Wirksam und entspannt?

Arbeit ist menschlich und macht müde.

Gegen Widerstände zu arbeiten bringt uns wenig Spaß. Es ist ist mühsam und verzehrt Kräfte.

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Lake Manyara, Tansania 1982 (H. Jäger)

Tiere verhalten sich natürlich und sind faul. Sie strengen sich nur an, wenn das Ziel direkt vor Augen steht, oder sie dazu gezwungen werden. Menschen aber kennen höhere Zwecke, die ungeliebte Mittel heiligen. Das menschliche Glück, dem alle hinterherrennen gleicht einer Mohrrübe, die vor der Nase eines Esels baumelnd, diesen zum Säcke schleppen bewegt. Tatsächlich hat unser Glücksgefühl weniger damit zu tun was gerade ist, sondern mit dem, was sein könnte (Rudlegde 2014). Und für das, was einmal sein wird, oder auch nicht, arbeiten wir. Und bekämpfen die Probleme und das Tier in uns, den „Schweinehund“, der stört, weil er Entspannung fordert.

Tiere tun in der Regel dass, was all ihre Zellen gerade gleichzeitig für wichtig halten, weil der Bedarf es diktiert, und setzen dabei gewandt den ganzen Körper ein. Menschen stehen dagegen oft Ziele vor Augen, die am besten mit wenigen, hochspezialisierten Teilen der Psyche und des Körpers erreicht werden. Mit einem Mausklick vielleicht oder einer Gruppe besonders hochtrainierter Muskeln, die eine extreme Sonderaufgabe erfüllen können. Andere Körperteile oder Hirnfunktionen müssen während dieser Arbeitsleistung stillhalten oder zumindest nicht herummaulen. Sie sind  unwichtig, wenn es darum geht, ein Tor zu schießen, einen Management-Sieg erkämpfen, eine Karriereleiter hochzuspringen oder einen Ziegelstein beim Karate zu zersplittern.

Wirksamkeit-sein und sich-entspannen sind deshalb für die meisten Menschen Gegensätze. Tiere dagegen handeln, wenn immer möglich, energiearm. Unnötiger Energieverbrauch wäre in der Natur sinnlos.

Wie tun sie das?

Schildkröten, Schlangen und Reptilien benutzen primitive Reflexmuster, die schnell zum Ziel führen, aber sehr wenig flexibel sind: Zuschnappen, wegzucken oder totstellen. Menschen, denen das Ziel vor Augen und das Probem im Weg steht, neigen dazu, genau diese Notfallprogramme zu aktivieren, um „Gegen etwas anzugehen“ oder um „Widerstand zu leisten“, um „sich in sich zurückzuziehen“ oder um etwas auszuhalten. Menschen, die sich aus diesem „Gegen-etwas-sein“ definieren, fühlen sie sich zwangsläufig „gestresst“, aber sie tun es trotzdem. Das zehrt erheblich an den Kräften und die Kollateralschäden dieses Verhaltens lassen nicht lange auf sich warten. Zunächst sind Suchtmittel und Ablenkung nötig, um den Stress auszuhalten und früher oder später werden sie krank.

Faules Säugetier-Verhalten ist gegenüber Reptilien-Stress wesentlich intelligenter. Wenn ein Mungo mit einer Schlange kämpft, tänzelt er, fast spielerisch, um sie herum und bietet sich ihr an. Damit verführt er sie, solange „gegen“ ihn zuzuschnappen, bis ihre Energie aufgebraucht ist. Kollabiert sie dann in ihre „Entspannung“, beißt er zu. Dafür braucht er nicht viel Kraft.

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Selous Game Reserve, Tansania 1982 (H. Jäger)

Eine andere Art klugen und energiesparenden Verhaltens zeigte mir ein Zebra-Bulle im Selous-Game-Reserve in Tansania. Seine Herde wurde von einem Löwen aufgescheucht, der versuchte ein Fohlen zu erwischen. Löwen können extrem stark beschleunigen. Damit standen die Chancen gut für einen Jagderfolg, wäre nicht der  Zebra-Bulle stehengeblieben, um den Angreifer, scheinbar ruhig, zu betrachten. Der Löwe änderte sofort seinen Plan und stürzte sich auf das neue, leichter erreichbare, und offenbar bewegungslos-erstarrte Objekt. Er hob zum entscheidenden Sprung ab – und landete im Sand. Das Zebra warf sich sich genau in der entscheidenden Millisekunde einen Meter zur Seite und galoppierte dann, für den Löwen uneinholbar, davon.

Wer zuschlagen will, muss sich eben festlegen. Und selbst ein Löwe kann im Flug seine Sprungrichtung nicht mehr ändern. Darin ist er schwach. Der Zebra-Bulle bot ein erreichbares Ziel und entzog es wieder. Dazu musste das Timing stimmen: Zu früh oder zu spät zur Seite springen wäre tödlich gewesen. Und es gehörte Selbstvertrauen in die eigene Bewegungskompetenz dazu, um die Krokodil-sprache (Aggression, Flucht, Totstellen) zu dämpfen und Panik zu verhindern. Die Kompetenz dafür entsteht durch Erfahrung: Immer wieder erleben, wie es funktioniert und solche Gefühl abspeichern.

Was hat das menschlichem Verhalten zu tun?

Vor tausenden von Jahren vesuchten Schamanen Tierbewegungen in ihren Beschwörungstänzen nachzuahmen: sie traten wie ein Bär, spreitzten die Flügel wie Kranich oder sprangen wie ein Karpfen. In China entwicklete sich aus den Verfeinerungen solcher Bewegungen Qi Gong. Vor 300 jahren beschäftigten sich dann in China einige Familien grundsätzlicher mit diesen Bewegungsprinzipien. As Not, denn sie mussten mit geringem Kraftaufwand hochgerüstete, überlegene Gegner daran hinder, ihre Dörfer zu plündern. Sie standen hochtrainierten Kriegern gegenüber, die vielleicht mit der Handkante Holzbalken zertrümmern konnten. Das funktioniert natürlich nur, wenn das Holz (oder ein Opfer) stillhält. Wäre der Balken (oder ein Opfer) genau in dem Moment nicht da, in dem die Kraftübertragung erfolgen soll, schlüge der Krieger sehr hart auf dem Boden auf. Die einzige Kraft, die dabei einwirken würde, wäre seine eigene. Damit so etwas geschehen kann, ist es nötig, vor dem Schlag die Illusion zu vermitteln, dass ein Zuschlagen tatsächlich zum Erfolg führen wird. Reptilienhaft Trainierte, die bestens mit Angriff oder Flucht umgehen können, brauchen die Illusion einer echten Chance, um sich festzulegen. Sie erwarten Haltung (eine winzige Unterbrechung eines Bewegungsflusses), damit sie auch treffen können. Also kann es lebensrettend sein, ihnen die Illusion von Haltung zu vermitteln und zugleich sich entspannt innerlich neu zu sortieren.

Ein weiteres Prinzip widerstandloser Abwehr demonstriert eine Löwin am Ende des National Geographics Videos (s.u.). Sie überlebte den gewaltigen und zielgenauen Tritt einer Giraffe nur deshalb, weil sie dem ausschlagenden Huf nicht widerstand, sondern sich spiralig um die einwirkende Kraft herumwand, sich ihr so weit wie möglich anschmiegend. Hätte sich ihre Muskulatur im Augenblick der Energieübertragung aus Angst oder Stress kontrahiert, hätte der Huf ihre Knochen zertrümmert. Aber gerade in höchster Bedrohung entspannte sie ihren Bewegungsapparat vollständig. Sie versuchte also nicht, den Huf mit einer Gegenkraft aufzuhalten, sondern blieb mit der bedrohlichen Dynamik verbunden, passte sich der Bewegung an und setzte dabei lenkende und bremsende Akzente.

Aus vielen solcher Beobachtungen und Übungen entwicklete sich Taiji Quan, ein Selbstverteidigungssystem abgeschlossener Gemeinschaften. Auf harte Angriffe versuchte man mit der weichen Widerstandslosigkeit des Aus-dem-Weg-gehens zu antworten (engl. yielding = nachgeben). Und war damit erfolgreich (engl. yielding = ernten).

Wie funktioniert das?

Damit sich die Form eines Körpers dem, was geschieht, optimal anpassen kann, muss sie eine elastische, innere Struktur besitzen (Tensegrity s.u.).

Ähnlich wie bei einem Segelboot, das in sich stabil und elastisch den freibeweglichen Rumpf über Taue mit dem biegsamen Mast und den aufgeblähten Segeln verbindet. Der Wind, der auf diese aufrecht-bewegliche Struktur wirkt, erzeugt Energie, die bei gefühlvoller Ruder-Einstellung für Bewegung genutzt werden kann. Das Steuer arbeitet nicht gegen den Wind, sondern sorgt für Akzente, Dynamik, Fahrt und Richtung. Würde ein Mast dem Wind Widerstand leisten, weil das Boot noch mit vollen Segeln am Kai festhinge, würde er zerbrechen.

Wird ein Segelboot frontal gestoppt, durch ein anderes Boot oder die Kaimauer, dann scheppert es. Kein vernünftiger Kapitän würde dieses Stressmuster ohne Not anwenden. Auch abrupte Kurskorrekturen (entsprechend dem Schubbsen im stressigen Arbeitsalltag) machen beim Segeln keinen Sinn. Stattdessen passt der Steuermann das Boot Wind und Wellen an, und läßt es sehr energie- und widerstandslos gleiten, während seine Intension auf ein Ziel ausgerichtet ist. Die Art, wie das Ruder angelegt wird, geht nicht „gegen-an“, sondern passt sich der Strömung an, stetzt aber die entscheidenden Akzente für den richtigen Kurs.

Auch ein Körper befindet sich, wie ein Segelbboot, jeweils in einem bestimmten Energiezustand, der sich nicht nur aus der Qualität seines Materials, sondern ebenso aus der Verbindung und Abstimmung seiner Elemente ergibt. Je weniger Energie dabei für den inneren Zusammenhalt ausgegeben wird, desto stabiler, elastischer und flexibler kann ein Körper reagieren. Kräfte, die von außen einwirken, wie die Schwerkraft oder von außen einwirkende Kräfte oder Bewegungen, können diese Struktur mit Energie aufladen. Wie bei einem Ball, der sich, zusammengedrückt, verformt.  In ihm wird Bewegungsenergie gespeichert, die wieder nach außen abgegeben werden. In einer elastischen Struktur (Tensegrity s.u.), die sich entspannt, werden die Verbindungsstränge der Faszien aufgezogen wie Bogensaiten  (engl. stretching). Diese Energie wird wieder abgegeben, wenn der Dehnung sich sich entlädt (engl. unstreching).

Werfen, eine Kunst, die kein bekanntes Lebewesen so beherrscht wie der Mensch, beruht genau auf diesem Prinzip der Entspannung in eine Struktur, die Energie speichern kann. Aber auch die psychische Entspannung, im Vertrauen auf die eigenen Kompetenz, hat direkte körperliche Folgen. Sie folgt dem Gefühl der Aufdehung von Körperfaszien, so als ruhe alles Gewicht in einer elastischen Hängematte, und der Gewissheit, optimal an das Geschehen angepasst zu sein, und unaufgeregt handeln zu können.

Mittlerweile hat sich auch bei Kämpfern und Sportlern herumgesprochen, dass Wirksamkeit tatsächlich aus Entspannung entstehen kann. Prinzipien „müheloser Stärke“ werden daher zunehmend auch in zielorientierte Methoden eingebaut, bei denen es um Effekte, Siegen und Gewinnen geht. Systema z.B. ist alles andere als friedlich, aber nutzt sehr erfolgreich fließende Weichheit  für kriegerische Zwecke. Bei vielen Schulen, die körperliche Weichheit der Bewegung trainieren, bleibt der psychologische Anteil ziemlich hart: die Welt besteht dann weiterhin aus Feinden und Freunden, Guten und Bösen, Gegnern und Kumpeln.  Die philosophische Übertragung „müheloser Stärke“ auf die Einstellung der Handelnden führt dagegen zu einer Veränderung der Einstellung zum Gegenüber und zu „gewaltfreier Kommunikation„: Feinde, Gegner und Böse verwandeln sich in Partner, mit denen es lohnt, sich (friedlich) auseinanderzusetzen.

Es ist möglich, mühlose Bewegungsmuster zu trainieren. Auch wenn das Prinzip dem üblichen menschlichem Verhalten zu widersprechen scheint. Wenn gespürt wurde, das es wirkt und sich zudem noch gut anfühlt, kann es den Charakter jeder Art von Arbeit verändern, weil Stress völlig entbehrlich wird. Ohne Stress zu handeln ist nicht nur angenehmer, sondern zudem nachhaltiger. Es macht Spaß etwas was zuvor mühevoll war, fließender zu gestalten. Und erstaunlicherweise entsteht aus diesem Erleben Neugier und Energie.

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Mühelose Stärke

Autor: Helmut Jäger