Zu viel Psychopharmaka

Warum sind manche psycho-aktive Substanzen legal und manche nicht? Moncrieff J, 2013

Seit fünf Jahren wird im britischen Ärzteblatt BMJ die ausufernde Verschreibung von Psychopharmaka kritisiert (Davies 2013). Insbesondere in den USA erlaube die „Psychiatrie-Bibel“ (das Leitlinien-Papier der Psychiater: DSM 5) einen Großteil aller Erwachsenen mit psychoaktiven Medikamenten zu behandeln.

Millionen Menschen würden fälschlich Krankheiten zugeordnet (engl. mislabeled). Frauen seien besonders betroffen, weil sie häufiger mit unklaren Symptomen Ärzte aufsuchen würden. Früher habe ein Arzt, wenn sich keine natürliche Ursache für eine Krankheit fand, Hexerei vermutet, heute diagnostiziere er schnell eine psychische Erkrankung. (Frances 2013)

Der Leidensdruck in modernen Gesellschaften steigt.

Die Zahl psychiatrischer Behandlungen nimmt weltweit rasant zu. Möglicherweise, weil die Zahl der Erkrankungen zunimmt; oder weil die Behandlungsschwelle sinkt.

Wie wirken Psychopharmaka?

Das übliche Modell psychiatrischer Behandlung beruht auf neurologisch klar definierten Krankheiten (Beispiel Parkinson oder Narkolepsie). Man nimmt z.B. an, dass die Verminderung bestimmter Botenstoffe im Gehirn die Ursache psychiatrischer Erkrankungen sei. Im Beispiel Dopamin bzw. Orexine in Folge des Unterganges sehr spezialisierter Nervenzellen. Solche oder ähnliche Krankheiten lassen sich im Prinzip durch die Zufuhr von Botenstoffen oder durch eine Verzögerung ihres Abbaus günstig beeinflussen.

Die meisten psychiatrischen Erkrankungen (Depression, Psychosen, ADHS uva) können aber nicht klar naturwissenschaftlich definiert werden, da

  • sich meist keine Hinweise auf hirnorganische Veränderungen nachweisen lassen (z.B. in bildgebenden Verfahren oder durch Biopsien),
  • die gleichen Hirn-Botenstoffe (deren Konzentration erhöht oder ernierigt zu sein scheint) in unterschiedlichen Nerven-Netzwerke völlig andere Funktionsabläufe beeinflussen (Anderson 2013),
  • Rezeptoren für alle Hirn-Botenstoffe auch in ganz anderen Körperregionen vorkommen,
  • häufig nicht etwa besondere Zellen gestört sind, sondern vielmehr Funktionszusammenhänge zwischen an sich gesunden Zellen, z.B.  zwischen dem Darm und dem Stammhirn u.a. (SdW 05.02.2018, Jäger 2018)

Wenn komplexe Beziehungen zwischen unterschiedlichen Körperfunktionen nicht mehr harmonisch zusammenwirken, kann die Überschwemmung aller Zellen mit einer rezeptor-genauen Substanz nicht therapeutisch sinnvoll wirksam sein; aber sie kann natürlich spezifische Nebenwirkungen auslösen.

 Die klassische psychiatrische Medikation gleicht dann, bei schwerfassbaren psychischen Störungen, dem Auskippen einer Ölkanne über einem Motor; in der Hoffnung, dass schon ein paar Tropfen an die richtige Stelle träufeln werden.

„Mit ihrem freizügigen Einsatz von Psychopharmaka schadet die Psychiatrie  weitaus mehr als sie nutzt. Seit 1954 (dem Jahr der Chorpromazin-Zulassung) gilt das Psychiatrie-Paradigma, dass Patienten an einem chemischen Ungleichgewicht litten, und dass die Einnahme eines Psychopharmaka mit der Einnahme von Insulin gegen Diabetes vergleichbar sei. .. Psychopharmaka wirken aber nicht spezifisch .. und die moderne Forschung kann das bestehende (krankheits-bezogene) Paradigma nicht belegen. .. Die Psychiatrie braucht eine Revolution: Reformen sind nicht genug. Wir müssen uns auf Psychotherapie konzentrieren und sollten weniger (oder am besten keine) Psychopharmaka konsumieren.“ Gøtzsche 2018: Psychiatry is a disaster area (freie Übersetzung: Jäger)

Medikament bezogenes Krankheitsmodell („Drug Centered Model“)

Die Patienten sollten darüber informiert werden, dass es keine Beweise dafür gibt, dass Antidepressiva durch Korrektur eines chemischen Ungleichgewichts wirken, dass Antidepressiva bewusstseinsverändernde Wirkungen haben, und dass Beweise darauf hindeuten, dass sie keinen spürbaren Nutzen im Vergleich zu Placebo erbringen.
Moncrieff J, 2018(freie Übersetzung: Jäger)

Als Alternative zum (meist nicht geeigneten) krankheits-bezogenen Modell psychiatrischer Erkrankungen wurde das sogenannte „medikamenten-bezogene Behandlungsmodell“ entworfen (Moncrieff 2009, 2018). Es bezieht sich auf die pharmakologische Wirkung eines Medikamentes auf alle menschlichen Zellen. Ein Patient ohne ein Medikament sei, nach diesem Modell, ein anderer als ein Patient mit einem Medikament. Im traditionellen krankheits-bezogenen Modell bliebe dagegen der Patient weiterhin der gleiche, nur mit mehr oder weniger Krankheitserscheinungen (weniger Zittern, weniger Depression etc …), und ggf. mit einigen ärgerlichen Nebenwirkungen (Impotenz …).

Im „Drug Centered Model“ sei der Patient aber durch die Therapie tatsächlich ein anderer. Folglich sei es das Ziel der Behandlung, den Patienten insgesamt körperlich und psychisch zu einem besseren Zustand zu verhelfen. Dem „Anderen“ (also dem medikamentös therapierten) müsse es insgesamt (psychisch und körperlich) wesentlich besser gehen, als es im vorherigen Zustand der Fall war.

Das„Drug centered Model“ erfasst die realen komplexen Beziehungen zwischen allen Zellen und ihrem Umfeld: Es ist naturwissenschaftlich  plausibel. In der Praxis hat sich das Model aber kaum durchgesetzt. Stattdessen boomt der Markt mit legalen und illegalen Psychopharmaka.

Die Exposition mit Antidepressiva in der Gebärmutter war mit einem erhöhten Risiko für psychiatrische Störungen verbunden. Liu 2017

Das medikamenten-bezogene Krankheitsmodell hat Nachteile

Es verlangt offene, zeitintensive, empathische und wirksame Arzt-Patient-Kommunikation. Patient*innen könnten sich dann, nach einer guten Aufklärung, auch gegen eine medikamentöse Therapie entscheiden, und statt dessen über ihr Leben nachdenken.

Das aber läge nicht im Interesse der Gesundheitsindustrie. Dort wird deshalb im Marketing vermittelt, mit dem neuen Medikament blieben die Patient*innen, wie sie seien, und nur ihre Traurigkeit würde verschwinden.

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Literatur

Autor: Helmut Jäger