Das Vorsorgeprinzip

Jede weise Forstdirektion muss die Waldungen … so zu benutzen suchen,
dass die Nachkommenschaft ebenso viel Vorteil daraus ziehen kann,
als sich die jetzt lebende Generation zueignet …  Hartig 1804

Vorausschauendes Nicht-Handeln.

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Fehlende Vorsorge: „Da könnte ein Kind hineinfallen!“

Nach dem Vorsorgeprinzip sollte man in unüberschaubar komplexen Situationen aufmerksam abgewarten. Oder falls es zwingend notwendig erscheint, nur sehr vorsichtig und kontrolliert handeln.

Manchmal wäre aber Nichts-Tun und Abwarten zu gefährlich. Z.B. wenn ein verletzter Bergsteiger von Rettungskräften nicht erreicht werden kann. Und eine Rettungsaktion mit einem Hubschrauber mit hohen Risiken verbunden wäre. In solchen Grenzsituationen müssen sehr Erfahrene handeln: mit so viel Sorgfalt, dass die Wahrscheinlichkeit für Unfälle so gering wie möglich bleibt.

Die meisten Probleme entwickeln sich aber langsam, und es bleibt dann genügend Zeit, in Ruhe zu überlegen, was am besten zu tun ist.

Ein Gärtner könnte sich z.B. darüber ärgern, dass seine Blumenrabatten von Giersch und anderem nutzlosen Zeug unterwandert werden. Um einen sicheren (kurzfristigen) Erfolg zu erreichen, könnte er ein Markenpräparat auswählen, das „für Blumen und Bienen garantiert harmlos“ sei, und sich dann genau an die Anwendungsanleitung halten.

Würde er sich dagegen an den Prinzipien der Vorsorge und der Nachhaltigkeit orientieren, hielte er sich mit dem Unkraut-Vernichten zurück, und würde versuchen, das Ökosystem seines Gartens besser zu verstehen. Er würde u.a. erkennen, dass er nicht alle Details und die Langzeitfolgen eines geplanten Eingriffes in die Natur im Voraus erahnen kann. Er wüsste, dass manchmal nach einfachen Eingriffen in ein komplexes Beziehungs-System aus Pflanzen, Pilzen, Bakterien und Insekten u.v.a., sich etwas später völlig Unerwartet-unerfreuliches ereignen könnte.

Das Vorsorgeprinzip leitet uns dazu an, frühzeitig und vorausschauend zu handeln, um Belastungen der Umwelt zu vermeiden. Die beiden Dimensionen des Vorsorgeprinzips sind Risikovorsorge und Ressourcenvorsorge. Risikovorsorge bedeutet, bei unvollständigem oder unsicherem Wissen über Art, Ausmaß, Wahrscheinlichkeit sowie Kausalität von Umweltschäden und -gefahren vorbeugend zu handeln, um diese von vornherein zu vermeiden. Ressourcenvorsorge meint, dass wir mit den natürlichen Ressourcen wie Wasser, Boden und Luft schonend umgehen, um sie langfristig zu sichern und im Interesse künftiger Generationen zu erhalten. UBA 2015

Wann muss das Vorsorgeprinzip angewendet werden?

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Offener Brunnen (noch ohne gestürztes Kind)

Eine eindeutige juristische Antwort auf diese Frage fehlt. Vor allem ist unklar

  • bei wem eine Beweispflicht liegen sollte
  • ob es bisher unwahrscheinliche Risiken geben könnte, von denen angenommen wird, dass sie klein bleiben, und
  • ob bisher völlig unbekannte Risiken (auch auf lange Sicht) sicher ausgeschlossen werden können.

Wenn Expertinn/en von Wirksamkeit und zugleich von Harmlosigkeit ausgehen: Müssen dann sie eindeutige Beweise für den Nutzen und die Sicherheit der Methode vorlegen? Oder müssen nicht vielmehr umgekehrt die Zweifler am Sinn der Intervention ihrerseits Beweise für tatsächlich erfolgte Schäden beibringen? (Gignon 2013).

Die Dynamik der Verbreitung einer neuen Dienstleistung oder eines neuen Produktes folgt Marktgesetzen, die der Evolution ähneln: erfolgreich ist, was sich vermehren kann. Wissenschaft (Evidenz u.a.) und Regeln (Vorsorgeprinzip u.a.) spielen dabei eine nachgeordnete Rolle (Delamothe 2015). Deshalb werden nach einer raschen Markteinführung  negative Folgen ggf. erst viele Jahre später nachgewiesen.

Die Basis allen Handelns beruht auf Modellen, die aus vergangenen Erfahrungen abgeleitet werden.

Ein Modell verhält sich zur Realität etwa so, wie die Speisekarte zu einem Gericht. Das Letztere schmeckt eindeutig besser, aber irgendwie überraschend anderes, als es im Menü-Text beschrieben war.

Es ist z.B. möglich, dass sich bestimmte Produkte in begrenzten Experimenten als relativ sicher erwiesen, aber bei einer großräumigen Verbreitung nach wenigen Jahren zu einem nicht-rückgängig zu machenden, „nachhaltigen“ Ruin von Lebensgrundlagen führen könnten. Diese Gefahr bestehen bei übereilten Massen-Interventionen (Goldstein 2001), der Einführung von Nano-Materialen in Nahrungsmitteln (Warshaw 2012), oder bei der Vermarktung gentechnologisch veränderter, lebender Organismen (Taleb 2014).

In diesen Fällen lassen sich die Auswirkungen der Produkte nicht lokal begrenzen. Sie betreffen letztlich den ganzen Globus und können damit Anteile der Erd-Ökosysteme nachhaltig beeinflussen (Lancet 2017)

Die daraus resultierenden „systemischen“ Risiken könnten, ggf. sogar die Beziehungen der Lebewesen auf diesem Planeten so verändern, dass es für einige existierende Lebensformen das „Aus“ bedeuten würde.

Es wäre daher dringend an der Zeit eine demokratische und transparente Ethik der Interventionen zu entwickeln (Jasanoff 2017, Paquot 2017, )

Wenn etwas schiefgehen kann,
dann wird es auch schiefgehen.

Murphys Gesetz

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Anwendungs-Beispiel

Literatur

Autor: Helmut Jäger

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