Wahrsagen: Alter Blödsinn! Oder?

Wenn die Brust des Vogels links löchrig ist …
dann wird der Feind das Land des Fürsten erobern.
KAR (Keilschrift Mesopotamien) Nr. 455 Vs 5-6

Kaum war die Zukunft erfunden worden, versuchte man sie zu beeinflussen.

Es begann vor vielen zehntausend Jahren mit schwarzer Magie, schamanistischen Heilritualen und Beschwörungstänzen. Mit zunehmender Urbanisierung und Staatenbildung entwickelten sich aus den Stammes-Ritualen der Medizinmänner Wahrsage-Institutionen, die den Herrschenden halfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Wurde das Orakel allerdings falsch ausgelegt, konnte es auch schief gehen.

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Laos 1996 (H. Jäger)

So erging es Krösus (um 500 v.u.Z.), der siegesgewiss mit seinen Truppen den Grenzfluss Halys überschritt und das persisch-medische Reich angriff. Schließlich hatte ihm die Trance-Priesterin (Pythia) im Apollontempel in Olympia geweissagt, dass er ein großes Reich zerstören würde. Sie hatte natürlich recht, nur war das zerstörte Reich sein eigenes.

In Mesopotamien war lange zuvor eine hoch kenntnisreiche und ausgeklügelt-politische Frage- und Wahrsagekunst entwickelt worden. Die aufgefundenen Tafeln beschreiben ein System der Analyse von Zeichen („Wenn …“), aus deren Auftreten schicksalhafte Konsequenzen abgeleitet werden („Dann wird …“).

Etwa zeitgleich baute man in China das schamanistische Wahrsagesystem zu einem umfassenden kosmologischen Gesamtkonzept aus, das für alle denkbaren Lebenssituationen Handlungsempfehlungen enthielt. Das auf einer binären Mathematik gegründete  „I Ging“ beschrieb keinen unveränderlichen Schicksalsverlauf, sondern eine Gegenwart, in der es möglich sei, zukunftsbeeinflussend zu handeln.

Die Traditionen der Zauberrituale und der Wahrsagekunst europäischer Völker wurden von den großen Religionen als Heidentum bekämpft und weitgehend ausgerottet. Deshalb sind heute zahllose „esoterische, alternative Heil- und Bewegungsformen“ aus Asien, Afrika und Amerika so populär. Offenbar gibt es auch in Europa einen Bedarf an schamanistischen Heilritualen, was sich nicht zuletzt am florierenden Geschäft mit Placebos und individuellen Gesundheitsleistungen zeigt. Dabei zerfließen die Grenzen zu Scharlatanerie, Abzocke, Hokuspokus und sektiererischer Ideologie.

Sind Schamanismus und Wahrsagerei veralteter Blödsinn?

Zum Teil sicher: Manchmal kann Glauben auch sehr ungesund sein.

Andererseits liegen mancher „Wahrkunst“ Prinzipien zugrunde, die zeitlos modern und wertvoll sein können. Je nachdem mit welcher Transparenz und Qualität sie angewandt werden.

Versöhnung

Die wesentliche Wirkung von Ritualen ist die Versöhnung mit den Tabus, dem Schicksal, den Glaubensvorstellungen uva. Rituale können die Konflikte widerstreitender Anteile in sich selbst beruhigen. Zum Beispiel können durch einen Trancezustand (I.R. einer vertrauensvollen Beziehung) Geborgenheit entstehen, Ruhe, Sicherheit, und etwas mehr innerer Frieden.

Moderne Formen versöhnender Trance, wie Meditation in Bewegung, Aufmerksamkeitslenkung, Hypnosystemisches Coaching und vieles andere, können zu autarker, selbstbestimmter Entwicklung verhelfen. Dazu sind Kommunikationsqualitäten nötig, die Europäer häufig erst wieder erlernen müssen.

Test, Diagnose und Therapie

Die westliche Medizin ist ein Gemisch aus Wissenschaft, modern-schamistischen Heilungsritualen und rationaler Zukunftsvorhersage. Sie erinnert in ihrem grundlegenden Vorgehen die antike mesopotamische Vorhersage, die auf „Wenn … dann!“-Sätzen beruht:

Test („Wenn …“):

  • „Der Stern am Horizont erscheint und das Opferschaf eine Fehlgeburt trägt … .“
  • „Der PSA-Wert erhöht ist …. .“

Diagnose („… dann …“)

  • „… steht eine Vernichtung durch die Feinde bevor.“
  • „… droht der Tod durch Prostata-Krebs.“

Handlungsempfehlung (“ … musst du!“)

  • „…  den Feinden durch Angriff zuvorkommen.“
  • „… in die Prostata stechen, und bei Nachweis einer Krebszelle radikal operieren.“

Wichtig ist, dass die Auslegungsautorität nicht angezweifelt wird.

Die eindeutige Diagnose muss von einer hohen Autorität kommen! In Mesopotamien vom Oberpriester der Staatsgottheit  kommen. Und in der modernen Medizin von einem hochrangigen Professor, am besten dem bekanntesten Spezialisten auf diesem Gebiet oder von einer Leitlinie.

Die Zukunftsvorhersagen bewirken besonders dann heilsame Sicherheitsgefühle, wenn sie sich nicht nur auf nicht Glaube und Hoffnung gründen, sondern gerade auf einer Wahrheit beruhen, die nicht angezweifelt werden kann.

Die Eingeweideschau in Mesopotamien entsprach einem Zufallsgenerator. Diesen durfte aber nicht jeder x-beliebige, sondern nur Auserwählte, betätigen. Der Zufall, dem eine „göttliche“ Bedeutung zugemessen wurde, erzwang es, den Standpunkt der Betrachtung eines Problems zu wechseln (Reframing: „Setzen eines neuen Bezugsrahmens“).

Bei Labortests ist der Zufall eingeschränkt.

Daher ist ihre Reframing-Wirkung eher bescheiden. Aber natürlich spielt der Zufall auch hier eine Rolle (z.B. ob der Patient zum PSA-Test mit dem Fahrrad kam (Prostatamassage), oder Sex hatte oder an einer Erkrankung leidet, die das Testergebnis beeinflussen kann).

Außerdem bringt das Wahrsagen in der europäisch-linearen Tradition des „Wenn – Dann“ auch Gefahren mit sich, die u.a. der Finanzmathematiker Thaleb beschrieben hat: Wenn hochqualifizierte „Wirtschafts-Weise“ den Regierenden die Zeichen der Vergangenheit deuten, übersehen sie die Möglichkeit „Schwarzer Schwäne“, was dann zu einem Börsen-Crash führen kann.

Schwarze Schwäne in der Medizin

Als Student hielt mich ein damals berühmter Hochschullehrer für etwas blaß. Er nahm mir folglich Blut ab, für eine „Laborflöte“, dh. für die bestimmung aller Werte, die man zu der Zeit so bestimmen konnte. Zwei davon waren hoch-auffällig und abnorm. Und sie sind es bis heute. Das schien damals zu zwei unterschiedlichen Krebsformen zu passen. Also sollte mit Leber- und Knochenmarkspunktionen intensiv weiter gesucht werden. Und er empfahl auch, nach damaligem Leitlinien-Standard frühzeitig zellwachstums-hemmend zu behandeln. Ich entschied mich dagegen. Und deshalb (wegen der Vermeidung medizinischer Verschlimmbesserung) fühle ich mich ein halbes Jahrhundert danach immer noch gesund und munter.

Die chinesische Wahrsage-Tradition

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Das Grundgerüst des I Ging

Sie war (im Gegensatz zum mesopotamisch-europäischen „Wenn-Dann“) nicht linear auf Ursachen und Wirkungen ausgerichtet. Vielmehr sollten unüberschaubar komplexe und zufällige Situationen realistisch (unberechenbar) abgebildet werden. Die konfuzianisch verfeinerte  Technik beschrieb eine (zufällig gezogene) persönliche Situation, wie sie jetzt gerade aussehen könnte. Es wird dann vorgeschlagen, die dazu passenden Aussagen so zu betrachten, als ob sie auf die aktuelle Situation zu träfen (Littlejohn 2007).

Modernes Reframing kommt ohne Mystik, Esoterik, Zauberei und Theologie aus.

Vor einer Zufallsauswahl im Coaching sollte nur eine wirklich bedeutsame Frage gestellt werden. Sie muss nemandem offenbart werden, aber sie sollte

  • sich selbst gegenüber wahrhaftig und ehrlich sein,
  • bisher schon viel vergebliches Nachdenken gekostet haben, und
  • im Augenblick des Fragens keine offensichtliche Lösung bieten.

Spiel mit dem Zufall

Artikel

Literatur

Mesopotamien

I Ging

Wahrsagekunst der Börse

  • Taleb N: Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen. Knaus-Verlag, 2013, ISBN 978-3813504897.
  • Taleb N: Der Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse. Hanser Wirtschaft, 2008, ISBN 978-3-446-41568-3. (Original: The Black Swan: The Impact of the Highly Improbable. Penguin, 2008, ISBN 978-0-14-103459-1)

Autor: Helmut Jäger