Wahnsinns-Möglichkeiten – in uns?

1976 behauptete der Psychologe Julien Jaynes, dass bis vor wenigen tausend Jahren Geisteszustände, die wir heute als Schizophrenie bezeichnen und behandeln würden, für die Mehrheit der Bevölkerung normal gewesen seien.

opa kontrolliert
Er denkt – Es lenkt. (Quelle: www.asmat.de)

Ihm war aufgefallen, dass Psychosen bei anderen großen Affenarten nicht vorkommen, also offenbar menschen-typisch sind. Er vermutete daher, dass die kulturellen Errungenschaften zu einer rasanten Anpassung des Gehirns an neue, soziale Zusammenhänge geführt hätten. Die notwendige Koordination der beiden Hirnhälften, sei dabei über Jahrtausende instabil gewesen, so dass Menschen von zwei inneren Persönlichkeiten geleitet worden seien. Ein „Ich“, das behauptete, aus freiem Willen heraus zu handeln, sei nicht vorhanden oder nur sehr schwach ausgeprägt gewesen.

Der Psychologe Nicolas Humphrey ging noch einen Schritt weiter und behauptete, dass den Menschen, die die genialen Höhlenmalereien hinterließen, begriffliches Denken weitgehend fehlte. Die Funktionsweise ihrer Gehirne habe eine geringe zentrale Kontrolle aufgewiesen, bei einer gleichzeitig hohen Fähigkeit, alles umgebende un-bewertet, spontan und fotographisch-klar zu spiegeln. Humphrey erinnerte das dem Autismus, mich eher an Geisteszustände, die Zen-Buddhisten oder Bewegungskünstler anstreben, um gleichzeitig glasklare Wachheit und gedanken-leere Ich-Losigkeit zu erleben.

Die Knochen der Frühmenschen zeigen, dass sich die grobe, äußere Form der Hirnstruktur seit über 200.000 Jahren nicht oder kaum verändert hat. Wie sich dieses fantastische Instrument der immer intensiveren Sozialisation anpasste, kann aber vor dem Hintergrund früher Schriften nachvollzogen werden.

In den ältesten Schriften der Menschheit scheint immer „jemand“ (ein Geist, ein Ahne oder ein Gott oder eine Göttin) durch die handelnden Personen hindurch zu sprechen, oder sie durch Träume oder herrische Zwischenrufe zu lenken oder auch zu absurd-grausamen Reaktionen zu zwingen (Lugalbanda und Gilgamesh ~2.700 v.u.Z, oder Enuma Elish und Hammurapi ~1.800 v.u.Z.). Selbst in den ein- bis zweitausend Jahre später aufgeschriebenen Geschichten (Ilias, Thorah/Mose, Nevi’im/Propheten u.a.) wimmelt es von Menschen, die Geisteszustände aufweisen, die wir heute als „produktive Psychose“ bezeichnen würden.

Der zentrale Held der Ilias, Achilles, z.B. gälte nach heutiger Vorstellung als geisteskrank und dringend behandlungsbedürftig. Er litt unter Wahnvorstellungen, hörte Stimmen in sich, halluzinierte, verfiel in „katatone“ Lähmungszustände, neigte zu impulsiv-irrationalem Verhalten und zu unkontrollierbaren Aggressions- und Hassattacken. Sein Heerführer Agamenon litt an ähnlichen Störungen, und hatte bereits vor dem Kriegszug seine geliebte Tochter Iphigenie opfern müssen, weil es ein von ihm fantasiertes Trugbild der Göttin Artemis von ihm so verlangt hatte. Auch alle anderen Beteiligten waren beherrscht von Bildwesen, die sich schließlich untereinander bekämpfen, und sich dabei der Menschen, in die sie eindrangen, bedienten so als seien diese Marionetten. Die Betroffenen hielten das aber offenbar für ganz normal. So redete z.B. eine Frau (Helena) nicht mit einer alten Sklavin, die vor ihr stand, sondern mit einer Göttin, von der die Sklavin gerade besessen sei, und ein Mann (Hektor) erkannte in dem Rat seines vermeintlichen Bruders sofort die Bösartigkeit einer anderen, feindlich gesinnten Göttin, die sich sicher gerade des Bruders bemächtigt habe.

Die Schwelle zur Auslösung solcher Erscheinungen stieg vor zweitausendfünfhundert Jahren im weiteren Mittelmeerraum bei vielen Menschen aus weitgehend unbekannten Gründen an. Immer mehr Menschen begannen damit, selber zu denken, sich als handelnde Personen wahrzunehmen und die Gegebenheiten selbst kritisch zu hinterfragen, ohne auf die Träume der Einflüsterungen zu warten (Beispiel: Odysseus in Homers zweitem Epos).

Die den Herrschern übergeordneten Instanzen lebten dann nicht mehr in ihnen, sondern wurden in höhere, externe Räume verlagert, als Gottheiten außerhalb des Menschen.

Besonders radikal als Monotheismus: Zuerst in Ägypten in der Periode des Echnaton, dessen Anhänger später als Sklaven vertrieben wurden. Und kurz darauf mit Zarathustra, dem geistigen Vater des ersten Gottesstaates in Persien (Schmoekel, Kurtz, Assmann, Holland)

In anderen Erdteilen verzögerte sich der Wandel der Gehirnnutzung offenbar, z.B. bei den großen Kulturvölkern Lateinamerikas. Das könnte erklären, warum es so einfach war, dass eine kleine Gruppe goldgieriger Abenteurer unter Pizarro die hochgerüstete, disziplinierte 80.000 Mann-Armee des Inka besiegen konnte: Einfach, weil der lebende Gott Atahualpa, von dem alle Soldaten besessen waren, kurzerhand getäuscht und umgebracht wurde. Bei Bessenheits-zuständen können eben nur alt-bewährte Verhaltensmuster konservativ abgespult werden. Sie taugen aber nicht für Innovation und Kreativität, die angesichts völlig unerwarteter Dynamik nötig wäre.

Im Prinzip stellte sich Jaynes die Frühmenschen wie moderne Großstadtbewohner vor, die ebenfalls einen ununterbrochenen Strom elektronischer Botschaften empfangen, sich in virtuellen Realitäten verlieren, durch beides irrational und manchmal sprunghaft gelenkt werden, und sich dabei ständig erzählen, dass sie es seien, die da ihr Leben handelnd steuern. Mit dem kleinen Unterschied, dass die antiken Ur-städter diesen gewaltigen medialen Fluss  in sich noch selbst erzeugen mussten.

auf opa schlafen
Auf Opa schlafen, um die Befehle zu erträumen. (Quelle www.asmat.de)

Solche Ur-Geisteszustände finden sich bei Völkern, die bis vor kurzem oder heute noch in der Phase des Jagens und Sammeln befanden oder noch befinden (in Brasilien, Nord-Amerika oder Papua).

Bei all diesen Menschen waren (oder sind noch) die Kommandos ihrer Häuptlinge, Väter/Mütter oder Könige/Königinnen als feste (nicht-bewusste) Programme abgespeichert. Ihre Aufgabe ist es, das alltägliche Geschehen kommentieren und bei Tabu-Gefährdungen dazwischen zu reden. Oder um in sozialen Stresssituationen als hilfreich-konservative Stimmen der Geister, Ahnen und Götter abgerufen zu werden.

Die Erklärungsversuche von Jaynes, wie sich das Zusammenspiel der beiden menschentypischen Großhirn-Hälften in seiner Funktion verändert haben könnte, sind heute durch die Ergebnisse der Hirnforschung überholt. Tatsächlich hat sich zwar die Art, wie die Hirn-Hemisphären zusammenspielen (kulturell-beeinflusst) erheblich verändert, aber anders als Jaynes es sich vorgestellt hatte. (McGilchrist)

Außerdem ist heute bekannt, dass alle Säugetiere mit ihren Mittelhirnstrukturen ein (Kern)-Bewusstsein erzeugen, d.h. sie bündeln alle Informationen innerer und nach außen gerichteter Sinnesorgane und vergleichen es mit einem inneren Bild, das „sie“ symbolisiert, um zu beurteilen, ob das, was da geschieht, gut oder schlecht ist für „sie“ ist. Höhere Säugetiere (Katzen, Hunde, …) können dieses Mini-Bewusstsein auch noch zu einfachen Gefühlen ausbauen, indem sie Vergangenheitsbilder und Zukunftsvorstellungen damit verknüpfen.

All diese Hirnleistungen sind nicht angeboren, sondern entwickeln sich im Rahmen des Gestillt-werdens und der frühen Aufzucht. Kinder sind also bei Geburt zwar (manchmal) hellwach und können auch ihre Grundbedarfs-Befriedigung einfordern. Aber sie sind sich noch nicht bewusst. Und auch Erwachsene handeln im Alltag überwiegend nicht bewusst, d.h. sie lassen wie beim Gehen oder Autofahren einmal erlernte Programme automatisch ablaufen, während sie das „Ich“ wie einen Scheinwerfer lenken, und meist nur einsetzen, um einen Handlungsfluss zu unterbrechen. Denn für alles andere (z.B. Klavierspielen) wäre das Mittelhirn-Ich viel zu langsam.

Es erscheint aber auch heute noch vielen Wissenschaftler absurd zu sein, dass es einmal Sprache, Schrift, Kultur und Staatswesen ohne ein starkes „Ich-Bewusstsein“ gegeben haben könnte. (Williams 2010).

Das mag daran liegen, dass diese Wissenschaftler/ innen zu viel denken, die Funktion des Ich-Bewusstseins überbewerten (Bräuer), und sich vor allem zu wenig bewegen. Wenn ich bewegungslos da-sitze und das Hirn ohne körperliche Rückmeldungen flimmern lasse, muss ich mir zwangsläufig ein „Ich“ schaffen, dass da eins nach dem anderen denkt, und die Dinge analysiert und bewertet. (Llinas).

Wenn ich mich dagegen im Verbund mit dem, was geschieht, elegant und verbunden bewege, ist sowohl ein “kontrollierend-befehlendes Ich“ als auch die bewusste Bewertung dessen, was da geschieht, eher hinderlich. (Wolpert)

Z.B. beim Jonglieren. Ein „Ich“ kann zwar scheinbar entscheiden, den ersten Ball zu werfen. Aber selbst dieser Befehl ist lange in der Hand angelangt, bevor das „Ich“ sich erzählt, dass es gerade etwas entschieden habe. Schließlich hängt das „Ich“ dem sogenannten Bereitstellungspotential vor einer Bewegung um 0,3 Sekunden nach. Wenn die Jonglierbälle dann fliegen, gibt es endgültig keinen Platz mehr für ein „Ich“. Wenn es doch mit Befehlen in dem Bewegungsfluss herumfummeln wollte, fielen die Bälle herunter. Selbst die Impulse der unbewussten Hirnprogramme, die am „Ich“ des Mittelhirns vorbeisausen, sind im schnellen Flug der bunten Kugeln vergleichsweise langsam, z.B. gegenüber den beteiligten Rückenmarksreflexen und den Signalen der Fasziendehnungen und -entdehnungen in den Armen und Händen. Jonglieren erfordert also klare Wachheit und Gedankenleere, aber sicher kein steuerndes „Ich-Bewusstsein“, dass vielen Wissenschafler/innen so wichtig zu sein scheint.

Elegante Bewegungen geschehen im Flow harmonischer innerer und äußerer Dynamik, bei dem dem „Ich“ höchstens eine wohlwollende Betrachtung des Geschehens zukommt. Der noch intensivere Geisteszustand der Trance gleicht dann einem Sich-Verlieren in einen ich- und zeit-losen Zustand des Verbunden-seins. So entstehen Tanz, Musik, Gesang, Poesie, Malerei, Sport, mit einem Wort all das Schöne, zu dem die Menschheit fähig ist. Unter der Voraussetzung, all das geschieht ohne Stress und in einem geschützten Rahmen, der verhindert, dass in großer Not eine Sicherung durchbrennt.

Sonst entsteht Krankheit:

Psychosen oder Verzerrungen der Wahrnehmung, die mit einem Verlust des Realitäts-Bezugs einhergehen.

Im schlimmsten Fall entwickelt sich bei gestörter Großhirnkoordination Schizophrenie (griechisch: schizein (σχίζειν, spalten), phrēn, phren- (φρήν, φρεν-, Gemüt, engl.: mind).

Möglicherweise können bestimmte Formen solche schweren psychischen Störungen als krankhafte Anpassungsstörungen im Rahmen der menschlichen Entwicklung interpretiert werden: Als Nebenprodukt der rasanten, „überstürzten“ kulturellen Evolution des menschlichen Gehirns. Aber warum wurden diese Schwächen, die eindeutig reproduktive Nachteile mit sich bringen, durch die Evolution nicht ausgelöscht?

Möglicherweise, weil es für das Überleben der Gruppen zeitweise durchaus sinnvoll war, unter starkem Stress weiterhin Halluzinationen und Ich-Verluste zu erleben. Denn immerhin kann Besessenheit ungeahnte Kräfte mobilisieren und Schmerzen unterdrücken.

Und außerdem standen “Psychotiker” noch viele Jahrhunderte als Schamanen, Weissager, Priester und Propheten in hohem Ansehen. Sie konnten schließlich, im Gegensatz zu den anderen, immer noch die Einflüsterungen höherer Mächte lauschen und dann davon erzählen.

Mehr

Literatur

  • Assmann I.
  • Bräuer K: Julian Jaynes und Bewusstsein, Philosophische Aspekte der modernen Physik, Uni Tübingen 2014, pdf-download 
  • Humphrey N.: Cave Art, Autism, and the Evolution oft the Human Mind, Cambridge Arch Journ, 1998, 8(2):165-91, pdf-download – Humphrey N.: Shamanism and cognitive evolution, Cambridge Arch Journ, 2002 (12):91-93, pdf-download
  • Jaynes J: Der Ursprung des Bewusstsein, rororo 1993, pdf-downloadVideo-Vortrag
  • Kurtz P.
  • Llinas R: The “I” of the vortex, New York, 2001, Video 2012
  • McGilchrist I.
  • Schmoekel R: Die Indoeuropäer, Aufbruch aus der Vorgeschichte, Bublies-Verlag
  • Holland T: Persisches Feuer. Ein vergessenes Weltreich und der Kampf um Europa. Rowohlt 2011
  • Williams G: What is it like to be nonconscious? A defense of Julien Jaynes. Phenom Cogn Sci 2011, 10:217-239
  • Wolpert D.

 

Autor: Helmut Jäger