Wissenschafts-Schrott in der Medizin

„Forschung und Wissenschaft … stehen zunehmend in der Kritik.  …
Die Defizite durchziehen alle Stufen des komplexen Gesundheitsforschungs- und Versorgungsprozesses.“  Antes 2016

Bis zu 85% der publizierten medizinischen Studienergebnisse sollen nutzlos sein. (Lancet und Nature 2016)

Sitzreihe
Vor oder nach der Verkündung „wissenschaftlicher Wahrheit“. (Bild Jan Falkenberg 1999)

Es würden die falschen Fragen gestellt, die Untersuchungsmethoden würden erhebliche Mängel aufweisen, und die Art der Berichterstattung vermittelten nicht das, was aus der Datenanalyse folgen müsste. Die ethischen Standards von Studien würden außerhalb Europas oft noch laxer gehandhabt: So sollen in China etwa 80% der Studienergebnisse komplett „fabriziert“ worden sein. (Science 2016)

NDR, WDR und SZ berichteten in einer gemeinsamen Recherche über „gefährliche Sumpfblasen“ (SZ19.07.2018), die von Scheinkonferenzen und aus Raubverlagen aufsteigen. Dort werden (z.T. nach Bezahlung) Publikationen präsentiert, die den Eindruck erwecken, geprüft worden zu sein. Tatsächlich wurden sie dort aber nicht unabhängigen Experten kontrolliert (so genannter „peer review„):

„Das Gefährliche am Geschäft mit der Wissenschaft: Die Grenzen zwischen Wahrheit und Trug verschwimmen. … So leicht es ist, Unsinn als Wissenschaft auszugeben, so schwer ist es diesen Unsinn wieder aus der Welt zu schaffen.“ SZ 20.07.2018

„In der Scheinwelt der Pseudo-Wissenschaft gibt es keine Wahrheit.“
(Zitat: Podcast-Serie des NDR Juli 2018)

Es ist noch schlimmer:  Auch die „Wahrheiten“ der bestens kontrollierten „medizinischen Wissenschaft“ entpuppen sich häufig als reine Marketing-Illusionen:

„Gegenwärtig gibt es eine massive Produktion von unnötigen, irreführenden und widersprüchlichen systematischen Übersichtsarbeiten und Meta-Analysen. Anstatt evidenzbasierte Medizin und Gesundheitsfürsorge zu fördern, dienen diese Instrumente oft als leicht zu publizierende Einheiten oder Marketinginstrumente. …

Suboptimale systematische Übersichten und Meta-Analysen können angesichts des großen Ansehens und Einflusses, den diese Art von Studien erlangt haben, schädlich sein. Die Veröffentlichung systematischer Übersichtsarbeiten und Meta-Analysen sollte neu ausgerichtet werden, um Verzerrungen und Eigeninteressen zu beseitigen und sie besser in die primäre Beweisführung zu integrieren.“ Ioannides 2016 (freie Übersetzung Jäger)

Es wäre deshalb naiv zu glauben, der Müll-Tsunamie offensichtlich pseudo-wissenschaftlicher Fake News könne allein durch strengere Gesetze und Qualitätskontrollen eingeschränkt werden, so wie es die Autoren von SZ, WDR und NDR fordern:

„Abhilfe schaffen würde eine Art digitales Gütesiegel für Qualitätsjournale, ähnlich wie im Internet seriöse online-Shops erkennlich sind. Über die Vergabe eines solchen Siegels könnten die Wissenschaftsakademien der Welt wachen.“ SZ 20.07.2018

Wer überwacht die „Wissenschafts-Akademien“?

Die Epidemiologen Tom Jefferson (Leiter der Influenza-Abteilung bei Cochrane) und Lars Jørgensen (Cochrane Nordic) vermuten pessimistisch, dass die Bedeutung des „E“ bei Evidenz basierter Medizin immer schwächer werden wird:

Auch in anerkannten Publikationsorganen könne man den Artikeln nicht mehr trauen. Das erste Problem sei die schiere Masse der Informationen. Für jede Seite eines Zeitschriftenartikels könnten bis zu 8.000 Seiten erhobener Daten über dieselbe klinische Studie vorliegen. Die Publikation gewünschter Resultate sei viel einfacher, als die Auswertung aller verfügbaren Daten. Ein weiteres Problem sei „Verzerrung“, durch die Art der Fragestellung, des Studiendesigns, der Datenselektion und des Reporting.

Der resultierende Datenmüll, der es schafft publiziert zu werden, sei nicht etwa neutral, sondern beeinflusse hochwirksam das marketing-gelenkte Konsumverhalten. Unabhängige Bewertungen sollten sich daher nicht mehr auf die Publikationen, sondern auf alle in diesem Zusammenhang verfügbaren Daten beziehen, die von der Industrie offengelegt werden müssten. (zusammenfassend übersetzt aus Jefferson 2018)

Die Fake-News-Schwemme ist auch gefährlich für etablierte Unternehmen

Die Masse an billig produziertem Wissenschafts-Müll untergräbt das Vertrauen in die Weisheit der leitliniengerechten Behandlungsmethoden. Ähnlich wie die Flut von Arzneimittelfälschungen in Afrika die Zweifel an der Wirksamkeit qualitäts-geprüfter Medikamente fördert.

Die KundInnen des Gesundheitsmarktes folgen daher immer weniger den offiziellen Empfehlungen: sie verlieren an sogenannter Compliance.

Bessere Qualitätskontrollen, wie sie JournalistInnen von SZ, WDR und NDR fordern, sind sicher nötig, aber sie werden, ebenso gewiss, das Problem des Vertrauensverlustes in die medizinische Wissenschaft nicht lösen:

.. das intensive Bemühen, die bekannten Schwachstellen im Wissenschaftsprozess durch verstärktes Bemühen um mehr Qualität abzustellen (hat dazu geführt, dass) das Verständnis der Defizite durch die methodische Forschung sehr stark gewachsen ist …

diverse Forderungen und Gegenmaßnahmen (waren jedoch) – nüchtern betrachtet – allesamt weit davon entfernt, die Situation nachhaltig zu verbessern. Antes 2016

Skepsis
Was soll ich glauben? (Bild Jan Falkenberg 1999)

Das liegt u.a. daran, dass in dem ausufernd, dynamisch wachsenden Gesundheitsmarkt die Postion der PatientInnen, und auch die des Staates, schwach sind. Und die Macht der bestimmenden, mit einander verfilzten Hierarchien, Institutionen, Unternehmen, Verlage und Universitäten übermächtig zu sein scheint.

Veränderungen sind nur dann zu erwarten, wenn sich das Konsumverhalten im Gesundheitsmarkt ändern würde. Zum Beispiel, weil Patientinnen Produkte bevorzugen würden, die industrie-unabhängig geprüft wurden. Weil sie sich von kompetenten Vertrauenspersonen  beraten lassen, die ihnen dabei helfen, zu beurteilen, ob eine wissenschaftlich publizierte Nachricht für sie eine Relevanz haben könnte. Dann würden sie sich so verhalten, dass sie den Gesundheitsmarkt möglichst selten aufsuchen müssten.

Wissenschaftlerinnen, denen Evidenz based Medicine immer noch am Herzen liegt, sollten deshalb aus ihren Elfenbeintürmen heraustreten und die PatientInnen aktiv unterstützen. Sie sollten Dienstleistungen, Impfstoffe, Medikamente, technische Innovationen, algorithmengesteuerte Abläufe in verständlicher Sprache bewerten. Und beurteilen, ob eine medizinische Intervention auch langfristig nicht schadet, und ob sie darüber hinaus dazu beiträgt, krankmachende Verhältnisse oder krankheits-förderndes Verhalten zu verändern.

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Literatur Links

Autor: Helmut Jäger