Ziegenbock

Jemanden in Lateinamerika „Ziegenbock“ (cabrón) zu nennen, kann böse enden.
In Europa offenbar auch:

Böhmermann-Affäre

Warum eigentlich?

Warum ist es so gefährlich, mit dem Bild eines harmlosen Tieres sexuelle Phantasien wachzurufen, in denen kleine und große Hoden vorkommen? Oder Analverkehr? Oder Sex mit Tieren oder Menschen, mit denen Sex untersagt ist?

Ist wirklich der pervers, der in böser Absicht eine Phantasie auslöst? Oder ist der Beleidigte pervers, in dem die verbotenen Bilder dann entstehen und zu heftigen Reaktionen führen?

Teufel, Teufel!

The devil who plays a deep part – has tricked his way into my heart
By simple insistence – Of his non-existence -Which really is devilish smart.
The Wordsworth Book of Limericks, 1997

mädchen und Teufel
Mädchen und Teufel

Ein guter europäisch-kleinasiatischer Teufel besitzt Hörner, einen Schwanz, große Hoden, einen mächtigen Penis und mindestens einen Huf. Er verführt Mädchen, und praktiziert perversen Sex. Er ist tief verderbt und voller Sünde.

So wie die antiken Satyren, die vor 2.000 Jahren offenbar viel Spaß an Sex und Wein hatten. Obwohl auch damals schon die Staatssysteme Disziplin, Ehre, Gehorsam und Unterwerfung für viel wichtiger hielten. Aber diese Kobolde trieben immer wieder ihr Unwesen, z.B. wenn ein Rausch die Kontrolle moderner, kulturell erworbener Frontalhirn-Programme dämpfte.

Die Satyren erinnerten an die  Anziehungskraft zwischen mutig-jagenden Helden (Adonis) und schön-klugen Frauen (Venus). Nach der Sesshaft-Werdung der Menschheit war diese Bindungs-Energie sehr schnell durch die Macht der Besessenheit von inneren Zwängen und äußeren Gesetzen abgelöst worden.

Gesellschaftsstabilisierend durften die Satyren deshalb nur in sakralen Zusammenhängen, wie der Kybele- oder der Dionysos-Religionen, freigelassen werden.

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Andrea Briosco: Statuette eines Satyrpaares, 1510-1520, Bronze, Höhe 23,2 cm, Victoria and Albert Museum, London

Liebe ist menschentypisch

Der Spaß an Sex verbindet uns mit unseren nächsten Verwandten den Bonobos.

Homo-sapiens-typisch aber ist die Steigerung dieses Verhaltens: die Erzeugung von „Sehnsucht und Verlangen“. D.h. eine ferne Aussicht auf Sex – erst nach großen Leistungen.

Die Betonung der Unterschiede der Geschlechterrollen und der starken Bindungen zu den (verschieden- oder gleichgeschlechtlichen) Geliebten bewirkte einen evolutionären Entwicklungssprung:

Menschen verfügten über einen „Kitt“, der sie zusammenhielt, auch wenn sie sich über lange Perioden nicht sehen konnten.

Während die Bonobos in ihrem Sex-Paradies verblieben, konnten zur Liebe und Beziehung fähige Menschen die ganze Welt erobern (Chapais 2013, van Vugt 2010, Lukas 2013, Blake 2015).

Der starke Spannungsbogen, den die Griechen in der Antike Eros nannten, und der die Energie für die menschliche Entwicklungsdynamik lieferte, scheint genetisch verankert zu sein (Young 2009).

Man brauchte den sanften oder gewaltigen Helden und den starken, klugen Frauen nicht ständig zu sagen, was getan werden musste, um begehrt zu werden. Die erotischen Rollenbilder sorgten bei den Jägern und Sammlern für das gesellschaftlich erwünschte Verhalten. Den Lohn für ihre Mühen (Sex) konnten sie aber in diesen Zeiten (im Gegensatz unseren Bonobo-Vettern, die heute noch im Sex-Paradies leben) nur durch große Mühen  erreichen. Eros bedeutet: relativ wenig realen Sex und viel sexuelle Phantasie. Manchmal kostete das damals auch das Leben, wenn für eine „Prinzessin“ ein „Drachen“ getötet werden musste. Aber das war es wert, und zur Arterhaltung auch nötig.

Das menschtypisch Eros-Verhalten wird zwar als eine Anlage vererbt, aber kulturell sehr unterschiedlich ausgestaltet. Und manchmal erscheint Eros hetero- und manchmal homosexuell.

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Kleophrades-Maler: rotfigurige Amphora mit Dionysos im Schwarm der Mänaden und Silene, Vasenmalerei, um 500 v. Chr., Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek, München

Der Sündenfall der Erotik

Als Homo sapiens nach hunderttausenden von Jahren sesshaft wurde, entpuppte sich Eros als herrschafts-gefährdend. Es musste deshalb von den neuen Ideologien als Sünde verdammt werden.

Für die Leibeigenen, die arbeiten sollten, reichte Sex zur Vermehrung und für ein wenig Spaß nach der Fronarbeit. Die starke Spannung zwischen Mann und Frau war gemeingefährlich und wurde sanktioniert.

In dieser Zeit begann man dann auch damit, Männer und später auch Frauen symbolisch zu kastrieren, damit Sex nur noch zur Fortpflanzung genutzt wurde.

In den folgenden Jahrtausenden der sich bekriegenden Königreiche und Staaten mussten die Männer oft mit großen Armeen wegziehen und ihre Frauen allein zurückgelassen.  Möglicherweise ergab sich daraus ein evolutionärer Vorteil für Männer und Frauen, deren erotische Ausrichtung sich auf einen gleichgeschlechtlichen Partner oder Partnerin bezog, da sie so in gefährlichen Situationen besser geschützt waren.

Und heute?

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„Immerhin über das Wesentliche sind wir uns einig …“ Charlie Hebdo

Alle großen Religionen mussten Eros radikal unterdrücken, um Energie für ihre jeweilige große Wahrheits-Illusion verfügbar zu machen.

Aber trotz intensiver, mindestens dreitausend-jähriger Bemühungen ist es bis heute (noch) nicht gelungen, den Eros-Dynamo ganz auszurotten.

Selbst in Kulturen, in denen versucht wird, die Gender-Spannung durch schwarze Umhänge oder Schleier auszulöschen, lenken Henna-Muster den Blick auf schön geformte Zehen, und Lidschatten zu verführerisch funkelnden Augen.

Gerade in den Dunkelkulturen, in denen die Eros-Dynamik zerstört werden soll, und Sex für Liebende unerreichbar ist, lodert das erotische Feuer besonders stark.

Sex-Vermarktung: Eros zumüllen

In unserer Kultur wird Sex gesellschaftlich nutzbringend, als harmloses Konsumprodukt vermarktet.

Sex lenkt wunderbar ab von entfremdeter Arbeit und Ausbeutung. Und weil der Trieb so stark verankert ist, zelebrieren Männer- und Frauen-Zeitschriften und die Flimmermedien in ihren Bildern die alten Illusionen von Schönheit und Helden-Mut, um damit ihre Modeprodukte zu verkaufen.

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Lilith. (Bild: Ana Sojor, www.anasojor.de) – Adams erste Frau? Heilig? Sünde? Eros?

Eros aber, die stark-polarisierte Dynamik zwischen Liebenden, ist in der sexualisierten Konsumwelt zunehmend verpönt. Zwar kommt sie noch als Spannungselement in James-Bond-Filmen vor, aber das Bond-Girl hat nach dem Sex eigentlich seine Bedeutung verloren, oder muss sterben, weil es sich als Teil des Bösen erwiesen hat.

One-Night-Stand-Begegnungen, die in Chat-Börsen vermittelt werden, machen den modern-genormten Menschen natürlich ebenso Spaß wie den Bonobos, aber sie bewirken häufig keine bleibenden (liebevollen) Bindungen mehr, für die es sich zu engagieren lohnt.

Die Macht der Satire

Den kulturellen Evolutionen der vergangenen 10.000 Jahre ist es bisher nicht gelungen, missliebige biologische Verhaltensprogramme auszurotten. Erotik wurde kulturell höchstens ins „Unterbewusste“ verdrängt. Aber aus diesem dunklen Keller der Psyche kann es hervorgezerrt werden. Z.B. durch einen Clown, der Schmähgedichte schreibt.

„Beleidigt-Sein“ entlarvt das Verborgene:

Die Aggression gegen den „Witzbold da draußen“ ist deshalb nichts weiter als Kampf gegen den „Teufel da drinnen“.

Gerade als vom Minarett der Ruf zum Gebet erklang, beobachteten die Leute, dass der Hodscha von der Moschee wegeilte. Jemand rief ihm hinterher: “Wohin läufst du, Hodscha?” Der Hodscha rief zurück: “Das war der lauteste und durch-dringendste Ruf, den ich je gehört habe. Ich gehe jetzt so weit von der Moschee weg, bis ich herausfinde, aus welcher Entfernung der Gebetsruf noch gehört werden kann!” Nasreddin Hodscha

Mehr

Literatur

  • Ainsworth C: Sex redifinded, Nature 518:288-291, 19.02.2015, deutsch: Die Neudefinition des Geschlechts, Spektr. d. Wissen., 20.03.2015
  • Blake E: Stark als Paar. Spekt d. Wissenschaft, Apr 2015: 34-39
  • Chapais B: Monogamy, Strongly Bonded Groups, and the evolution of human structure. Evolutionary Anthropology 2013, 22:52-65
  • Male Warrior Hypothese
  • Hines M: Sex-related variation in human behaviour and the brain. Trends Cogn Sci 2010, 14(10)448-456
  • Jung CG:  Animus und Anima
  • Lukas D et al: The evolution of social monogamy in mammals. Science 2013, 341:526-530
  • Mustanski BS, …, Hamer D: A genomewide scan of male sexual orientation. Hum Genet. 2005, 116(4):272-8. Epub 2005 Jan 12. Relativierender Kommentar zu Tuck Ngun: Die Entdeckung des Gay Genes: The Atlantic Okt. 2015
  • Young LJ: Being Human: Love: Neuroscience reveals all, Nature 2009, 457, 148  doi:10.1038/457148a