherweise könnte die Entstehung vieler Erwachsenen-krankheiten durch eine Hypothese von zwei Zeitpunkten schädigender Ereignisse erklärt werden („Two-Hit“ Hypothese). Zum Beispiel ist der schädigende Einfluß von Stress der Mutter auf den Stoffwechsel und die Hirnentwicklung des Neugebornen zunehmend gut untersucht (Baker’s Theory). Die dadurch verursachte Schwächung der Anpassungsfähigkeit des Kindes muss aber nicht zwangsläufig zu einer Krankheit führen. Sind aber Erwachsene dann ungewöhnlich starkem Stress ausgesetzt, könnte es leichter zum Versagen bis dahin noch gesunder Organfunktionen kommen.

Die „Two-Hit“-Hypothese wird u.a. bei der Entstehung von Parkinson- und Alzheimer-erkrankungen untersucht (Faa 2014). Sie könnten die Folge von Schädigungen sein, die sehr früh zu fetalen und kindlichen Fehl-Programmierungen des Gehirns führten, und damit die Flexiblität einschränkten, spätere Belastungen zu überstehen, ohne zu erkranken. Diskutiert werden dabei die Wirkungen zahlreicher Schad-Faktoren, die die frühkindliche Hirnentwicklung beeinflussen könnten: Neben mütterlichem Stress sind es vor allem Suchtmittel (Alkohol, Nikotin, Amphetamine, Cannabis …), Medikamente, Fehlernährung, Schwermetalle (Zink, Aluminium, Quecksilber, Kupfer, Blei …), Aktivierung des Immunsystems (auto-immun oder infektiös), Mangelversorgung durch die Plazenta, Umweltgifte (PCB) und Frühgeburtlichkeit.

Die Untersuchung komplexer Entwicklungszusammenhänge und der vielen Möglichkeiten sie zu stören, steht noch am Anfang. Es scheint aber sicher zu sein, dass die frühkindliche Entwicklung extrem empfindlich ist für Störungen. Schädigungen die in einem reativ engen Zeitraum der Hirnentwicklung erfolgen, können sich Jahrzehnte später als chronische Erkrankungen bemerkbar machen.

Unumstritten ist auch, dass Schwangerschaft und Frühkindheit sich in der Regel dann störungsfrei entwickeln,wenn

  • die Mutter vor Stress und Schadstoffen geschützt wird, und
  • eine enge Bindung zwischen Mutter und Kind entsteht.

Hebammen, Frauen- und Kinderärzt/innen sind verantwortlich, die verletzliche Phase frühkindlicher Entwicklung zu schützen. Unnötige Interventionen, die auf die Gehirnentwicklung des Kindes wirken könnten, müssen während der Schwangerschaft unterbleiben. Im Zweifel dürfen Ärzt/innen niemals schaden. Sie müssen überflüssige „individuelle Gesundheitsleistungen“ auch dann weglassen, wenn ihnen die Schadensrisiken aufgrund fehlender Daten sehr klein zu sein scheinen.

The nine months of intrauterine development and the first three years of postnatal life
are appearing to be extremely critical for making connections among neurons
and among neuronal and glial cells that will shape a lifetime of experience. Faa 2014

 Frühkindliche Prägung chronischer Erkrankungen (Epigenetik)

Mehr

Mutter-Kind-Bindung

Entwicklung des autonomen Nervensystems

Impfung in der Schwangerschaft

Literatur

Autor: Helmut Jäger