Was bewegt mich?

„Es denkt“ sollte man sagen wie „Es blitzet“. Lichtenberg (1742-99)

bewegung
Schattenboxen

Die alte Vorstellung von Bewegung ist tot.

Sie lautete etwa so: Jemand oder etwas im Gehirn fasst einen Beschluss sich zu bewegen, dann läuft ein kompliziertes, erlerntes Hirnprogramm ab, das über Nerven in den Körper wirkt und dort Muskeln aktiviert, die an Sehnen ziehen, die über Gelenke laufen und an Knochen ansetzen – und dann bewegt sich etwas.

Eine antik-chinesische Vorstellung kommt der Realität schon etwas näher, und ist daher auch für europäische Sportwissenschaftler interessant (Horst Tiwald).

Danach bewege ein Yi (Intension) das Qi (Bereitstellungsenergie) und das bewege das Jing (den Faszien-, Knochen- und Muskelapparat).

Wir wissen heute, dass der Bewegungsimpuls der bewussten Entscheidung zur Bewegung um etwa 0,3 Sekunde vorausgeht. D.h. bewusstes Erleben ist langsam und nimmt Bewegung meist erst wahr, nachdem sie geschehen ist. Dieses Muster der Hirnaktivität bewertet das was geschieht, verbindet es mit einem Ich und dessen Vergangenheit und Zukunft. „Es“ fühlt und ist damit nützlich um Bewegungsabläufe (z.B. wohlwollend oder verärgert) zu beobachten und ggf. zu unterbrechen. „Es“ ist aber viel zu träge, um Bewegung zu steuern. Erlernte Bewegungsabläufe rauschen daher vom Großhirn kommend „am Bewusstsein“ vorbei (Pyramidenbahn). Oder sind in tiefergelegenen Nervennetzwerken gespeichert (u.a. Kleinhirn, Basalkernen, Reflexen u.a.)

Klavierspieler, Tänzer oder Handwerker denken daher besser nicht darüber nach was sie gerade tun, wenn sie sich bewegen (Kleist 1810). Sie freuen sich nur, wie harmonisch ihre Bewegung gerade fließt. Und umgekehrt, wenn trainiert werden soll, dass Bewusstheit Bewegung und Atmung begleitet und lenkt, dann muss Bewegung meditativ und langsam erfolgen, z.B. bei Pilates, QiGong, Yoga u.a.. Bei Bewegungsformen wie Zumba, Gymnastik oder Aerobic kann dagegen ruhig das Bewusstsein im Umkleideraum abgegeben werden. Damit das Denken dann auch sicher nicht stört, wird die Musik sehr laut gestellt.

Das chinesische Yi (Intension) entspricht dem Begriff „predictive imperative“ des Hirnforschers Llinás (2009), und gleicht einer Sogwirkung (einer Sehnsucht), die in eine Handlung hineinzieht. Am Anfang steht der Bedarf (z.B. Durst), dann entwickelt sich das Gefühl, wie es wäre, wenn der Bedarf gestillt sein würde, und dann erst beginnt der weitgehend automatische Bewegungsablauf, der zur Bedarfsbefriedigung führt: Kühlschrank öffnen und Saftflasche herausnehmen.

Nerven- und Bewegungszellen bilden einen lernenden Funktionszusammenhang. Die Aufgabe des Gehirns ist es zur vorhergesagten Zukunft passende Bewegungsmuster zu bahnen, während die Bewegungs- und Sinneszellen das Hirn trainieren und seinen Erfahrungsschatz erweitern. Elegante Bewegungen von Lebewesen unterscheiden sich daher radikal von Roboter-Mechanik. In einer Art paralleler Informationsverarbeitung aller Zellen führen dabei äußere und innere Sinneseindrücke im Ableich mit Erfahrungen und der Wahrscheinlichkeit wie eine Zukunft ideal beeinflusst werden kann zu einem komplexen Handlungsmuster, das bisher kein Computer abbilden kann. (Wolpert 2011). Bewegung ist offenbar eine Hochintelligenzleistung. Oder umgekehrt: ohne die Fähigkeit zu hochdifferenzierter Bewegung würden sich Menschen möglicherweise nicht wesentlich von anderen Affen unterscheiden (Kirschmann 1999, Roach 2013).

Bewegung beinhaltet aber noch wesentlich mehr, als über die Funktionskreis zwischen Nerven und Muskeln erklärbar wäre. Die Chinesen prägten dafür den Begriff Qi (Energie), der mit dem Schriftzeichen „Dampf über dem Reiskochtopf“ beschrieben wird. Also etwas wenig Fassbares, was mit ernährenden Funktionen verbunden ist und Arbeitsleistungen bewirkt. Ein Teilaspekt davon ist das Bereitstellungspotential bei Nerven, dh. der Aufbau eines Energieniveaus, das einem Nervenimpuls vorausgeht. Je eindeutiger und klarer Nervengruppen dann synchron und harmonisch „feuern“, desto wirksamer können Bewegungsprogramme des Hirns ablaufen. Aber effektive Bewegung erfordert auch, dass die Bewegungszellen, die in Knochen, Gelenken, Muskeln und Sehnen organisiert sind, optimal zueinander stehen, bevor es zur Bewegung kommt. Dass also keine unnötige Haltearbeit für Muskelkontraktion und ungünstige Gelenkverspannung verbraucht werden muss. Alte chinesische Bewegungslehrer versuchten daher zu erreichen, dass alle Zellen so entspannt zueinander stehen, dass eine Welle durch den Körper hindurchlaufen kann, so als würden sich Wassermoleküle in einem Lebewesen wie in nicht geknickten Schläuchen ungehindert anstoßen und damit einen Impuls weiterleiten. Diese Impulswelle (Qi) sollte dann dazu führen, dass sich Bewegungszellen mit ihren Handlungen ideal in das einsortieren, was gerade geschieht.

Impulswellen breiten sich im Körper auch über Faserstränge aus, wenn diese wie eine Gitarrensaite, ideal ausgerichtet sind und zum gerade erforderlichen Handlungsmuster passen. Diese Art der Informationsübertragung, die bei dehnenden Bewegungen sehr deutlich wird, ist um ein vielfaches schneller als Nervenimpulse. Bei Kraftübertragungen (Zug, Kompression) erreicht sie nahezu Schallgeschwindigkeit. Bei Anpassung und Kompensation verformen sich Fasern über Tage bis Jahre, um sich den Belastungen optimal anzupassen. Selbst Knochenstrukturen, die nahtlos mit den bindegewebigen Sehnen verwoben sind, passen sich stetig durch Umbau den Druck- und Zuglinien der Alltagsbelastungen an.

Gelänge es aus einem Körper alle anderen Eiweißstrukturen außer den Fasern des Bindegewebes zu entfernen, stünde er weiterhin perfekt und durchscheinend mit allen Einzelheiten erkennbar vor uns. Jede einzelne Zelle wird von Fibrinfibrillen durchzogen. Bei Immunzellen richtet sich dieses Zytoskelett nach der Schwerkraft aus, und bei allen anderen Zellen (Muskeln, Sehnen, Nerven, Haut) ist es mit dem Skelett der Nachbarzellen verbunden und besonders intensiv mit denen der Bindegewebszellen, die jede Zielgruppe und Organe durchweben. Die Bündelung dieser Bindegewebszellen wiederum bildet Faszien, die wiederum zum Zykoskelett von Knochenzellen führen. Das alles durchdringende Gewebe dieser Fasern sorgt für eine große Plastizität und Verformbarkeit. Fibrillen (die auch die Muskeln durchweben), Bindegewebe, und Faszien sind als lebende, wachsende und aus Zug und Druck lernend-veränderlichen Zuglinien eher sehr zähen Flüssigkeiten vergleichbar und weniger starren Stahlseilen, die so bleiben wie sie sind.

Sehr vereinfacht kann das Fasziennetz durch Modelle dargestellt werden, bei denen einzelne Bestandteile sich nicht berühren, sondern über Zug-Gurte miteinander verbunden sind. Zum Beispiel mit dem Seilzug eines Krans, mit dem ein Gewicht angehoben wird, oder mit den komplexeren Strukturen, die sich im Schiffsbau oder der Architektur bewährt haben: so genanntes Tensengrity-Strukturen. Das Skelettsystem des Menschen mit dem umgebenden Faszienapparat stellt eine typische, allerdings hochkomplexe Tensegrity Figur dar, in der kein Knochen den anderen berührt, aber flexibel auf alle anderen Knochen einwirkt. (Myers 2010, Klein 2004)

Bewegung ist also mehr als das Zucken durch Nerven angeregter Muskulatur. Die Kraft, die durch aktive Kontraktion erzeugt wird, ist zum Beispiel relativ schwach, gegenüber der, die entsteht, wenn gedehnte Bindegewebsfasern sich entspannen. Bei einer Muskelkontraktion werden mit hohem Energieaufwand Eiweißmoleküle ineinander gezogen, der Muskel verkürzt und verdickt sich. Alle Muskelfibrillen sind mit einer Bindegewebsscheide umgeben, die nahezu reibungsfrei an andern Bindegewebsstrukturen entlang gleitet. Verdickt sich der Muskel erhöht sich der Reibungswiderstand, und die Faszie fungiert als Scheibenbremse, die sehr dosiert eingesetzt werden kann. Wird der Muskel nach einer Kontraktion entspannt, benötigt er eine leichte Dehnung durch einen Gegenzug, der ihn wieder in die Ausgangsposition zurückbringt. Deshalb ist ein Kollaps keineswegs erholsam (er unterbricht nur die Kontraktion), ein Spaziergang dagegen schon, weil er Verspannungen lösen und lockern kann. Lässt eine Muskel-Sehen-Faszienverbindung los und wird durch andere Muskelgruppen räkelnd gedehnt, lädt sie sich wie ein Gummiband immer stärker mit Bewegungsenergie auf, und die kann vergleichbar dem Bogenschießen sehr wirksam freigesetzt werden:

Stellen Sie sich im Abstand von einem Meter vor eine Wand, halten die Hände vor die Brust, entspannen sich und lassen sich langsam nach vorne fallen. Die Faszienverbindung von Händen, Armen, Rücken, Füssen kann dann sehr sanft und wirksam ihre, von der Schwerkraft erzeugte Fallenergie abbremsen. Sie werden erleben, wie die Sehnen und Faszien, die sie bremsen, Energie speichern, und wie diese wieder leicht abgegeben werden kann: Sie federn  zurück, ohne das Muskelkraft erforderlich wäre.

Dieses Bewegungsprinzip wird insbesondere bei intelligenter und wirksamer Bewegung genutzt. Nervenvermittelte Kontraktion in optimaler Verbindung mit der Schwerkraft dient dann im Wesentlichen dazu, Bewegungszellen aufzuspannen: sogenanntes Stretching. Die resultierende Verformung des elastischen Körpers speichert Energie, die wieder als Bewegungsimpuls freigesetzt werden kann, indem Muskulatur entspannt (un-streching) und die Sehne loslässt (Kirschmann 1999, Roach 2013, Weywar 1996, Young 2009). Zusätzliche Muskelkontraktion kann die Effektivität des Wurfes erhöhen, nachdem die Entdehnung erfolgt ist. Ein Druck in Flugrichtung (nach dem Zug der Entdehnung) kann z.B. beim Speerwurf als zusätzliches Beschleunigungselement wirken. Zuviel davon wäre ungünstig, daher wird z.B. beim Bogenschießen darauf geachtet, nicht „nachzuschieben“, sondern die Sehnenhand ruhig zu halten.

Die Prinzipien des Energieaufbaus (durch kontrahierende Vorspannung oder Wirkung der Schwerkraft)  und der Freisetzung von Energie durch „Un-stretching“ von gedehnter Muskulatur und Faszien, wird u.v.a. im klassischen Yoga und in vielen Wurf- und Ausdauersportarten geübt. Die Chinesen versuchten es in den klassischen Texten des Taiji in Worte zu fassen.

Muskelaufbau ohne Training der Hirnfunktionen und der Faszienstrukturen ist wenig effizient. Im Gegenteil: es kann zu Risiken führen. Ungleichgewichte und Verspannungen stören die elastische Verformbarkeit, so wie bei einem Segelboot ein zu starker und einseitiger Zug  auf den Wanten bei etwas Wind zum Mastbruch führen kann. D.h. bei einer Rückenfehlhaltung könnte eine äußere Muskelgruppe noch übler an vergleichsweise schwächlichen Bindegewebsverbindungen der Wirbelsäule zerren, insbesondere dann, wenn das Gehirn mit anderen wichtigen Zielen beschäftigt ist und gerade nicht spüren will: „Zeig es deinem Rücken!“

Um zu gesunden wäre es günstiger das Körpermaterial, so wie es eben ist, anzunehmen und zu pflegen. Entwicklung zuzulassen und zu begünstigen. Und geduldig und wohlwollend zu üben, wie Bewegungsenergie entspannt aufgebaut wird und durch Intension ausgerichtet wird.

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Autor: Helmut Jäger