Wahrer Glaube

Wahrheit suchen und verkünden

Das Dogma des Glaubens an eine Wahrheit ist relativ jung.

In der Steinzeit war noch alles eins: in einem ewigen Zyklus des Werdens und Vergehens. Die Religionen der Früh-Menschen boten ihnen eine innere Stütze: Sie hörten in Träumen oder in Besssenheit Stimmen, die ihnen konservativ befahlen, was nach Stammessitte zu tun sei.

Nach der bäuerlichen Revolution vor vielleicht 10.000 Jahren herrschten Schamanen-Priester mit Bessenheitskulten. Nur sie waren in der Lage, die Befehle ihrer Götter zu hören und zu verstehen. Dann aber begann in wirren Kriegszeiten das schleichende Gift des skeptisch-kritischen Selberdenkens die Macht der Trance zu zerstetzen. Die Menschen hörten nicht mehr auf innere Stimmen und begannen sich (an sich selbst denkend) gegen Tabus zu versündigten. Die alten Besessenheits-Kulture erwiesen sich als unfähig große, multi-ethnisch zusammengesetzte Massen zusammenzuhalten, die (mit Ausnahme ihrer Propheten) „in sich“ keine Götter mehr hören konnten. Die neuen gottlosen Kulturen egoistischer Tyrannen und Heerführen flössten ihren ausgebeuteten Untertanen kein Vertrauen ein, und wurden daher von den wenigen Propheten, die noch Stimmen hörten, zu Hölle verdammt.

Die vor 2.500 Jahren aufkommenden Großreiche verlangten aber nach einer vereinigenden Ideologie, die die ehemalige Macht der innern Stimmen, die nun nahezu gänzlich verstummten, zu ersetzen. Daher musste die Psyche der Abhängigen von außen eingerüstet und stabilisiert werden: entweder durch Gesetze, oder einen externen Gott, oder durch allgemein verbindliche Regeln des Zusammenlebens.

So entwickelte sich der Boden für das Wachstum der Systeme externer Wahrheiten, die selbst den Mächtigen, den Reichen und den Herrschenden übergeordnet waren.

Diese äußeren Gerüstsysteme der Psyche erwiesen sich in der Evolution als äußerst erfolgreich:

Reine Wahrheit
Einige Spielarten der Wahrheit: Gesetz (Legalismus in Rom, Qin-China), Wissenschaft (Aristoteles: Epistheme), politische Ideologien, Religionen mit externem Gott (Urformen: Echenaton, Zarathustra, Kybele, Mithras, Veden) und ohne Gott (Buddha, Jain, Monismus, Dao) und die vielen Mischformen aus allem, die zur Massenbeeinflussung oft mit Tranceauslösung vermischt werden.

Die Lehre der Trennung von Gott und Welt

Der erste, der einen externen äußeren Gott erkannte und verehrte, war Echen-Aton (Amenophis IV, um 1.300 v.u.Z). Er erklärte den Priestern der bis dahin herrschenden Bessenheits- und Muttergottes-Kulte den Krieg. Folgerichtig wurde er später als Ketzer aus der Liste der Pharaonen gestrichen. Aber seine neue Ideologie blieb bei Sklaven lebendig, die sie nach einer Fluchtaktion aus Ägypten weiter verbreiteten.

Ur Religionen
Vier Ur-Religionen: Zoroaster, Echenaton, Mutter-Gottes, und die chinesischen Essigkoster (Konfuzius, Buddha, LaoTse)

Vielleicht zeitgleich (oder auch Jahrhunderte früher oder auch später) dokumentierte Zarathustra in Baktrien die Wahrheit als den Unterschied von Gut und Böse. Damit schuf er ideale Geisteshaltung für eine imperiale Kriegsmaschine, und eine Ideologie, von der bis heute noch alle Hollywood-Filme zehren.

Zarathustra wollte der Barbarei der Trance (Mithras-kult) und der Herrschaft von Willkür ein übergeordnetes, gutes Gesetz entgegensetzen. Die Reinheit des Feuers, das Symbol einer segensreichen Macht, sollte über den Menschen stehen, also auch über dem König.

Diese eher friedfertige Denken verhalf der ersten monotheistischen Großmacht zum Durchbruch (dem medisch-persischen Großreich).

Gute Gedanken, gute Worte, gute Taten!
Ahura kommt herab zu dem, der den Armen Gutes tut
.
Zarathustra, um 1.000 v.u.Z.

Die Wahrheit und die Macht des Gesetzes

Auf dem Dogma des Gesetzes gründeten sich die römischen  und chinesischen Imperien. Dort wurden schlagkräftige Hierarchien (Militär, Beamte, Soldaten) mit starren Regeln, Moral und Ritualen zusammengehalten.

Zusätzlich holte Konfuzius in China den Ahnenkult, die alte schamanistische Trance mit ins „Staats“-Boot. Und in Rom versuchte man erfolgreich die Völker zusätzlich durch die Mithras-Religion, später den Muttergottes-Kult und schließlich des Christentum zu vereinen.

Relative Wahrheit
Wahrheit ist wie die Straßenverkehrsordnung: absolut und doch relativ (Festlandeuropa / England)

Das Gesetz zwingt die Autofahrer auf dem Kontinent auf die rechte Straßenseite. Auf der Insel ist es genau umgekehrt. Dennoch sind beide (sich widersprechenden) Wahrheiten in der jeweiligen Örtlichkeit absolut: als heilige Regeln, gegen die zu verstoßen hart bestraft wird.

Dogma Überlegenheit
Überlegenheit des Dogma gegenüber der Trance-Herrschaft. Einer kleinen (von Priestern gesegneten) Mörderbande unter Pizarro gelang es ein hochgerüstetes 80.000 Mann-Heer zu besiegen, in dem man einfach dem lebenden Gott (Atahualpa) die Kehle durchschnitt. Den vom Geist besessenen Kriegern fehlte damit die innere Stimme, die ihnen sagte, was zu tun sei. In Trance wird nur in der Vergangenheit bewährtes abgespult. Dogma dagegen setzt einen (starren) Rahmen, in dem sich etwas entwickeln kann und soll.

Am Anfang (des Dogmas) steht der Begriff

Jedes Wort ist ein Missverständnis.  Nietzsche

Die Herrschaftsgrundlage aller Wahrheitssysteme ist das schriftlich fixierte, begrifflich-definierte Wort, die Trennung von „Gut und Böse“ und von „Richtig und Falsch“, das eindeutige Gesetz, der äußere Gott, die zu Ideologien geronnenen Ideen.

Letzlich sind Begriffe bodenlos, denn wir können auf keinen Test zurückgreifen, der einwandfrei bestimmt, was ein bestimmtes Wort eigentlich meint, ohne auf Bedeutungsregeln des Begriffes zurückgreifen zu müssen. Jedes Wort bringt je nach dem Kontext, in dem es verwendet wird, vieles zum Ausdruck, und ist vielfältig interpretierbar. Schließlich verwendet jede Erklärung wiederum andere Begriffe oder Methaphern, deren Bedeutungsregeln für uns ebenfalls offen und ungeklärt sind.

Seit also Worte erfunden wurden, streiten Menschen über ihre Bedeutung. Und das umso heftiger, je mehr uralt-nebelhafte Bedeutungen in modern-eindeutige Begriffe gegossen werden. Es wird bei Streitgesprächen meist vergessen, dass „alles Gesagte ist von jemandem gesagt“  wurde (Maturana, Varela). Und dass das, was „ist“, nur auf bestimmte Blickwinkel bezogen sein kann: Begriffsdefinitionen und -deutungen sind daher zwangläufig „relativ“ (zu anderen Sichtweisen und Grenz-Ziehungen). Das Dogma setzt sie aber als unzweifelhaft und absolut wahr.

Die Verkündung der Wahrheit vermittelt klar und eindeutig, was zu tun ist.

Abweichung wurde betraft, Trance für ideologische Zwecke missbraucht, Eros unterdrückt und die Emotionen beherrscht. Die Belohnungen dieser Art des Seins waren und sind Ordnung, Klarheit, konsequent einfache Reduzierung der Komplexität (der Realität), und die Schönheit des steuerbaren Glaubens-Modells.

Dunkelreligion
Clodwig Poth: Die dunkle Seite der Religion

Damit hatte das Chaos des Denkens (z.B. der Vorsokratiker) ein Ende, die Welt wurde berechenbar, beherrschbar, sicher und stabil. Alle seither entstandenen Dogmen, Wahrheiten und Rituale halten sehr effektiv große Menschenmassen und Hierarchien zusammen. Sie isolieren (nach außen) oder zähmen zugleich nach innen jene, die zu skeptischem, aufrührerischem Denken fähig wären.

Diejenigen, die sich ideologisch nicht unterordnen wollen, werden als Heiden, Feinde und Ketzer gnadenlos verfolgt, unterdrückt und ermordet.

Da allen Wahrheiten etwas Gewalttätiges innewohnt („die Bekämpfung der Un-Wahrheit“) hat es sich in vielen späteren Kulturen als sinnvoll erwiesen, intern für eine „Gewaltenteilung“ zwischen den Wahrheitssystemen zu sorgen.

Dort wo Politik, Wahrheit, Gesetz und Gott eins werden, leben Menschen, die (zumindest im Stillen) noch etwas selber zu denken versuchen, sehr gefährlich.

Den Befehl: „Du sollst denken!“ verstehen Kinder erst ab dem Kasperle-Alter.

Wahrheiten, Regeln, Gesetze, Dogmen, Ideologien sind kulturell sehr unterschiedlich ausprägt. Sie werden erst ab dem vierten Lebensjahr erworben. Der feste Überzeugung an die Macht eines Modells der Realität, das von Experten (Lehrern, Juristen, Priestern, Meistern …) beherrscht wird, schafft Vertrauen, das Richtige zu tun. Der Sinn des „Lernens ohne etwas zu fühlen“ ist es, anschließend fest zu glauben, etwas sicher zu wissen. Also Modell-stabilität in einer tatsächlich unsicheren, wandelbaren, unberechbar-zufälligen Realität.

Sünde
Sünde: Erotik, Heiden, Denker oder andere Dogmatiker

Die indoktrinierende Erziehung beginnt im Kindergarten, Schule oder im Religionsunterricht und sorgt für die Kontrolle über die anderen menschlichen Kommunikationsformen: Fröhliches Ballspielen findet dort, wo die Straßenverkehrsordnung gilt, ein jähes Ende. Das führt später zwangsläufig zu Konflikten, wie bei  „Romeo und Julia“.

„Genauso ist es!  Und nicht anders!“

Nach dem kurzen Intermezzo der Skepsis, die die Legitimation der inneren Götter beseitigt hatte, musste zwangsläufig eine neue Kommunikationsform für Untertanen und Herrscher entwickelt werden, um Staaten, Armeen und Reiche zusammenzuhalten.

Die Verkündung von Dogmen geschah, als die Zahl der Menschen wuchs, die innere Stimmen und Wahrheiten in Trance nicht mehr wahrnehmen konnten. Und als die skeptischen, „demokratischen“ Debattierer oder egoistischen Tyrannen daran scheiterten, große Staatsgebilde zusammenzuschweißen.

Es gibt nicht nur die blutrünstigen Seiten des Dogma.

Gesetze und Recht sind, ebenso wie die ethischen Prinzipien der Weltreligionen, in einer zunehmed komplexen Welt unverzichtbar für positive Entwicklungen.

Sie sind die Basis für das Aushandeln und Vereinbaren von Regeln, die einzuhalten sind, damit friedvolle Entwicklungen gesichert werden. Das Gedeihen jeder Gemeinschaft braucht einen Schutzraum.

Es ist eben beruhigend zu wissen, dass sich Autofahrer an Geschwindigkeitsregeln halten und bei Rot stehen bleiben. Und Dogmen, wie „ein Mensch darf nicht getötet werden“ sind sehr nützlich, ebenso wie die Repressionen, wenn man dagegen verstößt.

Ohne Dogmen, Begriffe oder „das Wort“, das etwas von etwas anderem trennt, gäbe es auch, außer der des direkten Kontakts, keine Möglichkeit, von anderen zu lernen.

Am Anfang war das Wort.  Alles ist durch das Wort geworden  und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. Johannes, Kap. 1, Vers 1, um 100 n.u.Z.

Johannes irrt

Das begriffliche Wort stand sicher nicht am Anfang der Entwicklung der menschlichen Kommunikationsformen. Und begrifflich-lineares Denken kennzeichnet möglicherweise auch nicht das Ende der psychischen Evolution des Homo sapiens.

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 Autor: Helmut Jäger