Was ist Yoga?

Ich weiß es nicht,

… obwohl ich seit drei Jahrzehnten regelmäßig auf dem Kopf stehe, “die Sonne begrüße“, und mich ausatmend strecke und dehne. Als ich begann mich für indische Hirn- und Körper-Gymnastik zu interessieren, erschienen mir die Yoga-Kurse zu esoterisch und abgehoben zu sein. Besonders dann, wenn mir Kursleiterinnen streng vorschrieben, wie ich zu atmen habe.

Also eignete ich mir „mein Yoga“ autodidaktisch an, mit Büchern des Sivananda Yoga Centre. Vielleicht ist das, was ich tue gar kein Yoga, sondern nur Gymnastik? Oder doch eine der unendlich vielen Wege, Varianten, Formen, Schulen, Lehrmeinungen und Ausprägungen, die sich alle Yoga nennen?

Hatha-Yoga. Bilder: Jäger, Wat Pho (Bangkok, Thailand) 2018

Was ist Yoga für mich?

Yoga begegnete mir als eine Art körperlichen Trainings, das in ein philosophisch-religiöses System eingebettet ist. Ziel- und leistungsorientierter Sport war mir zu wieder, und bei Yoga interessierte mich die Konzentration auf den Prozess. Das Erleben der Ruhe bei Dehnungen und Atemfluss. Das was ich tat verhalf mir zu neuer Energie und verdarb mir den Genuss meine Pfeife zu rauchen.

Yoga-Gymnastik im Westen

Yoga wird in europäisch geprägten Kulturen meist von seinem philosophischen Kern losgelöst. Auch mich interessierte er nicht besonders, da mich damals gerade die afrikanische Kultur faszinierte. Mir reichte ( wie den meisten westlichen Yoga Praktizierenden) eine entspannende, räkelnde und beruhigende Gymnastik. Das gestresste „Ich“ sollte sich beruhigen. Der Körper sollte sich wohlig entspannen (Bikram Yoga) und fitter werden (ähnlich wie bei Pilates).  Körper und Geist gemeinsam sollten sich geschmeidiger auf die Belastungen des Alltags einstellen können.  Und das gelang auch gut.

Yoga-Trainingsmethoden sind gut untersucht.

Jahrzehnte später, nach der Erfahrung mit chinesischen Bewegungsarten, begann mich Yoga auch theoretisch zu interessieren. Ich begann nachzulesen, wie man versuchte die Auswirkungen des Yoga-Trainings zu messen. (Streeter 2012) Und wie Yoga seinen Weg in die universitären Sport- und Bewegungswissenschaften fand. Menschen, die leichte Yoga-Formen üben, leben offenbar gesünder, als andere, die sich nicht oder ungünstig bewegen. Bei intensivem Üben können Messinstrumente sogar aufzeichnen, wie sich die Struktur bestimmter Hirnanteile verändert, oder wie Leistungsfähigkeit und Elastizität der Bindegewebs-Strukturen zunehmen.

Übertreibungen oder falsche Bewegungsausführungen können aber auch (z.T. erhebliche) Schäden anrichten (u.a. an der Wirbelsäule):

Yoga birgt ein höheres Risiko für ein schmerzhaftes Handgelenk, Ellenbogen und Schulter, möglicherweise aufgrund bestimmter Posen, wie neue Untersuchungen zeigen. Aber es gibt nicht nur schlechte Nachrichten. Die gleiche Studie zeigt auch, dass Yoga helfen kann, Schmerzen im unteren Rücken- und Nackenbereich zu behandeln. University Sydney, Yoga-Paradox. 30.06.2017 (freie Übersetzung Jäger)

Um durch ernsthaftes, qualitätsgesichertes Hatha- oder Kundalini-Yoga-Training das Alltagshandeln günstig zu beeinflussen, sind also gute Lehrer*innen erforderlich.

Bei guter Anleitung können auch Atementspannung (Prana), Stimmgebung (Mantra) oder Sinnlichkeit (Neo-Tantra) positive Veränderungen der Lebenspraxis anregen: Mehr

Ursprung

„Yoga ist die Fähigkeit den Geist ausschließlich auf ein Objekt zu lenken, und diese Verbindung beizubehalten, ohne sich ablenken zulassen.“ Sutra des Pantanjali

Yoga entwickelte sich aus dem Denken Indiens, das vor 2.500 Jahren aus Überlieferungen der Veda und den Uphanischaden zusammengefasst wurde. Sein Wesen besteht aus der Annahme eines höchsten alles durchdringenden, in sich ruhenden Prinzips, dessen Einheit die Vielheit von allem spiegele. Yoga sei einer dieser Spiegel (Darshana), die es erlauben sollten, widerstandslos zu reflektieren, wie sich die Vielheit des einen in einer konkreten Situation manifestiert. Andere indische philosophische Schulen( Samkhaya, Vedanta) versuchten das Gleiche durch rein intellektuelle Aktivität zu erreichen. Sie strebten „die eine Wahrheit“ an: das absolute, richtige Erkennen.

Eingeweihte Yoga-Lehrer*innen übten sich in geschlossenen, „inneren“ Zirkeln in ethischen Verhaltensregeln (Yama), Selbstdisziplin (Niyama), Körperkontrolle (Asana), Atemkontrolle (Pranayama), Rückzug der Sinne von der Außenwelt (Pratyahara), Konzentration auf nur einen Gedanken (Dharana), Meditation (Dhyana) und schließlich in Über-Bewusstheit (Samadhi). Ziel war die absolute Geistkontrolle (Raja), die Auflösung des Einzelgeistes (Laya) oder (als buddhistische Variante) die Ausdehnung von Macht (Tantrayāna).

Westliches und östliche Yoga weisen zu unterschiedlichen Zielen. Graphik Jäger 2018

Der erste, etwa 2.300 Jahre alte Lehrtext des Yoga, das Sutra des Pantanjali, strebte das Gegenteil von dem an, was heute als Yoga-Gymnastik praktiziert wird: Das aufgewühlte und überhöhte „Ich“ solle durch Yoga beruhigt und schwächer werden. Wenn man dafür sorge, dass das Innere und das Äußere befriedet seien, könne man durch stetes Üben den Zustand des Yoga erreichen. Dann bliebe die reine Wahrnehmung eines Betrachtungs-Gegenstandes, und sonst nichts. Etwa so wie ein Diamant das Licht seiner Umgebung widerstandslos spiegele.

Die aktuellen Yogalehren gründen sich oft auf eine spätere Kommentierungen (Vyasa ~600 n.u.Z., Vascapti ~850 n.u.Z.) oder die monistische Interpretation des Sankara (~700 n.u.Z., Vedanta).

Der Weg des Pantanjali

Über Pantanjali ist wenig bekannt. Sicher hat er Yoga nicht erfunden. Er strukturierte nur überkommene Meinungen älterer Lehrer. Der Yoga-Weg sei, den Geist auf etwas zu richten, sich nur darauf zu konzentrieren und nicht ablenken zu lassen. In diesem Zustand sei man mit allem in Ruhe vereint. Das letzte Ziel seines Weges sei ein klarer ruhiger Geist in einem gesunden Körper. Er beschrieb eine Disziplin, der man folgen könne oder auch nicht. Am Ende dieses Weges stehe ein Zustand, den er mit Freiheit bezeichnete.

Seine erste Übungsanleitung war handlungsorientiert. Pantanjali beschrieb nicht wie etwas wirklich sei oder sein könnte, und er zeigte auch nicht auf, was man unbedingt machen müsse. Vielmehr verwies er auf einen Weg den man einschlagen könne, und der sich dann nach seiner Erfahrung als nützlich erwiesen habe. Sein Text war daher nicht religiös: Er offenbarte keine Wahrheit und begründete keine esoterische Geheimlehre.

Fitness und innere Ruhe bildeten seiner Meinung nach Voraussetzungen den Weg beschreiten zu können, der zu Yoga führe. Bewegungsübungen (asanas) dienten daher nicht einer „Entspannung“, sondern im Gegenteil einer in sich ruhenden elastischen Anspannung, etwa dem Zustand, der heute als Tensegrity bezeichnet wird. Bewegungsübungen hätten daher keinen Wert an sich, ebenso wenig die spätere Regulation der Atmung (Pranayama). Sie bildeten nur Stufen, die ein weiteres Fortschreiten erlaubten. Der Weg beginne damit, äußeren Frieden herzustellen (NiYama) und die Grundbedürfnisse moderat zu befriedigen, und dadurch innere Ruhe zu finden (Yama). Seiner Meinung dienten die Übungen nicht dazu, einen inneren Ausgleich zu erreichen. Sondern umgekehrt, der innere Ausgleich sei die Voraussetzung, um den Übungsweg weiter beschreiben zu können.

Dieser Hinweis ähnelt dem Qigong. Auch hier ist die innere Gelassenheit (ein Zustand innerer und äußerer Ruhe) eine Voraussetzung aus der elastische, Energie-volle Bewegung entstehen kann.

Hatha-Yoga. Bilder: Jäger, Wat Pho (Bangkok, Thailand) 2018

Was also könnte Yoga (heute) bedeuten?

Vieles:

  • Weg zu natürlicher und gelassener Beweglichkeit
  • nützliche Übungs- und Entspannungs-Praxis
  • harmloser (oder manchmal auch riskanter) Sport-Spaß
  • genussvolle Lebensphilosophie
  • religiöse-entrückter Erleuchtungsweg
  • Wellness-Event und Kur-Methode
  • esoterische Geheimlehre

Westliche Zugangsformen zu entspannter Bewegung beginnen üblicherweise mit der Ausführung von Bewegungsfolgen. Wenn diese korrekt ausgeführt werden, soll dann ein Gefühlt gedehnter Gelassenheit erfolgen. Manchmal entsteht aber nach solchen Kursen auch Verkrampftheit und Fehlbelastung.

Pantanjali würde heute vielleicht zunächst „Wellness“ (Alexander-Technik, BBAT, Shiatsu etc) empfehlen, bevor er mit Yoga beginnen würde. Er hielte es für nützlich, erst aus einem Zustand ruhiger innerer und äußerer Gelassenheit weiter vorzugehen. Und Übungen erst auszuführen, wenn die Faszien gelöst locker und entspannt seien. Dann erst dürfe man sich auf das Stammhirn konzentrieren und der Atmung lauschen, und erst wenn das störungsfrei gelänge, ergäbe sich eine Chance „in Beziehung zu treten“.

Damit stehen die Empfehlungen Pantanjalis im Gegensatz zur heute praktizierten Yoga-Gymnastik. Er wollte kein vermeintliches „Ich“ aufblähen, sondern „Es“ in einer Beziehung auflösen. In einer Verbindung mit einen Betrachtungsgegenstand, einem Lebewesen, einem Bild, einem Bewegungs-Rhythmus, einem Symbol oder einer Vorstellung auf der jeweils die Aufmerksamkeit ungestört ruhen kann.

Dieser Gedanke ist erstaunlich modern. Aus der physikalischen Naturwissenschaft ergibt sich, dass wir zuerst aktiv in eine Beziehung treten, erst dann Antworten empfangen und so mit dem, was uns umgibt und was wir sind, wechselwirken (Alvar Noe). Drinnen und Draußen sind nicht isoliert. Vielmehr besteht ein „Ich“ aus (dynamisch veränderlichen) Beziehungen. Und so verliert sich die Grenzlinie, zu dem was man für getrennt hielt.

Mehr

Links

Studie

  • Streeter C et al: Effects of yoga on the autonomic nervous system, gamma-aminobutyric-acid, and allostasis in epilepsy, depression, and post-traumatic stress disorder. Med Hyp. 2012, 78:571-579

Autor: Helmut Jäger