Medikalisierung (Der 6. Kondratjew)

Durchblicken im Gesundheits-Dschungel

… Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie morgen früh krank aufwachen, ist zur Zeit so hoch wie selten zuvor. In den USA ist das gerade eben etwa dreißig Millionen Amerikanerinnen und Amerikanern passiert, über Nacht. …“  B. Hontschik: FR 18.11.2017

Medizin ist ein weltweit in alle Lebensbereiche dynamisch und krisenstabil wachsender Wirtschaftssektor mit hohen Profitraten. Nur ein Teil davon ist „evidence based“ oder anderen Formen der Qualitäts-Überprüfung zugänglich.  Vieles ist Drogerie-Scharlatanerie-IGel-PlacebologieKosmetologie oder nicht indiziert („Übertherapie„) oder einfach giftiger Mist. In vielen Ländern ist u.v.a. z.B. das Risiko für Infektionen bei Kontakt mit dem Gesundheitsmarkt sehr hoch, und weil inzwischen Antibiotika gegen Kopfschmerz in jedem Tabakladen verkauft werden, finden wir bei Migrantinnen häufig Antibiotikaresistenzen.

Der Bremer Soziologe Ivan Illich wies schon vor 30 Jahren darauf hin, dass die Medizin inzwischen eine wesentliche Morbiditätsursache geworden sei, mit der man sich „Gesundheit-Politik“ beschäftigen müsse. Zum Beispiel so:

  • Studien durchführen, die klären welche Auswirkungen bestimmte Gesundheitsleistungen auf Krankheitswahrscheinlichkeiten haben (z.B. u.a. Reisemedizin).
  • Gesundheitspolitik am Vorsorgeprinzip orientieren.
  • „Bad Medicine“ und gefährliche Kommerz-Placebologie: so weit wie möglich durch Gesetze und Kontrollen reglementieren.
  • Menschen mit guter Medizin so behandeln, dass ihre Nachfrage nach weiteren Leistungen im Gesundheitsmarkt deutlich sinkt. Sich also (vorsorge-orientiert) am wesentlichen Indikator für Gesundheit orientieren: „Deutlich geringeres Verlangen nach dem Kauf von weiteren Medizinprodukten“.

Der Gesundheitsmarkt wächst: weltweit, dynamisch, krisen-sicher.

Hessen (ist die) „Nummer 1“ in der Industriellen Gesundheitswirtschaft: Mit einer Bruttowertschöpfung von 10 Mrd. €, der Beschäftigung von mehr als 90.000 Erwerbstätigen und einem Exportbeitrag von rund 11 Mrd. € ist Hessen in der Industriellen Gesundheitswirtschaft in Deutschland führend. gesundheitsindustrie-hessen

Kondratjew Zyklen

Der Ökonom Leo A. Nefiodow  sagte vor einigen Jahrzehnten voraus, dass die Kommerzialisierung der „Gesundheit“ alle anderen Märkte an Dynamik übertreffen werde. Dabei bezog er sich auf die Beobachtungen von Nikolai D. Kondratjew (1892-1932), der  kapitalistische  Wachstums-Zyklen beobachtet hatte.

Kondratjew beschrieb, wie den Aufschwungs-Phasen der Produktion regelhaft Krisen folgten, die im Zuge technischer Innovationen wieder überwunden werden, und denen dann ein neuer ökonomischer Aufschwung folgt:

  1. Zyklus: Revolutionierung der Herstellung von Bekleidung (Manufakturen).
  2. Zyklus: Massentransport mit  Eisenbahn und Schiffen (Stahlindustrie).
  3. Zyklus: Massenkonsum (Elektro- und Petrochemische Industrie).
  4. Zyklus: individuellen Mobilität (Autoindustrie).
  5. Zyklus: Informationstechnologie (Softwareindustrie).
  6. Zyklus: Medikalisierung aller Lebensbereiche (Bio-Technologie, Wellness,  Gesundheits- und Krankheits-Industrie)

… Dreißig Millionen Amerikanerinnen und Amerikanern (wurden über Nacht als krank erklärt) … Der Tag ist nicht mehr weit, an dem eigentlich überhaupt niemand mehr von sich sagen kann, sie  oder er sei gesund. … Wir werden alle immer kränker und kränker und haben es doch gar nicht gemerkt. Frankfurter Rundschau, 18.11.2017

Die Kontrolle der Gesundheitsmärkte ist lückenhaft.

In den Gesundheitsmärkten der Entwicklungs- und Schwellenländer wimmelt es von Geschäftemachern, Profiteuren, Scharlatanen und Betrügern. Und vieles von dem, was diese dort verkaufen, ist giftig.

Auch in gut überwachten Gesundheitssystemen drohen Risiken. Z.B. wenn Labor-Zufallsbefunde oder belanglose Auffälligkeiten bildgebender Verfahren dazu führen, dass etwas ohne einen Nutzen behandelt  wird (Moynihan 2012, Yudkin 2011). Oft verschwimmen im Gesundheitsmarkt die Grenzen zwischen normal und nicht normal, und dann erscheint es den Behandlern gerechtfertigt zu sein, alles zu behandeln, wofür im Markt Produkt angeboten werden.

Vom Gesundheitswesen gehen für die Gesundheit
mehr Gefahren aus als Nutzen. Ivan Illich 1974

Weltweit wird so zunehmend für jedes psychologisch-körperliche Problem eine medizinische Lösung gefunden. Davon ist Deutschland nicht ausgespart:

1,5 Mrd. Euro sollen allein von Ärzten für so genannte „Individuelle Gesundheitsleistungen“ (IGeL) ausgegeben werden (SPD 2012). Der Nutzen dabei ist meist fraglich und die Risiken unklar (IGeL-MonitorPlacebologie).

„Über-diagnostizieren“: Menschen, die gesund werden wollen, krank machen. Carter 2015

Viele Probleme, die im Gesundheitswesen behandelt werden, wären ohne das Gesundheitswesen gar nicht entstanden

Z.B. sollen dreißig Prozent aller Krankenhauseinweisungen bei alten Menschen auf die Wechselwirkungen von Medikamenten zurückführen sein (Prof. Osterbrink, FAZ 22.10.2017)

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Fotokopie einer Liste der Medikamente, die eine ältere Dame täglich schlucken muss.  Bild: Mezis

 

Außerdem bergen viele Gesundheitsprodukte Risiken: wie u.a. die Schwemme gefälschter und unbrauchbarer Produkte in Ländern mit mangelhaften Kontrollen, die Infektionen durch Gesundheitseinrichtungen, Antibiotikamissbrauch, Medizintourismus oder die Inflation riskanter Interventionen, die nichts nutzen (Botox).

Selbst chirurgische Eingriffe, die manchmal lebensrettend sind, können riskant sein: Chirurgische Komplikationen machen weltweit mindestens 0.4-0.8% der Sterblichkeit aus und führen in drei bis siebzehn Prozent Komplikationsraten (Haynes 2009). Hinzu kommen Infektionen, die durch medizinische Eingriffe übertragen werden können, Nebenwirkungen von Screening (Forum Gesundheit), „Über-Behandlungen“ in Kliniken (Carter 2015 , Zeit , Stern), die wachsende Zahl psychiatrischer Behandlungen (BMJ 2012) uva.

Eine Analyse aller Produkte und Dienstleistungen des Gesundheitsmarktes, inklusive der „Drogeriemedizin“ und des betrügerischen Kommerz, fehlt bisher (Morgan 2015). Gäbe es eine Bilanz von Nutzen und Gefahren könnte sie in einigen Ländern der Erde möglicherweise negativ ausfallen. (Brownlee 2017, Elshaug 2017)

Und selbst in Industrieländern, in denen die Bilanz positiv ausfallen könnte, werden die Vorteile verkaufter Medizinprodukte häufig zu hoch und die Nachteile zu niedrig bewertet. (Healy 2012, Godlee 2015).

Weniger Behandlung wäre oft mehr

Wenn dein Arzt deiner Krankheit einen Namen gibt,
bedeutet das nicht, dass er sie kennt.
Murphy’s Law

Die rasante Entwicklung innovative Technologien schafft eine Nachfrage, die zur Ausweitung  ihres Anwendungs-Spektrums führt. So werden z.B. bei Rückenschmerzen immer häufiger bildgebende Verfahren eingesetzt. (Srinvias 2012). Die technische  Perfektionierung der Untersuchungsgeräte und Diagnostika bedeutet nicht, dass ihre Anwendung automatisch zu einer verbesserten klinischen Situation führt. Vielmehr löst exzessives Testen häufig falschen Alarm aus, und bewirkt damit eine höhere Arbeitsbelastung bei FachärztInnen insbesondere in Notfallambulanzen. Durch das Erkennen immer früherer und an sich noch harmloser Befunde verlagert sich die Aufmerksamkeit von den Kranken zu den (noch) Gesunden, die so als Kunden für den Gesundheitsmarkt gewonnen werden. (Hofmann 2017)

Grauzonen
Der Gesundheitsmarkt besteht aus eindeutig schlechter (schädlicher) und eindeutig guter (nachweislich nützlicher) Medizin. Und dazwischen: eine breite Grauzone. Bild: Brownlee, Lancet 2017

Es ist daher nicht verwunderlich, wenn Patienten, die häufiger Ärzte aufsuchen als andere, kränker erscheinen. Durch ihr Verhalten steigern sie die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen, und das führt zur Ausweitung der Angebote, aber keinesfalls zu mehr Gesundheit. (BMJ, Wennberg 2013).

Die Alternative: Beziehungsreiche Medizin

Jede Begegnung zwischen Arzt und Patient ist mit starken nicht-spezifischen System-Wirkungen verbunden (Jäger 2011, Schneider 2012). Allein von einem Gespräch können starke, heilsame Wirkungen ausgehen. Würde die Kommunikation mit den PatientInnen stärker gegenüber der Apparatemedizin und Pharma-Therapie in den Vordergrund rücken (patient centered care), könnten gesundheitsfördernde Verhaltensänderungen besser angeregt oder krankmachende Verhältnisse besser beeinflusst werden. (BMJ, Podcast 2013).

Natürlich ist moderne Medizin ein Segen, wenn sie im Notfall qualitäts-gesichert eingesetzt wird oder chronische Krankheiten lindert. Schlechte und unnötige Medizin aber ist gefährlich und schadet der Gesundheit.

Deshalb wäre es gutes Zeichen für die Einwirkung wirksamer, beratender oder medizinischer Leistungen, dass die Nachfrage nach unnötiger Medizin sinken würde (Jäger 1999). Zur Zeit ist noch das Gegenteil der Fall.

Nur der Tod ist entweder da oder nicht da,
von Krankheiten haben wir dagegen (je nachdem)
entweder mehr oder weniger. G. Rose (Epidemiologe)

Was kommt nach dem 6. Wachstumszyklus?

Erfahrungsgemäß brechen Wachstumszyklen über kurz oder lang in sich zusammen, wenn ein kritischer Wert überschritten wird. Bei dem Wachstumsmarkt der Medikalisierung könnte das geschehen, wenn

Contrabzock. Bild Nebelspalter
Contrabzock (Bild: Nebelspalter.ch)

„The intensity with which one encounters physicians creates illness .. The patients who are in these higher intensity regions appear sicker.

We have adjustments then made for the payment mechanisms so they get more money. They can then go out and hire more doctors, build more hospital beds, and so this is part of this dynamic which is creating variation.“ Wennberg 2013

Die Krise der Medikalisierung ist absehbar, … aber niemand könnte heute mit Sicherheit sagen, was danach kommen wird.

Einige fragen sich schon: Ist die Menschheit bald am Ende … ?“ (Die Zeit am 27.04.2017, anlässlich einer Buchvorstellung von Yuval Harari), und sehen bereits die Dämmerung eines Zeitalters digitalisierter Maschinenmenschen (Cyborg’s).

Andere, Optimisten wie ich, glauben dagegen, dass es noch gelingen könnte, die Zwanghaftigkeit quantitativer Wachstumszyklen durch eine „Transformation“ zu qualitativem Wachstum abzulösen.

Natürlich wird in dem immer noch krisenstabilen Wachstumsmarkt „Gesundheit“ eine Abbremsung der Dynamik weniger von den Institutionen oder Personen ausgehen, die in irgendeiner Weise von ihm leben. Und auch nicht von Patientinnen, die vom Tode bedroht oder verzweifelt oder nicht mehr auf der Höhe seiner Hirnleistung sind.

Dagegen könnten vom Medizin‐Markt unabhängige Beratungen (Beispiel) helfen, Menschen in schwachen Positionen zu stabilisieren und ihren Stress zu beruhigen.

Sobald für PatientInnen Möglichkeiten zu Handeln sichtbar werden, lässt der Zwang nach, sich hektisch und blind in Abhängigkeiten zu stürzen oder sich unkontrollierbaren, technische‐medizinischen Abläufen zu überlassen. Die Problemlöse‐Trance kann dann abflauen, und der Bedarf nach Pharma‐ und Dienstleistungs‐Shopping, nach „Viel‐hilft‐viel“ und Doktor‐Hopping kann sinken.

Durch-diagnostizierter Mensch
Der durch-diagnostizierte Mensch. Bild: BMJ September 2017

Und wenn unnötige Gesundheitsleistungen weniger nachgefragt werden, verkaufen sie sich schlechter.

Medikalisierung und Geschäft

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Zitate

  • Medikalisierung führt zur Übermedikalisierung, zum Überkonsum unangemessener, zweckwidriger, unpassender, unnützer nterventionen Ivan Illich (zitiert von Thierry Paquot)
  • Die Fortschritte der Medizin sind ungeheuer. Man ist sich seines Todes nicht mehr sicher. Hermann Kesten
  • Die Medizin hat große Fortschritte gemacht. Einige davon sind sogar den Patienten zugute gekommen. Gerhard Kocher
  • Die medizinische Forschung hat so enorme Fortschritte gemacht, dass es überhaupt keine gesunden Menschen mehr gibt. Aldous Huxley
  • Medizinischer Fortschritt besteht meist darin, die Namen der Krankheiten abzuändern. Dino Segre

    Jaeger Jemen
    Apotheker im Jemen 1996 (H. Jäger)

Literatur

Autor: Helmut Jäger

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