Verschlingt uns die „digitale Weltformel“ (X=Xn)?

Alle Lebensbereiche werden derzeit einer umfassenden Digitalisierung unterzogen.
Alles, was digitalisierbar ist, kommt nicht mehr als Einzelobjekt vor, sondern lässt sich beliebig vervielfältigen.
Die analoge Wirklichkeit verkommt zur Schwundform, zur Schlacke ihrerselbst. Burkhardt, Höfer 2015

Der Einfluss der digitalen Erscheinungsformen wird übermächtig.

X=Xn
Digitale Welt- Vernichtung?

Die binäre Computer-Logik von „Null und Eins“ drängt in alle Lebensbereiche. Immer mehr von dem, was ist, kann kopiert, ausgedruckt und so schier endlos vermehrt werden. Als typisch menschlich kann bald nur noch das gelten, was bisher noch nicht digitalisiert wurde: u.a. kreative Kunst, Bewegung und die Beschäftigung mit dem, was noch nicht ist, und deshalb in seiner in der Zukunft gelegenen Einmaligkeit auch noch nicht vervielfältigt werden konnte.

Martin Burkhardt und Dirk Höfer zeichnen 2015 ein düsteres Bild unserer Welt. Alles, was ist, scheint sich vollständig einer digitalen Logik unterworfen zu haben, die von dem Begründer der Informationstechnologie George Boole (1815-64) ersonnen wurde.

Seine Zahlenwelt bestand nur aus den Elementen 0 und 1. Entweder sei ein Zustand „wahr“ oder „falsch“. Entweder „fließe“ Strom durch einen Schalter oder er „fließe nicht“. Solche Zustände können miteinander durch „und“, „oder“ oder „ist nicht“ verknüpft werden. Wenn sich einer der Schaltkreise gerade im Zustand „an“ befinde, könne er nicht „aus“ sein. Das besondere dabei: Jedes der beiden Elemente ergibt, mit sich selbst malgenommen, „sich selbst“:

  • 0 x 0 = 0 und 1 x 1 = 1.
  • Oder: X = X . X = X . X . X = X . X . X . X = X . X . X . X . X = …. = X
  • Oder allgemeiner: X = Xn
    Die „digitale Weltformel“, wie Burkhardt und Höfer sie nennen.

übervölkerungBald seien, so fürchten Burkhardt und Höfer, alle Gedanken und jede Kommunikation endlos kopiert und damit entwertet. Der Prozess des Kopierens auf einem Zeitstrahl führe, bei was auch immer, zu einer zunächst linearen und dann exponentiellen Vermehrung immer gleicher Erscheinungen. Es beginne noch langsam, bis dann alles „mit dem Gleichen“ überflutet sei:

Etwa so wie dem Import zweier Kaninchen nach Australien bald vier und dann sechzehn und dann 256 folgten, bis dann Millionen von ihnen den Kontinent zu verwüsten drohten.

Am Ende aller Entwicklungen, die der „Booleschen Formel“ folgen, steht zwangsläufig der Zusammenbruch. Und so werden die digital aufgetriebenen Luftballons, die alles schonungslos normieren und bis zur absoluten Sinnfreiheit multiplizieren, früher oder später von selbst platzen und sich auslöschen.

Aber können wir so lange warten? Und wenn nicht: Wer kann und soll diese „Null & Eins“- Blasen, die in allen gesellschaftlichen, sozialen und technischen Bereichen blubbern und wachsen, regulieren? Und wie? (Helbing 2015)

Bleibt uns angesichts des Wahnsinns, der alles Menschliche zu zerstören droht, vielleicht nur die stille Verzweiflung?

Burkhardts und Höfers Analyse der drohenden digitalen Apokalypse hat (mindestens) vier kleine Lücken. Vielleicht müssen wir deshalb doch nicht alle Hoffnung fahren lassen:

(1) Die Verkörperung der Informationsverarbeitung

körper
Körper ohne Kopf

Menschen bestehen aus Körpern, die sich in einem Umfeld befinden. Und Körper verarbeiten Informationen ganz anders als Computer. Sie  kümmern sich nicht um die Boole’schen Algebra. Denn ihre Sinnesinformationen sind begrenzt, und die Zahl der Möglichkeiten und Risiken, wie sich die Zukunft entwickeln könnte, dehnt sich ins Unendliche. Daher „rechnen“ lebende Organismen lieber mit der Wahrscheinlichkeitslogik, die (etwa zeitgleich mit Boole) der englische Pfarrer Baye entdeckt hatte (s.u.).

Menschen wirken aber gegenüber Computern und Robotern lächerlich langsam, wenn sie etwas tun, was diese viel besser können: Boole’sche Informationsverarbeitung eben.

Körper, insbesondere der des Menschen mit seinem Hochleistungs-Gehirn, können dagegen alle digitalen Informationen, inklusive der Möglichkeiten dessen, was sein könnte, gleichzeitig (!) verarbeiten und schlagartig (!) zu einer Entscheidung kommen. Das ist möglich, weil Informationen nicht linear über In- und Output verarbeitet werden.

Stattdessen bilden sich in dem Superorganismus Mensch über vielen Rückkopplungsschleifen aus intensiv miteinander verbundenen Nerven-, Bewegungs- und Drüsenzellen, Bakterien und Viren sehr komplexe Schwingungsmuster. Die Zahl der Zustände, die dadurch entstehen kann, ist grenzenlos, und mit rationalen Zahlen nicht beschreibbar. Dennoch können sie, gleichzeitig erfasst, zu einer spontanen Handlungsentscheidung führen.

Bei einem Roboter laufen Befehle von einem Zentral-Computer zu einem Bewegungselement und von einem Fühl-Element zum Zentralcomputer: eins nach dem anderen – entsetzlich langsam. Menschen dagegen können Beziehungsschleifen aktivieren, bei denen alle Elemente gleichzeitig aktiv sind und die nur moduliert werden müssen, um gleichzeitig alles zu verändern.

Das Geniale am menschlichen Geist, ist deshalb, im Gegensatz zu jedem Computer, seine „Verkörperung“. Ein Computer könnte jeden Experten besiegen, der versucht, „innere Datenbanken“ abzurufen. Er scheiterte aber an der Bewegungskompetenz, die zum Beispiel einen Tennisspieler ausmacht. (Wolpert 2015).

Zusätzlich einmalig ist die menschliche Kommunikationskompetenz, die es ermöglicht, zwei getrennte Körper (ohne Berührung) gemeinsam über gespiegelte Gefühle abzustimmen. Zum Beispiel, wenn sich zwei Wissenschaftler beglückt anstrahlen, weil sie zeitgleich einen genialen Gedanken erfasst haben, den niemand außer ihnen verstehen kann.

(2) Mathematik des Lebens

Engel fliegen in Spiralen.  Nur der Teufel fliegt geradeaus. H. von Bingen

pi
The Joy of Pi, Blatner 1997

Die Natur rechnet nicht mit „Plus und Minus“. Lineare Entwicklungen kommen in der Evolution der Natur nur vorübergehend und in Ausnahmen vor. Ausbrüche unbegrenzter Vermehrung führen relativ rasch zu einer Selbstvernichtung.

Stattdessen gestaltet sich natürliche Entwicklung in Spiralen. Das gleiche kehrt scheinbar, in einer anderen Qualität, an seinen Ursprung zurück. Die Natur „rechnet“ nicht mit „wahr“ oder „falsch“, sondern u.a. mit Pi (π), einer Zahl, die kein Computer bestimmen kann.

Pi (π) beschreibt das Verhältnis des Umfangs eines Kreises zu seinem Durchmesser. Das ergibt ungefähr 3,1415. Ein ägyptischer Schreiber um 1.650 v.u.Z. soll in dem so genannten Rhind Papyrus das Verhältnis schon fast korrekt beschrieben haben. Seiner Berechnung nach entsprach die Kreisfläche einem Quadrat mit einer Grundlinie von 8/9 des Kreisdurchmessers. Damit traf er das Verhältnis, das durch Pi (π) beschrieben wird, schon ziemlich gut: 3,160.

Bis heute kann kein Rechner Pi (π) auf die letzte Kommastelle ausrechnen, sondern sich der Zahl nur annähern. Pi (π) wird deshalb in der Mathematik eine „Transzendente Zahl“ genannt, denn es gibt keine Menge rationaler Zahlen, die auf Pi (π) zurückgeführt werden könnte. Das uralte Problem der Quadratur des Kreises ist deshalb nicht lösbar. Das „Pi (π) der Ingenieure“ wäre „ungefähr drei“ und reicht so für Maschine meist völlig aus. Das  „Pi (π) der Physiker“, die bei ihren Beobachtungen des allerkleinsten und unendlich großen, wesentlich genauer rechnen müssen, ist schon viel genauer: „3.1415927 plus oder minus 0,000000005

goethes pflanze
In der Knospe sind Blattstruktur und die spätere Blüte bereits enthalten. Beobachtung von Goethe 1831.

Aber auch das ist nicht das exakte Pi (π) der natürlichen Rundungen, Spiralen und Kurven, die um uns herum wachsen, blühen und gedeihen. Die wuchernde Digitalisierung der toten Schaltkreise, die zu den leblosen Haufen unzähliger Kopien (X = Xn) führt, passt nicht zur Mathematik des Leben (u.a. mit Pi (π), zum Beispiel dem der Pflanzen. Sie sind unbewegliche Lebewesen, die ohne Organe und definierte Schaltkreise existieren, und dennoch riesige Informationsverarbeitende Netzwerke bilden, die, ganz anders als Rechner, in einer Art von Schwarmintelligenz Überlebensstrategien entwickeln (Mancuso 2015).

Die mathematische Beschreibung der Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten solcher Systeme, die sich dynamisch entwickeln und verändern, ist zwangsläufig subjektiv. Denn die, die sie analysieren, sind ebenfalls Teile von Systemen, die das Beobachtete beeinflussen. Und Systeme, die ausschließlich aus sich selbst heraus erklärt werden, kann es nicht geben (Gödel 1931).

(3) Die Chinesische Zahlenlogik des Werdens und Vergehens

Linie und Kreis
Die Evolution des Bewusstseins der letzten 10.000 Jahre aus dem leeren Kreis (Urobos) in den linearen und spiraligen Dualismus

Die europäische Zahlenlogik begann erst vor wenigen hundert Jahren führte im 19. Jahrhundert zur heute scheinbar alles beherrschenden Weltformel X = Xn . Damals stand die industrielle Revolution bevor, die nach der Lösung mechanischer Probleme verlangte.

Der große antike Mathematiker, Pythagoras, war damals schon lange vergessen. Er sah in seinen Zahlen Klang, Schwingung, Harmonie und Rhythmus. Alles Erscheinungen, die in den aufstrebenden Naturwissenschaften den Mystikern, Künstlern und Priestern überlassen wurden. Pythagoras hielt die Zahl für den Ausdruck des Wesens aller Dinge, für ihre Qualität. Die neue Generation der Ingenieure dagegen war mehr an der Vermehrung und Verbesserung der Dinge interessiert: an der Quantität.

In China war man der westlichen Mathematik bis ins 14. Jahrhundert unserer Zeitrechnung deutlich voraus. Dort rechnete man bereits vor dreitausend Jahren mit Dezimalzahlen und auch mit Näherungswerten von Pi (π). Vor allem aber hatte man dort die Zahl Null entdeckt, die erst langsam über islamische Länder im Mittelalter nach Europa einsickerte. Die Null ist ein leerer Kreis, der absolut nichts enthält, und doch zugleich Alles, was je entstehen kann.

Die Welt ist alles was der Fall ist, und alles, was der Fall sein kann. A. Zeilinger

Der chinesische leere Kreis (Wuji) gleicht der „Raumdimension aller Möglichkeiten“, dem, was sich Physiker als den Zustand vorstellen, der unmittelbar vor dem Urknall geherrscht haben soll. Auch bei den Sekunden nach dem Urknall sind die alte chinesische und die moderne, physikalische Weltsicht noch deckungsgleich: Es seien entgegengesetzt wirbelnde Teilchen oder Wellen entstanden, deren Summe insgesamt null ergeben habe. Die antiken Chinesen blieben bei dieser harmonischen Vorstellung. Während die Quantenphysiker bis heute zu erklären versuchen, warum es in unserem Universum mehr Teilchen statt Anti-Teilchen herumfliegen. Also: warum es uns überhaupt gibt.

bagua
Bagua, die acht Trigramme, mit denen sich der genetische Code schreiben lässt.

Die Chinesen jedenfalls entwickelten 3.000 Jahre vor Boole eine Mathematik, die seiner gleicht, aber nicht linear verläuft, sondern kreis- oder genauer spiralförmig. Diese Logik liegt dem alten Orakel- und späteren philosophischen Grundlagenbuch „I Ging“ (Yijing) zugrunde (s.u.). Auch hier gibt es absolute Gegensätze als „hell-dunkel“, „schwarz-weiß“, „weiblich-männlich“. Aber sie sind nicht wahr oder falsch, weil „das eine“ immer den Keim „des anderen“ in sich trägt. Wenn das „helle“ schwach ist, wird es dynamisch wachsen. Und wenn es am stärksten scheint, steht sein Wechsel in das „dunkle“ unmittelbar bevor.

Die Zahlen des I Ging beschreiben ein unablässige Dynamik der Veränderung und der Wandlung. Der Zufall spielt darin eine wichtige Rolle. Er lenkt die Bewegung in neue Bahnen – ohne versteckte göttliche oder andere Ursachen.

Aus der kreisenden Dualität der Gegensätze können, wie bei Fotos eines Bewegungsablaufes) Zustände durch die Kombination einfacher Linien symbolisiert werden. Bewusst vereinfachend sind es vier („Stark hell“, „Schwach hell“, „Schwach dunkel“ , „Stark dunkel“). Ihre Kombination ergibt acht Dreier-Silben, die zu 64 Worten (Sechser-Kombinationen) zusammengesetzt werden können. Diese Art der Logik kommt der natürlichen Mathematik deutlich näher als die lineare Boole’sche Logik: Mit den Silben und Worten des I Ging der kann der genetische Code des Menschen geschrieben werden.

gen code
Genetischer Doppelstrang und in der Mitte die Tabelle der Basenpaare des genetischen Code. Rechts geschrieben mit den Trigrammen des I GIng. Quelle: Schöneberger M, 2000

Die alten Chinesen waren an alltagspraktischen Konsequenzen interessiert. Der flache Kreis, mit seiner im inneren wirbelnden Dynamik, galt ihnen nur als Moment-Aufnahme oder als nützliche Vorstellung einer Welt, die sich in Wirklichkeit spiral- oder kugelförmig ausdehnen sollte. Ihre Philosophien kommen daher dem sehr nahe, was Phythagoras vorschwebte:

  • Fleißig sein und höchste Harmonie der Gegensätze anstreben. (Konfuzianismus: Taiji)
  • Nichts finden außer dem leeren Kreis (Cha‘an (jap. Zen): Wuji)
  • Nicht intervenieren, sondern das Natürliche sich entwickeln lassen (Dao: der Übergang)

(4) Die Brown’sche Algebra

Was ein Ding ist, und was  es nicht ist, sind in der Form, identisch gleich. Daher ist, dass alles und nichts formal gleich sind, leicht zu beweisen. G.S. Brown

George Spencer Brown begründete 1969 eine neue Art mathematisch-philosophischen Denkens, die in gewisser Weise an die Boole’sche Logik und auch an die Dynamik der chinesischen Dualität erinnert, sich aber zugleich von beiden deutlich unterscheidet.

leer
Keine Unterscheidung: Leer

Er geht aus von einem Un-Unterschiedenem, einem Namenlosen, das nicht einmal leer ist, weil es absolut nichts enthält.  In diesem Nichts wird eine Unterscheidung getroffen, und damit zwei Zustände geschaffen, ein „marked state“ und ein „unmarked state“ und eine Grenze dazwischen. Diese Unterscheidung enthält alles, was sie braucht. Folglich ist gleichgültig, was etwas ist oder nicht ist, und sei es das Universum, weil es zugleich durch sein Nicht-Ist definiert wird. Es macht also logisch keinen Sinn, ein Ding als alleinstehendes anzunehmen, sondern nur als eine Dynamik, die zwangsläufig von einem Beobachter ausgeht, der eine Unterscheidung trifft. 

Folglich sei es also prinzipiell auch unwichtig, sondern nur praktisch nützlich, zu wissen, ob ein Auto Ledersitze, ein Steuerrad oder eine Klimaanlage enthielte, oder alle drei oder nichts davon. Denn die Welt sei Eins (+) und Nichts (-) zugleich, und dass wir sie in Etwas und Nichts unterschieden, liege nur an uns. 

unterscheidung
Unterscheidung: Das Eine ist bestimmt durch das Andere

Jede mathematisch-wissenschaftliche Erkenntnis beginne daher mit der willkürlich-persönlichen Unterscheidung:

Etwas könne daher, weder „wahr“ noch „falsch“, auch „imaginär“ sein. Es läge dann außerhalb eines Bezugssystems, so wie „hohe oder tiefe“ Punkte, die von einem zwei-dimensionalen Figuren-Wesen, das nur seine Fläche überblickt, nicht erkannt werden können.

Unsere tag-täglichen Unterscheidungen (nach Boole in „wahr“ und „falsch“), träfen wir allein aus Nützlichkeitsüberlegungen. Aber nichts was ist, sei so – ohne, dass es jemand von etwas anderem abgetrennt habe.

Alles was gesagt wurde, wurde von jemandem gesagt. F. Varela

Frißt uns die digitale Weltformel nun oder nicht?

Die Evolution wird es leidenschaftslos sehen: Es setzt sich immer durch, was sich bewährt, und dann vergeht es auch irgendwann wieder. Menschen bilden keine Ausnahme. Angesichts der digitalen Gleichmacherei der Analog-Computer besteht bei Quanten-Computern, wie es menschliche Körper und Gesellschaften sind, die Möglichkeit, etwas kreativ völlig anders zu machen.

Die letzte große Transformation der Menschheit war die neolithische Revolution: Der Übergang von nomadischen Jägern und Sammlern zu Bauern und Städtern. Sie spielte sich vor vielleicht 10.000 Jahren ab. Vielleicht erleben wir noch, oder auch erst unsere Enkelkinder, den nächsten genialen Sprung der Informationsverarbeitung auf diesem Planeten.

Der drohenden (digitalen) Ver-Ameisung des menschlichen Lebens können wir durchaus etwas Wirksames entgegensetzen: Indem wir das intensiv trainierten, wozu Computer niemals fähig sein werden. In Kindergärten, Schulen und Universitäten könnte man z.B. angesichts der vielen Hochleistungsrechner damit aufhören, auswendiggelerntes „Buch- oder Datenbank-Wissen“ abzufragen. Und stattdessen Gelegenheiten fördern, an denen körperliches und geistiges Erfahrungs-, Bewegungs- und Beziehungs-Wissen erworben werden kann.

Die Idee der zyklischen Digitalisierung der klassischen chinesischen Philosophie, könnte uns zu nachhaltigem Verhalten inspirieren, zu Produktionszyklen, bei denen etwas quantitativ Gleichbleibendes sich ständig qualitativ erneuerte.

Die Brown’sche Mathematik bildete eine Grundlage der Systemtheorie (u.v.a.: Luhmann,  Capra s.u.). Die von ihnen beschriebenen Systeme sind eigendynamische, informationsverarbeitende Organismen, deren Funktionsweise sich deutlich von Maschinen unterscheidet. Diese basieren auf dem was war, und aufgeschrieben und einprogrammiert wurde, und deshalb auch als Wissen kopiert werden kann.

Lebendes ist dagegen zukunftsbezogen: Es ist nicht, sondern es wird. Es probiert etwas aktiv aus, schöpferisch und innovativ, und beobachtet dann, was geschieht, um daraus Handlungskorrekturen abzuleiten. Lebendiges Lernen ist Erfahrung, die aus aktivem Erleben entsteht. Nichts davon ist kopierbar. Also besteht die Rettung vor dem Verschlungen-werden durch die „digitale Weltformel (X = Xn)“ darin, etwas absolut Einzigartiges zu schaffen und zu erleben. Etwas zu dem kein anderer Mensch in diesem Universum fähig wäre, weil er oder sie zwangsläufig ganz anderer Erfahrungen gemacht haben müsste.

Um dieses Einzigartige zu finden, eröffnet die Erkenntnis, dass jede Unterteilung willkürlich sei, unbegrenzte Freiräume: Die Dinge, die sich nicht verändern lassen, können bleiben wie sie sind, aber sie können in einem anderen Zusammenhang betrachtet werden: Zum Beispiel könnte ein „Ich“, das leidet,  weil es sich einsam fühlt, sich als Teil einer größeren sozialen Gemeinschaft erkennen, und schon wäre das Gefühl der Isolierung verschwunden, ohne dass sich an der Situation irgendetwas verändert hätte.

Die Bedrohung durch die „digitale Weltformel“ (X = Xn)  ist zwar real, aber nicht alternativlos. Denn immer wieder entsteht, um uns und in uns, faszinierend Einzigartiges, das in der Einmaligkeit seines Werdens nicht kopiert werden kann:

Kaum sichtbar ist heute der Fuji im Schleier des winterlichen Regens.
Und doch! Wie ist er schön! Bashō

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In Vorbereitung

  • Embodiment / Verkörperung

Links

Literatur

  • Burckhardt M, Höfer D: Alles und Nichts. Ein Pandämonium digitaler Weltvernichtung, Mattes&Seitz 2015
  • Helbing D et al: IT-REVOLUTION: Digitale Demokratie statt Datendiktatur. Big Data, Nudging, Verhaltenssteuerung: Droht uns die Automatisierung der Gesellschaft durch Algorithmen und künstliche Intelligenz? Ein gemeinsamer Appell zur Sicherung von Freiheit und Demokratie. Spektrum der Wissenschaft,Digital Manifest 12.11.2015
  • I Ging (beide Ausgaben erschienen bei Dietrich):
    • Richard Wilhelm. Basis: Konfuzianers Wang Bi (3. Jhh.n.u.Z.). Digital Version
    • Frank Fiedeler. Yijing. Wesentlich ältere, daoistisch geprägte Version.
  • Mancuso St,  Viola A: Die Intelligenz der Pflanzen, 2015
  • Wolpert DM et al: Principles of sensorimotor learning, Nature Reviews Neuroscience (2011)12: 739-751, Download und weitere Studien bis 2015
  • Zeilinger A: Einsteins Schleier. Beck 2003

Autor: Helmut Jäger